Ich stand da wie ein begossener Pudel, während Wagner sich vor den anderen wichtig machte. Seine Krawatte zog sich so straff um den Hals, dass sein Kopf aussah wie eine überreife Tomate. „Das ist keine Spielwiese für kleine Mädchen, die noch nie ’ne richtige Maschine von innen gesehen haben“, bellte er, griff sich eine Schürze vom Haken und warf sie mir vor die Füße. Die Schürze klatschte auf den Fliesenboden der alten Schokoladenmanufaktur, ein feuchter Fleck breitete sich aus. „Wenn du schon hier rumstehst und Löcher in die Luft starrst, kannst du wenigstens den Dreck von der Fräse schrubben. Los, mach schon!“
Ich bückte mich. Meine Knie knackten leise. Mir war heiß unter dem ungewohnten Haarnetz, eine Strähne klebte an der Schläfe. Die anderen Mitarbeiter, drei Frauen und ein junger Kerl mit Akne, senkten die Köpfe über die Förderbänder. Keiner sagte was. Nur das Summen der Temperieranlage und das Klackern der Gießformen.
Ich hatte mir den ersten Tag anders vorgestellt. Als ich um halb sieben morgens durch den Hintereingang der kleinen Fabrik in der Kopenhagener Straße getreten war, roch es nach gerösteten Mandeln und alter Kupferrohrleitung, nach Großvaters Reich. Die Manufaktur “Schokogold” war sein Lebenswerk gewesen, vier Stockwerke altes Gemäuer im Münchner Westend. Vor drei Monaten hatte ich seinen Brief geöffnet, zusammen mit dem Testament, und fast den Kaffee über die Notarurkunde geschüttet. Die Firma war jetzt meine. Aber niemand hier kannte mein Gesicht. Großvater hatte den Betrieb immer mit einer Mischung aus knorriger Distanz und altmodischer Anwesenheitspflicht geführt. Der einzige, der mich als Kind gesehen hatte, war der Buchhalter Herr Kowalski, und der war seit dem Frühjahr in Rente.
Ich wischte mit dem Ärmel über die Stirn und griff nach dem Schrubber. Wagner, der Produktionsleiter, beobachtete mich mit verschränkten Armen. Sein Atem roch nach kaltem Filterkaffee. „Na wird’s bald? Oder soll ich jemanden rufen, der dir zeigt, wie man einen Lappen hält?“ Er lachte trocken. Niemand lachte mit.
Irgendwann am späten Vormittag, als ich den zweiten Eimer mit Seifenlauge aus dem Abfluss hievte, hörte ich ihn mit einem der Fahrer telefonieren. „…Quatsch, das ist nur so eine Aushilfe vom Amt. Schaut aus wie ’ne Studentin, die noch nie im Leben ’ne Stechuhr gesehen hat. Wenn die Freitag noch da ist, fress ich ’nen Besen.“ Er knallte den Hörer auf die Gabel. Ich tauchte den Lappen ein und zählte im Kopf die Minuten bis zur wöchentlichen Abteilungsrunde um vier.
Die Stunden zogen sich wie Honig im Januar. Ich schleppte Schokoladenblöcke von der Kühltrommel zum Packtisch, durfte aber nichts anfassen, was mit der eigentlichen Rezeptur zu tun hatte. Immer war Wagner in der Nähe, immer dieser abfällige Ton. Einmal ließ ich versehentlich eine Plastikkiste mit Bruchschokolade scheppern, und er kam sofort angeschossen: „Toll, jetzt kann die feine Dame nicht mal ’ne Kiste heben, ohne Verwüstung anzurichten. Hauptsache, der Lippenstift sitzt.“ Ich trug gar keinen Lippenstift. Aber ich biss die Zähne zusammen und stellte die Kiste wieder hin.
Das Schlimmste war nicht die Plackerei, sondern das Gefühl, Luft zu sein – außer wenn Wagner jemanden zum Anpflaumen brauchte. Dann war ich die ideale Zielscheibe. Einmal hörte ich, wie eine der Packerinnen, eine Frau um die fünfzig mit tätowierten Unterarmen, leise zu ihrem Kollegen sagte: „Der Alte hat wieder einen schlechten Tag. Besser, die Kleine geht ihm aus dem Weg.“ Ich lächelte sie an, wollte etwas sagen, aber Wagner rief schon wieder nach mir.
Um Viertel vor vier zog ich mich auf die Mitarbeitertoilette im Souterrain zurück. Der Spiegel war blind, das Waschbecken von Seifenresten verschmiert. Ich wusch mir das Gesicht, das Wasser war eiskalt. In der kleinen Tasche meines Rucksacks lag das schwarze Jackett, das ich am Morgen eingepackt hatte, und die Kette mit dem alten Siegelring meines Großvaters. Ich streifte den Kittel ab, legte den Schmuck um und kämmte mir die Haare streng zurück. Als ich mich im schmalen Flur Richtung des gläsernen Besprechungsraums im dritten Stock bewegte, kamen mir zwei Gesellen entgegen und musterten mich verwirrt. Ich sagte nichts, nickte nur kurz.
Der Konferenzraum war ein Relikt aus Sechzigerjahren, holzvertäfelt und mit einem schweren Messingkronleuchter, aber die Aussicht auf die Kamine der alten Isarvorstadt war an diesem Nachmittag milchig vom Herbstnebel. Außer dem runden Tisch standen da zwölf Stühle, und bis auf meinen Platz am Kopfende waren alle besetzt, als ich eintrat. Ein leises Gemurmel brach ab. Wagner saß drei Plätze von mir entfernt, kaute auf einem Zahnstocher und starrte mich an, als hätte ich im Falschparken seinen Wagen zerkratzt.
„Was soll der Quatsch?“, blaffte er. „Das ist ’ne geschlossene Besprechung. Für Aushilfen ist der Pausenraum im Keller. Verpiss dich, aber zackig.“ Er wedelte mit der Hand, als scheuchte er eine Fliege.
Ich zog den Stuhl zurück, setzte mich und legte die Handflächen flach auf die kühle Tischplatte. Meine Stimme klang fester, als ich mich fühlte. „Mein Name ist Lena Gerold. Ich bin die Enkelin von Walter Gerold und die neue Eigentümerin der Schokogold Manufaktur GmbH. Ab heute übernehme ich die Geschäftsführung.“ Im Raum wurde es so still, dass man das leise Sirren des alten Kühlaggregats durch die Wand hörte.
Wagners Zahnstocher fiel aus dem Mund, trudelte über die Kante und landete auf seinem Ärmel. Sein Gesicht wechselte von geringschätzigem Grinsen zu ungläubigem Blass. Er starrte mich an, seine Kiefer mahlten. „Das is’n Witz, oder? Sie wollen mich verarschen.“ Aber sein Ton war auf einmal ganz klein, fast fiepend.
Ich schüttelte langsam den Kopf und sah in die Runde. Die Packerin mit den Tattoos lächelte ungeniert, der Aknebursche hielt sich die Hand vor den Mund. Ich fuhr fort: „Herr Wagner, Sie haben mich heute nicht nur vor dem gesamten Team gedemütigt, Sie haben mir auch sehr genau vorgeführt, wie Sie mit Menschen umgehen, die Sie für unterlegen halten. Ich habe alles beobachtet. Wie Sie Frau Ordowski den Lohn gekürzt haben, weil sie zwei Minuten später aus der Pause kam. Wie Sie Azubi Janusz vor Kunden als »untauglich« bezeichnet haben. Ihr Führungsstil ist ein einziges Armutszeugnis für diese Firma.“ Ich holte Luft. „Deshalb ist Ihre Anwesenheit hier ab sofort nicht mehr erwünscht. Sie werden noch heute Ihre persönlichen Sachen packen und das Gelände verlassen. Die Kündigung geht Ihnen schriftlich zu, einvernehmliche Aufhebung mit drei Monaten Freistellung, wenn Sie jetzt ohne Theater gehen. Andernfalls fristlose Entlassung wegen massiver Pflichtverletzung und Menschenunwürdigkeit. Ich lass das im Zweifel von meinem Anwalt klären.“
Wagner stand so ruckartig auf, dass sein Stuhl gegen die Fensterbank krachte. Seine Stimme überschlug sich. „Das können Sie nicht machen! Ich bin fünfundzwanzig Jahre hier! Ihr Großvater hätte so was nie zugelassen…“ Sein Blick fuhr suchend durch die Gesichter der Kollegen, aber niemand sah ihm in die Augen. Frau Ordowski sortierte demonstrativ Klarsichthüllen.
„Großvater wusste nur zu gut, was für ein Ton hier unten herrschte, und er hat mich gebeten, mir ein eigenes Bild zu machen. Genau das habe ich getan.“ Ich schob einen dünnen Ordner über den Tisch, in dem ich am Morgen alle Vermerke gesammelt hatte. Kein einziges freundliches Wort war darin vermerkt. „Die Personalabteilung informiert Sie über die Restformalitäten. Sie können jetzt gehen, Herr Wagner. Die Tür ist hinter Ihnen.“
Er stand da, schwer atmend, die Faust um den Rand des Tischs geballt. Einen Moment lang dachte ich, er würde etwas kaputt schlagen. Aber dann sackten seine Schultern ab. Er schnappte sich seine Aktentasche, murmelte etwas von „das werdet ihr noch bereuen“ und stapfte hinaus. Die Tür fiel mit einem lauten Klicken ins Schloss.
Im Raum war es, als hätte jemand den Schalter einer drückenden Maschine umgelegt. Frau Ordowski klatschte einmal kurz in die Hände und hielt sich dann erschrocken den Mund zu. Ein paar andere lachten befreit auf. Ich atmete tief durch, spürte den kühlen Fluss der Erleichterung im Nacken, und lehnte mich einen Zentimeter zurück.
Wir redeten noch kurz über die nächsten Schritte, ich versprach transparente Betriebsversammlungen und eine richtige Kaffeemaschine für die Kantine. Dann löste sich die Runde auf, und ich blieb allein im Raum zurück. Das letzte Tageslicht kroch über die Dächer, und ich betrachtete meinen Großvaters Ring an meinem Finger.
Später ging ich noch einmal in die Produktion, jetzt in normaler Kleidung und ohne Haarnetz. Die Maschinen standen still, die leeren Gießformen glänzten im Halbdunkel. Aus der Kühltruhe nahm ich eine frische Tafel Bitterschokolade mit Meersalz, die der Konditor am Morgen noch ohne mein Wissen für eine Verkostung vorbereitet hatte. Ich brach ein Stück ab und ließ es langsam auf der Zunge schmelzen. Es schmeckte nach gerösteten Haselnüssen, nach Vanille und nach einem langen Tag, der gerade richtig zu Ende ging.
Draußen auf der Straße hörte ich eine Autotür zuschlagen, viel zu fest, und kurz darauf ein aufheulendes Motorengeräusch, das im Abendnebel verklang. Ich kaute und lächelte. Kein Besen weit und breit.




