Die Mutter

Ich hörte, wie die Frau im grauen Wollmantel dem Schaffner erklärte, sie wolle die Videoaufzeichnung aus dem Wagen sehen. Sie sagte das ganz ruhig, als ginge es um einen Sitzplatz im Kino. Da habe ich die Hand um den Griff des Koffers gelegt und nicht mehr losgelassen.

Dabei hatte alles nur mit einer einzigen Bitte angefangen. Mein Sohn Jonas war seit Hamburg nicht mehr eingeschlafen. Zwei Stunden vor Hannover hat er angefangen, auf seinem Platz hin und her zu rutschen, gegen die Lehne zu treten, leise zu jammern. Wir saßen im Großraumwagen, zweite Klasse, ICE 786 nach München. Ich hatte am Automaten gebucht, zwei Plätze nebeneinander, nicht reserviert — Fehler. Und dann stand diese Frau am Gang, mit ihrem kleinen Rollkoffer und einem dieser dünnen Laptoptaschen, die immer aussehen, als wären sie aus recyceltem Filz. Sie setzte sich an den Fensterplatz auf der anderen Seite des Tischs, klappte das Fach auf und legte ihre Fahrkarte so hin, dass man die BahnCard 50 sehen konnte.

Jonas war müde, und Stefan, mein Ex-Mann, hatte mir an diesem Morgen zum dritten Mal geschrieben, dass die Nebenkostenabrechnung von der alten Wohnung in Berlin-Marzahn noch offen sei. 612,40 Euro. Die Nachricht hatte ich vor der Abfahrt gelesen, am Ostbahnhof, während Jonas auf seinem Rucksack saß und den Riegel vom Müsliriegel nicht aufbekam.

Als der Zug an Hannover vorbei war, habe ich leise gefragt, ob die Frau vielleicht mit Jonas den Platz tauschen würde. Er müsse dringend schlafen, ich hätte ja auch einen Sitzplatz gleich links, aber er sei acht und käme mit dem Rücken nicht klar.

Die Frau schaute mich an. Nicht böse, nicht wütend. Eher wie man sich ein Möbelstück anschaut, das im Weg steht.

„Ich habe für diesen Platz bezahlt“, sagte sie.

„Ich auch. Für einen anderen.“

„Dann nehmen Sie den anderen.“

Jonas hat angefangen, an meinem Ärmel zu ziehen. „Mama, ich will nicht…"

„Einen Moment“, sagte ich. Zu der Frau: „Er ist acht. Er schläft aufrecht im Sitzen um und stößt sich den Kopf am Klapptisch.“

„Ich bin sechzig“, sagte sie. „Ich schlafe im Sitzen auch nicht gut.“

Das hätte das Ende sein können. Sollte es wohl auch. Aber ich war erschöpft, seit Marzahn, seit der Trennung, seit der Nacht, in der Stefan gegangen war und Jonas die halbe Nacht auf der Matratze in meinem Zimmer gelegen hatte. Ich nahm Jonas, setzte ihn auf meinen Platz, klappte die Lehne zurück, so weit es ging, und deckte ihn mit meiner Jacke zu. Dann stellte ich meinen Koffer in den Gang, direkt neben die Tür zum Nachbarwagen.

Der Koffer war nicht meiner.

Er hatte die ganze Nacht vorher neben dem Mülleimer im Treppenhaus unserer Wohnung in Essen gestanden. Meine Schwester Katja, die in Leipzig wohnt, hatte mir am Telefon gesagt: „Bring ihn einfach mit. Ein Freund von mir holt ihn am Bahnhof ab. Du kriegst fünfzig Euro dafür. Bar auf die Hand, wenn du willst.“

Ich habe nicht gefragt, was drin ist. Das war nicht nötig. Katja macht so was öfter, kleine Botengänge für Leute aus der Nachbarschaft. Es ist nie etwas dran. Heute würde ich mir das nicht mehr so einfach erzählen.

Die Frau im ICE hieß Rike Brandt. Ich weiß das, weil der Schaffner ständig vorbeikam, zuerst höflich, dann immer knapper im Ton, und irgendwann sprach er mit ihrem Namen, als wäre ich nicht da. „Frau Brandt hat den Platz 42 reserviert. Sie haben den Platz 41.“ Als ob ich nicht lesen könnte.

Ich habe nicht nachgegeben. Nicht, weil ich dachte, ich hätte recht. Sondern weil Jonas endlich eingeschlafen war, den halben Körper auf dem Sitz, die Füße auf dem Boden, den Kopf an der Fensterscheibe. Wenn ich ihn wecke, schreit er. Und wenn er schreit, weiß der ganze Wagen, wer schuld ist.

Also blieb ich sitzen. Und Frau Brandt stand im Gang, ruhig, den Filzlaptop an die Wand gelehnt, und schaute auf ihren Sitz wie auf eine Rechnung, die nicht aufgeht.

Irgendwann kam der Zugbegleiter mit einem kleinen silbernen Diensthandy und einem Funkgerät. Er sprach wieder mit ihr. Ich hörte Bruchstücke: „…Sicherheitsdienst…“, „…Aufzeichnung aus dem Wagen…“, „…Gepäckkontrolle…“.

Da wurde mir kalt.

Ich weiß noch, dass draußen die Oberleitung vorbeizog, Funken am Dach, als der ICE durch eine Baustelle fuhr. Und ich weiß noch, dass Jonas im Schlaf die Hand auf den Reißverschluss meiner Jacke legte, die ihn zudeckte, und ich dachte: Wenn die jetzt die Kamera sehen, sehen sie, dass ich den Koffer an der Tür abgestellt habe.

Der Schaffner kam zurück. Diesmal blieb er stehen. Sein Atem ging etwas zu schnell.

„Frau Osterhagen?“

„Das bin ich.“

„Ich bräuchte kurz Ihre Fahrkarte und die Gepäckquittung.“

Ich kramte in meiner Umhängetasche. Die Fahrkarte war da, eingeklemmt zwischen einem Zettel vom Jobcenter und dem halben Schulbrot von Jonas. Die Quittung war nicht da. Es gab keine Quittung, weil es keinen Koffer gab. Jedenfalls keinen, der meinen Namen trug.

„Ich habe sie verloren“, sagte ich.

„Dann müsste ich das Gepäckstück öffnen und den Inhalt protokollieren.“

„Der Koffer ist abgeschlossen.“

„Das ist Ihr Koffer?“

„Ja.“

Frau Brandt stand jetzt nicht mehr im Gang. Sie saß auf einem Klappsitz an der Wagentür, die Laptoptasche auf den Knien. Sie sah aus, als hätte sie den Rest der Strecke schon hinter sich.

Jonas wachte auf.

„Mama, warum redet der Mann so mit dir?“

Ich strich ihm über den Kopf. „Nicht jetzt.“

Der Zugbegleiter sah auf sein Handy. „Der Koffer trägt eine Gepäckmarke mit einer anderen Buchungsnummer. Die ist nicht auf Ihren Namen registriert.“

„Das muss ein Fehler sein.“

„Möglich. Deshalb würde ich ihn gern öffnen.“

„Nicht mit meinem Kind daneben.“

Er sah mich an, und ich dachte, jetzt sagt er: Dann kommen Sie mit nach vorn. Stattdessen sagte er: „Wir warten auf den Zugchef an der nächsten Station.“

Die nächste Station war Bielefeld.

In Bielefeld kam der Zugchef durch den Gang. Ein schmaler Mann in dunkelblauer Uniform, ganz ruhig, aber alle schauten auf. Hinter ihm ging eine Frau mit einem schwarzen Akkordeonkoffer, der garantiert kein Akkordeon enthielt. Sicherheitsdienst. Ich hörte, wie jemand im Wagen „Polizei“ raunte, obwohl niemand Polizei gesagt hatte.

Der Zugchef bat mich, mit ihm in den Dienstbereich zu kommen. Der Koffer blieb am Platz, mit einem roten Klebeband am Griff.

Ich habe Jonas mitgenommen. Nicht, weil ich ihn unbedacht in die Sache hineinziehen wollte, sondern weil ich ihn nicht allein lassen konnte. Nicht in dem Moment. Er hielt meine Jacke mit beiden Händen vor der Brust fest, als wäre es sein Kissen.

Im Dienstabteil roch es nach kaltem Kaffee und Desinfektionsmittel. Auf dem kleinen Klapptisch lag ein Tablet mit offener Liste. Der Zugchef setzte sich, ich saß auf einem Hocker, Jonas auf meinem Schoß.

„Frau Osterhagen, wir haben folgende Situation“, fing er an. „Ihre Sitzplatzreservierung ist nicht gültig für den Platz, auf dem Ihr Sohn liegt. Das ist ein Verstoß gegen die Beförderungsbedingungen. Das können wir noch klären. Schwerer wiegt das Gepäckstück.“

Er tippte auf dem Tablet herum. „Die Koffernummer ist auf eine Person aus Wagen 7 registriert. Diese Person hat den Verlust ihres Gepäckstücks bereits bemerkt und gemeldet. Sie sitzt zwei Wagen weiter und wartet auf Nachricht von uns.“

Ich wollte etwas sagen, aber mein Mund war trocken.

Jonas flüsterte: „Mama, hat der Mann das gehört? Das mit dem Koffer?“

Ich legte ihm die Hand auf den Mund. Zu spät. Der Zugchef hatte es gehört.

„Was meint Ihr Sohn? Welcher Mann?“

Ich hätte jetzt etwas Kluges sagen können. Etwas wie: Er verwechselt das mit einem Film. Oder: Er redet im Schlaf. Aber ich habe zu lange gezögert. Und dann sagte Jonas: „Mama hat gesagt, dass uns niemand aufhält, wenn wir den Koffer nach München bringen.“

Der Sicherheitsdienst stand an der Tür und schrieb etwas in sein Handy.

Ich habe Jonas' Hand genommen und gedrückt. „Er ist müde“, sagte ich. „Er bringt alles durcheinander.“

Aber Jonas schüttelte die Hand ab. „Du hast es doch gesagt! Du hast gesagt, wir bringen den Koffer nach München und danach fahren wir weiter zu Oma und alles wird gut.“

Der Zugchef fragte nicht weiter. Er stand auf, klopfte zweimal an die Wand zum Nachbarabteil und sprach mit gedämpfter Stimme in sein Funkgerät. Die Sicherheitsleute blieben. Jonas fing an zu weinen.

Ich habe nicht geweint. Ich habe die ganze Zeit auf den kleinen Bildschirm über der Tür geschaut, auf dem stand: „Nächster Halt: Hamm (Westf)“. Darunter: „Ankunft 18:07“.

In Hamm kamen zwei Bundespolizisten an Bord. Sie standen vor der Glastür zum Großraumbereich, so beiläufig, wie man eben in einem ICE steht, mit den Händen an den Koppelschlössern. Es dämmerte bereits, und durch die Scheibe sah ich den Bahnsteig mit dem gelben Linienmuster und der Anzeigetafel, auf der in weißer Schrift „ICE 786 nach München“ stand. Daneben ein Coffee-to-go-Becher, der im Wind gegen das Geländer rollte.

Ich weiß nicht, warum ausgerechnet der Becher. Vielleicht, weil nichts an mir so leicht war wie dieser Becher.

Die Beamten gingen in den Dienstbereich. Ich saß auf einem Klappsitz am Wagenende, Jonas schlief endlich wieder, den Kopf an meiner Schulter. Seine Hand hielt meine. Der Koffer stand drei Meter entfernt, mit dem roten Klebeband am Griff, das wie ein Vorwurf aussah.

Irgendwann kam der Zugchef zurück.

„Frau Osterhagen. Wir haben mit der Person aus Wagen 7 gesprochen. Der Koffer gehört ihm. Er sagt, er habe ihn am Bahnhof Essen stehen lassen, im Treppenhaus, und jemand müsse ihn mitgenommen haben. Er hat keine Anzeige erstattet. Er will nur sein Gepäck zurück, ungeöffnet, sofort.“

Ich habe auf den Koffer geschaut. Katja hatte am Telefon gesagt: „Der Typ ist voll in Ordnung. Er bringt dich nicht in Schwierigkeiten.“ Aber Katja war in Leipzig, und ich war in einem Zug voller Uniformen.

„Ich wusste nicht, dass er jemandem gehört“, sagte ich.

Der Zugchef sah mich über seine Halbbrille an. „Sie haben gegenüber dem Zugbegleiter eben noch gesagt, es sei Ihr Koffer.“

„Ich hatte Angst.“

„Angst wovor?“

„Dass man mir nicht glaubt. Dass ich als Diebin dastehe. Ich bin alleinerziehend. Ich habe einen Achtjährigen dabei. Ich wollte nicht, dass er das mitbekommt.“

„Ihr Sohn hat es sehr deutlich mitbekommen“, sagte er.

Da spürte ich zum ersten Mal seit Berlin den Druck hinter den Augen. Es war kein Weinen, eher so, als würde mir jemand von innen auf die Stirn drücken.

Der Sicherheitsdienst nahm den Koffer an sich. Sie öffneten ihn nicht vor uns. Sie trugen ihn in den Dienstbereich und legten ihn in ein graues Netz, das an der Wand hing. Der Zugchef setzte sich mit mir und Jonas in das kleine Abteil. Er sprach nicht mit dem Kind. Das war mir wichtig. Er sprach mit mir, als wäre ich erwachsen genug zu verstehen, was als Nächstes kommt.

„Wir sind hier in Nordrhein-Westfalen“, sagte er. „Die Bundespolizei wird an der nächsten größeren Station entscheiden, ob Sie mit auf die Wache müssen. Das hängt davon ab, ob der Besitzer des Koffers Sie belastet. Er hat bislang gesagt, er wolle nur sein Eigentum zurück, ohne dass jemand hineinsieht. Wir haben ihm geraten, trotzdem Anzeige zu erstatten, denn der Koffer wurde nicht gefunden, sondern von Ihnen mitgeführt, mit einem Ziel, das Sie nicht erklären können.“

„Es war ein Botengang. Eine Freundin hat mich gebeten, den Koffer nach München zu bringen. Ich sollte nur nichts sagen, wegen… ich weiß auch nicht. Sie hat gesagt, es sei Privatzeug, alte Kleidung, vielleicht ein Laptop.“

„Und was haben Sie dafür bekommen sollen?“

„Fünfzig Euro.“

Er sprach das nicht nach. Er schrieb es nur auf.

In Dortmund war der Bahnhof groß und hell. Der Zug hielt länger als sonst. Ich sah draußen Menschen mit Rucksäcken und Plastiktüten, die auf die Uhr schauten. Ein Mann schob ein Fahrrad an unserem Wagen vorbei. Eine Frau zog einen Rollkoffer hinter sich her, der genau die gleiche Farbe hatte wie der Koffer aus Essen. Ich dachte, in jedem Zug sitzt eine Frau, die für fünfzig Euro ein fremdes Gepäckstück schleppt, und jede fühlt sich allein.

Die Bundespolizisten kamen zurück. Sie sprachen leise mit Frau Brandt, die immer noch vorne saß. Dann kamen sie zu mir.

„Frau Osterhagen, wir müssen Sie bitten, mit uns den Zug zu verlassen. Ihr Sohn kann bei Ihnen bleiben. Das Gepäckstück bleibt vorerst in Verwahrung.“

Ich nahm meine Umhängetasche, die Jacke, Jonas. Er wachte auf und fing an zu schreien. „Ich will nicht! Ich will bei dir bleiben! Ich will nicht mit denen!“

Die Polizisten blieben ruhig. Der eine ging in die Hocke und sagte: „Hey, kleiner Mann. Du bleibst bei deiner Mama. Ihr müsst nur kurz mit uns mitkommen. Danach fahrt ihr weiter.“

Jonas schaute ihn an. „Und der Koffer?“

„Der bleibt hier. Der gehört jemand anderem.“

Da zog Jonas die Hand aus meiner und begann zu weinen, so ein trockenes Weinen, das nach Erschöpfung klingt. Auf dem Bahnsteig nahm ich ihn auf den Arm. Er wog mehr als beim Einsteigen. Oder ich war schwächer.

Auf der Wache in Dortmund gab es einen langen Flur, einen Getränkeautomaten und einen Raum mit Tisch und Stühlen. Die Beamtin, die uns befragte, hieß Frau Celik. Sie war die erste, die nicht auf den Koffer schaute, sondern in mein Gesicht.

„Hören Sie“, sagte sie, „die wichtigste Frage ist: Wussten Sie, dass Sie ein fremdes Gepäckstück mit sich führen, für das Sie weder Quittung noch Erklärung vorlegen können?“

„Ich habe es mir gedacht“, sagte ich. „Aber meine Schwester hat gesagt, es sei in Ordnung. Sie macht das öfter. Ich wollte das Geld. Ich schulde meinem Ex-Mann die Nebenkosten. 612,40 Euro. Die fressen mich auf, wenn ich sie noch einen Monat vor mir herschiebe.“

Frau Celik tippte auf ihrer Tastatur. „Und der Freund Ihrer Schwester, der den Koffer in München abholen sollte — wie heißt er?“

„Ich weiß es nicht. Katja hat gesagt, er steht mit einem grünen Fahrradhelm am Ausgang Nord.“

Sie sah mich an, als wartete sie auf den Rest. Aber der Rest fehlte. Nicht bei ihr. Bei mir.

Die Nacht haben wir nicht auf der Wache verbracht. Der Mann aus Wagen 7 verzichtete auf eine Strafanzeige. Er kam noch in den Eingangsbereich der Wache, um sich zu vergewissern, dass der Koffer ungeöffnet geblieben war. Er trug einen teuren Mantel und sprach mit dem Beamten am Empfang im Flüsterton, aber ich hörte ihn fragen: „Hat die Frau das Kind dabei?“ Der Beamte nickte. Der Mann fuhr sich mit der Hand über den Hinterkopf und ging. Ich habe ihn nicht wiedergesehen. Was in dem Koffer war, habe ich nie erfahren. Frau Celik sagte nur, das Verfahren sei eine Sache der Bundespolizei, nicht meine.

Katja habe ich noch am selben Abend geschrieben: „Der Koffer ist weg. Ich sitze in Dortmund. Die Bundespolizei hat alles aufgenommen. Sag mir, dass da nichts drin war, was mich in die Zeitung bringt.“

Sie schrieb nach einer halben Stunde: „Du warst doch schon mal so stur. Warum hast du nicht gesagt, dass es deiner ist?“

Ich habe das Handy vor Jonas' Gesicht weggedreht, damit er nicht sieht, was ich lese. Aber Jonas hat längst gelesen, was er nicht soll, und er kann nicht schlafen, wenn ich nicht schlafe.

Am nächsten Morgen fuhren wir mit dem Regionalexpress weiter nach München — der ICE 786 war für uns nicht mehr vorgesehen, das hatte die Bundespolizei so vermerkt. Frau Brandt hatte im selben ICE-Abschnitt gesessen, irgendwo zwischen Bielefeld und Dortmund war sie an einen anderen Platz gewechselt. Jetzt, im Regionalexpress, war sie nicht mehr da. Ich schrieb ihr über die Messenger-Funktion der DB App, aber ich hatte ihre Nummer nicht, nur den Namen, den ich mir gemerkt hatte. Die Nachricht blieb unbeantwortet.

In München ging ich zum Fundbüro der Bundespolizei. Ich gab meinen Namen an, legte die Kopie der Niederschrift aus Dortmund auf den Tresen. Ein Beamter kam mit einem zerknitterten Zettel und sagte: „Das Verfahren ist eingestellt, weil der Geschädigte keine Anzeige wünscht. Sie bekommen eine Verwarnung wegen Erschleichens einer Leistung und einen Vermerk in der Akte.“ Er schob mir einen Antrag auf Ratenzahlung für die fälligen 90 Euro hin.

Ich lehnte den Ratenplan ab. Ich wollte keine Raten. Ich legte die 90 Euro bar auf den Tresen, Münzen und einen zerknäulten Zehn-Euro-Schein. Jonas stand hinter mir und hielt meinen Ärmel.

„Mama, sind wir jetzt arm?“

Ich hob ihn auf die Hüfte. „Wir sind nicht arm. Wir schulden nichts mehr.“

Im Treppenhaus von Oma Helga blühte der Weihnachtskaktus. Er warf Schatten auf die Milchglasfenster. Oma drückte Jonas lange an sich und fragte: „Habt ihr denn was gegessen?“ Ich sagte: „Ja, aber wir bezahlen nicht mit Geld, das mir jemand für einen Koffer gibt, den ich nicht kenne.“

Sie verstand nicht ganz. Das war auch nicht nötig.

Die Bewerbung für die Stelle bei der Fahrgastbetreuung hatte ich schon im Juli abgeschickt, noch bevor Katja überhaupt vom Koffer gesprochen hatte. Am Dienstag, drei Tage nach München, rief die Personalstelle zurück. Eine Frau erklärte mir knapp, es gebe eine Absage: Die Verwarnung wegen Erschleichens sei zwar kein automatischer Ausschlussgrund, aber bei zwei gleich qualifizierten Bewerbern falle die Entscheidung eben anders aus. Sie wünschte mir viel Erfolg für die Zukunft und legte auf, bevor ich fragen konnte, welche zwei Bewerber sie meinte.

Ich saß danach lange am Küchentisch. Oma schälte einen Apfel, in einem langen, ununterbrochenen Band. Ich nahm mir eine Scheibe Brot und sammelte mit der Fingerspitze die Krümel auf, die auf dem Wachstuch lagen. Draußen fiel der Regen auf das Glasdach des Hinterhofs. Die Krimiserie im Fernsehen lief gedämpft durch die Tür. Jonas rief aus dem Zimmer: „Mama, der Dino kann fliegen!“

Ich nahm den Rest Geld aus der Hosentasche: einen Fünfer und zwei Zwanzig-Cent-Stücke. 5,40 Euro. Mehr hatte ich nicht mehr bei mir. Ich legte sie in ein leeres Marmeladenglas auf dem Fensterbrett und spülte das Messer ab, mit dem ich das Brot geschnitten hatte. Kaltes Wasser brannte an den Händen.

Dann ging ich zurück ins Zimmer, legte mich neben Jonas und blieb wach, bis die Regenrinne aufhörte zu tropfen. Um 3:07 Uhr weckte mich das Handy mit einem Erinnerungston: „Rückruf: Katja.“ Ich drückte auf „Später“ und schlief bis sieben.

Zwei Wochen später fand ich eine Aushilfsstelle im Lager eines Getränkegroßhändlers in Berg am Laim, drei Tage die Woche, während Jonas in der Schule war. Die Bezahlung war schlechter als das, was mir die Gewerkschaft in Aussicht gestellt hatte, aber der Zettel, den ich unterschrieb, verlangte keine Erklärung über offene Rechnungen. Die Rechnung von Stefan über 612,40 Euro habe ich trotzdem noch im selben Monat bezahlt, mit drei Klicks und einem Verwendungszweck, der aus dem Zettel der Nebenkostenabrechnung herausgetippt war. Am Ende stand da: „Vielen Dank für Ihre Überweisung. Beleg: 1108 4521 3F6A.“ Ich drehte das Handy weg, damit Jonas den Beleg nicht sah. Aber Jonas saß auf dem Teppich und baute eine Stadt aus Dosen – die Stadt, in der wir einmal wohnen würden, sagte er.

Am Abend schrieb ich Katja: „Ich habe den Koffer zurückgegeben. Es hat mich einen Job gekostet, den ich noch gar nicht hatte. Sag deinem Freund, er soll beim nächsten Mal selbst fahren.“

Katja antwortete erst am nächsten Morgen. „Er hat gesagt, du bist zu ehrlich für diese Stadt.“

Ich schrieb nichts zurück. Ich schaute auf den Wecker, der 6:58 anzeigte, und auf den Dino auf dem Nachttisch, der mit ausgebreiteten Armen auf dem Rücken lag.

Der Zug nach München hatte an diesem Abend Verspätung. 23 Minuten, laut der App. Ich saß auf dem Balkon von Omas Wohnung, trank kalten Tee aus einem Senfglas und hörte die S-Bahn unten vorbeifahren. In der Küche lief der Kühlschrank, und irgendwo im Haus fiel eine Tür ins Schloss. Ich dachte an Frau Brandt, an ihren Rollkoffer, an den Moment, in dem sie gesagt hatte: „Ich habe für diesen Platz bezahlt.“ Sie hatte recht. Es war nicht ihr Problem, dass ich für meinen nicht bezahlen konnte.

Ich nahm das Senfglas und ging in die Küche. Das Glas war nicht unseres, es stammte von einem Mieter vor uns. Auf dem Etikett stand „Bautz'ner“. Oma wusch es immer aus und benutzte es weiter, weil man, wie sie sagte, nichts wegwirft, solange man es noch mit Wasser füllen kann.

Ich spülte das Glas aus, stellte es in den Schrank und nahm den Zettel mit der Nummer der Bundespolizei aus der Aktenmappe. Darunter lag ein weiterer Zettel, handgeschrieben: „Bundespolizei Dortmund, Vorgangsnummer 4431-7/21.“ Ich faltete ihn einmal längs, steckte ihn in die Innentasche der Aktenmappe und stellte die Mappe neben die Wohnungstür.

Dann legte ich mich zu Jonas ins Bett. Er hatte die Decke über den Kopf gezogen, nur die Zehen schauten heraus. Ich zog die Decke über seine Füße und machte das Licht aus. Im Dunkeln hörte ich, wie der Weihnachtskaktus auf dem Fensterbrett im leichten Zugwind seine Blätter bewegte, einmal, zweimal. Dann kam der Regen. Er klopfte auf das Glasdach des Hinterhofs, und ich zählte die Tropfen, bis ich die Zeit nicht mehr auseinanderhalten konnte: die Stunden im Zug, die Nächte in Dortmund, die 5,40 Euro, die Frau im Wollmantel, den Jungen, der auf meinem Schoß geschlafen hatte, und den Koffer, der einem Mann in Wagen 7 gehörte, der nie wieder einen Koffer im Treppenhaus von Essen stehen lassen würde.

Ich schlief ein, ohne zu wissen, ob ich je wieder in einen ICE steigen würde. Auf dem Nachttisch stand der Dino, die Arme ausgebreitet, den Blick zur Zimmerdecke gerichtet, während Jonas im Schlaf einmal seinen Namen murmelte und sich zur Wand drehte.

Rate article
Fajna Tajna
Die Mutter