Ich habs dir ja gesagt wohin du das Geld bringst, dahin kannst du auch zum Abendessen gehen! Und frühstücken übrigens auch!, sagte meine Frau und setzte sich mit ihrer Strickarbeit in den Sessel.
Liesl! Bist du da?, rief ich, als ich die Wohnung betrat.
Ich bin in der Küche, antwortete Ludmila.
Heute war sie früher nach Hause gekommen und hatte mit dem Abendessen begonnen. Ich zog mich aus, wusch mir die Hände und ging in die Küche.
Warum prahlst du nicht?, fragte ich.
Interessant womit soll ich denn prahlen?, wunderte sich meine Frau.
Ich habe auf dem Heimweg Rita aus deiner Abteilung getroffen. Sie sagte, ihr hättet heute die Quartalsprämie überwiesen bekommen. Eine stattliche Summe.
Stimmt, wurde überwiesen. Aber warum freust du dich darüber?
Warum? Ich habe dir doch gestern gesagt: Mutter hat angerufen und wollte, dass wir Sophie mit der Hypothek helfen. Du meintest, wir hätten kein Geld. Jetzt haben wir welches. Lass uns Sophie zehntausend Euro überweisen.
Aus welchem Anlass?, fragte Ludmila.
Tu nicht so, du weißt doch, wie schwer es für Sophie ist, die Hypothek allein zu stemmen. Ich rufe Mutter gleich an und sage ihr, dass wir das Geld schicken, sagte ich und griff zum Telefon.
Halt! Stopp! Habe ich etwa gesagt, ich wolle die Hypothek für deine Schwester bezahlen?, fuhr Ludmila mich an.
Warum nicht helfen, wenn wir Geld haben?
Fangen wir damit an, dass nicht *wir* Geld haben, sondern *ich*. Das ist eine Prämie, die ich mir drei Monate lang hart erarbeitet habe!
Glaubst du, Hans, ich habe mir den Rücken krumm gemacht, um deiner Schwester einen Gefallen zu tun? Als ob ich nichts Besseres vorhätte!
Liesl, aber sie hat Kinder!
Hans, *wir* haben auch ein Kind. Marie unsere Tochter. Falls du dich erinnerst, studiert sie im zweiten Semester und wohnt in einem Wohnheim in einer anderen Stadt. Ich überweise ihr jeden Monat Geld. Hast du ihr in den letzten zwei Jahren auch nur einen Cent gegeben?
Ich wusste doch, dass du ihr schickst.
Vielleicht hätte sie es aber schön gefunden, auch mal tausend Euro vom Papa für neue Strümpfe zu bekommen?, fragte Ludmila. Deine Schwester hätte sich überlegen sollen, ob sie die Hypothek stemmen kann, bevor sie sich darauf einlässt.
Aber die Bank hat es genehmigt, erinnerte ich sie.
Richtig. Die Bank hat kluge Leute, die rechnen können. Die haben ausgerechnet, dass Sophie genug verdient. Wenn es nicht reicht, gibt sie ihr Geld falsch aus zu oft im Salon oder im Café, statt den Kredit abzuzahlen. Ich werde ihre Launen nicht finanzieren!
Am Abend hörte ich, wie Ludmila am Telefon meiner Mutter mitteilte, sie habe ihr achttausend Euro überwiesen.
Interessant: Für Sophie ist kein Geld da, aber für Mutter gehts plötzlich, empörte ich mich.
Ja, Hans. Mutters Prothese ist kaputt, sie muss zum Zahnarzt. Ihre Rente ist knapp. Außerdem ist es *meine* Mutter. Sophie ist mir fremd.
Sophie ist meine leibliche Schwester!, erinnerte ich sie.
Richtig: *deine*, nicht *meine*. Was willst du also von mir?
Na gut, dann überweise ich Sophie mein Gehalt, sobald ich es bekomme, sagte ich.
Tu das. Aber vergiss nicht, wie immer zehntausend Euro auf das Haushaltskonto zu überweisen, antwortete Ludmila.
Liesl, ich wollte dich schon lange fragen: Sind zehntausend nicht zu viel? Gehts nicht weniger?
Klar. Dann gibts Nudeln mit Ketchup statt Schnitzel oder Hackfleisch. Oder wir zahlen keine Nebenkosten und kaufen kein Waschpulver, grinste sie.
Kann man nicht sparsamer haushalten, damit für alles genug da ist?
Versuchs. Wenn es klappt, lerne ich von dir.
Das Gespräch endete. Aber ich dachte, Ludmila würde ihre Drohung nicht wahr machen und überwies fast mein ganzes Gehalt an Sophie.
Ich lag falsch. Als ich am nächsten Tag von der Arbeit kam, fand ich keine Spur von Abendessen in der Küche.
Liesl, was gibts heute?, fragte ich.
Schau im Kühlschrank nach.
Ich öffnete ihn leer. Nur eine einsame Ketchupflasche und zwei schrumpelige Äpfel.
Liesl, da ist nichts.
Echt? Was soll da sein? Hast du etwas reingelegt?, fragte sie. Weißt du nicht, dass man erst etwas hineintun muss, bevor man etwas herausnehmen kann?
Ich bin hungrig, sagte ich.
Ich auch. Aber ich habe dir gesagt: Wohin du das Geld bringst, dahin gehst du auch essen. Sie setzte sich wieder zum Stricken.
Ich musste zu Mutter fahren.
Am nächsten Tag kam Schwiegermutter Nina persönlich, um der undankbaren Schwiegertochter die Meinung zu sagen.
Nach einer langen Predigt sagte Ludmila:
Sie haben sich umsonst Mühe gegeben, Frau Schmidt. Ich weiß schon, dass ich eine schlechte Ehefrau bin. Soll Hans zu Ihnen ziehen? Wozu braucht er mich?
Red keinen Unsinn! Verheiratet ist verheiratet!, fuhr Nina sie an.
Alles klar. Nur *ich* bin schlecht! Die Wohnung ist gut, mein Gehalt ist toll, die Prämie auch! Nur ein Problem: Ich will nicht mit Ihnen und Sophie teilen!
Also haben Sie beschlossen, meinem Sohn die Taschen zu leeren? Dann versorgen Sie ihn diesen Monat selbst. Achtung: Würstchen mag er nicht, Hühnchen verschmäht er auch. Es gibt Schnitzel mit Bratkartoffeln und Salat. Oder Kohlrouladen mit viel Fleisch. Ach, und seine Wäsche waschen Sie jetzt selbst.
Ludmila, bist du verrückt? Ihr habt doch früher auch irgendwie gelebt!, rief Nina.
Ja, manchmal sogar gut. Bis Sie sich eingemischt haben. Sie haben Sophie und Gregor auseinandergebracht jetzt sind wir dran?
Was laberst du da? Wen habe ich auseinandergebracht?
Wer sonst? Sie haben Sophie eingeredet: Gregor ist so, Gregor ist so! Er respektiert dich nicht, verdient wenig, hat keine Bildung, die Wohnung ist zu klein! Gregor hatte die Nase voll und haute ab. Jetzt sitzt Sophie allein mit zwei Kindern und einer unbezahlbaren Hypothek. Zufrieden?
Offenbar nicht! Ihnen wurde langweilig, also greifen Sie uns an! Aber ich bin nicht Gregor ich halte nicht lange durch. Hier, nehmen Sie Hans zurück. Wer könnte sich besser um ihn kümmern als seine eigene Mutter? Stimmts, Hans?
Liesl, so war das nicht! Ich will mich nicht trennen! Mutter hat nur vorgeschlagen, Sophie zu helfen, verteidigte ich mich.
Geholfen? Dann leb bis zum nächsten Gehalt bei Mutter oder Sophie je nachdem, wie sie sich einigen. Ich denke nach.
Ich begriff: Ludmila meinte es ernst. Den ganzen Monat blieb ich bei Mutter.
Am Fünften kam ich nach Hause.
Liesl, ich habe mein Gehalt überwiesen und Marie dreitausend geschickt.
Aus der Küche duftete verlockend gebratenes Schweinefleisch in süß-saurer Soße.
Wasch dir die Hände und setz dich zum Essen, lächelte Ludmila. Oder gehst du zu Mutter?
Ich schüttelte ängstlich den Kopf. Die Angst schnürte mir die Kehle zu. Ludmila verstand: Worte waren unnötig.
Manche Lektionen lernt man erst durch Taten und sie bleiben länger hängen. Soll



