Manchmal liegt das ganze Leben in einer Dose Katzenfutter. Und manchmal wiegt so ein kleiner, abgemagerter Kater mehr als zwölf Jahre Ehe. Mehr als alle Gewohnheiten, aus denen ein Zuhause irgendwann nur noch aus vier Wänden und einem schweigenden Fernseher bestand.
Ich heiße Mattis. Und bis zu diesem Abend im Oktober hatte ich noch nie in meinem Leben etwas zurückgelassen. Jedenfalls nichts, was wirklich zählte.
Der Kater saß seit zwei Tagen vor unserem Mietshaus in der Max-Brauer-Allee. Ein rotes, dünnes Ding mit einem abgeknickten linken Ohr. Er wartete da, als hätte er sich genau diese Tür ausgesucht. Als wüsste er mehr über mich als ich selbst. Eigentlich wollte ich an ihm vorbeigehen. Ich hatte genug zu tragen: die Tüte vom Supermarkt, die Rechnung für die Kfz-Versicherung, die schon zwei Wochen überfällig war, und diese dumpfe Müdigkeit, die jeden Abend gegen halb sieben von den Schultern in die Beine rutscht. Aber der Kater sah mich an. Und ich blieb stehen.
Zu Hause war Katharina. Sie wartete nicht auf mich, sie war einfach nur da. Wir wohnten im dritten Stock, Altbau, die Dielen knarrten bei jedem Schritt. Die Wohnung roch nach kaltem Fisch, weil sie schon gegessen hatte. Auf dem Küchentisch lag ein Zettel: „Stell dein Zeug nicht in den Flur.“ Der Zettel lag da, obwohl ich noch gar nicht da war. Sie schrieb diese Dinge vorsorglich. Für alle Fälle.
Als ich die Tür aufmachte, hörte ich den Fernseher aus dem Wohnzimmer. Eine Quizshow. Der Moderator lachte, das Publikum klatschte, und mittendrin stand ich mit einer Tüte vom Supermarkt und einem Kater, den ich mir unter die Jacke geschoben hatte, weil ich nicht wusste, wohin mit ihm.
„Was ist das?“, fragte Katharina, ohne den Blick vom Fernseher zu nehmen.
„Ein Kater.“
Da erst drehte sie den Kopf. Sie trug ihren grauen Morgenmantel mit dem kaputten Reißverschluss. Den hatte sie seit fünf Jahren. Ich hatte ihr zweimal einen neuen mitgebracht. Beim ersten Mal hatte sie ihn zurückgegeben, beim zweiten lag er noch immer unausgepackt im Schrank über dem Sicherungskasten. Sie hielt die offene Seite mit der Hand zusammen, als müsste sie sich vor mir schützen.
„Bring das Tier weg“, sagte sie.
Sie sagte es ohne Wut. Das war das Schlimmste. Es klang wie ein Wetterbericht: trocken, sicher, nicht zu diskutieren. So wie sie damals gesagt hatte: „Die Gitarre staubt nur ein.“
Die Gitarre hatte ich mit neunzehn von meinem ersten Lehrlingsgehalt gekauft. Eine billige Westerngitarre aus dem Musikhaus am Hafen. Ich hatte sie abends vor den Müll geschleppt. Damals dachte ich, das sei ein Kompromiss. Später wusste ich, es war bloß ein weiteres Stück von mir, das ich in den Hausmüll gegeben hatte.
„Bring das Tier weg“, wiederholte sie, jetzt etwas lauter, weil ich nicht sofort reagierte.
Ich trank ein Glas Leitungswasser. Dann nahm ich den Kater wieder unter die Jacke und ging.
Auf der Treppe roch es nach kaltem Putzmittel und nassem Laub. Die Lampe im zweiten Stock flackerte. Sie flackerte schon, seit ich vor sieben Jahren hier eingezogen war. Anfangs hatte ich gedacht, jemand müsste das reparieren. Irgendwann hatte ich mich daran gewöhnt. So sehr, dass ich es gar nicht mehr sah. Genau wie alles andere.
Vor der Haustür blieb ich stehen. Draußen war es feucht und still. Die Straßenlaternen spiegelten sich auf dem Asphalt. Rechts standen die Wertstoffcontainer, blau und grün, mit Graffiti an den Seiten. Daneben ein Sperrmüllhaufen aus alten Matratzen. Irgendwo in einer Wohnung übte jemand Klavier, immer wieder dieselben vier Töne, als käme die Melodie nicht über den Anfang hinaus.
Der Kater drückte sich an meine Brust. Ich fühlte, wie sein Herz schlug. Schnell, flach, zum Zerbrechen. Er hatte Angst. Und trotzdem blieb er bei mir. Komisch, was Angst mit einem macht. Sie kann dich festhalten. Oder sie kann dich losreißen. Je nachdem, was du dir mehr zutraust.
Ich setzte mich auf eine nasse Bank vor dem Haus. Eigentlich nur kurz. Ich wollte ihm noch etwas geben, irgendetwas, bevor ich ihn wegbrachte. Ein Stück Brot aus der Tüte. Oder einfach noch einen Moment Wärme.
Ich dachte an meinen einzigen Halbmarathon. Das war 2014, der Jungfernstieg war gesperrt, und ich lief durch den Regen wie damals als Junge auf dem Weg zur Schule. Danach waren meine Schuhe voller Matsch, und Katharina sagte: „Die stinken. Stell sie in den Keller.“ Am nächsten Tag waren sie weg. Sie hatte sie zum Sperrmüll gegeben. Ich wollte mich beschweren, aber sie sagte: „Du läufst doch sowieso nicht mehr.“
Sie hatte ja nicht ganz unrecht. Ich lief nicht mehr. Ich kochte auch nicht mehr mit Freunden. Ich ging nicht mehr donnerstags in die Kneipe am Pauliplatz. Und ich rief meine Mutter nur noch an, wenn Katharina nicht im Raum war.
Der Kater schnurrte. Es war ein leises, vorsichtiges Schnurren, als wüsste er, dass er zu viel Platz wegnimmt. Er hatte Hunger, aber er drängte sich nicht auf. Er legte nur eine Pfote auf mein Handgelenk. Die Ballen waren rau und kalt. Ein winziger Kontakt. Drei Sekunden. Aber mein ganzer Körper fühlte sich an wie eine Tür, die jemand nach Jahren zum ersten Mal richtig öffnet.
Ich holte mein Handy aus der Hosentasche. Zwei ungelesene Nachrichten. Die erste: „Wo bleibst du.“ Die zweite: „Bring das Tier nicht wieder mit.“
Mein Daumen blieb über dem Display stehen. Über mir im vierten Stock ging das Licht in der Küche aus. Katharina war im Schlafzimmer. Wahrscheinlich saß sie jetzt im Bett, das Ladekabel um den Finger gewickelt, und spielte auf dem Tablet. Sie würde nicht ans Fenster kommen. Sie würde nicht anrufen. Sie hatte es mir gesagt. Mehr brauchte es bei mir nicht.
Der Schlüsselbund stach in meinen Oberschenkel. Zwei Schlüssel. Der eine für die Haustür, der andere für die Wohnung. Ich kannte jeden Grat, jede Schramme. Ich zog das Bund heraus und legte es neben mich auf die Sitzfläche. Es klirrte kaum hörbar. Draußen donnerte ein Laster über die nasse Straße Richtung Bergedorf. Dann war es still.
Ich blieb sitzen. Der Kater leckte mit seiner rauen Zunge über meinen Daumen. Einmal. Zweimal. Dann schmiegte er den Kopf an meine Brust.
Ich stand auf.
Ich ging zur nächstgelegenen Tankstelle, die nachts noch offen hatte. Der Kater lief neben mir her, nein, er saß nicht in der Box, ich hatte keine Box. Ich trug ihn im Arm. Die junge Frau an der Kasse schaute von ihrem Handy auf. Ich kaufte zwei Dosen Katzenfutter, das teuerste, das sie hatten. Neunundsiebzig Cent pro Dose. Ich legte noch eine Packung Milch dazu.
„Wird der Sie begleiten?“, fragte die Kassiererin und zeigte auf den Kater, der auf dem Tresen saß und seine Pfoten leckte.
„Ich glaube, eher andersrum“, sagte ich.
Sie lachte. Ich auch. Es war das erste Mal seit Tagen, dass ich lachte, und ich merkte es erst, als ich schon an der Tür war.
Das Handy klingelte, als ich die Tankstelle verließ. Katharina. Ich sah auf den Bildschirm. Ihr Name leuchtete in großen Buchstaben. Ich drückte den Anruf weg. Dann stellte ich das Telefon auf lautlos und steckte es zurück in die Tasche.
Ich ging Richtung Bahnhof Ottensen. Am Taxistand standen zwei Wagen. In einem saß der Fahrer mit einer Thermoskanne und hörte Nachrichten. „Es regnet nach Mitternacht“, sagte der Sprecher aus dem kleinen Radio. „Bis zu drei Liter pro Quadratmeter.“ Ich blieb einen Moment stehen und schaute auf meine Hände. Sie waren leer. Kein Schlüssel. Kein Zettel. Keine Einkaufstüte. Nur das Fell des Katers, das an meiner Jacke klebte.
Ich ging weiter. Der Kater lag in meinem Arm, seine Nase im Ärmel vergraben. Ich weiß noch, dass ich dachte: Das sind also drei Kilo. Drei Kilo, die mehr wiegen als zwölf Jahre.
Am nächsten Morgen lag mein Schlüsselbund noch auf der Bank. Der Regen hatte ihn nass gemacht. Um halb drei hatte Katharina ihn gehört, als er herunterfiel. Sie dachte, ich stünde vor der Tür. Sie dachte, ich hätte nur den Schlüssel vergessen. Sie schrieb mir: „Schlüssel liegt vor dem Haus.“ Als ob ich das nicht wüsste.
Der Hauswart mit dem gelben Eimer fand den Bund gegen sieben. Er klopfte bei uns. Ich war nicht da. Katharina riss die Tür auf. Sie war noch im Bademantel, das Haar mit einem Handtuch hochgebunden. Sie nahm den Schlüsselbund, ohne zu fragen, wem er gehörte. Sie danke ihm nicht. Sie schloss die Tür.
Aber das war nicht das Ende. Das Ende kam neun Tage später.
Ich hatte mir ein Zimmer genommen. Nicht weit weg, in einer Pension am Eckbusch. Den Kater nannte ich Anton. Er schlief bei mir auf dem Bett, als hätte er nie woanders gelebt. Am neunten Tag kaufte ich eine Decke, zwei Näpfe und ein Spielzeug, einen kleinen roten Ball, den er nicht beachtete. Dann fuhr ich noch einmal zurück in die Max-Brauer-Allee.
Es war Mittag. Die Sonne drückte durch die Wolken, und auf dem Gehweg dampfte der Regen vom Vorabend. Ich wusste, dass Katharina um diese Zeit beim Zahnarzt war. Ich wusste es, weil sie beim Frühstück immer laut auf ihrem Handy den Kalender vorlas, obwohl es mich nichts anging. Elf Uhr fünfzehn. Ich hatte den Mietvertrag bei mir. Er lautete auf beide Namen. Ich ging in die Wohnung.
Der Schlüssel lag nicht mehr auf der Bank. Er steckte in der Tür von innen. Ich drückte die Klinke. Offen. Natürlich. Katharina war nie vorsichtig. Sie hatte ja mich. Zwölf Jahre lang.
Ich holte den Zettel. Er lag auf dem Küchentisch, noch immer derselbe. „Stell dein Zeug nicht in den Flur.“ Ich drehte ihn um. Sie hatte hinten aufgelistet, was ich bezahlen sollte. Die Versicherung. Den Zahnarzt. Den Kabelanschluss. Alles in ihrer Handschrift, klein und spitz, als könnte sie so verhindern, dass ich einen Fehler mache.
Ich legte den Zettel in den Müll. Dann nahm ich den Briefbogen aus meiner Jacke. Ich hatte ihn in der Pension geschrieben, mit Kugelschreiber auf einem Block, den die Wirtin mir für fünfundvierzig Cent verkauft hatte. Ich legte ihn auf den Tisch. Ich schrieb:
„Ich komme nicht wieder. Die Wohnung kannst du behalten. Auch den Mietvertrag. Ich nehme, was vor über zwölf Jahren mir gehörte: mein Leben. Lass die Schlüssel abholen, ich schicke einen Kurier. Anton und ich sind versorgt. VG, Mattis.“
Ich hörte den Flur aufschließen, gerade als ich die Wohnungstür zuzog. Katharina stand da. Ich hatte mich verspätet. Ihre Zahnreinigung hatte wohl nicht so lange gedauert. Sie hielt einen kleinen Pappbecher in der Hand, als wäre sie beim Bäcker gewesen. Auf dem Treppenabsatz roch es nach Desinfektionsmittel und feuchtem Putzeimer.
Sie sah mich. Dann sah sie den Brief in meiner Hand, den ich ihr entgegenhielt. Sie wollte etwas sagen. Etwas wie: „Was soll das?“, aber die Stimme blieb im Hals stecken, weil sie den Zettel las. Ich merkte, wie ihr Gesicht sich veränderte. Nicht wütend. Nur schmal. Und leiser. So leise, dass selbst der Verkehr vor dem Haus einen Weg hindurch fand.
„Du kommst also nicht wieder?“
„Nein.“
„Wegen dem Tier?“
„Nein. Aber auch wegen ihm.“
Sie wollte auf mich zugehen, aber ich stand schon an der Treppe. Ich hielt mich am Geländer fest. Ich sagte: „Du hast immer gesagt, ich soll Dinge wegschmeißen. Jetzt hast du eins weniger.“
Ich drehte mich um. Ich ging die Stufen hinunter. Ich hörte, wie oben die Tür zu fiel. Nicht fest. Nur zu. Als hätte jemand aufgehört zu atmen.
Ich ging nach draußen und blieb auf dem Bürgersteig stehen. Die Mülltonnen rochen süßlich nach dem Regen. Vom Bäcker an der Ecke zog der Geruch von frischen Franzbrötchen herüber. Ich hatte Hunger.
Ich blieb stehen, bis ich sicher war, dass sie vom Fenster aus nicht mehr zu sehen war. Dann zog ich mein Handy heraus. Sieben verpasste Anrufe. Ich rief zurück.
„Ja?“, meldete sie sich.
„Hol deine Post aus dem Briefkasten“, sagte ich. „Da ist der Überweisungsträger für die Stromnachzahlung. Ich hab meinen Teil bezahlt. Bis zum 15. Oktober. Steht alles drauf.“
Ich hörte sie atmen. Dann sagte sie: „Ich dachte, du rufst nie wieder an.“
„Tu ich auch nicht. Ich wollte nur, dass du die Frist nicht verpasst. Die Stadtwerke mahnen sonst nach drei Wochen. Nicht dass du sagst, ich hätte dir was verschwiegen.“
Ich legte auf. Und ging in Richtung S-Bahn.
In der Bahn saß ich am Fenster. Anton hatte ich nicht dabei. Er blieb in der Pension, bis ich eine Wohnung gefunden hatte. Aber ich fühlte seine Pfote auf meinem Handgelenk, als säße er direkt neben mir. Vielleicht war es auch nur der Ärmel. Egal.
Ich zog die kleine Dose Katzenfutter aus der Tasche. Das Etikett hatte sich gelöst. Ich hatte sie am Morgen gekauft, für neunundsiebzig Cent. Lächerlich wenig Geld für eine Entscheidung.
Ich wusste, was man über Männer wie mich sagt. Sie verlassen ihre Frau. Und dann sitzen sie mit so einem roten Kater in einer möblierten Bude und tun so, als wären sie frei. Aber es war kein Triumph. Es war eher so wie ein alter Schrank, der endlich umkippt. Einfach so, weil er schon lange schief stand.
Ich habe Katharina nie wieder gesehen. Aber ich habe gehört, dass sie die Wohnung neu gestrichen hat. Und dass sie manchmal abends an der Bushaltestelle vor der Max-Brauer-Allee steht, auch wenn gar kein Bus fährt. Vielleicht wartet sie. Vielleicht schaut sie nur auf den Gehweg, wo die Bank steht.
Vor ein paar Tagen kam ein Brief von der Hausverwaltung. Es ging um die Nebenkostenabrechnung 2022. Mein Name stand noch immer auf dem Briefkopf. Ich sollte zahlen. 87 Euro und 16 Cent für den Hauswartdienst. Der gelbe Eimer. Der Schlüsselbund. Die nasse Bank.
Ich habe den Betrag überwiesen. Einfach so. Danach saß ich auf dem Bett, Anton auf meinem Bauch, und schaute aus dem Fenster. Draußen zog ein Krankenwagen vorbei, Sirene leise, irgendwo in Richtung Altona.
Da wusste ich, dass es stimmt, was ich geschrieben hatte. Manche Dinge wirft man nicht weg. Man lässt sie einfach liegen. Zum Beispiel Schlüssel, die jahrelang gegen die eigene Rippe gedrückt haben. Oder drei Kilo Lebewesen, die einen daran erinnern, dass man noch da ist.
Ich bin dann aufgestanden. Anton sprang vom Bett. Ich öffnete die Dose. Er kam schnurrend heran. Nicht, weil ich etwas Besonderes war. Sondern weil ich endlich da blieb.




