Die letzte Überweisung

Ich bin kein guter Mensch, aber kein schlechter Sohn. Das sagte ich mir jeden Morgen, wenn ich die Tasse unter die Kaffeemaschine stellte und Mamas Medikamentendöschen für den Tag richtete. Die rosanen für den Blutdruck, die weißen fürs Herz, das kleine Gelbe gegen das Wasser in den Beinen. Jeden Morgen dasselbe kleine Ritual am Küchentisch in Hannover-Linden. Mama saß dann schon im Sessel am Fenster und schaute den Tauben auf dem Dach des Nachbarhauses zu, und ich legte ihr die Hand auf die Schulter und sagte: Alles geregelt, Mama. Ruht euch aus.

Das war nicht gelogen. Es war geregelt. Dass es anders geregelt war, als Katrin dachte, stand auf einem anderen Blatt.

Katrin. Meine große Schwester. Hebamme im Vinzenzkrankenhaus am anderen Ende der Stadt, zwölf-Stunden-Schichten, Nachtdienste, Wochenenddienste, immer auf Abruf, immer mit diesem leuchtenden Blick, wenn sie von einer schwierigen Geburt erzählte, als rede sie von einer gewonnenen Schlacht. Sie hat das Leben anderer Leute auf die Welt geholt, während unseres zuhause leise vor sich hin schrumpfte.

Mama ist vor sechs Jahren richtig krank geworden. Davor war sie die Art Frau, die mit dreiundsiebzig noch die Fenster selbst geputzt hat, die sonntags zum Gottesdienst in die Markuskirche ging und danach bei einem von uns zum Mittagessen. Ihre Rente war klein, aber sie kam zurecht. Dann kam der erste Zusammenbruch. Eine Woche Klinik, ein Berg von Rezepten, danach dieser Blick, den ich nie vergessen werde: Sie schaute sich in ihrer Wohnung in der Sallstraße um, als sähe sie alles zum ersten Mal, und ich wusste, sie würde das nicht mehr allein schaffen.

Also zog sie zu mir. Meine Frau war ein Jahr vorher ausgezogen, die Wohnung in der Deisterstraße war zu groß für einen allein. Drei Zimmer, Balkon zum Innenhof, der Fahrstuhl ging direkt bis vor die Tür. Es passte. Katrin war erleichtert, das habe ich genau gesehen. Sie konnte nicht pflegen, nicht mit diesem Dienstplan, und ich hatte Zeit. Immer Zeit.

Das mit dem Geld fing drei Monate später an.

Ich hatte seit der Trennung nichts Festes mehr. Ein paar Wochen hier auf dem Bau, ein bisschen Umzughilfe bei einer Spedition in der Wunstorfer Straße, einmal im Winter Schnee räumen für die Stadt. Nichts, wofür man sich bei der Familienfeier nicht schämen würde. Der Unterhalt für die Kinder fraß das meiste auf. Und Mama brauchte ja nicht nur Tabletten, sondern auch bestimmtes Essen, regelmäßige Arztbesuche, ab und zu ein Taxi, weil der Bus mit dem Rollator einfach zu beschwerlich war. Die Windeln für nachts. Die Salbe gegen den Dekubitus. Alles Dinge, über die man nicht spricht, weil sie einem die Kehle zuschnüren.

Eines Abends, Katrin hatte wieder Spätschicht, sagte Mama zu mir: Frag deine Schwester. Die verdient besser. Sag einfach, es ist für die Arzneien.

Ich starrte sie an. Mama rührte in ihrem Pfefferminztee, ganz ruhig, und sagte: Ich will nicht, dass du jede Arbeit annimmst, Jonas. Wer kümmert sich denn um mich, wenn du den ganzen Tag auf dem Bau bist und dir den Rücken kaputt machst. Es ist besser so. Katrin kann das. Frag sie.

Das war der Anfang.

Anfangs rief ich Katrin an und hasste mich dafür. Jedes Mal, wenn ihre Nummer auf dem Display erschien und ich ihr zurief, bevor sie zur Nachtschicht losfuhr, ballte ich die Faust in der Tasche. Medikamente, die Blutdrucksenker, die kosten jetzt über vierhundert Euro im Monat, sagte ich. Katrin zögerte nie. Überwies am nächsten Tag dreihundertfünfzig Euro. Pünktlich. Pflichtbewusst. Katrin-typisch.

Mit der Zeit wurde es einfacher. Das ist das Schlimmste an der Lüge: Sie nutzt sich ab. Sie wird zu einer Gewohnheit wie das Decken des Tischs oder das Leeren des Briefkastens. Jeden Ersten kam das Geld. Jeden Ersten erzählte ich meiner Schwester am Telefon, wie teuer die neuen Präparate seien, wie die Krankenkasse diesmal wieder nicht alles übernommen habe, und legte auf und ging in die Küche und machte Mama ihren Tee.

Mama hat nie widersprochen. Sie saß da in ihrem Sessel mit den Ohrensesseln von Oma Gertrud, die sie unbedingt hatte mitnehmen wollen, nickte, wenn ich ihr sagte, was ich Katrin erzählt hatte, und sagte manchmal: Mach dir keine Sorgen. Sie versteht das nicht, aber es ist in Ordnung.

Einmal, ich weiß noch, es war im November vor drei Jahren, der Regen klatschte gegen die Balkontür und der Kamin-DVD lief auf dem Fernseher, fragte ich Mama direkt: Ist das in Ordnung für dich? Dass ich sie anlüge?

Sie sah mich lange an. Der Schal, den sie um die Schultern trug, war alt und hatte ein Loch am Saum. Ich dachte noch, ich müsste Katrin bitten, einen neuen mitzubringen, als Weihnachtsgeschenk vielleicht.

Familie, sagte Mama, ist nicht immer die Wahrheit, Jonas. Familie ist, dass keiner allein bleibt.

Ich habe das damals nicht ganz verstanden. Heute weiß ich: Sie hat sich selbst überzeugt, dass es das Richtige war. Dass sie mich schützte, indem sie Katrins Geld nahm. Dass sie uns beide schützte. Sie war die Brücke zwischen uns, und sie dachte, solange sie da war, würde die Brücke halten.

Katrin kam jede Woche, manchmal alle zwei Wochen. Sie brachte Blumen mit oder eine Schachtel Pralinen aus der Confiserie am Kröpcke, setzte sich zu Mama und fragte: Na, wie geht es dir? Mama lächelte und sagte: Gut, Kind, gut. Jonas kümmert sich um alles.

Meine Schwester fragte nie: Was genau macht er denn? Was kostet das? Zeig mir die Rezepte. Sie fragte nie, weil es bequemer war, nicht zu fragen. Weil ihre Welt funktionierte, solange sie die dreihundertfünfzig Euro überwies und dafür ihre Ruhe hatte. Ihr gutes Gewissen. Ich war der Arbeitslose, der Loser mit der kaputten Ehe, der Bruder, den man unterstützte, während sie die taffe Hebamme mit dem Dienstwagen und den Fortbildungen in Berlin war. Das war unser Deal. Ungeschrieben, unausgesprochen, aber von allen akzeptiert.

Dann starb Mama.

Im Juni, an einem Dienstagabend. Das Herz. Einfach eingeschlafen, der Arzt sagte, sie habe nicht gelitten. Ich saß die ganze Nacht an ihrem Bett, bevor der Bestatter kam. Ihre Hand war kalt, und ich dachte: Jetzt ist die Brücke weg.

Das Begräbnis habe ich organisiert. Den Sarg aus hellem Holz, den Pfarrer von der Markuskirche, die Blumen in Mamas Lieblingsfarbe, Hellblau und Weiß. Den Leichenschmaus bei mir zuhause, mit belegten Brötchen und Kaffee aus der Thermoskanne. Katrin umarmte mich am Grab, ihr Körper ganz starr, und ich dachte: Sie braucht einen Schuldigen für ihre Trauer. Ich bin der Schuldige.

Drei Wochen später klingelte mein Handy. Es war ein Donnerstag, ich war gerade dabei, Mamas Sachen auszusortieren. Die Bluse mit den kleinen blauen Punkten, ihr letztes Geburtstagsgeschenk von mir.

Jonas, sagte Katrin, und schon an ihrer Stimme hörte ich, dass etwas passiert war.

Ich war heute in der Apotheke.

Welcher Apotheke, fragte ich, obwohl ich es wusste. Die in der Deisterstraße, gleich um die Ecke. Die, in der Mama immer die Tabletten holte. Die, in der Frau Schulte sie beim Namen kannte und wusste, welche Pflaster sie gegen die Triggerfinger brauchte.

In der Ecke, sagte Katrin.

Dann die Zahlen. Die erbärmlichen, kläglichen Zahlen: Letzter Kauf im Februar. Blutdrucksenker, die günstigen Generika. Keine vierzig Euro. Nichts danach. Keine teuren Herzmedikamente, keine Spezialimporte, nur das Nötigste, und selbst das nicht einmal jeden Monat.

Vier Jahre, Jonas. Vier Jahre lang habe ich jeden Monat dreihundertfünfzig Euro geschickt. Für Medikamente, die es nie gab. Wofür hast du das Geld ausgegeben?

Ich stand in Mamas Zimmer, in der Hand ihre Pillendose, die rosanen, die weißen, das kleine Gelbe, und ich wollte sagen: Für mich. Für die Miete, für den Strom, für die Tankfüllung, damit ich Mama zum Arzt fahren konnte. Für die Klamotten für die Kinder, die ich sonst nicht hätte kaufen können. Für die Pizza am Freitagabend, wenn ich so erschöpft war, dass ich nicht kochen konnte. Für das Bier nach einem Tag, an dem Mama dreimal gefallen war und ich sie dreimal hochgehoben hatte, ohne dass jemand mir half. Für mein Leben, Katrin. Für mein Leben.

Mama wusste Bescheid, sagte ich stattdessen.

Stille.

Was, flüsterte Katrin.

Sie hat mich gebeten, dich anzurufen. Gleich am Anfang. Sie hat gesagt: Frag deine Schwester. Sag, es ist für die Arzneien.

Sie hat das nicht gesagt.

Doch. Sie hat gesagt, du verdienst gut, du würdest das schon stemmen. Und sie wollte nicht, dass ich auf jede Baustelle renne und sie den ganzen Tag allein ist. Sie hatte Angst. Vor dem Alleinsein. Vor dem Sterben ohne jemanden an ihrer Seite.

Ich hörte, wie Katrin atmete. Es klang, als würde sie gegen Tränen ankämpfen, aber bei Katrin weiß man das nie so genau.

Du hast dich hinter ihr versteckt, sagte sie dann, ganz leise. Du hast ihre Krankheit als Vorwand genommen, um mich zu bestehlen.

Ich habe nicht gestohlen. Ich habe gepflegt. Jeden Tag. Jede Nacht. Weißt du, wie oft sie nach dir gerufen hat, wenn das Fieber hochkam? Weißt du, wie oft ich allein am Krankenhaus gesessen bin, während du bei einer Geburt warst und das neue Leben anderer Leute gefeiert hast?

Ich will das Geld zurück, sagte Katrin.

Ich lehnte mich gegen Mamas Kommode. Auf dem Regal stand ihr Gebetbuch mit dem vergilbten Lesebändchen. Daneben das Foto von ihrem siebzigsten Geburtstag, wir beide neben ihr, sie lacht, hält einen Teller mit Käsekuchen.

Du bekommst das Geld nicht zurück, sagte ich. Es ist weg. Ausgegeben. Für sie. Für mich. Für uns.

Dann will ich die Wohnung.

Welche Wohnung?

Mamas Wohnung. Die in der Sallstraße. Die nach Vaters Tod auf mich überschrieben wurde, bevor sie zu dir zog. Du hast sie untervermietet, ich weiß das seit zwei Jahren. Die Miete fließt auf dein Konto.

Mein Hals war trocken. Das hatte ich nicht erwartet. Katrin hatte das still gewusst und nie erwähnt. Geschwiegen, wie wir alle immer schwiegen in unserer Familie, solange es nicht wehtat.

Die Wohnung gehört mir, sagte ich.

Die Wohnung gehört zur Hälfte mir. Und wenn du nicht willst, dass ich vor Gericht gehe, dann schlägst du jetzt einen Termin beim Notar vor.

Ich schaute auf Mamas Foto. Sie lächelte. Das Lächeln sagte: Familie ist, dass keiner allein bleibt. Aber was war Familie noch, wenn das, was uns verband, wegfiel? Was war ich ohne die Aufgabe, der pflegende Sohn zu sein, und was war Katrin ohne die spendable Schwester? Wir waren zwei Fremde, die einen Leichnam teilten.

Ein Termin beim Notar, wiederholte ich. Um was zu klären?

Die Rückabwicklung. Oder die Auszahlung meiner Hälfte. Ich will nicht mehr dein Schuldner sein, Jonas. Ich will nicht mehr deine Schwester sein.

Sie legte auf.

Ich blieb in Mamas Zimmer sitzen, bis es dunkel wurde. Vor dem Fenster brummte die Straßenbahn die Deisterstraße hinunter. In der Wohnung über mir lief der Fernseher, eine Quizsendung. Jemand lachte.

Am nächsten Morgen schrieb ich Katrin eine Nachricht. Keine Entschuldigung, keine Erklärung, nur: Nächsten Dienstag, 14 Uhr, Notar Jansen am Lindener Markt.

Sie schrieb zurück: Ich komme.

Dienstag war heute. Ich saß im Wartezimmer des Notars, als sie hereinkam. Sie trug den alten Mantel, den Mama ihr zum vierzigsten Geburtstag geschenkt hatte, und sah aus, als hätte sie nicht geschlafen. Ich auch nicht.

Sie setzte sich auf den Stuhl mir gegenüber und sagte: Bevor wir das klären, will ich etwas wissen.

Ich nickte.

Mama. Hat sie gelitten? In den vier Monaten ohne die richtigen Medikamente?

Ich schaute sie an. Ihre Hände zitterten leicht auf der Handtasche.

Nein, sagte ich. Sie hatte genug Vorrat. Ich hatte im Januar noch einmal alles auf einmal geholt, als die Krankenkasse das Budget neu genehmigt hatte. Die Apotheke hat nur den letzten Kassenbon gefunden. Die Computererfassung zeigt nicht die gesamte Historie.

Katrin schloss die Augen. Tränen liefen ihr übers Gesicht, aber sie wischte sie nicht weg.

Das Geld, das du mir geschickt hast, ging für alles drumherum, fuhr ich fort. Für die Windeln, die Spezialkost, die Taxifahrten, den neuen Rollator, den sie partout nicht von der Krankenkasse nehmen wollte, weil er ihr zu wackelig war. Für die Stunden, in denen ich mit ihr im Park saß und Enten fütterte, statt mich irgendwo für zwölf Euro die Stunde zu verdingen. Sie wollte das so. Sie hat mich gebeten, dir nichts zu sagen.

Warum, flüsterte Katrin.

Weil sie nicht wollte, dass du Mitleid mit mir hast. Weil sie wusste, dass du mich nicht respektieren würdest, wenn du die Wahrheit kennst. Weil sie dachte, eine Lüge über Medikamente wäre leichter zu schlucken als die Wahrheit über deinen Bruder.

Die Tür zum Büro ging auf, und Notar Jansen bat uns herein. Katrin stand auf, nahm ihre Tasche und ging an mir vorbei. An der Tür drehte sie sich noch einmal um.

Die Wohnung können wir verkaufen, sagte sie. Aber das Geld für die Pflege. Die dreihundertfünfzig Euro im Monat. Das war nie meins. Das war immer seins. Ihres.

Sie zeigte auf Mamas Bild, das ich aus der Geldbörse genommen und auf den Tisch gelegt hatte.

Draußen vor dem Fenster des Notars fuhr die Straßenbahn vorbei. Die Leute stiegen aus, eilten mit ihren Tüten und Regenschirmen über den Markt. Alltagsmenschen mit Alltagssorgen.

Katrin unterschrieb die Papiere, ich unterschrieb die Papiere, und als wir wieder auf der Straße standen, sagte sie: Kommst du mit auf einen Kaffee? Im Café Müller backen sie jetzt diese Apfeltaschen, die Mama so gern mochte.

Wir gingen schweigend die Deisterstraße hinunter, vorbei an der Apotheke, in der Frau Schulte hinter dem Tresen stand und eine Kundin beriet. Der Kastanienbaum vor der Tür blühte weiß und schwer, genau wie der im Innenhof unseres Elternhauses früher. Katrin blieb kurz stehen und schaute hinauf.

Sie hat immer gesagt, Kastanien bleiben auch bei starkem Wind aufrecht, murmelte sie.

Ja, sagte ich. Und sie hatte Recht. Meistens jedenfalls.

Wir gingen weiter, und ich wusste nicht, ob wir jemals wieder Geschwister sein würden. Aber wir waren noch da, alle beide. Das war vielleicht mehr, als Mama zu hoffen gewagt hätte.

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Fajna Tajna
Die letzte Überweisung