Der Kater bleibt hier”, sagte meine Frau und fuhr ohne ihn zurück. Zwei Wochen später erfuhr ich, wer ihn wirklich füttert

Johannes saß am Steuer und schwieg. Anna hatte den alten Transporter vollgestopft mit Decken, Töpfen und einer Kiste Werkzeug, als wollte sie das halbe Stadtleben in den Spreewald verfrachten. Minko, unser roter Kater, lag in einer blauen Wolldecke auf dem Rücksitz und starrte regungslos die vorbeiziehenden Kiefern an.

Ich trommelte mit den Fingern aufs Lenkrad. "Er atmet so flach. Vielleicht sollten wir anhalten, ihm Wasser geben."

"Dem geht's gut", sagte Anna, ohne ihr Handy aus der Hand zu legen. Sie tippte eine Nachricht, lachte kurz auf, legte das Gerät dann mit dem Display nach unten auf ihren Schoß. Seit Wochen schon dieses Lachen. Nie für mich, immer für den Bildschirm.

Das alte Bauernhaus lag eingebettet zwischen Birken und wildem Flieder, die Fensterläden noch von der Vorbesitzerin mit blauer Ölfarbe gestrichen. Meine Großmutter hatte mir das Grundstück vor sieben Jahren überschrieben, zwei Monate nach der Hochzeit. "Damit du immer einen Ort hast, Johannes", hatte sie gesagt und dabei Anna angesehen, als wüsste sie etwas, das sie nicht aussprechen wollte.

Anna sprang fast aus dem Wagen, kaum dass der Motor aus war. "Ich mach schnell die Läden auf, lüften, weißt du." Sie verschwand im Haus, und ich hörte, wie sie drinnen mit jemandem telefonierte. Die Worte verstand ich nicht, aber die Stimme war weich, fast zärtlich. Ich stellte Minkos Transportkorb auf die Veranda, füllte seinen Napf mit Wasser, kraulte ihn kurz hinter den Ohren. Der Kater sah mich an, als wollte er fragen, ob ich auch nicht wüsste, was hier eigentlich gespielt werde.

Am Nachmittag kam Anna aus dem Garten zurück, die Wangen gerötet, und sagte beiläufig: "Ach ja, die Bauer-Hannas aus Haus Nummer vier, die hab ich vorhin getroffen. Nettes älteres Paar. Sie meinten, sie könnten ab und zu nach dem Kater sehen, wenn nötig."

Ich nickte nur. Frau Hannas war achtundsiebzig, ihr Mann fast taub. Dass die beiden sich um einen lebhaften Kater kümmern sollten, war grotesk. Aber Anna redete schon weiter, von einer Kollegin, die am Montag unbedingt ihre Schicht tauschen wollte, und dass wir deshalb heute früher zurückmüssten, ganz dringend, der Verkehr am Sonntag sei ja schrecklich.

Kurz vor Sonnenuntergang packte sie ihre Sachen ins Auto, rief zweimal nach Minko, dann drehte sie sich zu mir um. "Der Kater bleibt hier. Ist doch nur für ein paar Tage. Er hat's gut da draußen, Mäuse fangen, frische Luft. Wir kommen am Freitag wieder."

"Anna, wir haben kein Katzenklo dagelassen, nicht mal Futter für länger als einen Tag."

"Frau Hannas kümmert sich. Hab ich doch gesagt." Sie ging um den Wagen herum, öffnete die Fahrertür, als wäre die Sache erledigt. "Komm jetzt, Jo."

Ich stand noch einen Moment auf der Veranda, lauschte in die Dämmerung hinein. Aus dem Wäldchen hinter Haus Nummer sieben klang leise Musik, so französische Chansons, und ein Fenster war erleuchtet, obwohl das Haus offiziell nur noch als Ferienunterkunft vermietet wurde. Anna hupte einmal kurz. Ein Befehl, keine Bitte.

Auf der Rückfahrt sagte sie: "Ich hab übrigens in zwei Wochen eine Fortbildung in Leipzig. Drei Tage. Fährst du dann übers Wochenende raus zum Kater?"

Drei Tage Leipzig. Ich kannte niemanden in Leipzig, und Anna arbeitete als Zahntechnikerin in einer Praxis in Kreuzberg. Was für eine Fortbildung sollte das sein? Ich fragte nicht nach. In zehn Jahren Ehe hatte ich gelernt, dass ihre Antworten dann besonders detailliert und überzeugend ausfielen, fast als hätte sie sie eingeübt.

Am Mittwoch fuhr ich allein zum Haus. Ohne Ankündigung, ohne Anna. Der Morgen war kühl, Nebelschwaden hingen zwischen den Birken, und als ich den Feldweg einbog, sah ich, dass vor Haus Nummer sieben ein Wagen parkte. Ein dunkelgrüner Volvo, Berliner Kennzeichen, die Kühlerhaube noch warm, wie ich beim Vorbeigehen feststellte.

Minko war nicht auf der Veranda. Sein Napf war voll, kein gewöhnliches Trockenfutter, sondern teures Nassfutter mit Lachs, die Sorte, die ich noch nie gekauft hatte. Auf der Treppe zum Nachbargrundstück lag ein roter Wollfaden, genau die Farbe von Minkos Spielzeugmaus, die Anna ihm vor Wochen gekauft hatte.

Ich öffnete die Tür zu Haus Nummer sieben nicht. Ich setzte mich stattdessen auf unsere Veranda, trank einen lauwarmen Kaffee aus der Thermoskanne und wartete. Gegen zehn Uhr öffnete sich die Tür des Nachbarhauses. Heraus trat eine Frau, vielleicht Mitte Dreißig, das blonde Haar zu einem lockeren Knoten gebunden, in ihrem Arm – Minko. Der Kater schnurrte so laut, dass ich es bis zu mir hören konnte. Sie küsste ihn auf den Kopf, redete leise auf ihn ein, und dann kam jemand aus dem Haus hinter ihr. Meine Frau. Anna lachte dasselbe Lachen, das ich vom Auto kannte, zog die Blonde an sich, küsste sie auf den Mund und machte die Tür wieder zu.

Ich saß regungslos da, die Kaffeetasse in der Hand, als wäre ich aus Stein. Minko hatte sich nicht losgerissen. Er hatte sich in die Arme dieser Frau gekuschelt wie in einen vertrauten Schlafplatz.

Keiner hatte mich bemerkt. Ich stellte die Tasse ab, stand auf und ging zum Auto. Den Kater ließ ich vorerst, wo er war.

Am Freitag rief Anna an, ob ich denn schon das Futter fürs Wochenende besorgt hätte, sie käme heute Abend spät, sie müsse noch etwas erledigen. Ich sagte, ich hätte alles besorgt, und legte auf. Dann rief ich Frau Hannas an. Die alte Dame war verwirrt, sprach von einer netten jungen Frau, die sich um den Kater kümmere, schon seit gut zwei Wochen, bevor wir das Tier überhaupt offiziell am Haus gelassen hatten. Kathrin heiße sie, arbeite irgendwo in der Werbebranche, ganz reizend, und sie komme oft mit einer Freundin am Wochenende.

"In letzter Zeit öfter allein", sagte Frau Hannas. "Aber der Kater, der liebt sie. Und sie ihn. Füttert ihn mit diesem teuren Zeug aus dem Bio-Supermarkt, da kriegt er doch bestimmt glänzendes Fell."

Ich bedankte mich und legte auf. Anna rief noch einmal an, irgendwas mit Stau auf der Stadtautobahn, sie komme erst gegen zehn. Ich antwortete nicht. Um halb zehn saß ich auf dem Sofa und las die Kopie des Grundbuchauszugs, den ich am Nachmittag vom Amtsgericht geholt hatte. Das Haus und das Grundstück liefen auf meinen Namen, Schenkung vor der Ehe, unantastbar bei einer Scheidung. Meine Großmutter hatte damals auf diesen Passus bestanden.

Als Anna um viertel nach zehn endlich die Wohnungstür aufschloss, fand sie mich wach, vollständig angezogen, den Grundbuchauszug auf dem Couchtisch.

"Minko geht es gut", sagte ich, bevor sie überhaupt die Jacke ausziehen konnte. "Kathrin füttert ihn mit Bio-Lachs. Seit fast einem Monat, soweit ich weiß."

Anna erstarrte. Ihr Gesicht verlor alle Farbe, und die Autoschlüssel fielen klirrend auf den Fliesenboden.

"Du hast kein Recht, ihn einfach dort auszusetzen, Anna. Du hast kein Recht, mich zu belügen, und du hast kein Recht, mein Haus für deine Affären zu nutzen."

"Johannes, das ist nicht, was du denkst. Kathrin ist nur eine Freundin, und der Kater, der war doch nur…"

"Du hast ihn strategisch als Vorwand benutzt. 'Der Kater muss versorgt werden, ich fahr schnell raus.' Wie oft warst du in den letzten Monaten am Wochenende 'beim Kater', Anna? Achtmal? Zehnmal? Und jedes Mal war Kathrin zufällig auch da?"

Anna schwieg. Tränen liefen ihr übers Gesicht, aber es waren nicht die Tränen der Reue, sondern der Enttarnung.

Ich stand auf, nahm meine Jacke vom Haken und die Autoschlüssel. "Morgen früh hole ich Minko. Und danach hole ich einen Anwalt."

Am nächsten Morgen stand ich kurz nach sieben vor Haus Nummer sieben. Diesmal wartete ich nicht auf der Veranda. Ich klopfte. Kathrin öffnete im Morgenmantel, den ich sofort erkannte, ein Geschenk von mir an Anna zum dritten Hochzeitstag. Hinter ihr, auf dem Sofa, lag Minko und putzte sich genüsslich die Pfoten.

"Guten Morgen", sagte ich ruhig. "Ich bin hier, um meinen Kater abzuholen."

Kathrin trat einen Schritt zurück. "Anna hat gesagt, Sie wären einverstanden. Dass der Kater bei mir besser aufgehoben ist, weil Sie beide so viel arbeiten, und dass es nur vorübergehend wär…"

"Anna hat viel gesagt", unterbrach ich sie. Ich ging an ihr vorbei ins Haus, hob Minko hoch, der sich mit einem erstaunten Mauzen gegen meine Schulter drückte, und trug ihn hinaus.

Auf dem Weg zum Auto kam Anna aus unserem Haus gerannt, in Jeans und dem Pullover, den sie gestern getragen hatte. Ihre Augen waren verquollen.

"Bitte, Johannes. Wir können reden."

Ich öffnete die Wagentür, setzte Minko in seinen Transportkorb und legte die blaue Wolldecke darüber, dieselbe, in der er vor zwei Wochen gekommen war. Dann drehte ich mich zu ihr um.

"Du hast ihn zurückgelassen, um Zeit mit ihr zu haben. Du hast mich angelogen, du hast mein Haus als Kulisse benutzt, und du hast mich für so dumm gehalten, dass ich es nicht merke. Da gibt es nichts zu reden."

Sie machte noch einen Schritt auf mich zu, aber ich stieg ein und startete den Motor. Im Rückspiegel sah ich, wie Kathrin auf die Veranda trat und Anna den Arm um die Schultern legte. Anna weinte, aber sie lehnte sich an Kathrin an, nicht mir hinterher.

Minko miaute einmal leise, dann rollte er sich in der Wolldecke zusammen und begann zu schnurren.

Sechs Monate später wohne ich in einer kleinen Wohnung in der Nähe vom Viktoriapark, mit Balkon und Blick auf die Kastanien. Minko liegt auf dem Kratzbaum, den ich ihm gekauft habe, einem massiven Teil aus Birkenholz, und beobachtet die Amseln draußen auf dem Fensterbrett.

Anna schreibt manchmal noch Nachrichten. Dass sie die Scheidungspapiere endlich unterschrieben hat. Dass sie mit Kathrin jetzt in Leipzig lebt, in einer schönen Altbauwohnung. Dass es ihr leid tut, wegen des Katers, aber dass sie ehrlich glaubt, dass er bei mir besser aufgehoben ist.

Ich antworte nicht. Ich lösche die Nachrichten ungelesen, spätestens nach den ersten drei Wörtern. Dann hole ich Minkos Bürste aus der Schublade, und während der Kater genüsslich den Kopf an meine Hand drückt und sein altes rothaariges Fell glänzt wie an dem Tag, als ich ihn vor zehn Jahren aus dem Tierheim geholt habe, denke ich: Mein Haus im Spreewald habe ich verkauft, den Erlös spendenfinanziert in eine kleine Tierarztpraxis im Nachbarviertel, und jeden Morgen, wenn ich Minko beim Frühstück zusehe, wie er bedächtig seine Pastete frisst, weiß ich, dass dieses Tier nie wieder ein bloßer Vorwand sein wird.

Draußen fällt der erste Schnee. Drinnen läuft eine alte Platte mit französischen Chansons. Ich habe sie an dem Tag gekauft, an dem ich Minko zurückgeholt habe. Nicht als Andenken, sondern als Erinnerung daran, dass selbst die schönste Musik irgendwann aufhört, wenn man sie nicht selbst auflegt.

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Fajna Tajna
Der Kater bleibt hier”, sagte meine Frau und fuhr ohne ihn zurück. Zwei Wochen später erfuhr ich, wer ihn wirklich füttert