Der Topf und das Testament

Den Morgen, an dem alles anders wurde, werde ich nie vergessen. Ich saß mit meiner Kaffeetasse am Fenster, wie jeden Dienstag, wenn die Müllabfuhr kam. Draußen roch es nach nassem Asphalt und dem Rauch aus dem Kamin von Familie Brenner. Mein kleiner Terrakottatopf mit Petersilie auf dem Fensterbrett war wieder einmal zu trocken, aber meine Gedanken waren woanders.

Ich wohne seit dreiunddreißig Jahren in der Theresienstraße, im zweiten Stock eines Hauses mit Blick auf das Fachwerkhaus der Schröders. Frau Schröder war vor zwei Wochen gestorben. Sie war eine ruhige Nachbarin gewesen, manchmal sah ich sie im Garten harken oder an der Bushaltestelle mit ihren zwei Töchtern – oder besser: mit ihrer Tochter und dem Mädchen, das sie bei sich aufgenommen hatte. Die eine, Silke, trug immer teure Stiefel und parkte ihren BMW halb auf dem Gehweg. Die andere, Marie, holte am Samstag die Einkäufe für die alte Dame, manchmal mit einem Rucksack, der vor Lauchstangen und Milchkartons überquoll.

An diesem Morgen stoppte ein Taxi direkt vor dem Haus. Beide Frauen stiegen aus, Silke in einem zu neuen Mantel, Marie mit einer abgewetzten Umhängetasche. Sie sprachen nicht miteinander. Marie wollte zur Haustür, aber Silke versperrte ihr den Weg.

„Du brauchst gar nicht reinzukommen“, sagte Silke laut genug, dass ich es bis zu mir hoch hörte. „Ich hab das alte Testament aus der Schublade geholt, das Notariat hat es mir vorgelesen. Mutter hat gewollt, dass du nur noch eins bekommst.“

Sie verschwand im Haus und kam mit einem abgewetzten Farn in einem roten Plastiktopf zurück, drückte ihn Marie in die Arme und legte obendrauf einen einfachen weißen Umschlag.

„Mutter hat dich nur aus Bequemlichkeit behalten. Jetzt weißt du's.“

Marie sagte nichts. Kein Wort, keine Träne. Nur ihre Schultern richteten sich einen Zentimeter höher auf, als wollte sie etwas abwarten, das noch kommen musste. Sie nahm den Farn und den Umschlag und ging zur Bank an der Bushaltestelle, vielleicht zwanzig Schritte. Ich sah, wie sie sich setzte, den Topf auf den Boden stellte und den Umschlag mit Daumen und Zeigefinger öffnete. Sie las den Zettel zweimal, dreimal. Ich konnte die Zeile später, aus Maries eigenem Mund, erfahren: „Du warst nie mehr als eine Pflegekraft, für die man kein Gehalt zahlen musste.“ Marie faltete den Zettel zusammen, schob ihn zurück in den Umschlag und presste die Lippen aufeinander, bevor sie aufstand, an mir vorbei nach Hause lief – sie wohnte damals in einer Einzimmerwohnung am Stadtrand – und den Farn dabei in den nächsten Container gleiten ließ.

In mir kribbelte es. Eine Nachbarin, die einfach nur neugierig ist? Mag sein. Aber was mich stärker beschäftigte, war etwas, das ich schon vor Frau Schröders Tod mitbekommen hatte. Ungefähr zehn Tage vor ihrem Herzinfarkt hatte ich gesehen, wie Marie mit einem Herrn in einem dunklen Anzug aus dem Haus kam, einem Notar aus der Kanzlei Kühne & Partner, ich kannte das Logo auf seinem Aktenkoffer. An diesem Tag hatte Frau Schröder gewinkt, als Marie mit dem Mann ins Auto stieg. Damals dachte ich mir nichts dabei. Jetzt wusste ich es besser: Was ich an jenem Dienstag beobachtet hatte, war die Unterzeichnung der Schenkung gewesen – drei Tage vor dem Tod. Silke wusste davon nichts. Sie hatte nur das alte Testament in der Schublade der Mutter gefunden, jenes aus besseren Tagen, in dem noch beide Töchter gleich bedacht waren, und war fest davon überzeugt gewesen, es sei das letzte gültige. Sie handelte in dem Glauben, ihr stehe das Haus zu – und genau das machte ihre Grausamkeit am Ende so bitter, wie sich später zeigen sollte.

Und Marie? Sie hatte an jenem Dienstag bereits geahnt, dass es die neue Urkunde gab – sie hatte sie ja selbst unterschrieben. Aber der Notar hatte ihr geraten, mit der Offenlegung zu warten, bis das Nachlassgericht das alte Testament formell eröffnet hatte; alles andere hätte den Anschein der Einflussnahme erweckt. So stand sie an jenem Morgen vor der Tür und schwieg – nicht aus Schwäche, sondern weil sie wusste, dass ihr Schweigen bald nicht mehr nötig sein würde.

Ich wartete zwei Tage und erfuhr den Rest von Bäckermeister Seidl, der jeden Klatsch und jede amtliche Bekanntmachung kannte. Sobald das Nachlassgericht das alte Testament eröffnet hatte, sei Marie mit der notariellen Schenkungsurkunde zur Kanzlei Kühne & Partner gegangen und habe sie vorgelegt. Die Schenkung, drei Tage vor dem Tod der Mutter unterschrieben, hebelte das ältere Testament vollständig aus: Frau Schröder hatte ihr das Haus und das Bargeld auf dem Sparkassenkonto bereits zu Lebzeiten überschrieben. Silke, die bis dahin im Haus gewohnt und sich wie die rechtmäßige Erbin verhalten hatte, weil sie von der Schenkung nichts ahnte, blieben nach der Klärung nur noch knapp zwölftausend Euro und die alten Möbel im Keller.

Zwei Wochen später, an einem Freitag, kam Marie zurück. Ich war gerade dabei, meine Geranien am Balkon zu gießen, als sie mit einem Schlüsseldienst anrückte. Ein junger Mann mit einem grünen Overall tauschte in weniger als fünfzehn Minuten zweimal den Schließzylinder aus, während Silke aus dem Küchenfenster schrie.

„Du kannst nicht einfach hier einziehen! Das ist mein Haus, du hast kein Recht …“

Marie wartete, bis der Monteur fertig war, gab ihm dreißig Euro Trinkgeld – ich sah den Schein in seiner Hand – und stellte sich dann vor die Haustür, die jetzt nur noch mit ihren neuen Schlüsseln zu öffnen war. Sie zog einen großen, gelben Umschlag aus ihrer Tasche, entnahm ihm eine Fotokopie, steckte sie durch den Briefschlitz und sagte mit einer Stimme, die mich an ihre Mutter erinnerte:

„Zwölftausend Euro. Mehr nicht. In einer Stunde kommt Frau Dr. Wegener vom Notariat und liest dir vor, was Mutter wirklich unterschrieben hat.“

Silke riss die Tür von innen auf. Ihr Gesicht war fleckig, als hätte sie mit kaltem Wasser gewaschen. Ohne die Kopie zu nehmen, starrte sie auf Marie, an ihr vorbei, irgendwohin. Marie sah kurz zu mir hoch – ich bin nicht sicher, ob sie mich erkannte.

Silke verließ das Haus noch am selben Abend mit zwei Koffern und einer Plastiktüte, in der ein bronzener Kerzenständer steckte. Ein Taxi holte sie ab, der Fahrer trug die Taschen, während sie zum letzten Mal auf das Fachwerk zurückschaute. Marie war da schon wieder verschwunden.

Am nächsten Morgen fand ich einen Brief in meinem Briefkasten, von Marie, ohne Adresse, offenbar persönlich eingeworfen. Darin stand nur: „Der Farn war so gut wie tot, aber ich hab ihn aus dem Container geholt und neu eingetopft. Er steht jetzt auf der Terrasse.“

Seit diesem Tag sehe ich Marie jeden Samstag im Garten. Sie gießt den Farn, pflanzt Lavendel und hängt ein Vogelhaus ans Haselnussgehölz. Manchmal bleibt sie lange sitzen und liest, mit einer Tasse Kaffee neben sich, den sie bei Seidl holt. Silke habe ich nie wieder gesehen. Nur ihr Auto parkte noch einen Monat an der Ecke, bis jemand es mit einer Parkscheibe vollständig ablaufen ließ und dann abschleppen ließ.

An einem Nachmittag kam Frau Dr. Wegener mit einem Aktenordner und brachte Marie die Eigentumsurkunde. Ich erkannte sie, weil ich genau hinsah: Marie schloss den Ordner auf, zog einen dicken Stapel Papier heraus, trennte ein einzelnes Blatt ab und reichte es mir über den Zaun – eine Fotokopie der Schenkungsurkunde, datiert auf den elften Oktober, drei Tage vor dem Tod, mit einem Notarsiegel, das so frisch aussah, als wäre es gerade erst geprägt. Unterschrieben von Frau Schröder, mit zittriger Hand, und von Marie als Begünstigte.

Ich setzte mich ins Wohnzimmer und blätterte lange in diesem Blatt, während die Sonne hinter den Dächern verschwand und die Geranien draußen im Abendwind schaukelten. Die Kaffeetasse war längst kalt, aber ich hielt sie einfach fest und dachte an den Farn, wie er im Container gelegen hatte und jetzt auf der Terrasse neue Wedel trieb.

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Fajna Tajna
Der Topf und das Testament