Die Perlenkette in Zimmer 204

Der Regen prasselte gegen die Fenster des alten Grandhotels am See. Aike, die junge Reinigungskraft im zweiten Lehrjahr, schob ihren Wagen über den muffigen Flur des Personaltrakts. Es war kurz nach halb zehn, und sie hatte noch drei Zimmer vor sich, bevor sie den Bus nach Hause erwischen konnte. Das trübe Licht der Wandleuchten spiegelte sich auf dem abgewetzten Linoleumboden, der nach Desinfektionsmittel roch.

Frau Lindemann war eine dieser Gäste, die man auf der Stelle erkannte. Nicht wegen ihres Gesichts, sondern wegen der Art, wie sie hereinkam. Sie trug einen fliederfarbenen Kaschmirmantel, der doppelt so viel gekostet haben musste wie Aikes gesamte Monatsmiete für das winzige Zimmer in Berlin-Neukölln. Ihr kleiner Sohn Leon, vielleicht fünf oder sechs, trug eine marineblaue Steppjacke und hielt ein Holzpuzzleauto in der Hand, das surrende Motorgeräusche machte, während er es über die Rezeptionstheke schob.

Aike bediente sie am Empfang. Frau Lindemann verzog keine Miene, als sie den Zimmerschlüssel entgegennahm. Kein Lächeln. Kein Danke. Nur ein prüfender Blick auf Aikes abgetragene Bluse. Aike tat so, als hätte sie es nicht bemerkt, und klickte den Computer an. Die Buchung lief auf einen Herrn Richard Lindemann. Die Frau trug einen dicken Brillantring, der nicht nach einer Mogelpackung aussah.

Am zweiten Abend klopfte Frau Lindemann an die Tür zum Putzschrank. Ihr Gesicht war eine einzige Panikfalte.

„Meine Kette. Die Perlenkette meiner Großmutter. Sie ist nicht in meiner Kosmetiktasche.“

Aike trocknete sich die Hände an ihrem Kittel ab. „Vielleicht ist sie ins Waschbecken gefallen? Oder unter das Kopfkissen gerutscht. Ich sehe später nach, wenn ich das Zimmer mache, ja?“

„Die war zwölftausend Euro wert. Das Ding war versichert, verstehen Sie? Versichert!“ Frau Lindemanns Stimme überschlug sich fast. „Seit wann arbeiten Sie eigentlich hier?“

Aike spürte, wie ihr Gesicht heiß wurde. „Seit letzten Sommer. Hören Sie, ich nehme nichts, was mir nicht gehört. Das hat mir meine Oma beigebracht, das ist eine Frage des Anstands.“

Frau Lindemann rief trotzdem den Sicherheitsdienst.

Die nächsten Stunden verschwammen zu einem Brei aus Warten und trockenem Mund. Aike saß auf einer Holzbank im Foyer, während zwei Beamte vom Revier eintrafen. Sie durchsuchten ihren Spind, ihre Taschen, das Putzwagenfach, in dem sie die benutzten Handtücher lagerte. Nichts. Aber als ein Hotelgast von Zimmer 206 aussagte, er habe Aike am Vormittag gesehen, wie sie mit einem Staubtuch über dem Arm aus Lindemanns Zimmer kam und etwas in ihrer Schürzentasche verschwinden ließ, war die Sache für die Polizei geritzt.

Aike wusste genau, was sie in der Tasche gehabt hatte: die leere Shampooflasche aus dem Bad, die sie zum Nachfüllen mitgenommen hatte. Sie versuchte, das zu erklären, aber die Worte kamen nicht richtig aus ihrem Mund. Sie stotterte, und je mehr sie stotterte, desto schuldiger sah sie aus.

Die Hotelmanagerin, eine hagere Frau mit strengem Dutt namens Frau Schönfeld, stand mit verschränkten Armen neben dem Tresen und schüttelte bedächtig den Kopf. „So etwas hat es bei uns noch nie gegeben“, sagte sie zu den Beamten. „Nicht in fünfundzwanzig Jahren. Die Person wird selbstverständlich mit sofortiger Wirkung freigestellt, das könnt ihr den Kollegen im Präsidium so weitergeben.“ Sie vermied konsequent, Aikes Namen zu nennen, als wäre er bereits von der Gehaltsliste gestrichen.

Dann die Handschellen. Dieses Klicken, bei dem einem das Blut in den Ohren rauscht. Kaltes Metall um die Handgelenke, während man dasteht und spürt, wie das eigene Leben von einer Sekunde auf die andere zerbricht. Aike dachte an ihre kleine Schwester Mara, die auf sie wartete. Wer bringt Mara morgen in die Kita? Wer macht ihr Abendbrot, wenn der Hort schließt? Mutti hatte Nachtschicht im Krankenhaus, die konnte nicht einfach weg.

Die Beamten führten sie quer durch die Lobby. Der Marmorboden unter ihren abgetretenen Turnschuhen fühlte sich an wie Eis. Draußen vor der Tür wartete ein Streifenwagen mit blinkendem Blaulicht, das den Regenvorhang in blaue Blitze zerschnitt. Der eine Beamte, ein älterer Herr mit grauem Schnauzbart, legte seine Hand schwer auf ihre Schulter und führte sie am Ellbogen.

Genau in diesem Moment sprang Leon von dem Samtsofa auf, auf dem er die ganze Zeit mit seinem Puzzleauto gesessen hatte. Er rannte zu den Polizisten hinüber, stellte sich direkt vor den Älteren und zog an dessen Uniformärmel.

„Entschuldigung, Herr Polizist?“

Der Beamte blieb stehen. Frau Lindemann, die mit verschränkten Armen am Empfang lehnte wie eine Königin, die einer Hinrichtung beiwohnt, richtete sich plötzlich kerzengerade auf.

„Meine Mama hat die Kette unter ihrem Bett versteckt“, platzte Leon heraus. „Gestern. Ich hab’s gesehen. Sie hat sie in einen Schuhkarton mit den Badeschlappen getan und ganz hinten unter den Lattenrost geschoben. Darf ich jetzt mein Auto wiederhaben?“

Stille. So eine Stille, in der man das Summen der Neonröhren hört und den Regen, der gegen die Scheiben trommelt, und das eigene Herz, das einen Schlag aussetzt.

Frau Lindemanns Gesicht verlor jede Farbe. Ihr Mund öffnete sich und schloss sich wieder, wie bei einem Fisch auf dem Trockenen. Der Satinstoff ihres Kleides raschelte leise, als sie unwillkürlich einen Schritt zurücktaumelte und mit dem Absatz gegen den Messingtisch stieß, auf dem die Gästekartei lag. Die Brillanten an ihren Ohren funkelten im Deckenlicht, während ihre Fassade in Zeitlupe einstürzte.

„Was… das ist doch… der Junge fantasiert. Er hat Fieber! Gestern Abend hatte er noch achtunddreißig Komma fünf!“ Ihre Stimme war viel zu hoch, viel zu schrill. Der Tonfall einer Frau, die spürt, wie ihr der Boden unter den Füßen weggezogen wird.

Der Beamte mit dem Schnauzbart drehte sich zu seinem jüngeren Kollegen um. Ein stummer Blick. Dann ließ er Aikes Arm los und ging mit schweren Schritten zurück in den Hotelflur. Frau Lindemann folgte ihm auf den Fersen, ein wilder Schwall halbfertiger Erklärungen sprudelte aus ihr heraus – etwas von einer Verwechslung, einer vergessenen Reinigung, einer furchtbaren Migräne, die sie außer Gefecht gesetzt hatte.

Dem jüngeren Beamten schien plötzlich etwas einzufallen. Er fasste in seine Jackentasche und holte eine einzelne Zigarette heraus, drehte sie unschlüssig zwischen den Fingern und sah Aike an. Nicht mitleidig, eher nachdenklich. So als würde er innerlich eine Akte korrigieren.

Die Minuten zogen sich wie Kaugummi. Aike wagte nicht, sich zu rühren. Ihre Schulter schmerzte von dem verkrampften Händedruck der Handschellen, und die Stelle an ihren Handgelenken, wo das Metall saß, begann zu jucken.

Dann das dumpfe Poltern von Schritten auf dem Hotelflur. Der Schnauzbart-Beamte kam zurück. In seiner behandschuhten Linken hielt er einen flachen Schuhkarton mit der Aufschrift 'Badeschlappen Größe 38'. Er klappte den Deckel auf. Darin, auf ein paar zusammengeknüllte Seidenpapierbögen gebettet, lag eine schimmernde Perlenkette. Dreireihig, mit einem filigranen Goldverschluss.

Hinter ihm stand Frau Lindemann, die Schultern eingefallen, alle Überlegenheit aus dem Körper gesickert. Ihr Kaschmirmantel hing ihr schief von den Schultern, das fliederfarbene Gewebe hatte einen dunklen Wasserfleck vom Regen. Sie wich Aikes Blick aus und starrte stattdessen auf den Marmorboden, als könnte sie mit Willenskraft darin versinken.

Der jüngere Beamte nahm Aike die Handschellen ab. Das metallische Schnappen der Entriegelung war das zweitschönste Geräusch, das sie je gehört hatte. Das allerschönste war Leons helle Kinderstimme, die von irgendwo hinter dem Samtsofa ertönte: „Darf ich jetzt wieder mein Auto?“

Und während Frau Lindemann mit zitternden Knien in einem der Sessel Platz nahm und die Polizisten die Kette als Beweisstück sicherstellten, stand Aike da, rieb sich die Handgelenke und sah zu, wie der Regen draußen allmählich nachließ. Die Managerin war verschwunden, wahrscheinlich um zu telefonieren. Im Foyer roch es nach nasser Wolle und kaltem Zigarettenrauch. Leons Puzzleauto machte brummende Geräusche, als er es im Kreis um den Couchtisch schob.

Aike atmete einmal tief durch, so tief, wie sie seit Stunden nicht mehr geatmet hatte. Sie hatte keinen Plan für morgen, keinen für die Miete, keinen für die Frage, was sie ihrer Mutter sagen sollte. Nur diese eine Gewissheit, die mit jeder Sekunde wärmer wurde und sich in ihrer Brust ausbreitete: Die Wahrheit war irgendwann doch angekommen. Und sie hatte blonde Locken und ein Holzpuzzleauto in der Hand.

Rate article
Fajna Tajna
Die Perlenkette in Zimmer 204