Du wirst noch vertrocknen ohne Mann

An einem Freitag Ende März stand Florian vor meiner Tür. Es war kurz nach sechs, und draußen hing schon dieser laue Frühlingsabend, bei dem die Luft nach nasser Erde und Abgasen roch. In der Hand hatte er einen schwarzen Müllsack, prall gefüllt, oben mit einem dieser gelben Kabelbinder zugezurrt, die er vermutlich aus dem Baumarkt in Berlin-Neukölln mitgenommen hatte. „Maren hat den Dachboden ausgemistet“, sagte er und lächelte dabei dieses vertraute Lächeln, das ich früher so geliebt hatte. „Da sind noch ein paar alte Klamotten von dir drin. Ich dachte, die willst du vielleicht zurück.“ Maren hatte den Dachboden ausgemistet. In dem Haus, das wir gemeinsam in Pankow gekauft und renoviert hatten. Mit dem Geld aus meinem ersten großen Auftrag als Illustratorin. Ich sah kurz auf seine Hand, die den Sack hielt, und bemerkte den Ehering, einen neuen, schmalen, aus Weißgold, der mich im Schein der Straßenlaterne fast blendete. Ich sagte nichts. Ich nahm den Sack, stellte ihn neben die Haustür und schloss sie, ohne mich umzudrehen, wieder ab.

Wir hatten uns in der Designhochschule kennengelernt. Er war einer dieser Menschen, die einen Raum betreten und sofort alle Blicke auf sich ziehen. Unser gemeinsames Leben war ein Sammelsurium aus WG-Partys, langen Ateliernächten und dem festen Glauben, dass wir beide die Welt verändern würden. Geendet hatte es an einem verregneten Mittwoch, als ich auf dem iPad, das wir uns teilten, die iCloud-Synchronisierung aktiviert hatte und plötzlich Fotos sah, die nicht für meine Augen bestimmt waren. Maren in unserer Badewanne, ihren Kopf an den Rand gelehnt, die Augen geschlossen. Unsere Badezimmerfliesen, die wir mühsam von einem polnischen Fliesenleger hatten verlegen lassen. Unser Wasserhahn, an dem ich drei Monate lang gespart hatte. Ich hatte keine Szene gemacht. Ich hatte nicht geschrien, kein Geschirr geworfen und keine Freunde in hysterische Telefonate verwickelt. Ich hatte meinen alten Rimowa-Koffer vom Schrank geholt, meine Sachen gepackt und war gegangen. Ohne ein Wort. Ohne eine Träne. Und dieser Mangel an Drama war etwas, das Florian mir bis heute übel nahm. Er brauchte das Chaos. Er brauchte den Beweis, dass mein Leben ohne ihn in Trümmern lag. Stattdessen hatte ich mir eine kleine Wohnung in einem Kreativhof in Kreuzberg gesucht und mich in die Arbeit gestürzt, als wäre nichts gewesen.

Im Treppenhaus begegnete mir Lukas, der sein Fahrrad aus dem Keller holte. Er wohnte eine Etage über mir und war Tischler. Er hatte diese ruhigen Augen und Hände, die immer aussahen, als könnten sie etwas reparieren. „Brauchen Sie Hilfe mit dem Sack?“, fragte er und nickte zu dem schwarzen Ungetüm an meiner Tür. Ich winkte ab, aber er nahm ihn trotzdem und trug ihn in meine Wohnung. Von seinen Haaren stieg ein Geruch auf, eine Mischung aus Motorenöl und frischem Sägemehl. Er stellte den Sack in meinen Flur und war schon wieder verschwunden, bevor ich richtig Danke sagen konnte. Ich schnürte den Kabelbinder auf. Obenauf lag ein alter Kaschmirschal, den ich auf einem Flohmarkt in Prenzlauer Berg gekauft hatte. Darunter kam unser Hochzeitsalbum zum Vorschein. Ich klappte es nicht auf. Ganz unten, fast am Boden, fand ich ein altes Skizzenbuch und eine fast leere Flasche meines Lieblingsparfums. Das Parfum hatte Florian mir zum zweiten Jahrestag geschenkt, und ich hatte es nie benutzt, weil ich den Geruch von billigem Jasmin hasste. Alles davon war Müll, sorgfältig drapiert, um mir zu zeigen, dass mein Platz in dieser neuen Welt ausgeräumt war. Ich verknotete den Sack wieder, trug ihn runter zu den Müllcontainern im Hinterhof und stellte ihn neben die blaue Papiertonne.

Um mich abzulenken, rief ich meine älteste Freundin Teresa an. Wir kannten uns seit dem ersten Semester. Sie war die Patentante unserer gescheiterten Träume, die Erste, die nach der Trennung mit veganem Zitronenkuchen und einer Flasche Rotwein vor meiner Tür gestanden hatte. Ich erzählte ihr von dem lächerlichen Müllsack, von dem neuen Ring, von der ganzen erbärmlichen Show. „So ein Idiot“, sagte sie mit ihrer warmen Stimme. „Meinst du, er will dich damit nur provozieren?“ Ich lachte kurz auf. „Das ist alles, was er noch kann.“ Sie seufzte verständnisvoll. Später an diesem Abend tanzte ich. Es war eine Angewohnheit aus Studentenzeiten. Wenn die Welt zu schwer wurde, räumte ich den kleinen Tisch in der Küche beiseite, machte das Licht aus, ließ vom Hof die Straßenlaterne in den Raum scheinen und tanzte, barfuß, die Augen geschlossen, zu einem alten Nina-Simone-Song. Es kümmerte mich nicht, wer mich sah. Der Rhythmus spülte den Frust aus meinen Knochen. Von oben hörte ich Lukas’ akkurates Hämmern. Es klang nicht nach Lärm. Es klang nach etwas, das Form annahm.

Ein paar Wochen später war die Einweihungsparty von Leas und Davids neuem Loft. Die gesamte alte Clique würde da sein. Und natürlich auch Florian und Maren. Ich zog mein schlichtes schwarzes Kleid an und ging hin. Ich hatte keine Angst. Ich hatte nur keine Lust. Das Loft in Friedrichshain war beeindruckend, mit riesigen Fabrikfenstern und nackten Ziegelwänden. Ich setzte mich mit einem Glas Weißwein in eine ruhige Ecke. Maren sah blendend aus in ihrem rostroten Hosenanzug, und sie wusste es. Florian trug ein teures Leinenhemd und wirkte noch braungebrannt vom letzten Urlaub. Im Laufe des Abends, als die Stimmung durch die Musik und den Alkohol gelöst war, suchte er mehrmals meine Nähe. Er prostete mir über den Tisch hinweg zu und warf mir diese Mitleidsblicke zu, die er neuerdings so perfektioniert hatte. Schließlich kam er, eine Flasche Sekt in der Hand, zu mir herüber. Maren war im Bad. „Na, Eva?“, sagte er und goss sich nach, ohne zu fragen. „Immer noch allein? Du musst aufpassen. Mit fast vierzig und ohne Mann, da bist du doch bald völlig ausgetrocknet. Soll ich dich mit Marevs Bruder bekannt machen? Der nimmt dich vielleicht noch, wenn du schnell bist.“ Er lachte über seinen eigenen Witz, ein kehliges, selbstzufriedenes Geräusch. Ich lächelte ihn an, ein gelassenes, echtes Lächeln. „Danke für das Angebot. Aber ich komme zurecht.“ Er war sichtlich enttäuscht, dass ich nicht biss. Er klopfte mir auf die Schulter und ging zurück zu seiner Verlobten.

In diesem Moment sah ich, wie Teresas Handy auf der Fensterbank vibrierte. Sie war auf der Toilette. Das Display wurde hell. Und ich konnte die Nachricht lesen, obwohl ich nicht neugierig war. Sie sprang mich einfach an. „Noch sitzt sie allein da. Sieht aus wie bestellt und nicht abgeholt. Mach dir keine Sorgen, Schatz.“ Der Name des Absenders war Florians. Ich spürte, wie die Luft im Raum kälter wurde. Es war, als hätte jemand ein Fenster aufgerissen, mitten im Winter. Ich starrte auf den Bildschirm, während um mich herum gelacht und getanzt wurde. Ich las die Worte wieder und wieder. „Schatz.“ Teresa. Meine Freundin seit fünfzehn Jahren. Und Florian. Mein Exmann. Das war kein einfaches Lästern. Das war eine geplante, koordinierte Überwachung. Ein Datenleck, das ich selbst mit meinen intimsten Gedanken gefüttert hatte. Jedes Tränengespräch nach der Trennung. Jede Unsicherheit. Jede kleine, neu aufkeimende Hoffnung. Alles direkt weitergeleitet an den Mann, der mich systematisch demütigte. Mir wurde nicht heiß vor Wut. Ich wurde eiskalt. Ruhig. Zentriert. Wie ein Skalpell.

Ich sprach sie nicht sofort an. Ich wollte keinen Eklat auf Leas und Davids Party, das hatten sie nicht verdient. Stattdessen stand ich auf und ging zu der kleinen Musikbox in der Ecke. Ich wählte einen Song aus, ein altes Lied, das Teresa und ich in besseren Zeiten immer aufgedreht hatten, ein treibender, fast aggressiver Soul-Stampfer. Ich drehte die Lautstärke auf, ertränkte das Stimmengewirr im Beat und schlängelte mich durch die tanzenden Gäste. Ich stellte mich genau vor Florian und Maren und fing an, mich zu bewegen. Es war kein Tanz, um jemanden zu verführen. Es war ein Statement. Ich tanzte für mich, mit geschlossenen Augen, so wie zu Hause in meiner leeren Küche. Die Musik wummerte durch meinen Körper, und mit jeder Bewegung spürte ich, wie Blicke zu mir wanderten. Als der Song verebbte, war es stiller als zuvor. Ich war nicht außer Atem. Ich sah kurz zu Teresa, deren Gesicht fahl geworden war. Sie hatte ihr Handy in der Hand und wusste genau, dass ich Bescheid wusste. Ich ging zu ihr, nicht aggressiv, sondern beugte mich zu ihrem Ohr. „Ich weiß jetzt, für wen du die Spionin spielst. Und ich weiß jetzt, wessen Liebe du dir damit erkaufen willst. Ich frage mich nur, ob er dich genauso lieben wird, wenn du für ihn nichts mehr zu berichten hast.“ Dann richtete ich mich auf, lächelte in die Runde und sagte so laut, dass es alle hören konnten: „Lea, David, danke für den wunderbaren Abend. Die Musik war großartig. Ich muss jetzt los. Mich mit jemandem treffen, der wirklich ein Mann ist.“ Ich ließ ein kollektives Luftholen zurück und ging.

Die Nachtluft war wie eine Erlösung. Ich ging die lange, von Platanen gesäumte Straße hinunter und merkte, dass ich lächelte. Es war vorbei. Die Verluste waren kalkuliert: eine falsche Freundin und eine noch falschere alte Liebe. Ein halbes Jahr später fand ich zufällig heraus, dass Maren Florian am selben Abend noch verlassen hatte. Die SMS von einem „Schatz“ an eine andere Frau, die Spionage, das war selbst für ihre tolerante Art zu viel gewesen. Florian wohnte nun allein in dem großen, perfekt renovierten Haus in Pankow, mit den Bildern an der Wand, die Maren ausgesucht hatte, und der teuren Espressomaschine, die niemand mehr bediente. Teresa versuchte es genau einmal mit einer langen Sprachnachricht, in der sie von Missverständnissen sprach und dass sie nur habe helfen wollen. Ich löschte sie, bevor sie zu Ende war.

Es war wieder ein Freitag, ein halbes Jahr nach der Party. Ich hatte den Abend mit einer Schale Pasta und einem guten Glas Montepulciano verbracht, in meine alte Decke gekuschelt, während draußen der erste Herbstregen gegen die Scheiben prasselte. Ich spielte die alte Nina-Simone-Platte und fing an zu tanzen. Es war kein trotziger Tanz mehr. Es war ein leichter. Ich tanzte, weil ich es konnte. Weil die Wohnung mir gehörte, die Musik mir gehörte und die Stille mir gehörte. Ich war barfuß, trug einen alten, verwaschenen Lieblingspullover und hatte die Augen geschlossen. Die Welt war in Ordnung.

Am nächsten Morgen lag er da. Vor meiner Wohnungstür, auf dem alten Dielenboden des Flurs, lehnte ein flaches, rechteckiges Paket, in braunes Papier eingeschlagen und mit einer Hanfschnur umwickelt. Ich trug es vorsichtig in die Küche und öffnete es. Es war ein handgefertigtes Tablett aus massivem Nussbaumholz. Die Oberfläche war spiegelglatt geschliffen, die Rinde an den Kanten noch sichtbar. Es war perfekt. Es lag kein Brief dabei, keine Karte mit einer Telefonnummer. Stattdessen war auf die Unterseite des Holzes etwas in zierlichen Lettern eingebrannt. Ich drehte das Tablett um, und ein Lachen stieg in mir auf, ein tiefes, gelöstes Lachen, das den ganzen Raum erfüllte. Da stand, ordentlich in das dunkle Holz eingebrannt: „Du tanzt wunderschön.“

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Fajna Tajna
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