Die Lüster in der Juwelier-Boutique an der Maximilianstraße funkelten so hell, dass man die Arroganz schon auf drei Meter riechen konnte. Weißgoldene Vitrinen, Marmor, der unter den Sohlen leise seufzte – alles so klinisch rein, dass sich jeder Gast ein bisschen schmuddelig fühlte, sobald er den roten Teppich betrat. Ein paar reiche Damen probierten Diamantarmbänder, als trügen sie zum ersten Mal echte Steine. Die Verkäuferin lächelte, wie man eine Rechnung präsentiert: höflich, aber mit spitzer Zunge im Kopf.
Ganz hinten, beim zentralen Pult, stand die Frau, die in keine Schublade passte. Eva Kern trug einen schlichten marineblauen Hosenanzug, keine Uhr, keine Kette, nur eine hochgesteckte Frisur, die mehr wert war als mancher Ohrring im Sortiment. Neben ihr hielt Thomas ihr kleines Samtetui – er war sein neuer persönlicher Referent, und jetzt schon komplett überfordert mit der Kälte, die plötzlich durch den Raum kroch.
Die Kälte folgte einer Frau in einem aufreizenden roten Kleid. Claudia Freytag kam nicht, sie rauschte heran. Sie kannte den Laden, sie kannte die Besitzer, und sie war seit zehn Jahren Stammkundin mit Vorzugsbehandlung – dachte sie. Und dann stand da diese Person in Marineblau und musterte die Kollektion, als hätte sie ein Recht darauf. Claudia sah zuerst die fehlenden Klunker am Dekolleté, dann den unscheinbaren Referenten, und das reichte ihr.
Bevor Thomas reagieren konnte, versetzte sie Eva einen Stoß gegen die Schulter. Nicht sachte, nicht aus Versehen – ein Stoß mit voller Absicht. Die Seidentücher zitterten in ihren Halterungen.
„Jemand wie Sie hat hier nichts zu suchen!“, zischte Claudia, und der Satz hallte zwischen den Brillanten. Die Kunden erstarrten mitsamt ihren Sektgläsern. Die Verkäuferin zog die Luft ein wie ein verirrter Fisch.
Eva Kern rührte sich kaum. Sie zupfte nur das Revers ihres Blazers zurecht, warf Claudia einen einzigen Blick zu – kein wütender, sondern ein fast gelangweilter. Dann drehte sie sich um, weg von der roten Furie, und schritt langsam in Richtung Ausgang. Die Marmorfliesen knisterten unter ihren Absätzen.
Claudia lächelte breit. Sie dachte, der Sieg käme so prompt wie immer, wenn sie ihr Gewicht als Kundin in die Waagschale warf. Sie warf Thomas noch einen spöttischen Augenaufschlag zu, den er nicht verstand.
Eva hatte die Tür noch nicht erreicht. Sie blieb unter dem größten Kronleuchter des Raumes stehen, der ihr Haar in Silber tauchte, griff in die Handtasche und holte ihr Handy hervor. Nicht hektisch, sondern mit der Routine einer Frau, die solche Szenen gewohnt war. Sie hob das Telefon ans Ohr, ohne den Tonfall zu verändern.
„Guten Tag, Herr Menzel. Ja, ich bin’s. Fünf Milliarden Euro. Überweisen Sie das Kapital bitte sofort auf mein Privatkonto – Gesamtpaket, wie besprochen. Danke, legen Sie nach Bestätigung einfach auf.“ Sie klappte das Handy zu, als würde sie eine Tischdecke glattstreichen.
Fünf Milliarden. Die Zahl stand im Raum wie ein gefrorener Schrei. Jemand ließ ein Bonbonpapier fallen, und alle hörten es. Die Verkäuferin vergaß sogar, ihren Schmollmund wieder einzufangen.
Claudia Freytags Lächeln bröckelte nur an der Mundwinkelfalte, bevor sie es wieder festklebte. „Fünf Milliarden!“, wiederholte sie mit einem kurzen, hektischen Lachen. „Das ist ja lächerlich. Glaubt Ihnen kein Mensch, Sie Möchtegern…“
Sie kam nicht mehr zum Ende. Denn in diesem Moment zitterte das Telefon am Gürtel des Boutique-Managers, der sich aus dem Hinterzimmer geschlichen hatte – ein schmaler Mann mit zu enger Krawatte, der die Szene bisher als Missverständnis abtun wollte. Er nahm ab, lauschte, wurde weiß, dann grün. Sein Blick pendelte zwischen dem Display seines Smartphones und der Frau im Blazer, die seelenruhig unter dem Lüster stand.
„Frau… Frau Kern?“, stammelte er, und die Silbe knackte wie eine zerbrochene Glasperle. „Die Zentrale bestätigt soeben… die vollständige Übernahme aller Anteile der Juwelier-Gruppe Glanzstück. Sie sind… Sie sind die neue Eigentümerin. Ab sofort. Inklusive… dieser Filiale hier.“ Er schluckte, als enthielte die Luft Glassplitter.
Eva nickte, kaum merklich. Sie wandte sich nicht an Claudia, sondern an den Manager, ihre Stimme blieb ruhig und klar. „Herr Breuer, dann machen Sie doch bitte von Ihrem Hausrecht Gebrauch. Die Dame in Rot hat sich soeben als Sicherheitsrisiko erwiesen und steht nicht mehr auf der Gästeliste.“ Sie hob das Samtetui von Thomas’ Hand, klappte es auf und ließ den Smaragd darin kurz aufblitzen. „Den hier nehme ich mit – er gefällt mir. Lieferung auf Rechnung, Einzelheiten klärt mein Büro.“ Sie klappte das Etui wieder zu, steckte es ein und sah Claudia das erste Mal direkt an – mit der Lässigkeit einer Frau, die einen Bleistift von der Fensterbank schiebt.
Claudia Freytags Gesicht glich einer Maske, die an den Rändern riss. Sie öffnete den Mund, wollte schreien, drohen, etwas von Einfluss und Anwalt und langjähriger Treue zum Haus von sich geben – aber Herr Breuer hatte den Sicherheitsdienst bereits alarmiert, und zwei uniformierte Herren näherten sich vom Eingang. Die Stille im Raum war jetzt nicht mehr peinlich, sondern überfällig.
„Sie können mich nicht einfach rauswerfen lassen! Wissen Sie, wer mein Mann ist?!“, presste Claudia hervor, während eine der Wachleute sie am Ellbogen fasste.
Eva war schon fast an der Tür. Sie drehte sich noch einmal um, der Kronleuchter musste sie nicht mehr illuminieren – sie trug ihre eigene Beleuchtung, die kühl und scharf war. „Ich muss gar nichts wissen, außer dass ab sofort Ihre Kreditkarte hier nicht mehr akzeptiert wird. Einen schönen Tag noch.“ Sie nickte den Herren vom Sicherheitsdienst zu, die Claudia Freytag mit unerbittlicher Höflichkeit aus dem Laden führten. Das rote Kleid verschwand durch die Tür, und draußen hupte gerade ein Bus.
Thomas stand immer noch wie angewurzelt, das Gehirn bemüht, die Ereignisse zu sortieren. „Eva… ich meine, Frau Kern, Sie haben den Laden gekauft? In zehn Sekunden?“
Eva knöpfte ihren Blazer zu und trat aufs Trottoir hinaus, wo ein leichter Münchner Föhn den Stadtgeruch aufwirbelte. „Ich hatte ihn schon vorgestern gekauft. Die fünf Milliarden waren nur die Anzahlung für die Erweiterung des Konzerns. Heute wollte ich nur schauen, ob das Personal es wert ist, weiterbeschäftigt zu werden.“ Sie hängte sich die Handtasche um und atmete einmal tief durch. „Ich glaube, Herrn Breuer behalten wir. Er blamiert sich mit Stil. Die Verkäuferin mit dem falschen Lächeln hingegen… sagen wir, wir geben ihr eine Chance, es morgen richtig zu machen. Wenn sie versteht, dass nicht jeder Klunker am Hals hängen muss, damit man ihn bezahlen kann.“ Sie reichte Thomas das Samtetui mit dem Smaragd und lächelte schmal. „Bringen Sie das zu Frau Seidel ins Auto. Wir fahren zum Starnberger See – da wartet noch jemand mit einer noch feineren Halskette. Aber keine Sorge, diesmal bleibt die Tür für Störenfriede verschlossen.“




