Rafael schnitt gerade Gurken für den Salat, als er den Schlüssel im Schloss hörte.

Rafael schnitt gerade Gurken für den Salat, als er den Schlüssel im Schloss hörte.

— Schatz, wir sind da! rief Miriam.

Rafael hielt kurz inne.

Wir.

Dann war Olga dabei.

Olga war Miriams beste Freundin. Gegen gelegentliche Besuche hatte Rafael nichts. Aber Olga hatte diese Art, einen Raum zu betreten und sofort so zu wirken, als gehöre er ihr.

Besonders seine Wohnung.

— Oh, du hast gekocht! sagte Miriam erfreut.

Rafael sah sie an. In letzter Zeit klang sie jedes Mal überrascht, wenn Essen auf dem Tisch stand, obwohl fast immer er es kochte.

Olga warf einen Blick in die Küche.

— Na immerhin.

Rafael atmete langsam aus.

— Setzt euch.

Beim Essen redeten die beiden ununterbrochen. Rafael saß daneben, aß schweigend und fragte sich, wann genau er in seinem eigenen Zuhause unsichtbar geworden war.

Nach dem Essen verschwanden Miriam und Olga ins Wohnzimmer.

Das Geschirr blieb stehen.

Rafael räumte ab.

Später saß er mit dem Laptop im Arbeitszimmer und wartete, dass Olga endlich ging. Sie ging nicht.

Kurz vor Mitternacht kam Miriam zu ihm.

— Rafael… ich wollte dich um etwas bitten.

— Ich höre.

— Olga hat Stress mit ihrem Freund. Sie kann da gerade nicht hin. Kann sie eine Woche bei uns bleiben? Nur bis zum Gehalt.

Rafael presste die Lippen zusammen.

Olga in seiner Wohnung. Eine Woche.

Aber er wollte kein Unmensch sein.

— Eine Woche.

Miriam fiel ihm um den Hals.

— Danke! Und wir geben ihr das Schlafzimmer, ja? Im Wohnzimmer fühlt sie sich unwohl.

— Und wir?

— Schlafsofa. Nur kurz.

Kurz wurde lang.

Sehr lang.

Rafael kam nach der Arbeit nach Hause, kaufte ein, kochte, spülte. Miriam und Olga kamen später, aßen und schlossen sich im Schlafzimmer ein.

Rafael schlief im Wohnzimmer seiner Wohnung in Prenzlauer Berg.

Olga wurde immer dreister.

— Rafael, mach den Fernseher leiser.

— Rafael, die Tür knallt.

— Rafael, warum ist keine Milch da?

— Rafael, ein guter Gastgeber denkt mit.

Miriam sagte nichts.

Eines Abends kam Rafael heim und fand Miriam in der Küche.

— Du bist schon da?

— Ich habe ein paar Tage frei, sagte sie und biss in ein Brot.

Dann verschwand sie im Schlafzimmer.

Rafael öffnete den Kühlschrank.

Leer.

Er klopfte.

Olga öffnete.

— Wo ist das Essen?

— Wir haben gegessen.

— Ihr hättet mir schreiben können.

— Du wusstest doch, dass Gäste da sind.

Die Tür ging zu.

Am nächsten Abend sagte Miriam:

— Ich muss morgen für zwei Tage auf Dienstreise.

— Dienstreise? Du hast frei.

— Ein Kollege ist krank. Ich springe ein.

— Super, sagte Olga sofort. Vielleicht merken sie endlich, wie wichtig du bist.

Rafael schwieg.

Am nächsten Tag ging er nach der Arbeit nicht nach Hause. Er aß in einem kleinen Restaurant, ging ins Kino und kam spät zurück.

Olga stand im Flur.

— Wo warst du?

— Wie bitte?

— Ich habe Hunger. Kochst du noch?

Rafael sah sie lange an.

— Du kannst dir selbst etwas machen.

— Ich bin Gast.

— Du bist kein Gast mehr. Du bist ein Problem.

Olga wurde rot.

— Was erlaubst du dir?

Rafael ging ins Schlafzimmer, nahm ihre Tasche und stellte sie aufs Bett.

— Pack deine Sachen.

— Das kannst du nicht machen.

— Doch. Sofort.

Olga lächelte plötzlich.

— Dann rufe ich Miriam an und sage ihr, dass du mich angefasst hast.

Rafael erstarrte.

— Bist du wahnsinnig?

— Sie wird mir glauben.

Und sie wählte Miriams Nummer.

Rafael trat zurück und schaltete die Kamera seines Handys ein.

— Wiederhol das. Sag noch einmal, womit du mir gerade gedroht hast.

Olga schwieg.

— Olga? fragte Miriam am Telefon.

Olga begann sofort zu schluchzen.

— Miriam, er schmeißt mich raus. Er macht mir Angst.

Rafael sagte ruhig:

— Miriam, sie hat mir gerade gedroht, mir eine Belästigung anzuhängen.

— Rafael, was hast du denn gemacht?

Der Satz traf ihn nicht wie ein Schlag. Eher wie ein Schlüssel, der endlich in ein Schloss passte.

Jetzt verstand er.

— Gut, sagte er.

— Was gut?

— Dass ich fertig bin.

Er legte auf.

Dann holte er Miriams Tasche aus dem Schrank.

— Olga, du hast eine Stunde. Dann bist du weg. Miriams Sachen packe ich selbst.

Olga fluchte, drohte, weinte. Doch Rafael blieb im Wohnzimmer sitzen und beobachtete die Zeit. Nach vierzig Minuten verließ sie die Wohnung.

— Das wirst du bereuen.

— Nein. Das Bereuen liegt hinter mir.

Er schloss die Tür.

Die Wohnung war still. Fremd still. Als müsste sie erst lernen, wieder ihm zu gehören.

Er packte Miriams Sachen sorgfältig. Nicht aus Rache. Aus Ordnung. Kleidung, Kosmetik, Schuhe, Bücher. Alles kam in große Taschen.

Am nächsten Abend wartete Miriam unten vor dem Haus.

— Ich komme nicht rein!

— Ich weiß.

Oben stellte Rafael ihre Taschen in den Hausflur.

— Das gehört dir.

— Wegen Olga?

— Wegen dir.

Miriam sah ihn fassungslos an.

— Du hast gesehen, wie ich wochenlang im Wohnzimmer geschlafen habe. Du hast gesehen, wie ich gekocht und geputzt habe. Und als deine Freundin mich mit einer Lüge bedroht hat, war deine erste Frage, was ich getan habe.

— Ich war überfordert.

— Ich auch. Drei Wochen lang. Du hast es nur nicht bemerkt.

Er nahm ihr den Schlüssel ab.

— Leb wohl, Miriam.

Sie klingelte später noch oft. Erst wütend, dann weinend, dann liebevoll. Rafael öffnete nicht.

Nach einigen Tagen kaufte er neue Bettwäsche. Er schlief wieder in seinem Schlafzimmer. Er kochte nur für sich. Abends sah er einen Film, ohne die Lautstärke zu senken.

Die Wohnung in Prenzlauer Berg war nicht mehr voller Stimmen.

Und gerade deshalb fühlte sie sich wieder wie ein Zuhause an.

Manchmal verliert man keine Liebe.

Man verliert nur die Pflicht, sich ständig selbst zu verraten, damit andere bequem leben können.

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Fajna Tajna
Rafael schnitt gerade Gurken für den Salat, als er den Schlüssel im Schloss hörte.