Ich bin Krankenschwester, vierunddreißig, und ich habe meine Großmutter Elisabeth in Freiburg elf Jahre lang fast jeden Tag besucht. Nach ihrem Tod, bei der Testamentseröffnung im engen Wohnzimmer des alten Reihenhauses in der Wiehre, bekam ich nichts. Keinen einzigen Cent. Die Verwandten, die sich jahrelang nicht blicken ließen – Tante Gisela, Onkel Rüdiger, zwei Cousinen – stritten sich sofort um das Silberbesteck, die alten Schränke, sogar um die Porzellantassen mit den Rosen. Der Geruch von kaltem Kaffee und Bohnerwachs hing in der Luft, die Deckenlampe flackerte, und draußen quietschte die Straßenbahnlinie 3 um die Ecke. Ich hielt es nicht mehr aus und ging durch die Terrassentür in den Garten.
Dort saß Oskar, Omas roter Dackel, neben dem rostigen Gartentisch, die Schnauze auf die Pfoten gelegt. Er schaute mich an, als hätte er gewusst, dass ich komme. Neben ihm stand die alte Thermoskanne, aus der Oma ihm immer Wasser gab. Ich setzte mich auf die Bank, der Nachbar von gegenüber schnitt gerade seine Hecke, und ich wusste sofort: Oskar geht mit mir. Egal, was im Testament stand.
Am Abend, in meiner kleinen Wohnung in der Sedanstraße, wollte ich Oskar das alte Lederhalsband abnehmen. Es war steif und speckig, er trug es seit Jahren. Meine Finger fühlten etwas Hartes unter dem Leder. Ich drehte das Halsband um – da war eine kleine aufgenähte Tasche, kaum sichtbar, mit winzigen Stichen. Ich zog sie mit dem Fingernagel auf. Darin lagen ein kleiner Schlüssel und ein zusammengefalteter Zettel, vergilbt, eng beschrieben. Omas Schrift, die krakelige, mit dem zittrigen „g“. Darauf stand: „Miriam, du warst die Einzige, die sich wirklich gekümmert hat. Sparkasse Freiburg, Schließfach Nummer 47. Hol es dir, bevor die anderen es finden. Und gib Oskar ein Ei am Sonntag.“
Ich saß auf dem Boden, Oskar leckte mir die Hand, und ich las den Zettel dreimal. Draußen fuhr ein Bus vorbei, die Scheinwerfer strichen über die Wand. Ich konnte nicht schlafen.
Am nächsten Morgen, ein Dienstag, zog ich meine einzige schwarze Hose an und ging zur Sparkasse am Bertoldsbrunnen. Der Schlüssel war klein, mit der Zahl 471 eingraviert. Die Angestellte, eine Frau mit strengem Dutt und einem Namensschild „Frau Keller“, führte mich in den Tresorraum. Es roch nach Staub und Metall. Ich öffnete das Fach 47 mit dem Schlüssel – es klickte leise. Drinnen lagen ein Sparbuch und ein handschriftlicher Brief.
Der Brief war an mich adressiert. Oma schrieb: „Die anderen haben nur auf mein Geld gewartet. Du hast mir die Haare gewaschen, als ich es nicht mehr konnte. Du hast mir vorgelesen, auch als ich nicht mehr zugehört habe. Das Haus in der Wiehre habe ich vor drei Jahren heimlich auf deinen Namen überschrieben, aber die Eintragung im Grundbuch fehlt noch. Die Vollmacht liegt hier. Geh zum Notar, lass es eintragen. Das Sparbuch gehört dir. 238.000 Euro. Ich habe gespart, seit dein Großvater gestorben ist. Es ist für dich und für Oskar. Die anderen sollen sehen, was sie verloren haben. Deine Oma Elisabeth.“
Ich stand eine Weile im Tresorraum, das Sparbuch in der Hand, der Brief zitterte. 238.000 Euro. Ich rechnete: Das reichte, um die Hypothek auf meine Wohnung abzuzahlen und Oskar ein gutes Leben zu finanzieren. Aber das Haus – das Reihenhaus mit dem kleinen Garten, in dem ich aufgewachsen war – das gehörte jetzt mir. Und die anderen wussten es nicht.
Ich ging zum Notar, einem Büro in der Kaiser-Joseph-Straße. Der Notar, ein ruhiger Mann mit runder Brille, prüfte die Generalvollmacht. „Ihre Großmutter war sehr weitsichtig“, sagte er. Ich unterschrieb die Unterlagen, er reichte sie an das Grundbuchamt weiter. Fünf Tage später bekam ich den Bescheid: Das Haus war auf meinen Namen eingetragen. Ich zahlte die Grunderwerbsteuer von dem Sparbuch, 8.900 Euro, und den Rest legte ich auf ein Tagesgeldkonto.
Eine Woche nach der Testamentseröffnung klingelte es an meiner Tür. Es war Tante Gisela, mit den beiden Cousinen im Schlepptau. Sie hatten herausgefunden, dass etwas nicht stimmte – vielleicht beim Notar, vielleicht durch einen Nachbarn. Gisela trug ein helles Kostüm und eine Perlenkette, ihre Stimme war scharf: „Miriam, was ist das für eine Geschichte mit dem Haus? Das gehört der Familie. Oma hätte das nie auf deinen Namen überschrieben. Das ist Erbschleicherei.“
Ich bat sie herein, aber sie blieben im Flur stehen, die Arme verschränkt. Oskar knurrte leise hinter mir. Ich holte den Grundbuchauszug aus der Küchenschublade, dazu den Brief von Oma. Ich legte beides auf den Garderobenschrank. „Lies das“, sagte ich.
Gisela riss den Brief an sich, las ihn, ihre Lippen wurden schmal. „Das ist eine Fälschung.“ Die Cousinen warfen einen Blick auf das Dokument und begannen zu tuscheln. Onkel Rüdiger war nicht gekommen, er saß vermutlich zu Hause und fluchte. Ich nahm den Auszug wieder an mich, faltete ihn einmal, zweimal. „Das Grundbuchamt hat es bestätigt“, sagte ich. „Das Haus gehört mir. Das Sparbuch auch. Oma hat gewusst, wer sie gepflegt hat, als ihr im Urlaub wart oder ‚keine Zeit‘ hattet.“
Gisela trat einen Schritt vor. „Du wirst das nicht durchziehen. Wir gehen vor Gericht.“ Ich schaute sie an, ohne zu blinzeln. „Macht das“, sagte ich. „Der Notar hat die Unterschrift von Oma geprüft. Es war ihr letzter Wille. Und jetzt verlasst bitte meine Wohnung.“
Sie gingen rückwärts zur Tür, die Cousinen schauten auf den Boden. Gisela drehte sich noch einmal um: „Das wirst du bereuen.“ Dann fiel die Tür ins Schloss.
Ich stand im Flur, die Hand auf Oskars Kopf. Draußen hörte ich ihre Schritte auf der Treppe, dann die Haustür unten. Ich ging in die Küche, setzte Wasser auf, holte ein Ei aus dem Kühlschrank – es war Sonntag. Oskar setzte sich neben den Herd, die Rute klopfte auf den Boden. Ich schnitt das Ei in kleine Stücke, legte sie in seinen Napf. Er fraß, ohne zu schlingen. Ich trank meinen Tee und schaute aus dem Fenster auf die Straße, wo gerade die Straßenbahn quietschend um die Ecke bog. Omas Haus würde ich vermieten, an eine junge Familie mit Kindern, die den Garten brauchten. Die Mieteinnahmen gingen auf ein Konto für Oskars Tierarztkosten – und für einen Sonntagsbraten, wenn er alt wurde.
Ich nahm das Sparbuch, legte es in die Schublade mit den anderen Papieren, und schloss die Schublade ab. Der Schlüssel steckte im Schloss. Ich drehte ihn um – ein einziges, sattes Klicken.




