Claudia stand am Gartentor und sah auf ihre Tasche. Rainer hatte sie dort hingestellt, als wäre sie kein Mensch, sondern etwas, das man beiseiteschiebt, wenn es stört.
— Die Straßenbahn fährt unten, sagte er kalt.
Claudia sah ihn an. Früher hätte sie sofort versucht, die Situation zu retten. Sie hätte gesagt, dass sie es nicht so gemeint habe. Dass das Fleisch schon in Ordnung sei. Dass sie dankbar sei.
Sie hatte viel zu lange gelernt, ihre eigene Wahrheit leiser zu machen, damit Rainer sich größer fühlen konnte.
Diesmal nicht.
— Du wirfst mich wirklich raus, weil ich gesagt habe, dass das Fleisch sauer ist?
Rainer verschränkte die Arme.
— Es geht nicht um das Fleisch. Es geht darum, dass dir nie etwas recht ist.
Claudia nickte langsam.
— Mir ist nie etwas recht? Du wohnst seit fast drei Jahren in meiner Wohnung. Du isst an meinem Tisch, deine Wäsche liegt in meiner Maschine, deine Schuhe stehen in meinem Flur. Aber wenn jemand fragt, was ich für dich bin, sagst du: “Wir wohnen halt zusammen.”
Rainers Gesicht wurde hart.
— Jetzt fängst du wieder damit an.
— Nein. Jetzt höre ich damit auf.
— Womit?
— Damit, mich in meinem eigenen Leben wie eine geduldete Besucherin zu fühlen.
Rainer trat einen Schritt auf sie zu.
— Claudia, mach keinen Unsinn.
— Der Unsinn war, dich so lange bleiben zu lassen.
Er lachte kurz.
— Wegen eines Grillabends?
— Nein. Wegen allem, was dieser Grillabend gezeigt hat.
Claudia nahm ihre Tasche. Der Weg zur Haltestelle kam ihr endlos vor. Sie spürte den Kies unter ihren Schuhen, die Wärme auf den Schultern und das Zittern in den Händen. Aber mit jedem Schritt wurde ihr klarer: Sie ging nicht nur aus diesem Garten. Sie ging aus einer Rolle, in die sie nie hätte passen dürfen.
Zu Hause in Leipzig öffnete sie die Wohnungstür und blieb stehen. Überall war Rainer. Seine Jacke. Seine Werkzeuge. Seine Tasse. Seine alten Zeitschriften. Seine Hemden, die sie noch hatte bügeln wollen.
Sie holte große Taschen aus dem Schrank und begann zu packen.
Nicht wütend. Nicht theatralisch. Sondern ruhig.
Am Abend rief Rainer an.
— Claudia, jetzt komm mal runter.
— Ich bin ruhig.
— Ich habe das im Ärger gesagt.
— Nein. Du hast es gesagt, weil du dachtest, ich würde es schlucken.
Er schwieg kurz.
— Du willst doch nicht wirklich alles beenden.
— Doch.
— Wegen so einer Kleinigkeit?
Claudia atmete tief ein.
— Es war keine Kleinigkeit. Es war ein Blick hinter die Fassade.
Als Rainer später vor ihrer Tür stand, lagen seine Sachen bereits im Treppenhaus. Er klingelte lange.
— Mach auf. Wir müssen reden.
Claudia stand innen an der Tür.
— Wir hätten reden müssen, als ich noch gehofft habe. Jetzt ist es zu spät.
Am nächsten Tag kam er mit Blumen. Claudia öffnete nur einen Spalt.
— Ich war grob, sagte er.
— Ja.
— Aber du warst auch empfindlich.
Da wusste sie endgültig, dass er nichts verstanden hatte.
— Rainer, ich will keinen Mann, bei dem meine Würde als Empfindlichkeit gilt.
Er schaute zur Seite.
— Drei Jahre wirfst du einfach weg?
— Nein. Ich hole sie mir zurück.
Die ersten Tage waren ungewohnt. Die Wohnung war still. Zu still, dachte Claudia zuerst. Dann merkte sie, dass es nicht Leere war. Es war Frieden.
Sie stellte das Sofa um. Kaufte sich eine Pflanze, die Rainer immer als “unnötig” bezeichnet hätte. Kochte, was sie mochte. Und zum ersten Mal seit langer Zeit hörte sie in ihrer Wohnung nicht auf Schritte, Stimmungen oder Kommentare.
Rainer schrieb noch mehrmals. Erst vorwurfsvoll, dann sentimental, dann beleidigt. Einmal schrieb er: “In deinem Alter sollte man froh sein, nicht allein zu sein.”
Claudia antwortete:
— Allein ist nicht das Schlimmste. Sich neben jemandem unsichtbar zu fühlen, ist schlimmer.
Danach blockierte sie ihn.
Monate später erzählte sie einer Freundin von diesem Tag. Die Freundin fragte:
— War es wirklich das Fleisch?
Claudia lächelte traurig.
— Nein. Das Fleisch war nur der Moment, in dem ich nicht mehr lügen konnte.
Manchmal endet eine Beziehung nicht mit einem großen Verrat. Manchmal endet sie mit einem Satz, der alles zeigt: “Fahr nach Hause.”
Rainer dachte, er hätte Claudia aus seinem Garten geworfen.
In Wahrheit hatte er sie zurück in ihr eigenes Leben geschickt.
