Ich rührte die Zwiebeln in der Pfanne, als Thomas die Küchentür hinter sich schloss. Nicht leise, wie man es tut, wenn man eine unangenehme Nachricht überbringen will. Sondern mit diesem präzisen, geschäftsmäßigen Klicken, das ich in dreiundzwanzig Ehejahren zu deuten gelernt hatte. Gleich kommt eine Ansage.
Draußen dämmerte der November über Hannover. Die Straßenlaterne vor dem Fenster flackerte in ihrem gelben Takt. Auf dem Tisch stand der Kalender. In zwei Wochen würde ich fünfundfünfzig. Kein Jubiläum, nur eine Zahl, die sich schwerer anfühlte als die davor.
— Anna, bitte setz dich.
Ich stellte den Holzlöffel ab. Irgendetwas in seinem Ton ließ mich den Herd ausschalten. Thomas saß am Esstisch, das Hemd frisch gebügelt, die Manschettenknöpfe exakt ausgerichtet. Zu perfekt für einen Mittwochabend zu Hause.
— Was ist los?
Er strich über die Tischplatte. Kein Zögern, eher die Bewegung eines Mannes, der eine Präsentation eröffnet.
— Ich habe Leonie kennengelernt. Sie ist sechsundzwanzig. Wir erwarten ein Kind.
Das Zischen der Pfanne war verstummt. Nur der Kühlschrank summte, ein altes Liebherr-Modell, das wir vor zwölf Jahren bei Saturn gekauft hatten.
— Und was heißt das jetzt? — Meine Stimme klang ruhig. Verwunderlich ruhig.
— Ich ziehe aus. Das Haus gehört meiner Mutter, das weißt du. Die Schlüssel brauche ich bis Ende des Monats zurück.
Er sagte das ohne Bosheit. Das war das Schlimmste. Kein Vorwurf, kein Streit, kein Versuch, mir die Schuld zuzuschieben. Nur die nüchterne Feststellung, dass ich ersetzt worden war. Wie ein veraltetes Gerät, das man zur Entsorgung freigibt.
— Und ich? — Die Frage kam, bevor ich sie aufhalten konnte.
Thomas sah mich an. Kein Mitleid, keine Reue. Eher die milde Ungeduld eines Vorgesetzten, der eine überfällige Kündigung ausspricht.
— Anna, du bist eine erwachsene Frau. Aber ehrlich — du bist verbraucht. Ausgebrannt. Leonie ist anders. Mit ihr fühle ich mich wieder lebendig.
Er stand auf, griff nach seiner Laptoptasche und ging zur Tür. Kein Kuss, kein Blick zurück. Nur das vertraute Geräusch seiner Schritte auf dem Parkett, dann das dumpfe Zufallen der Haustür.
Ich blieb am Herd stehen. In der Pfanne klebten die Zwiebeln fest. Verbraucht. Das Wort hallte nach wie der Nachklang einer gestimmten Stimmgabel. Verbraucht.
Ich weinte nicht. Nicht an diesem Abend. Ich nahm den Topflappen, scheuerte die Pfanne aus, wischte die Arbeitsplatte. Dreimal hintereinander. Dann die Fliesen. Dann den Wasserhahn, bis er spiegelte. Meine Hände bewegten sich von selbst, und irgendwann merkte ich, dass es Mitternacht war und ich immer noch mit dem Lappen in der Küche stand.
Am nächsten Morgen rief ich das Bezirksamt an. Die Frau in der Wohnungsstelle hatte eine müde Stimme, aber sie nannte mir eine Adresse in Linden-Nord. Fünfzehn Quadratmeter, Ofenheizung, vierte Etage ohne Aufzug.
Ich nahm die Stadtbahn. Linie 10, Richtung Ahlem. Die Waggons waren halb leer, Schulkinder lärmten hinten, eine alte Frau strickte an einem roten Schal. Ich saß am Fenster und sah die Stadt vorbeiziehen, in der ich fünfundzwanzig Jahre gelebt hatte und in der ich plötzlich nirgendwo mehr hingehörte.
Der Makler wartete vor einem Altbau mit abblätternder Fassade. Junger Kerl, vielleicht dreißig, mit einem Schlüsselbund, der klimperte wie ein Weihnachtsbaum.
— Strom läuft über Nachtspeicher. Warmwasser über Boiler in der Kochnische. Die Vormieterin ist ins Heim gekommen.
Die Wohnung roch nach kaltem Rauch und Bohnerwachs. Ein Raum. An der Decke ein Wasserfleck, der aussah wie der Umriss Afrikas. Aber das Fenster ging nach Süden, und das Licht fiel weich auf die morschen Dielen. In der Kochnische stand ein Herd der Marke Neff, Baujahr irgendwann in den Siebzigern, daneben eine Spüle mit Emaille-Absplitterungen. Das Bad war eine schmale Nasszelle, der Spiegel blind, die Fugen schwarz vor Stockflecken.
Ich trat ans Fenster. Im Hof wuchs ein Kirschbaum, kahl im November. Auf dem Fensterbrett lag eine tote Stubenfliege.
— Ich nehme sie.
Der Makler blinzelte. So schnell hatte er wohl noch nie einen Mietvertrag unterschrieben. Aber ich wusste, wenn ich jetzt zögerte, würde ich nie wieder irgendwo ankommen.
Den Rest des Tages verbrachte ich in der alten Villa in der List, die nie meine gewesen war. Ich packte drei Umzugskartons: Kleidung, meine OP-Haube, das Kästchen mit den Silberlöffeln meiner Großmutter, den kleinen Fernseher aus der Küche. Fotos sortierte ich keine. Was sollte ich mit Bildern von einem Leben, das sich als befristet erwiesen hatte?
Um halb acht abends stellte ich die Kartons in der neuen Wohnung ab. Die Nachtspeicheröfen summten leise, gaben einen trockenen Geruch nach erhitztem Staub ab. Ich setzte mich auf den Boden, den Rücken an die kalte Wand gelehnt, und plötzlich kamen die Tränen. Lautlos, heiß, unaufhaltsam. Ich presste die Handballen auf die Augen und ließ es geschehen.
Später kochte ich Wasser in einem verbeulten Topf, den der Makler dagelassen hatte, und trank Pfefferminztee aus einer Tasse, die nach Keller schmeckte. Dann wusch ich das Badezimmer. Schrubbte jede Fuge mit einer alten Zahnbürste, die ich im Spülschrank gefunden hatte, bis die Fugen hellgrau waren statt schwarz. Putzte den Spiegel, bis ich mich darin erkennen konnte. Meine Augen lagen tief in den Höhlen, die Wangen schmaler als vorher. Aber ich erkannte mich. Das war mehr, als ich erwartet hatte.
Am Montag stand ich um fünf Uhr auf und fuhr zur Klinik. Das Krankenhaus am Stadtrand, moderne Glasfassade, hellhörige Flure. In der Umkleide zog ich meinen Kasack über, band die Haare zum Knoten. OP-Schwester zwanzig Jahre, siebzehn davon in diesem Haus. Mein Reich war der OP-Trakt, die sterile Luft, das Klicken der Instrumente auf dem Tablett, der gleichmäßige Piepston der Monitore.
Die erste OP des Tages war eine komplizierte Cholezystektomie. Ich stand am Instrumentiertisch, reichte die Klemmen, die Scheren, das Hochfrequenzmesser, und meine Hände taten, was sie immer getan hatten. Präzise, ruhig, zuverlässig. Im OP zählte nichts anderes. Nicht das Alter, nicht der verlorene Mann, nicht die schäbige Einzimmerwohnung mit dem tropfenden Boiler.
Dr. Heller, der leitende Chirurg, blickte über seinen Mundschutz.
— Frau Weber, alles in Ordnung? Sie wirken heute etwas still.
— Alles bestens, Herr Doktor. Langenbeck bitte.
Ich reichte die Klemme, und die OP nahm ihren Gang.
Nach der Schicht setzte ich mich in die Cafeteria. Eine Tasse Kaffee, ein belegtes Brötchen vom Automaten. Meine Kollegin Susanne, Narkoseschwester mit zwanzig Jahren Berufserfahrung und einem unerschütterlichen Instinkt für private Katastrophen, stellte ihr Tablett daneben.
— Du siehst aus, als hättest du seit Tagen nicht geschlafen.
— Thomas hat sich getrennt. Junge Freundin, Anfang zwanzig. Ich musste ausziehen.
Susanne rührte in ihrem Kaffee.
— Hat er das Haus behalten?
— Es gehörte seiner Mutter. Ich hatte nie etwas davon.
— Und jetzt? Wo wohnst du?
— Linden-Nord. Vierte Etage. Aussicht auf den Hinterhof.
Susanne schwieg einen Moment. Dann legte sie ihre Hand auf meine. Eine kleine Geste, aber sie wärmte mehr als der Kaffee.
— Wenn du Hilfe brauchst, sag Bescheid. Und weißt du was? Mit vierundfünfzig fängt man nicht von vorne an. Man macht einfach weiter, nur anders.
Ich musste lachen, zum ersten Mal seit Tagen. Es klang fremd und rostig, aber es war ein Lachen.
In den nächsten Wochen richtete ich mich ein. Der Flohmarkt an der Limmerstraße lieferte einen kleinen Holztisch, zwei Stühle, eine Lampe mit gelbem Glasschirm. Ich strich die Wände weiß, die Fensterrahmen hellblau. Es war nicht schön, aber es wurde meins.
In der Klinik sprach sich meine Situation herum. Nicht durch Susanne, sie hielt dicht. Aber Thomas war kein Unbekannter. Er hatte früher in der Verwaltung eines großen Medizintechnik-Konzerns gearbeitet, und zwei Kolleginnen aus der Buchhaltung hatten die neue Freundin schon in der Stadt gesehen. Groß, blond, trug enge Strickkleider und High Heels, selbst im Supermarkt.
— Hast du's schon gehört? Seine neue Flamme arbeitet bei Fitness First. Personal Trainerin. Sechsundzwanzig.
Die Sätze schwirrten durch die Flure wie die Viren, vor denen wir die Patienten warnten. Ich tat, als hörte ich sie nicht. Wenn ich operierte, gab es nur den Schnitt, die Naht, den sterilen Tupfer.
Eines Nachmittags, Anfang Dezember, wurde bei uns ein Mann mit perforiertem Ulcus eingeliefert. Not-OP, ich war auf Abruf. Als ich den OP vorbereitete, kam jemand in den Vorraum. Groß, breitschultrig, in einem blauen Overall mit dem Aufdruck des Medizintechnik-Service.
— Entschuldigung, ich muss den Autoklaven warten. Dauert etwa zwanzig Minuten.
Ich blickte auf. Der Mann hatte graue Schläfen und einen Blick, in dem etwas Ruhiges lag. Er hielt einen Werkzeugkoffer in der Hand, und seine Finger waren die eines Menschen, der mit präzisen Dingen umgeht.
— Dann warten Sie halt. Aber bitte nicht im sterilen Bereich.
— Natürlich nicht. Bin Christian, übrigens. Ich mache die Technik hier im Haus.
— Anna.
Er nickte und machte sich am Autoklaven zu schaffen, während ich die Instrumentensiebe checkte. Wir sprachen nicht viel. Aber als ich einmal aufsah, bemerkte ich, dass er mich beobachtete. Nicht aufdringlich, eher so, wie man ein interessantes Bild betrachtet.
Die Not-OP dauerte drei Stunden. Als ich um neun Uhr abends den OP verließ, saß Christian auf einer Bank im Flur. Er hatte die Beine ausgestreckt und blätterte in einer zerlesenen Auto-Zeitschrift.
— Ist der Autoklav immer noch nicht fertig?
Er klappte die Zeitschrift zu und stand auf, wobei er fast über seinen eigenen Werkzeugkoffer stolperte. — Doch, schon lang. Ich dachte nur, vielleicht haben Sie Lust auf einen Kaffee. Oder was Richtiges. Die Pizzeria gegenüber hat noch auf, die mit den karierten Tischdecken. Zwölf Euro für eine Pizza, aber der Teig ist selbstgemacht.
Ich zögerte. Mein Leben bestand derzeit aus Arbeit und dem Versuch, eine Wohnung in ein Zuhause zu verwandeln. Das Wort Abendessen mit einem Mann passte nirgendwo in dieses Konzept.
— Ich rieche nach Desinfektionsmittel.
— Ich rieche nach Maschinenöl. Passt doch.
Wir gingen in die kleine Pizzeria. Hängelampen aus Milchglas, karierte Tischdecken, ein Fernseher ohne Ton in der Ecke. Christian bestellte Pizza Tonno, ich nahm eine Margherita.
Er erzählte von seiner Arbeit. Dass er selbstständig war, für drei Kliniken zuständig, dass er eine erwachsene Tochter in Bremen hatte und seit sechs Jahren geschieden war. Keine Klagen, keine Übertreibungen. Nur ein Mann, der berichtete, wie sein Leben verlaufen war.
Ich erzählte von der Trennung. Kurz, sachlich, so wie ich es bei der Übergabe eines OP-Berichts getan hätte. Christian hörte zu, kaute an seinem Pizzarand.
— Verbraucht. Das hat er gesagt?
— Das hat er gesagt.
Er legte das Pizzastück auf den Teller zurück, wischte sich die Finger an der Serviette ab. — So ein Idiot. — Es klang nicht empört, eher verwundert, als hätte jemand behauptet, der Mond sei aus Käse.
Wir aßen schweigend weiter, aber der Satz blieb bei mir, den ganzen Weg nach Hause in der ratternden Stadtbahn.
Im Januar schneite es. Dicke Flocken, die die Stadt in Watte packten und die Geräusche dämpften. Ich hatte Spätschicht und trat um halb elf abends aus dem Klinikportal. Der Schnee lag knöcheltief. Am Parkplatz stand ein alter Opel Corsa, und hinterm Steuer saß Christian.
— Ich dachte, Sie könnten eine Mitfahrgelegenheit brauchen.
— Woher wussten Sie, dass ich noch hier bin?
— OP-Plan. Öffentlich einsehbar im Intranet.
Ich stieg ein. Der Wagen roch nach Kaffee und einem Hauch Zimt. Auf dem Beifahrersitz lag eine Wolldecke.
— Ist kühl nachts. Die können Sie sich über die Beine legen.
Er fuhr durch den Schnee, vorsichtig, den Blick konzentriert auf die Fahrbahn. Der Scheibenwischer quietschte leise bei jeder Bewegung.
— Die Wohnung ist nichts Besonderes, sagte ich, als wir in meine Straße einbogen. Vierte Etage, der Boiler tropft.
— Dann schau ich mir den Boiler mal an. Nächstes Mal.
Er sagte das ganz selbstverständlich, als wäre es abgemacht, dass es ein nächstes Mal geben würde. Bevor ich ausstieg, drückte er mir eine kleine Tüte in die Hand.
— Gute Nacht, Anna.
Zu Hause packte ich die Tüte aus. Ein Glas Honig von einem Imker aus der Region. Ein kleiner Zettel lag bei: Gegen die Kälte. C.
Ich stellte das Glas auf die Fensterbank, neben einen kleinen Topf mit Basilikum, den ich neuerdings zog. Der Schnee draußen leuchtete im Dunkeln, als hätte jemand das Licht angelassen.
Der Februar brachte Frost und ein geplatztes Wasserrohr in meiner Straße. Der Vermieter schickte einen Installateur, aber der tropfende Boiler in meiner Badezelle stand auf einem anderen Auftragszettel. Ich rief Christian an.
— Sie hatten gesagt, Sie schauen sich den Boiler mal an.
Zwanzig Minuten später stand er mit einem Werkzeugkoffer vor der Tür. Wechselte die Dichtung, entkalkte den Hahn, summte dabei leise eine Melodie, die ich nicht kannte. Ich stand im Türrahmen, sah seinen Rücken, die präzisen Bewegungen seiner Hände. Meine Küche war so schmal, dass ich mit dem Ellbogen gegen den Kühlschrank stieß, als ich mich umdrehte.
— So. Hält wieder. Mindestens für die nächsten zehn Jahre.
Er wusch sich die Hände in der winzigen Spüle. Ich machte Tee. Wir saßen an meinem kleinen Flohmarkt-Tisch, und draußen fror die Welt unter einem klaren Sternenhimmel.
— Warum tun Sie das? — fragte ich.
— Was?
— Sich um mich kümmern.
Er nahm einen Schluck Tee, verzog kurz das Gesicht, weil er sich die Zunge verbrannt hatte. — Vielleicht, weil ich weiß, wie es ist, ersetzt zu werden. Meine Ex-Frau hat mich für einen Yoga-Lehrer verlassen. Da war ich zweiundfünfzig. Da sitzt man dann in einer leeren Wohnung und fragt sich, ob man noch zu etwas taugt.
— Und? Taugt man?
— Man taugt anders. Ruhiger vielleicht. Aber nicht weniger.
Ich sah in meine Tasse. Der Tee war stark und süß, genau, wie ich ihn mochte. Christian stellte seine Tasse ab, fuhr sich mit der Hand durchs Haar, und eine Strähne stellte sich senkrecht auf. Er bemerkte es nicht. Ich lächelte.
Der Frühling kam spät in diesem Jahr. Im März lag noch Rauhreif auf den Dächern, aber das Licht wurde heller und der Kirschbaum im Hof trieb erste Knospen. Christian und ich sahen uns öfter. Er holte mich nach den Spätschichten ab, manchmal kochte ich für uns beide, manchmal holten wir uns etwas vom Vietnamesen an der Ecke und aßen aus den Pappschachteln auf meinem kleinen Tisch.
Er sprach nie über Gefühle. Keine großen Worte, keine Versprechungen. Aber er brachte mir ein Radio, weil ich erwähnt hatte, dass ich gern NDR Info hörte. Er flickte die kaputte Jalousie. Er merkte, dass ich Frost an den Füßen bekam, und brachte dicke Wollsocken.
Einmal, an einem lauen Aprilabend, standen wir an meinem Fenster und sahen zu, wie der Kirschbaum aufblühte. Weiße, flauschige Blüten, die im Abendlicht aussahen wie Konfetti.
— Wann hast du eigentlich Geburtstag? — fragte Christian.
— Im November. Dann bin ich sechsundfünfzig.
— Das ist ein Datum.
— Ein ungerades. Kein Jubiläum.
— Trotzdem ein Datum. Sollten wir uns merken.
Er legte seinen Arm um meine Schulter. Ich lehnte mich an ihn, fühlte die Wärme seines Körpers, den leichten Geruch nach Motorenöl und Waschpulver. Der Autoklav-Techniker, der mein Leben neu justierte.
Im Mai rief Thomas an.
Mein altes Handy vibrierte auf dem Tisch, während ich Spätschicht hatte. Ich war gerade im Aufwachraum, kontrollierte die Vitalwerte einer Patientin. In der Pause hörte ich die Mailbox ab.
Anna, hier ist Thomas. Ich muss mit dir reden. Es ist wichtig. Ruf zurück.
Ich löschte die Nachricht.
Er rief noch dreimal an in den nächsten Tagen. Immer dieselbe Nummer, die ich seit Jahren kannte. Immer dieselbe knappe Stimme. Ich nahm nicht ab.
Susanne, die bei den Anrufen dabei gewesen war, als wir in der Cafeteria saßen, hob die Augenbrauen.
— Der will was.
— Soll er wollen.
— Hast du keine Angst, dass er hier aufkreuzt?
— Was soll er tun? Mich nochmal wegwerfen?
Aber er kam nicht. Stattdessen rief er eines Abends auf dem Festnetz der Station an. Die Nummer hatte er von früher.
— Anna, hör mir zu. Leonie ist weg. Sie hat einen anderen. Einen Typen aus ihrem Fitnessstudio. Das Kind — sie hat gesagt, es war nie meins.
Seine Stimme brach. Der Manager, der stets die Kontrolle behielt, klang wie ein heiserer Junge.
— Und was willst du jetzt von mir? — Meine Stimme war ruhig, fast kalt. Ich war selbst erstaunt.
— Ich dachte, wir könnten reden. Vielleicht gibt es eine Chance. Ich habe einen Fehler gemacht, Anna. Einen riesigen Fehler.
— Ja. Hast du. Aber das ist nicht mein Problem.
— Meine Mutter will das Haus verkaufen. Ich wohne in einem möblierten Zimmer in Misburg. Anna, bitte. Wir waren dreiundzwanzig Jahre verheiratet.
— Dreiundzwanzig Jahre. Und du hast mich entsorgt wie einen abgelaufenen Joghurt. Nein, Thomas. Es gibt kein Zurück. Bitte ruf nicht mehr an.
Ich legte auf. Meine Hände zitterten leicht, aber mein Herz schlug ruhig. Ein gleichmäßiger Piepston, wie auf dem Monitor.
Der Sommer brachte Hitze. Die vierte Etage unter dem Dach glich einem Backofen, selbst mit dem kleinen Ventilator, den Christian besorgt hatte. An den Wochenenden fuhren wir aus der Stadt. An den Maschsee, an die Würm, manchmal einfach nur raus zu einem Rapsfeld, das im Juni grellgelb leuchtete.
Christian packte dann einen Korb. Thermoskanne mit Kaffee, Käsebrötchen, manchmal Melonenschnitze. Wir saßen auf einer Decke, redeten oder auch nicht. Ich war nie eine Frau gewesen, die Stille schwer ertrug. Mit Thomas hatte ich sie gefüllt mit Betriebsamkeit, mit Aufgaben, mit dem leisen Gefühl, dass Schweigen bedeutete, dass etwas nicht stimmte. Mit Christian war Schweigen einfach nur Schweigen. Ein Raum zum Atmen.
Einmal, im August, lagen wir auf der Decke und sahen den Wolken zu. Ein Flugzeug zog eine weiße Spur über den Himmel.
— Weißt du, was ich am meisten bereut habe? — fragte Christian.
— Was?
— Dass ich meiner Frau nie richtig zugehört habe. Erst als sie Krebs hatte, habe ich angefangen, wirklich zuzuhören. Da war es fast zu spät.
Er drehte den Kopf zu mir und schwieg einen Moment, als suchte er nach Worten. Dann griff er einfach nach meiner Hand und hielt sie fest. Mehr sagte er nicht. Ich strich über seinen Handrücken. Seine Haut war rau von der Arbeit, aber die Berührung war sanft.
Im September wurde der Kirschbaum im Hof abgeerntet. Die Nachbarn im Erdgeschoss pflückten die Früchte, machten Marmelade, brachten mir ein Glas vorbei. Süß und ein bisschen säuerlich zugleich.
In der Klinik lief der Betrieb wie immer. Operationen, Visiten, Verwaltung. Aber ich spürte eine Veränderung. Die jungen Anästhesisten fragten mich um Rat, wenn eine Intubation schwierig war. Dr. Heller bestand darauf, dass ich bei seinen komplexen Eingriffen assistierte. Meine Hände waren sicher, mein Blick geschult. Verbraucht? Ich lachte leise, wenn ich daran dachte.
Anfang November, wenige Tage vor meinem sechsundfünfzigsten Geburtstag, schloss ich meine Schicht um siebzehn Uhr ab. Christian hatte gesagt, er würde kochen. Irgendetwas mit Lamm, hatte er angedeutet, mehr verriet er nicht.
Ich nahm die Stadtbahn, stieg an der Limmerstraße aus, ging die letzten Meter zu Fuß. Der Kirschbaum hatte schon die Blätter verloren, stand als knochiges Gerüst vor dem grauen Himmel. Aber hinter meinem Fenster brannte Licht.
Im Treppenhaus stieg mir ein Duft entgegen. Rosmarin, Knoblauch, etwas Gebratenes. Die Tür zu meiner Wohnung stand einen Spalt offen.
Drinnen brannten Kerzen. Christians Werkzeugkoffer lag auf dem Boden, daneben eine halb ausgepackte Einkaufstüte mit einem Baguette, das oben herausragte. Er selbst stand in der Kochnische, einen Topflappen über der Schulter, und rührte in einer Pfanne.
— Du bist zu früh. Ich wollte alles fertig haben.
— Es riecht wunderbar.
Ich stellte meine Tasche ab, zog die Arbeitsschuhe aus. Der kleine Tisch war gedeckt. Eine Vase mit Chrysanthemen, das gute Geschirr, das ich bei der Trennung aus der Villa gerettet hatte. Zwei Weingläser.
— So festlich?
— Ist ja fast ein Jubiläum. Fast.
Er lachte und schenkte Rotwein ein. Wir setzten uns, aßen Lammkoteletts mit Rosmarinkartoffeln, redeten über den Tag. Über das neue CT-Gerät, das nächste Woche geliefert werden sollte. Über seine Tochter, die in Bremen ihren Master machte. Über meine Idee, einen speziellen Fortbildungskurs für OP-Personal zu konzipieren. Dr. Heller hatte Interesse signalisiert.
Es war gegen neun, als es an der Tür klingelte.
Ich sah Christian an.
— Erwartest du jemanden?
— Nein. Vielleicht der Nachbar, der seinen Schlüssel vergessen hat.
Ich öffnete. Im Flur stand Thomas.
Er sah alt aus. Das war das erste, was ich dachte. Sechs Monate waren vergangen seit unserem letzten Telefonat, und in diesen Monaten schien er um Jahre gealtert. Das Haar dünn, die Haut grau, die Augen eingesunken. Er trug einen Mantel, der an den Ärmeln abgewetzt war. In der Hand hielt er ein kleines Sträußchen Rosen, wie man es im Supermarkt an der Kasse kauft.
— Anna.
Seine Stimme war dünn, belegt. Er hustete.
— Was willst du, Thomas?
— Ich musste dich sehen. Dich sprechen. Alles ist so schiefgelaufen. Leonie hat nicht nur mich betrogen, sie hat auch noch Schulden gemacht. Ein Online-Kredit auf meinen Namen. Mit der Wohnung in Misburg bin ich im Rückstand. Das Haus meiner Mutter ist verkauft, ich habe nichts davon gesehen. Nichts.
Er redete schnell, als müsste er die Worte loswerden, bevor ich die Tür schloss. Ich blieb im Rahmen stehen, die Hand am Türgriff.
— Das tut mir leid für dich. Aber was hat das mit mir zu tun?
— Wir könnten von vorne anfangen. Du und ich. Du hast doch auch nichts. Diese kleine Wohnung, dieser Job in der Klinik. Wir beide, Anna, wir haben uns doch immer verstanden.
Ich schüttelte den Kopf.
— Nein, Thomas. Wir haben uns nie verstanden. Wir haben nur nebeneinander funktioniert. Und du hast mich weggeworfen, als ich nicht mehr jung genug war. Du hast mich verbraucht genannt. Hast du das vergessen?
Er wich einen Schritt zurück. Dann reckte er das Kinn, und für einen Moment blitzte etwas von dem alten Thomas auf, dem Manager, der gewohnt war, dass man ihm gab, was er verlangte.
— Sei nicht dumm, Anna. Du bist sechsundfünfzig. Was soll aus dir werden? Allein, ohne Familie, ohne Haus. Ich biete dir eine Lösung an. Greif zu, solange ich noch bereit bin.
Ich holte Luft, um zu antworten. Da spürte ich eine Hand an meiner Schulter.
Christian war hinter mich getreten. Er trug seine abgewetzte Strickjacke, die Jeans mit dem Ölfleck am Knie. In der Hand hielt er ein Küchenhandtuch. Er sah Thomas an, ruhig, ohne Pose.
— Anna hat schon eine Lösung, sagte er. Und sie ist nicht mehr zur Vermietung frei.
Thomas starrte ihn an. Erkannte ihn. Ja, Christian hatte früher die Geräte in der Klinik gewartet, in der auch Thomas mit seiner Firma gelegentlich zu tun gehabt hatte. Keine enge Bekanntschaft, aber man erinnerte sich.
— Wer sind Sie? — fragte Thomas, obwohl er die Antwort kannte.
Christian antwortete nicht. Er sah mich nur an und fragte leise: — Alles okay?
Ich nickte. Trat einen Schritt zurück, hinein in die Wärme der Wohnung. Thomas stand noch immer da, die Rosen in der Hand, die jetzt schlaff herunterhingen. Er öffnete den Mund, schloss ihn wieder. Sein Blick wanderte von mir zu Christian und wieder zurück. Dann drehte er sich um und ging. Langsam, schwerfällig, die Schultern hochgezogen. Seine Schritte hallten auf der Treppe, leiser, leiser, bis die Haustür ins Schloss fiel.
Ich schloss die Wohnungstür. Schloss zweimal ab, drehte den Riegel. Christian stand noch immer in der Diele, das Handtuch über der Schulter.
— Dein Lamm verbrennt, sagte ich.
— Dann müssen wir eben Pasta kochen.
Wir standen in dem engen Flur, umgeben von abblätterndem Putz und dem Duft von angebranntem Rosmarin. Irgendwo tropfte der Boiler ein letztes Mal und verstummte.
Ich lehnte mich an Christians Schulter. Er roch nach Lamm und nach der Seife aus dem Spender in den Waschräumen der Klinik. Seine Hand fand meine.
— Komm, lass uns die Pfanne retten, sagte er.
Wir gingen zurück in die Kochnische, wo die Kerzen noch brannten und der Rotwein im Glas warm geworden war. Der Tisch stand noch genauso da wie vorhin, das gute Geschirr, die Chrysanthemen, die zwei Gläser. Nichts hatte sich verändert und doch alles.
Christian füllte Wasser in einen Topf, stellte ihn auf die Herdplatte. Suchte im Schrank nach Pasta. Fand Spaghetti. Während das Wasser kochte, schnitt ich Knoblauch, gab Olivenöl in die Pfanne, improvisierte eine schnelle Soße. Wir bewegten uns in der engen Küche umeinander herum, ohne anzustoßen, als hätten wir es nie anders gemacht.
Eine halbe Stunde später saßen wir beim zweiten Abendessen. Die Spaghetti waren etwas zu weich geworden, die improvisierte Soße versalzen. Es schmeckte köstlich.
Vor dem Fenster leuchtete der Kirschbaum im Hof sein kahles Geäst gegen den Nachthimmel. In der Wohnung gegenüber ging ein Licht an, ein Schatten bewegte sich hinter dem Vorhang. Nebenan brummte der Fahrstuhl. Die Geräusche eines Hauses, das lebt.
Christian schenkte Wein nach. Sah mich über den Rand seines Glases an.
— Morgen muss ich das Hämodialyse-Gerät in der Uniklinik warten. Soll ich dich mitnehmen? Du hast doch den Kurs für OP-Personal. Da könnten wir—
— Ja, unterbrach ich. Gern.
Er lächelte. Kein triumphierendes, kein besitzergreifendes Lächeln. Nur das zufriedene Lächeln eines Mannes, der einen langen Arbeitstag hinter sich hat und weiß, dass morgen wieder einer kommt.
Ich schob meinen Teller beiseite. Auf dem Fensterbrett stand das Basilikum, das ich seit Januar durchgefüttert hatte. Es war buschig und grün, und es duftete nach Sommer, obwohl draußen längst Herbst war. Ich nahm einen kleinen Zweig und gab ihn in Christians Glas.




