Seit fast drei Stunden lief Sabine durch das Gewerbegebiet am Rand von Leipzig.

Seit fast drei Stunden lief Sabine durch das Gewerbegebiet am Rand von Leipzig.

„Mira! Mira, komm zurück!“

Nur der Wind antwortete.

Am Nachmittag war alles noch normal gewesen. Sabine hatte auf einer Wiese einen grünen Ball geworfen, und ihre junge Schäferhündin war begeistert hinterhergelaufen.

Dann fuhr auf der nahen Straße ein Autokorso vorbei.

Hupen. Knallende Auspuffgeräusche. Laute Musik.

Mira erstarrte.

Sie wollte zu Sabine zurücklaufen, doch ein weiterer Knall ließ sie herumfahren.

Die Hündin rannte davon.

Sabine folgte ihr durch Unterführungen, Hinterhöfe und zwischen alte Lagerhallen. Sie fragte Radfahrer und zeigte jedem das Foto auf ihrem Handy.

Je länger sie suchte, desto schlimmer wurden die Bilder in ihrem Kopf.

Eine Bundesstraße.

Ein fremdes Auto.

Ein Mensch, der Mira einfach mitnahm.

Plötzlich versagten ihre Knie.

Sabine fiel zu Boden — und wachte in ihrem Schlafzimmer auf.

Ihr Mann Daniel setzte sich sofort auf.

„Wieder derselbe Traum?“

Sabine nickte.

Mira war vor zweieinhalb Jahren tatsächlich verschwunden. Seitdem hatte Sabine Tierheime besucht, Suchplakate verteilt und jede Nachricht über einen ähnlichen Hund verfolgt.

Immer vergeblich.

„Vielleicht könnten wir irgendwann wieder einen Hund aufnehmen“, sagte Daniel vorsichtig.

„Nein.“

„Du siehst jeden Hund an, als würdest du auf ein Zeichen warten.“

Sabine drehte sich weg.

Am nächsten Morgen fuhren sie für eine Woche zu Daniels Schwester in den Harz.

Kurz hinter Halle bemerkte Sabine einen Hund auf dem Standstreifen.

Eine schwarz-braune Hündin lief orientierungslos neben der Autobahnauffahrt.

„Halt an!“

Daniel stellte den Wagen auf einem Parkplatz ab.

Sabine ging langsam zurück, eine Packung Wurst in der Hand.

„Komm her. Ganz ruhig.“

Die Hündin blieb im Gebüsch stehen.

Sie war älter, als Mira heute sein müsste. Das Fell war stumpf, und am linken Ohr fehlte ein kleines Stück.

Sabine kannte diese Kerbe.

Mira hatte sie sich als Welpe an einem Gartenzaun zugezogen.

Dann sah sie das Halsband.

Rot, mit einem kleinen silbernen Anhänger.

Daniel trat näher.

„Sabine… da steht etwas drauf.“

Sie wischte den Schmutz mit dem Daumen weg.

Auf der Rückseite war eine Telefonnummer eingraviert.

Ihre alte Nummer.

Sabine flüsterte:

„Mira?“

Die Hündin hob langsam die rechte Pfote.

Hinter ihnen schnippte jemand zweimal mit den Fingern.

Sabine drehte sich um.

Ein Mann stand am Straßenrand.

„Der Hund gehört mir“, sagte er.

Er war Mitte vierzig, trug Arbeitskleidung und wirkte ebenso erschrocken wie Sabine.

„Sie heißt Lotte.“

„Sie heißt Mira. Ich habe sie als Welpen bekommen.“

Der Mann kam näher.

Die Hündin lief sofort zu ihm, drückte sich an sein Bein und kehrte dann zu Sabine zurück.

„Ich habe sie vor über zwei Jahren gefunden“, sagte er. „Verletzt, neben einem Feldweg.“

Er hieß Tobias und lebte mit seinem elfjährigen Sohn Jonas in einem Dorf bei Quedlinburg.

Tobias hatte die Hündin zu einer Tierärztin gebracht. Dort war kein Chip gefunden worden. Der Anhänger war so stark verschmutzt gewesen, dass die Nummer nicht mehr lesbar schien.

„Warum trägt sie ihn dann noch?“, fragte Sabine.

„Weil mein Sohn meinte, dass er vielleicht jemandem etwas bedeutet.“

Tobias zeigte Fotos auf seinem Handy.

Mira, die dort Lotte hieß, lag auf einem Kinderbett.

Sie saß im Garten neben einem roten Fahrrad.

Sie trug zu Weihnachten ein grünes Tuch.

Sabine konnte kaum hinsehen.

„Wir fahren zum Tierarzt“, sagte Daniel. „Dann wissen wir es sicher.“

Diesmal wurde der ganze Körper abgesucht.

Der Chip war bis in die Nähe des Schulterblatts gewandert.

Die Daten bestätigten Sabines Namen.

Tobias setzte sich im Wartezimmer und starrte auf den Boden.

„Also nehmen Sie sie mit.“

Es klang nicht wütend.

Es klang leer.

Sein Sohn kam eine Stunde später mit der Großmutter.

Jonas blieb an der Tür stehen.

„Lotte?“

Die Hündin sprang auf und lief zu ihm.

Der Junge kniete sich hin und vergrub das Gesicht in ihrem Fell.

Sabine wandte sich ab.

Rechtlich war Mira ihr Hund.

Doch vor ihr stand ein Kind, das diesen Hund zwei Jahre lang ebenfalls geliebt hatte.

„Ich werde sie Ihnen nicht wegnehmen, ohne dass sie versteht, was passiert“, sagte Sabine.

Tobias sah auf.

Sie einigten sich auf eine langsame Rückkehr.

Mira blieb zunächst noch einige Tage bei Tobias. Sabine und Daniel besuchten sie jeden Tag. Dann verbrachte sie eine Nacht bei Sabine, später ein Wochenende.

In den ersten Wochen reagierte sie auf beide Namen.

Bei „Mira“ hob sie die Ohren.

Bei „Lotte“ wedelte sie.

Jonas durfte sie besuchen und mit ihr telefonieren, wobei er tatsächlich minutenlang mit dem Hund sprach.

Nach drei Monaten zog Mira endgültig zu Sabine und Daniel.

Nicht, weil Tobias sie nicht mehr wollte.

Sondern weil die Hündin in Sabines Wohnung zum ersten Mal wieder vor dem alten grünen Ball saß und ihn aufgeregt durch den Flur trug.

Sie erinnerte sich.

Tobias und Jonas blieben Teil ihres Lebens.

In den Ferien kam Jonas manchmal für ein Wochenende. Mira schlief dann vor seinem Bett.

Sabines Träume veränderten sich.

Sie suchte Mira nicht mehr in dunklen Straßen.

Nun träumte sie manchmal von einem langen Weg mit zwei Häusern an den Enden.

Mira lief dazwischen hin und her.

Eines Tages fragte Jonas:

„Wem gehört sie jetzt eigentlich?“

Sabine sah die Hündin an, die im Garten lag.

„Auf dem Papier mir.“

Tobias lächelte schwach.

„Und sonst?“

Sabine antwortete:

„Sonst gehört sie zu den Menschen, die sie nicht aufgegeben haben.“

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Fajna Tajna
Seit fast drei Stunden lief Sabine durch das Gewerbegebiet am Rand von Leipzig.