Blaue Papiere für eine schwarze Katze

Ich drehte den blauen Pass mit zwei Fingern. Auf der ersten Seite stand mein Name: Arne Meissner. Darunter: „Tierart: Katze, weiblich, schwarz.“ Das Foto daneben zeigte eine Katze mit angelegten Ohren in einer Transportbox. Sie sah aus, als wäre sie kurz davor, mir die Nase aufzukratzen. 147,50 Euro hatte ich für dieses Heft bezahlt. Untersuchung, Chip, Pass. Und ich war mir ziemlich sicher, dass ich das nie bereuen würde.

Drei Wochen früher wusste ich noch nicht einmal, dass es in der Edeka-Filiale an der Limmerstraße eine Pinnwand für private Zettel gibt. Märzregen klatschte gegen die Scheiben, meine Socken waren nass. Ich wollte nur Joghurt, Brot und zwei Flaschen Pils holen. An der Kasse klemmte ich mein Portemonnaie ein, als mir ein handgeschriebener Zettel auffiel: „Kannst du nicht zu dir nehmen? Dann füttere wenigstens!“ Darunter war eine schwarze Katze gezeichnet, mit langem Schwanz, großen Augen.

Ich schnaubte. Wahrscheinlich wieder so ein Spruch von Leuten, die im Internet ihr Gewissen erleichtern. Ich habe nie verstanden, warum man sich fremde Tiere aufhalst. Ich lebe allein, arbeite als Lüftungstechniker, bin oft unterwegs. Eine Katze passt nicht in meinen Kalender. Der Zettel wanderte in die Tasche meiner Regenjacke, weil ich Müll nicht in den Einkaufswagen legen wollte.

Vor dem Laden saß sie. Schwarz, lang, das nasse Fell am Rücken glatt an den Körper geklebt. Sie miaute nicht. Sie saß einfach da, als hätte sie jeden Tag auf mich gewartet. Ich schob den Einkaufswagen zurück, trat auf den Fußweg hinaus. Die Katze blieb bei meiner Ferse, wie ein Hund, der weiß, wo es hingeht.

An der Haltestelle Limmerstraße warteten drei Leute. Die Bahn nach Kröpcke hatte Verspätung. Die Katze setzte sich neben die Sitzbank, außerhalb der Pfütze. Zwei Minuten. Fünf. Der Regen hörte nicht auf. Ich hatte den Zettel noch in der Tasche. Ich zog ihn heraus, las noch einmal: „Füttere wenigstens.“

Ich kehrte in den Laden zurück. Ein Beutel Nassfutter mit Huhn kostete 2,49 Euro, eine kleine Plastikschale aus dem Non-Food-Gang 1,79. An der Kasse zog ich meine Karte durch. Die Kassiererin fragte: „Für Sie?“ Ich schüttelte den Kopf. „Für die Katze da draußen.“ Sie rollte mit den Augen und tippte weiter. Irgendwie tat mir dieser Augenroller gut. Als hätte die Katze schon genug Leute getroffen, die nicht für sie einkaufen wollten.

Draußen rührte ich das Futter in die Schale. Sie fraß zügig, ohne zu schlingen, und schaute zwischendurch auf, als würde sie kontrollieren, ob ich noch da war. Ich stand im Regen, zog den Kragen hoch, und wartete. Als sie fertig war, leckte sie sich die Pfoten. Ich hob die Schale auf, warf sie in den Papierkorb und ging zur Haltestelle. Die Bahn kam, ich stieg ein. Durch die beschlagene Scheibe sah ich, wie sie sich am Rand zusammenrollte. Dann fuhr ich ab.

Zu Hause zog ich die nassen Sachen aus. Auf dem Herd stand noch der kalte Pfefferminztee von gestern. Ich schaltete den Fernseher ein, legte mich aufs Sofa. Nur die Heizung summte. Ich dachte an die Katze. Wie sie dalag in der Pfütze. Ich stand auf, holte mir eine Decke, setzte mich ans Fenster. Draußen regnete es immer noch. Ich wohne im dritten Stock, die Straßenlaterne vor dem Haus warf einen gelben Kreis auf den Asphalt. Nichts.

Zwei Tage. Ich sah sie nicht. Am dritten Abend saß sie vor meiner Haustür, als ich von der Arbeit kam. Das nasse Fell klebte noch immer am Körper, aber sie wirkte ruhig. Im Hausflur roch es nach Zitronenreiniger und nassem Pappkarton. Die Nachbarin aus dem Erdgeschoss, Frau Becker, stand mit ihrer Dackeldame Wilma im Treppenhaus. Sie sagte: „Die streunt hier schon den ganzen Tag. Wer so eine füttert, lockt nur Ungeziefer an.“ Sie sah mich an, als wäre ich schuldig.

Ich sagte nichts. Die Katze saß auf der untersten Stufe, regungslos. Ich ging die Treppe hoch, schloss die Tür auf. Im Rücken hörte ich, wie Frau Becker den Riegel ihrer Wohnungstür zuzog. Ich machte mir ein Brot, aß im Stehen. Dann trat ich ans Fenster. Die Katze lag auf dem kalten Beton vor dem Haus.

Am nächsten Morgen trug ich die Brotbox zur Arbeit. Auf dem Weg zur Bahnhaltestelle kam ich an einem Schulhof vorbei. Ein Junge hängte seine nasse Jacke über das Klettergerüst. Seine Mutter rief ihn zurück: „Lars! Die Jacke kostet achtzig Euro! Die lässt man nicht im Regen hängen!“ Der Junge lief zurück, riss die Jacke an sich. Die Frau hakte ihren Schirm anders herum und zog ihn Richtung Schule. Ich blieb stehen. Diese Jacke. Achtzig Euro. Und die Katze? Lag vor meiner Tür.

Ich kehrte um. Meine eigenen Schritte klangen auf dem nassen Asphalt zu schnell. Die Katze saß vor der Haustür, leckte sich die Pfote. Ich beugte mich zu ihr. „Na los“, sagte ich. „Wenn du mitkommen willst, dann jetzt.“ Sie stand auf, streckte sich und folgte mir die Treppe hoch. Diesmal schloss ich die Tür, und sie saß drinnen auf der Fußmatte, als wäre das immer so gewesen.

In der Nacht hörte ich, wie sie durch die Wohnung lief, einmal auf die Fensterbank sprang. Am Morgen stand sie neben meinem Bett und beobachtete, wie ich die Decke beiseite schob. Ich wusste, was zu tun war.

Ich rief die Tierarztpraxis „Am Lindener Berg“ an. Eine Sprechstundenhilfe gab mir einen Termin für den nächsten Samstag. Ich lieh mir von einem Kollegen eine Transportbox, legte eine alte Fleecedecke hinein. Am Samstag trug ich die Box zur Haltestelle. Die Katze heulte wie ein Rasenmäher, wenn man am Zugseil zieht. Eine Frau im Bus zog den Kopf ein, als die Box fauchte. Mir war das egal.

In der Praxis setzte ich die Box auf den Tisch. Der Raum roch nach Desinfektionsmittel und Tier. Die Ärztin, Frau Steinbach, klappte die Transportbox auf. Die Katze kam nicht heraus. Sie drehte sich in der Ecke und fauchte. Frau Steinbach zog Handschuhe über, hob sie heraus, setzte sie auf die Waage. „3,8 Kilo. Kein Chip. Weiblich, kastriert.“ Sie schaute mich an. „Wollen Sie sie behalten?“ Ich sagte ja. Sie stellte den Scanner auf einen kleinen Ständer, las den fehlenden Chip ein, machte eine kurze Kopfbewegung, als ich den Namen sagte: „Mila. Mila Meissner.“ Dann spritzte sie den Chip zwischen die Schulterblätter, klebte ein Pflaster auf, trug alles in das blaue Heft ein. Sie rechnete 147,50 Euro ab, Karte und EC-Gerät piepste. Ich unterschrieb. Unten auf dem Formular stand: Eigentümer: Arne Meissner. Die Sprechstundenhilfe reichte mir den Pass. „Gute Fahrt.“

Ich verstaute die Katze wieder in der Box. Auf dem Heimweg machte ich einen Umweg an einem Elektronikladen vorbei, kaufte ein kleines rotes Halsband, ließ eine Plakette mit Namen und Telefonnummer anfertigen. Als ich die Plakette aus dem Automaten zog, war sie noch warm. Ich zog sie durch den Bund des Halsbands, während die Katze durch die Gitter boxte.

Vor meiner Haustür stand Frau Becker mit Wilma. Sie begutachtete die Transportbox, aus der ein tiefes, wütendes Miauen kam. Ich stellte die Box ab, zog den blauen Pass aus der Innentasche meiner Jacke. Ich schlug die erste Seite auf. Da stand es: Mila Meissner, schwarz, weiblich. „Jetzt hat sie Papiere“, sagte ich zu Frau Becker. „Sie streunt nicht mehr.“ Frau Becker presste die Lippen zusammen, so fest, dass ihre Haut um den Mund weiß wurde. Wilma schnüffelte an der Box und nieste. Ich hob die Box an, drückte die Haustür auf. Frau Becker sagte nichts. Aber ich hörte, wie ihre Wohnungstür einen Moment später leise, aber bestimmt ins Schloss fiel.

In der Wohnung hob ich den Deckel der Box. Mila betrat den Flur, als inspiziere sie ein Zimmer, das sie schon ewig kannte. Dann sprang sie auf die Fensterbank. Ich hängte die Jacke auf. Der Haken quietschte. Vom Herd nahm ich den kalten Pfefferminztee, schüttete ihn in den Ausguss. Dann füllte ich eine Schale mit Wasser, stellte sie neben die Tür. Mila drehte den Kopf, streckte eine Pfote aus und stupste die Schale an. Wasser schwappte auf den Boden. Ich kramte aus dem Schrank ein altes Geschirrtuch. Als ich aufsah, saß sie auf dem Sofa. Auf meinem Platz. Genau dort, wo ich vor drei Wochen gesessen hatte, als ich noch dachte, das alles ginge mich nichts an.

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Fajna Tajna
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