Herzentscheidung

Die Bremsen des alten E-Bikes quietschten schrill, als Hanna am Rande des Treptower Parks von der Strecke abkam. Im Dämmerlicht bewegte sich etwas auf dem Radweg, ein ruckender Schatten, der nicht wich. Sie stieg ab und ging langsam näher. Was sie sah, schnürte ihr die Kehle zu.

Ein Kater, schmutzverkrustet und abgemagert, taumelte orientierungslos umher. Sein Kopf steckte in einer halb abgeschnittenen Plastikflasche, die ihm die Sicht nahm und kaum Luft zum Atmen ließ. Er zitterte am ganzen Leib, und als Hanna die Hände ausstreckte, fauchte er nicht einmal – er hatte nicht mehr die Kraft.

„Tom… ich hab hier ein Tier, das stirbt mir fast. Warte auf mich!“, rief sie in ihr Handy, kaum dass sie die zweite Hand unter den federleichten Körper geschoben hatte.

Zwanzig Minuten später schob sie die Tür zur Tierarztpraxis in der Boxhagener Straße auf. Tom, ihr bester Freund seit der Schulzeit, nahm ihr das Bündel sofort ab und verschwand im Behandlungsraum. Hanna setzte sich auf die schmale Bank im Flur und starrte auf die geriffelte Sohle ihrer Sneaker, während die Zeiger der Wanduhr über ihr weitersprangen.

Als Tom zwei Stunden später wieder herauskam, war sein Kittel nass und sein Lächeln müde. „Der hat vielleicht ein Glück gehabt, dass du ihn gefunden hast. Noch ein halber Tag – und ich hätte nichts mehr machen können. Ich behalte ihn die Nacht hier. Ich hab heute Bereitschaft.“ Er sah ihren wässrigen Blick und legte ihr eine Hand an die Wange. „Ach, Hanna. Es wird gut. Erinnere dich, wie wir früher auf der Wiese die verletzten Eichhörnchen gesammelt haben? Das hier kriegen wir auch hin.“

Hanna nickte. Tom und sie wohnten seit jeher Tür an Tür in einem schmalen Hinterhaus, und solange sie zurückdenken konnte, war Tom der Fels gewesen, an dem sie sich festhielt. Ihre Mutter Birgit hatte nach dem Tod des Vaters die Konturen verloren. Der Schnaps roch morgens stärker als der Kaffee, und wenn Hanna nach der Schule heimkam, lag Birgit oft mit hängendem Bein auf dem durchgelegenen Sofa, während leere Flaschen unter dem Couchtisch überquollen. Tom hatte nie viel dazu gesagt. Er war einfach da, wenn die älteren Jungs sie auf dem Schulweg ärgerten, und später, als sie anfing, auf ihrem rostigen Fahrrad Kurierfahrten zu machen, um ihr Übersetzungsstudium zu finanzieren, half er ihr, die Kette zu ölen.

Eine Woche lang pendelte Hanna jeden Nachmittag in die Praxis. Der Kater, ein grau-rot getigertes Skelett mit riesigen Ohren, drückte sich zuerst angstvoll in die hintere Ecke des Käfigs. Tom nannte ihn vorsichtig „Paul“, weil eine Pfote dünner war als die andere und an ein Klumpfuß-Gefieder erinnerte. Langsam gewöhnte sich Paul an die beiden. Er schnurrte, wenn Hanna mit der Fingerspitze hinter seinen Ohren kraulte, und sprang eines Abends sogar von selbst in ihre Transportbox.

Birgit winkte ab, als Hanna mit der Box hereinkam. „Hauptsache, du fütterst ihn. Meine Kohle reicht nicht für das Vieh.“ Hanna sagte nichts. Sie nannte ihn von da an Paul, und er bezog seinen festen Platz auf der Heizdecke in ihrem Zimmer. Tom erklärte ihr, dass Paul ungefähr vier Jahre alt sein müsse, aber ein Herzgeräusch und eine alte Verletzung an der Vorderpfote ihn für Transporte oder Flüge ungeeignet machten. „Starke Belastung wäre das Aus für ihn“, sagte Tom und strich dem Kater über den Kopf. Hanna lachte. „Und dabei wollte ich mit ihm an die Côte d’Azur jetten.“ Beide wussten, dass Flugtickets für sie so fern lagen wie ein eigenes Unternehmen.

So vergingen zwei Jahre. Hanna schloss ihr Studium mit Auszeichnung ab und lieferte weiterhin auf dem E-Bike Akten und Übersetzungsproben aus. An einem regnerischen Dienstag nahm sie eine Sendung für eine große Immobilienfirma in der Friedrichstraße an. Die Sekretärin war gerade mit dem Scanner beschäftigt, als eine Tür aufflog und ein Mann im maßgeschneiderten Anzug auf den Flur stürzte. „Verdammt, in einer Stunde sitzen die Investoren aus London hier, und kein einziger Dolmetscher ist aufzutreiben!“

Hanna zögerte zwei Herzschläge lang, dann trat sie vor. „Ich bin Dolmetscherin. Englisch und Russisch, Fachrichtung Wirtschaft.“ Die Sekretärin riss die Augen auf, aber der Mann musterte Hanna nur kurz und winkte sie mit.

Christian Meier war fünfunddreißig, trug Manschettenknöpfe aus Emaille und hatte die ruhige Gewissheit eines Mannes, der in jedem Raum den höchsten Preis verhandeln kann. Nach dem Meeting bot er ihr eine Festanstellung an. „Sie haben Nerven, Hanna. Das gefällt mir.“ Sie nahm an, und zwei Monate später, als sie in seinem Dienstwagen saß und er ihr ein filigranes Armband um das Handgelenk legte, glaubte sie zum ersten Mal in ihrem Leben, dass das Glück tatsächlich eine Adresse haben könnte.

Tom bemerkte die Veränderung zuerst an ihrem Schweigen. Sie rief nicht mehr an, wenn sie spät von der Arbeit kam. Sie brachte ihm keine der selbstgebackenen Zimtbrötchen mehr mit, die es zu jedem Anlass gegeben hatte. Seine beste Freundin Niklas stieß ihn eines Abends in die Rippen. „Sag es ihr endlich, sonst frisst es dich noch auf. Was hast du von all diesen Jahren, wenn du immer nur ‚der Gute‘ bist?“ Tom schüttelte den Kopf. Aber an seinem Geburtstag, als er die Kerzen auf dem Tisch löschte und Hanna mit ihrer gewohnten Begeisterung ins Zimmer platzte, war er bereit.

„Tomi, alles Gute! Ich hab was zu erzählen.“ Sie drückte ihm ein Paket in die Hand und setzte sich zu ihm auf die Fensterbank. Ihre Augen leuchteten, und bevor er den Mund öffnen konnte, sprudelte es aus ihr heraus. „Christian hat mir heute einen Antrag gemacht. Wir ziehen im Sommer nach London. Stell dir vor – mein Traum vom Ausland, die ganze internationale Arbeit. Nur Paul können wir nicht mitnehmen. Christian ist hochallergisch, und der Flug würde Pauls Herz nicht mitmachen. Tom, bitte – kannst du ihn nehmen? Du bist der Einzige, dem er vertraut. Bitte. Du hast doch selbst gesagt, er braucht Ruhe.“

Tom saß da, als hätte ihm jemand einen Eimer Eiswasser ins Genick geschüttet. Das Strahlen auf Hannas Gesicht war echt, und er erkannte in diesem Moment, dass sein eigenes Geständnis unter diesem strahlenden Licht begraben werden musste. Er lächelte breit und nahm ihre Hand. „Mach dir keine Sorgen, Hanna. Paul bleibt bei mir, das verspreche ich. Hauptsache, du bist glücklich.“ Sie fiel ihm um den Hals, und er hielt sie so fest, dass es wehtat.

Die Wochen vor dem Abflug rasten dahin. Hanna kündigte ihre kleine Wohnung und brachte Paul in Toms Praxis, wo er ihn in den Käfig am Fenster setzte. Je näher der Tag rückte, desto schwerer wurde ihr Atem. Die freudige Aufregung, die sie sich selbst immer wieder einredete, zersplitterte jedes Mal, wenn sie morgens die Augen öffnete und an Toms Gesicht auf der Geburtstagsfeier dachte – so warm und dann so plötzlich leer.

Am Abend vor dem Flug besuchte sie Christian in seiner Wohnung über den Dächern von Prenzlauer Berg. Er hatte Gäste, aber er zog sie kurz auf den Balkon. „Hanna, ich hab dir doch gesagt – das Tier kann nicht mit. Wir bauen uns ein neues Leben auf. Ich will dich nicht wegen einer Allergie in Tablettenabhängigkeit sehen.“ Er sprach es aus, als wäre es eine mathematische Gleichung. Und in der kalten Logik seiner Worte spürte sie den Riss durch ihre Brust.

Am nächsten Morgen stand sie vor der Abflugtafel im Berliner Flughafen. Christian checkte die Koffer ein, während Hanna auf die erlöschergrünen Lettern des Fluges nach London starrte. Hinter dem Terminalfenster hob eine Maschine ab, und das Dröhnen zog durch ihren ganzen Körper. In ihrer Tasche vibrierte das Handy – eine letzte Nachricht von Tom: ein Bild von Paul, zusammengerollt auf seiner Fensterbank, darunter die Zeile: „Er sucht dich noch überall. Mach’s gut, Hanna.“

Sie spürte einen kalten Schwall, als müsste sie sich übergeben. Christian trat neben sie und reichte ihr die Bordkarte. „Komm, Süße, das war’s.“ Sie nahm die Karte, sah sie an und legte sie auf den Gepäckwagen zurück. „Ich kann nicht, Christian.“ Ihre Stimme war brüchig, aber sicher. „Ich kann nicht ohne Paul, und ich will nicht ohne Tom.“ Christian starrte sie an, verstand aber nicht wirklich. Er hob die Hand, sagte etwas, das sie nicht hörte, und blieb zurück, als sie sich umdrehte und ging.

Der Taxifahrer, der sie an der Vorfahrt aufnahm, sagte nichts, als sie die Adresse in der Boxhagener Straße nannte. Erst an der ersten Ampel murmelte er: „Manche kommen nie zum Abflug. Vielleicht aus gutem Grund.“ Sie antwortete nicht. Sie presste die Stirn an die Scheibe und sah die vertrauten Häuserfronten an sich vorbeiziehen.

Die Tür zu Toms Praxis stand einen Spalt offen. Durch die Glasscheibe erkannte sie ihn, wie er mit hängendem Kopf an seinem Schreibtisch saß, Paul auf dem Schoß. Der Kater hob als Erster den Kopf und starrte zur Tür. Tom folgte seinem Blick, und als er Hanna erkannte, verließ alle Farbe sein Gesicht.

Sie trat ein und schloss die Tür hinter sich leise.

„Damals, an deinem Geburtstag – was wolltest du mir sagen, als ich dich unterbrochen habe?“, fragte sie und hielt seinen Blick fest.

Tom antwortete nicht sofort. Er stand auf, Paul glitt von seinem Schoß und strich schnurrend um Hannas Beine. Dann machte er zwei Schritte und nahm ihr Gesicht in beide Hände, so behutsam, als wäre sie ein verängstigtes Tier. „Dass ich dich nicht verlieren will. Und dass ich jeden Abend in den Himmel geschaut habe und gehofft habe, du siehst ihn auch.“ Seine Daumen strichen die Feuchtigkeit unter ihren Augen fort.

Hanna schmiegte ihre Wange in seine Handfläche. Paul sprang auf den leer stehenden Stuhl und begann zu schnurren, als wäre es die selbstverständlichste Sache der Welt. „Ich kann nicht leben ohne euch beide“, flüsterte sie.

Tom senkte die Stirn auf ihre, und als er endlich lächelte, war es das erste Mal seit Wochen so, dass es seine Augen ganz erreichte. Paul schloss die Lider, und die Nachmittagssonne zeichnete helle Streifen auf den alten Dielenboden.

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Fajna Tajna
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