— Geh ran, — sagte Lena leise. — Und diesmal mach mich nicht zu deiner Ausrede.
Tobias sah auf das Display. Mama. Dieses eine Wort reichte, damit sein Gesicht sich veränderte. Eben noch war er gereizt gewesen, jetzt wirkte er wie ein Junge, der zu spät nach Hause gekommen war.
Er nahm ab.
— Ja, Mama.
Karins Stimme war sofort da.
— Seid ihr unterwegs? Ich habe gekocht. Anja kommt auch. Und denkt an Rewe und die Apotheke.
Tobias räusperte sich.
— Mama, ich komme allein.
— Allein? Wieso allein?
— Lena kommt nicht mit.
— Was hat sie denn jetzt wieder?
Er sah zu Lena. Für einen Moment war die alte Ausrede fast schon ausgesprochen. Kopfschmerzen. Arbeit. Etwas Dringendes.
— Sie hat nichts, — sagte er. — Sie will nicht kommen.
— Gib sie mir.
Lena nahm das Telefon.
— Guten Tag, Karin. Ich komme nicht, weil ich nicht mehr in ein Haus fahre, in dem man mich am Tisch kleinmacht und danach so tut, als sei es Fürsorge. Ich möchte nicht mehr in der Küche stehen bleiben, während alle anderen sitzen, und mir dann anhören, dass Sie in meinem Alter schneller waren.
— Also das ist ja wohl eine Frechheit.
— Nein. Es ist eine Grenze.
Karin verlangte ihren Sohn zurück.
— Tobias, wenn du ohne sie kommst, weiß ich ja, wer bei euch zu Hause das Sagen hat.
Tobias schloss kurz die Augen.
— Mama, ich komme allein. Und über Lena sprechen wir so nicht.
Karin legte auf.
Er stand im Flur, das Handy in der Hand.
— Jetzt ist sie beleidigt.
— Sie war vorher auch beleidigt, — sagte Lena. — Nur habe ich mich dann entschuldigt, damit du Ruhe hast.
Tobias fuhr allein in das Dorf bei Halle. Er kaufte bei Rewe ein, holte Medikamente, arbeitete im Garten, räumte im Keller und sah nach dem tropfenden Hahn.
Lena blieb in Leipzig.
Sie fühlte sich erst schuldig. Dann wütend. Dann ruhig. Sie ging spazieren, kaufte sich frische Brötchen und merkte, wie ungewohnt es war, einen Nachmittag nicht als Opfergabe an Karins Laune zu verlieren.
Tobias kam am Abend zurück.
Er sah erschöpft aus.
— Und? — fragte Lena.
Er setzte sich.
— Mama sagte, du hättest mich gegen sie aufgebracht. Anja meinte, früher hätten Frauen noch gewusst, was Respekt ist. Dann sagte Mama, ich hätte dich von Anfang an besser erziehen müssen.
Lena erstarrte.
— Und du?
— Zuerst habe ich geschwiegen.
— Natürlich.
Tobias nahm das hin.
— Dann habe ich gesagt, dass du nicht erzogen werden musst. Dass du meine Frau bist. Nicht ihr Projekt.
Lena sah ihn lange an.
— Das hast du gesagt?
— Ja.
— Warum erst heute?
Diese Frage traf ihn härter als jeder Vorwurf.
— Weil ich feige war, — sagte er. — Weil es einfacher war, dich nachher zu beruhigen, als ihr in dem Moment zu widersprechen.
Lena setzte sich ihm gegenüber.
— Ich bin nicht mehr bereit, nachher beruhigt zu werden.
— Das weiß ich.
Ein paar Tage später rief Karin wieder an.
— Wir kommen am Sonntag vorbei, — sagte sie.
Tobias antwortete nicht sofort. Dann sagte er:
— Nein, Mama. Ihr fragt vorher.
— Ich bin deine Mutter.
— Ja. Aber das ist unsere Wohnung.
Lena stand im Türrahmen und hörte zu. Zum ersten Mal war sie nicht das Thema. Sie war die Person, deren Grenze er verteidigte.
Karin kam trotzdem nicht zur Ruhe. Sie schrieb Nachrichten. Anja schrieb auch. Es ging um Familie, Dankbarkeit, Mütter, die man “nicht so behandelt”. Tobias antwortete diesmal selbst.
— Lena muss sich nicht dafür entschuldigen, dass sie nicht gedemütigt werden will.
Der erste Besuch danach war kühl.
Karin saß am Tisch, rührte ihren Kaffee und sagte nach zehn Minuten:
— Manche Menschen sind heute sehr empfindlich.
Tobias stellte seine Tasse ab.
— Mama, das war eine Bemerkung gegen Lena.
— Ich habe doch nur allgemein gesprochen.
— Nein. Und wenn es noch einmal passiert, beenden wir den Besuch.
Lena spürte, wie ihr Herz schneller schlug. Nicht aus Angst. Aus Unglauben.
Karin wurde rot. Anja wechselte das Thema.
Der Besuch blieb angespannt, aber er blieb respektvoll. Nicht warm. Nicht herzlich. Aber respektvoll. Und das war mehr, als Lena früher je bekommen hatte.
Auf der Rückfahrt sagte Tobias:
— Ich verstehe jetzt, warum du nicht mehr hinfahren wolltest.
Lena sah aus dem Fenster.
— Ich wollte nie, dass du deine Mutter verlierst.
— Ich weiß.
— Ich wollte nur nicht mich selbst verlieren.
Er nickte.
Manchmal beginnt ein erwachsener Mann nicht dort, wo er seine eigene Wohnung hat oder sein eigenes Geld verdient.
Manchmal beginnt er genau in dem Moment, in dem seine Mutter anruft — und er seine Frau nicht mehr als Ausrede benutzt.
