Manchmal beginnt eine Freundschaft nicht mit Sympathie, sondern mit Lärm.
Bei Bruno und Herrn Schröder war es jedenfalls so.
Bruno war unser Boxer. Ein kräftiger Hund mit einer weißen Brust, einem viel zu kurzen Schwanz und der Überzeugung, dass jeder Morgen eigens für ihn erfunden worden war.
Wir wohnten im Erdgeschoss eines alten Mietshauses in Hamburg. Hinter unserer Wohnung lag ein kleiner, von hohen Mauern umgebener Garten. Kaum größer als zwei Parkplätze, aber für Bruno war er Wald, Rennstrecke und Königreich zugleich.
Herr Schröder zog an einem Dienstag ein.
Natürlich hieß er nicht wirklich so. Den Namen gaben wir ihm, weil der rotbraune Kater so würdevoll aussah wie ein pensionierter Schuldirektor.
Seine Besitzer lebten über uns. Ihr Balkon ragte direkt über unseren Garten.
Am ersten Morgen setzte sich der Kater auf die Brüstung und sah hinunter.
Bruno bemerkte ihn sofort.
Der Hund spannte den ganzen Körper an.
Der Kater blinzelte.
Bruno bellte.
Herr Schröder begann, sich die Pfote zu putzen.
Von diesem Tag an fand um Punkt sieben Uhr dreißig dieselbe Aufführung statt.
Der Kater erschien auf dem Balkon.
Bruno stellte sich darunter.
Herr Schröder streckte sich langsam, rollte sich auf den Rücken oder ließ den Schwanz durch die Gitterstäbe hängen.
Bruno sprang und bellte, bis ihm die Stimme brach.
Je stärker der Hund sich aufregte, desto gelassener wurde der Kater.
Die Nachbarn beschwerten sich.
Der Hausmeister schrieb mir.
Im Hausflur hing plötzlich ein Zettel:
„Hundegebell in den Ruhezeiten ist zu unterlassen.“
Ich ging nach oben.
Der neue Nachbar öffnete die Tür nur einen Spalt.
„Ihr Kater provoziert meinen Hund jeden Morgen.“
„Mein Kater sitzt auf meinem Balkon.“
„Und mein Hund ist in unserem Garten.“
„Dann bringen Sie Ihrem Hund bei, nicht wegen einer Katze durchzudrehen.“
Sachlich betrachtet hatte er nicht völlig unrecht.
Trotzdem hasste ich ihn in diesem Moment.
Wochenlang versuchte ich alles. Vorhänge, Leckerlis, Training, frühere Spaziergänge.
Es half nichts.
Bruno wollte Herrn Schröder sehen.
Und Herr Schröder wollte gesehen werden.
Dann blieb der Balkon leer.
Am ersten Morgen wartete Bruno eine Stunde.
Am zweiten brachte er seinen zerbissenen Stofffuchs mit nach draußen.
Am dritten legte er sich unter den Balkon und gab ein leises Winseln von sich.
Die Ruhe, die ich mir wochenlang gewünscht hatte, fühlte sich plötzlich falsch an.
Bruno fraß kaum noch. Wenn oben eine Tür ging, sprang er auf. Wenn eine fremde Katze auf der Mauer erschien, lief er hoffnungsvoll hin und kehrte enttäuscht zurück.
Nach fünf Tagen klingelte ich bei den Nachbarn.
Der Mann öffnete mit müdem Gesicht.
„Es gibt kein Gebell mehr. Was wollen Sie jetzt?“
„Wissen, wo der Kater ist.“
Er schwieg.
Dann ließ er mich herein.
Herr Schröder lag hinter dem Sofa.
Sein Fell war stumpf, die Augen halb geschlossen. Neben ihm stand ein Teller mit Wurststücken.
„Seit wann ist er so?“
„Ein paar Tage.“
„Beim Tierarzt waren Sie nicht?“
Der Mann sah zur Seite.
Er hatte seine Arbeit verloren. Seine Frau war ausgezogen. Das Geld reichte kaum für die Miete.
Ich nahm den Kater mit.
Die Tierärztin stellte eine schwere Entzündung fest. Ohne Behandlung hätte er die Woche vermutlich nicht überlebt.
Herr Schröder blieb sechs Tage in der Praxis.
Bruno saß in dieser Zeit jeden Morgen an der Gartentür.
Als ich den Kater zurückbrachte, trug ich die Transportbox durch unseren Garten, weil der Hauseingang renoviert wurde.
Bruno roch ihn sofort.
Er drückte die Nase gegen das Gitter und begann am ganzen Körper zu zittern.
Herr Schröder hob die Pfote und legte sie von innen gegen Brunos Schnauze.
Kein Fauchen.
Kein Bellen.
Nur diese Pfote zwischen den Gitterstäben.
Am nächsten Morgen saß der Kater wieder auf dem Balkon.
Bruno sprang vor Freude so hoch, dass er rückwärts in den Kräuterkasten fiel.
Von da an änderte sich ihre Begegnung.
Bruno bellte nur noch zweimal.
Herr Schröder antwortete mit einem rauen Miauen.
Manchmal ließ der Kater einen Filzball hinunterfallen. Bruno brachte ihn zur Gartentür, und ich trug ihn wieder nach oben.
So ging es fast ein Jahr.
Der Nachbar wurde freundlicher. Nicht herzlich, aber weniger hart.
Einmal sagte er:
„Der Kater wartet morgens schon vor der Balkontür.“
Ich antwortete:
„Bruno auch.“
Dann zogen sie aus.
Ohne Ankündigung.
An einem Freitag standen Möbelpacker vor dem Haus. Am Abend war die Wohnung leer.
Der Nachbar gab mir keine neue Adresse.
„Es geht weit weg“, sagte er nur.
„Passen Sie wenigstens gut auf den Kater auf.“
Er nickte, ohne mich anzusehen.
Bruno wartete weiter.
Er saß jeden Morgen um halb acht unter dem Balkon.
Nach zwei Wochen hörte er auf, den Stofffuchs mitzubringen.
Nach vier Wochen hörte er auf zu bellen.
Das war schlimmer.
Eines Nachts weckte er uns.
Er kratzte an der Terrassentür und lief anschließend zur Gartenmauer. Dort begann er zu scharren.
Unter einer lockeren Steinplatte kam ein schmaler Hohlraum zum Vorschein.
Darin lag Herr Schröders alter Filzball.
Und darunter ein Umschlag, feucht und schmutzig.
Auf der Vorderseite stand unser Nachname.
Im Inneren befand sich ein Foto des Katers vor einem heruntergekommenen Haus.
Auf die Rückseite hatte jemand geschrieben:
„Bitte holen Sie ihn. Bevor mein Vater merkt, dass ich Ihnen geschrieben habe.“
Darunter standen eine Adresse und ein Datum.
Der Brief war bereits drei Wochen alt.
Die Handschrift gehörte offenbar einem Kind.
Wir fuhren am nächsten Morgen los.
Die Adresse führte uns in ein kleines Dorf südlich von Lüneburg. Das Haus stand am Ende einer Sackgasse. Der Garten war verwildert, mehrere Fenster mit Pappe verklebt.
Bruno begann im Auto zu winseln, noch bevor wir ausstiegen.
An der Haustür öffnete ein Mädchen von vielleicht dreizehn Jahren.
„Sie haben den Brief gefunden.“
„Wo ist der Kater?“
Sie zeigte auf einen Schuppen hinter dem Haus.
Ihr Vater war fort. Seit dem Umzug trank er mehr als früher und ließ Herrn Schröder oft tagelang im Schuppen, weil er angeblich die Möbel zerkratzte.
Das Mädchen hatte versucht, ihn heimlich zu versorgen.
„Er will ihn nächste Woche wegbringen“, sagte sie. „Ich weiß nicht, wohin.“
Im Schuppen roch es nach Feuchtigkeit und altem Holz.
Herr Schröder saß auf einer Werkbank.
Als er Bruno sah, sprang er herunter.
Der Hund zog so stark an der Leine, dass mein Mann ihn loslassen musste.
Bruno rannte nicht wild auf den Kater zu.
Er blieb kurz vor ihm stehen.
Herr Schröder ging die letzten Schritte selbst.
Dann rieb er seinen Kopf an Brunos Brust.
Das Mädchen begann zu weinen.
„Nehmen Sie ihn mit.“
„Wir können nicht einfach ein fremdes Tier mitnehmen.“
Sie holte einen zerknitterten Impfpass. Als Halterin war ihre Mutter eingetragen, nicht der Vater.
Die Mutter lebte inzwischen in Kiel. Wir riefen sie an.
Sie wusste nichts davon, wie schlecht es dem Kater ging.
Noch am selben Tag schickte sie uns schriftlich die Erlaubnis, Herrn Schröder vorübergehend aufzunehmen. Später übertrug sie das Tier offiziell an uns.
Als der Vater zurückkam, gab es einen heftigen Streit. Er drohte mit der Polizei.
Doch der Impfpass, die Nachrichten seiner Tochter und die Fotos aus dem Schuppen waren eindeutig.
Herr Schröder zog zu uns.
Die ersten Tage verbrachte er oben auf dem Kleiderschrank.
Bruno lag darunter.
Am vierten Abend sprang der Kater herunter und setzte sich in Brunos Körbchen.
Der Hund stand ratlos daneben.
„Jetzt weißt du mal, wie es ist, wenn jemand deinen Platz besetzt“, sagte mein Mann.
Bruno legte sich schließlich auf den Teppich.
Herr Schröder stieg nach wenigen Minuten aus dem Körbchen und rollte sich neben ihm zusammen.
Das Mädchen durfte ihn besuchen. Später zog sie zu ihrer Mutter und kam in den Ferien nach Hamburg.
Der alte Balkon über unserem Garten blieb lange leer.
Trotzdem ging Bruno jeden Morgen um halb acht hinaus.
Herr Schröder folgte ihm.
Der Kater setzte sich nun auf die Gartenbank.
Bruno legte den Filzball vor seine Pfoten.
Manchmal brauchte es keinen Balkon mehr.
Keine Bühne.
Keine zwei Stockwerke Abstand.
Nur zwei Tiere, die lange genug aufeinander gewartet hatten.
