Das Haus roch noch nach Farbe und dem billigen löslichen Kaffee, den Clara in der Eile aufgebrüht hatte. Markus stand auf der Terrasse, die Hände am Geländer des frisch gestrichenen Holzes, und sah zu, wie ein S-Bahn-Zug in der Ferne vorbeirumpelte. Drei Wochen nach dem Einzug war die Stille immer noch das Teuerste an dem ganzen Kauf.
Clara trat mit zwei Tassen nach draußen, das vorsichtige Klappern der Untertassen klang wie eine leise Warnung. Sie stellte die Tassen ab und strich sich eine lose Haarsträhne hinters Ohr.
„Markus… ich muss dir was sagen. Werd bitte nicht sauer."
Er hob eine Augenbraue. „Wenn jemand so anfängt, kommt meistens ein Satz, der mit 'meine Schwester' beginnt."
Clara seufzte. „Sabine und Dirk wollen am Freitag vorbeikommen. Nur ein kurzer Besuch. Sie wollen das Haus sehen."
Markus nahm einen Schluck Kaffee. Er schmeckte nach den letzten drei Wochen – zu heiß, zu hastig, aber irgendwie immer getröstet. „Wir haben noch Kartons im Wohnzimmer stehen, die Lampe im Flur hat einen Wackelkontakt, und ich hatte eigentlich vor, am Freitag die Terrasse neu zu ölen."
„Ich weiß. Aber sie hat schon dreimal angerufen. Und du weißt, wie sie ist."
„Ich weiß, wie sie ist. Und du weißt, dass ich nicht nein sagen kann, wenn du mich mit diesen großen Augen ansiehst."
Clara hob kurz die Schultern, ihre Lippen zuckten. Markus zog sie an der Schulter zu sich heran. Tief in seinem Inneren spürte er ein Kratzen, das er in den vergangenen Jahren kennen gelernt hatte: die Ankunft von Sabine war wie ein Ostwind, der immer die gleichen alten Gerüche mitbrachte.
Am Freitag rollte ein verbeulter Audi in die Einfahrt, als wollte er die Rosensträucher am Rand gleich mitnehmen. Sabine stieg in einem grellen pinkfarbenen Mantel aus, dass selbst die Tulpen im Beet vor Scham die Köpfe einzogen. Dirk quetschte sich vom Beifahrersitz, eine Flasche Astra Rakete in der einen Hand, die andere schon am Hemdkragen nestelnd.
„Na endlich, wir dachten schon, ihr lasst uns vor der Tür stehen!“ Sabine drückte Clara einen Kuss auf die Wange, der mehr Pflicht als Freude war, und rauschte ins Wohnzimmer.
Markus blieb am Eingang stehen. „Schön, dass ihr da seid. Schuhe aus – der Boden ist neu."
Dirk zog die Mundwinkel nach unten. „Neuer Boden, neues Glück. Hast wohl im Lotto gewonnen, was?“
„Nein, nur viel gearbeitet", sagte Markus ruhig.
Sabine inspizierte bereits die Wohnzimmermöbel, als prüfe sie die Echtheit einer Goldkette. „Das Sofa ist aber klein, passt ja nur drei Leute drauf. Und der Fernseher – ist das ein Modell von 2010?"
Clara ging in die Küche und rief: „Setzt euch doch, es gibt gleich Abendessen."
„Gleich ist wann?" Dirk ließ sich auf den Sessel fallen, ohne die Schuhe ausgezogen zu haben, und legte die schmutzigen Sohlen auf den Couchtisch. Markus reichte ihm einen Bierdeckel.
„Der Tisch ist neu."
Dirk winkte ab. „Ach was, ein Tisch. Hast du genug Bier im Kühlschrank?"
Sabine hatte unterdessen die Kiste mit den noch unausgepackten Büchern entdeckt und hob ein altes Fotoalbum heraus. „Oh, seht mal, Schätze aus der Vergangenheit. Clara, weißt du noch, damals, als du in meinem Hochzeitskleid stecken geblieben bist? Du hast echt zugenommen seitdem."
Clara trat mit einer Schüssel Kartoffelsalat in den Türrahmen und hielt inne. Sie sah zu Markus hinüber. Er schüttelte kaum merklich den Kopf, als wollte er sagen: Nicht jetzt.
Beim Abendessen im Esszimmer wurde es eng. Nicht nur, weil der Tisch zu klein war für vier Erwachsene, von denen einer viel Raum beanspruchte, sondern weil Sabine ihre gewohnte Litanei anstimmte.
„Und? Wie läuft’s im Büro? Immer noch die Assistentin vom Chef? Kein eigenes Projekt?" Sabine stocherte mit der Gabel im Kartoffelsalat herum, als suche sie eine besonders faule Stelle.
„Es läuft gut", sagte Clara knapp. „Ich habe jetzt mehr Verantwortung."
„Verantwortung", schnaubte Dirk und nahm sich die fünfte Frikadelle. „Das bringt dir aber keine Kinder. Wie alt seid ihr jetzt? Dreißig? Und immer noch keine Windeln im Haus. Bei uns war die Kleine schon mit drei auf der Welt."
„Wir wollen noch", sagte Markus und legte sein Besteck beiseite. „Aber das geht nur uns was an."
Sabine zog die Augenbrauen hoch. „Nur euch? Die Familie macht sich Sorgen. Mutter fragt ständig, ob bei euch überhaupt alles… funktioniert."
Da war er, der Satz. Markus spürte, wie sich seine Kiefermuskeln anspannten. Doch bevor er etwas erwidern konnte, schob Sabine genüsslich den nächsten Pfeil nach.
„Und was das Geld betrifft: Clara, du hast uns doch neulich gesagt, dass ihr knapp bei Kasse seid wegen dem Haus. Dabei habe ich dir doch geholfen – aus reiner Nächstenliebe. Wie viel war das noch? Zwölftausend, oder?"
Clara sah auf ihren Teller. „Zwölf achthundert. Aber wir haben schon angefangen…"
„Ach, angefangen", lachte Dirk. „Ihr seid schon seit einem halben Jahr dran. Bei dem Tempo sehe ich das Geld erst wieder, wenn meine Tochter Abitur macht."
Sabine lehnte sich zufrieden zurück, die Gabel waagerecht in der Hand. „Ist ja nicht schlimm. Familie muss zusammenhalten. Aber wenn ich so darüber nachdenke – eigentlich wollte ich mit dem Geld ja meinen neuen Wintergarten finanzieren. Aber Blut ist dicker als Wasser."
In diesem Moment legte sich etwas in Clara um. Es war kein lauter Entschluss, kein plötzliches Aufbegehren. Es war eher so, als würde ein leises Summen, das seit Jahren in ihrem Brustkorb gesessen hatte, endlich auf eine klare Frequenz schalten.
Sie stand vom Tisch auf. Ihre Serviette fiel zu Boden, doch sie bemerkte es nicht.
„Clara? Was ist los?" Sabines Stimme war süßlich, als ahnte sie Unheil.
Ohne ein Wort ging Clara aus dem Esszimmer, den Flur entlang, in das kleine Arbeitszimmer, das noch immer nicht fertig eingerichtet war. Auf einem der Umzugskartons im Flur lag ein alter, plattgedrückter Fußball mit kaum lesbarem Aufdruck 'HSV 2009'. Sie wich ihm aus, als wäre er unsichtbar. Auf dem Schreibtisch im Zimmer lag ihr Handy neben einer einsamen Grünpflanze, die um Wasser bettelte.
Sie wischte über das Display, öffnete die Banking-App, tippte. In ihrer Hast stieß sie an den Stapel ungeöffneter Briefe auf dem Tisch, sodass ein Werbeprospekt für einen Elektromarkt auf den Boden segelte. Sie bemerkte es nicht einmal. Ihre Finger zitterten nicht. Sie war überrascht, wie einfach es war.
Dann kehrte sie an den Esstisch zurück und hielt das Telefon hoch, so dass Sabine das Display sehen konnte. Das grüne Licht der Bestätigung leuchtete darauf: „Überweisung getätigt: 12.800,00 € an IBAN DE… Sabine W."
„Hier." Claras Stimme war leise, aber in der plötzlichen, bleiernen Ruhe, die sich über den Raum gelegt hatte, durchdrang sie jede Ecke. „Zwölftausendachthundert Euro. Bis auf den letzten Cent. Mit Dank und Zinsen."
Sabine sah auf das Display, als hätte sich dort eine Spinne eingenistet. Ihre Lippen bewegten sich lautlos, als läse sie die Zahlen immer wieder.
Dirk ließ die Frikadelle von der Gabel fallen. Ein Klacks Bratensaft spritzte auf das Tischtuch, aber niemand kümmerte sich darum.
„Bist du verrückt? Wo hast du das…?" Sabines Ton kippte von Ungläubigkeit in etwas Härteres, das unter der Oberfläche brodelte.
„Von unserem Sparkonto. Woher, ist egal. Wichtiger ist: Wir sind quitt."
Markus saß nur da und betrachtete seine Frau. Er hatte sie noch nie so aufrecht in diesem Stuhl sitzen sehen. Sie wirkte nicht wie jemand, der sich rechtfertigte. Sie wirkte wie jemand, der eine Rechnung beglich.
Sabine schoss ihr Gesicht vor, als wollte sie über den Tisch kriechen. „Das kannst du nicht machen! Ich wollte das Geld gar nicht sofort! Das war doch als Familienkredit gedacht – ich wollte dir nie Druck machen!"
„Du hast mir nie Druck gemacht", sagte Clara und stellte das Handy ab. „Das hast du nie nötig gehabt. Du hast es einfach immer wieder erwähnt. Bei jedem zweiten Satz."
„Das ist ja wohl das Letzte! Dirk, sag doch was!"
Dirk wischte sich mit dem Handrücken über den Mund. „Na ja, Geld ist Geld. Das mussten wir sowieso irgendwann zurückbekommen."
Sabine funkelte ihn an, aber es half nichts. Die Dynamik war zerbrochen.
Clara ging zur Garderobe im Flur und nahm den pinkfarbenen Mantel vom Haken. Sie kam zurück und hielt ihn Sabine hin.
„Euer Besuch ist hiermit beendet. Ich habe euch ein Taxi bestellt – es wartet in fünf Minuten draußen. Die Fahrt übernehme ich, sind schon bezahlt: 43 Euro. Steht mit auf der Überweisung drauf."
Sabine riss ihr den Mantel aus der Hand. Ihre Finger krallten sich in den Stoff, als wollte sie ihn zerreißen. „Das wirst du noch bereuen. So behandelt man seine Schwester nicht."
„Vielleicht", sagte Clara und trat an die Haustür, drückte die Klinke und zog sie weit auf. Ein kühler Frühlingsabend strich herein, mit Geruch von feuchter Erde und weit entferntem Grillfeuer. „Aber im Moment fühlt es sich richtig an."
Dirk trottete brummend vorbei und murmelte etwas von „undankbaren Verwandten". Sabine schritt würdevoll, so sehr man mit einem zerknitterten Mantel eben würdevoll schreiten konnte, auf das Taxi zu.
Clara lehnte im Türrahmen, während Markus zu ihr trat und ihr die Hand auf die Schulter legte.
Sie warteten, bis der Wagen rückwärts die Einfahrt hinunterrollte, und Markus fragte leise: „Zwölftausendachthundert plus Zinsen – war’s das wert?"
Clara schaute auf das Taxi, dessen Rücklichter in die Dunkelheit verschwanden, und ein kleines, hart erarbeitetes Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus.
„Ich würde sagen, das war der beste Kauf meines Lebens."
Das Summen in ihrer Brust war endlich verstummt.




