Der letzte Abstellraum

Als Thomas an diesem Abend nach Hause kam, roch es im Flur nach Kinder-Shampoo und Apfelmus. Er stellte seine Aktentasche nicht wie sonst neben die Garderobe, sondern blieb im Türrahmen stehen. Seine Augen wanderten von den kleinen Gummistiefeln unter der Bank zu der Stoffgiraffe auf der Kommode.

Katharina stand am Herd und rührte in einem Topf. Sie drehte sich um, lächelte müde und wischte sich eine Haarsträhne aus der Stirn.

„Der Kleine schläft schon“, sagte sie leise.

Thomas nickte kaum merklich. Er knöpfte seinen Mantel nicht auf.

„Wir müssen reden“, sagte er.

Sie gingen ins Wohnzimmer. Die Spielzeugkiste in der Ecke war offen, bunte Bauklötze lagen auf dem Teppich verstreut. Thomas setzte sich nicht. Er blieb am Fenster stehen, mit dem Rücken zu ihr, und starrte in den dunklen Hinterhof des Altbaus in Hamburg-Barmbek.

„Ich hab’s mir anders überlegt“, sagte er. „Das mit dem Jungen. Das funktioniert nicht.“

Katharina stellte den Holzlöffel auf die Fensterbank. Sie hatte Mehl an der Schürze und einen müden Zug um den Mund.

„Was funktioniert nicht?“, fragte sie, obwohl sie genau wusste, was er meinte.

„Ich kann das nicht, Kat. Wir sind seit vier Monaten verheiratet. Ich bin kein Vater. Ich will keiner sein. Schon gar nicht für ein Kind, das nicht meins ist.“

Seine Stimme klang nicht wütend. Eher sachlich. Als würde er einen unpassenden Mietvertrag kündigen.

„Paul ist vier“, sagte Katharina. Ihre Finger krampften sich um den Löffelstiel. „Meine Schwester ist tot. Wer soll ihn denn nehmen, Thomas? Das Jugendamt?“

Er drehte sich um. Die Stehlampe warf harte Schatten über sein Gesicht.

„Deine Mutter“, sagte er. „Die wohnt doch in Oldenburg. Die hat ein Haus, einen Garten, Zeit. Sie hat ihn doch die letzten zwei Jahre großgezogen, bevor wir ihn hergeholt haben. Warum kann sie das nicht weitermachen?“

Katharina spürte, wie ihr Magen sich zusammenzog. „Du warst einverstanden. Wir haben das zusammen entschieden. Nach der Beerdigung hast du gesagt: Wir schaffen das. Wir sind eine Familie.“

Thomas lachte kurz und freudlos auf. „Ich habe gedacht, ich schaffe das. Ich habe mich geirrt. Er weint nachts. Er will dauernd Aufmerksamkeit. Ich komm nach Hause und in meinem Wohnzimmer liegt ein ganzer Fuhrpark aus Plastikautos. Ich will meine Ruhe. Ist das zu viel verlangt?“

Katharina presste die Lippen aufeinander, bis es wehtat. Vor dem Fenster fuhr ein Lastwagen durch die enge Straße, das ganze Zimmer vibrierte leise.

Drei Monate zuvor. Standesamt Hamburg-Mitte. Es hatte geregnet, Bindfäden, aber Katharina hatte gelacht und gesagt, das bringe Glück. Thomas hatte ihren Arm gehalten und charmant gelächelt, während der Fotograf Blitzlicht in den grauen Himmel schoss.

Katharina war zweiunddreißig, Redakteurin bei einem Stadtmagazin. Sie hatte Thomas vor eineinhalb Jahren auf einer Lesung kennengelernt. Er war Architekt, gutaussehend, witzig, mit einer Altbauwohnung in Eppendorf und einem Faible für teure Espressomaschinen. Dass er keine Kinder wollte, hatte er früh gesagt. Katharina selbst hatte nie welche geplant. Sie war karriereorientiert, unabhängig, Reisen nach Lissabon und Krakau an verlängerten Wochenenden.

Dann kam der Anruf. Ihre jüngere Schwester Nele, mit der sie kaum noch Kontakt hatte. Ein Unfall auf der A7 bei Schneeglätte. Tot. Und da war ein Kind.

Paul.

Auf der Beerdigung hatte er dagestanden, in einer viel zu großen schwarzen Jacke, und Katharinas Hand genommen, als wäre es das Selbstverständlichste auf der Welt. Ihre Mutter, Inge, hatte Rotz und Wasser geheult und immer wieder gesagt, sie sei mit ihren siebenundsechzig Jahren überfordert, sie könne nicht mehr, der Junge brauche eine richtige Familie.

„Nimm du ihn, Katharina. Du hast doch jetzt einen Mann. Einen guten Mann. Ihr habt eine Zukunft. Ich hab den Kleinen geliebt, aber meine Knochen machen nicht mehr mit. Jetzt seid ihr dran.“

Thomas hatte anfangs gezögert. Dann hatte er gesagt: „Wir probieren das. Für deine Schwester.“ Er hatte sogar das Gästezimmer in ein Kinderzimmer umgebaut. Selbst die Tapeten hatte er mit ausgesucht: hellblaue Elefanten auf cremefarbenem Grund.

Katharina hatte gedacht, sie sei die glücklichste Frau Hamburgs.

Jetzt stand dieser Mann vor ihr und sagte, das Zimmer könne man ja wieder als Abstellraum nutzen.

„Du hast die Tapeten ausgesucht“, flüsterte sie.

„Das ist jetzt wirklich nicht der Punkt, Kat.“ Thomas’ Stimme wurde schärfer. Er fuhr sich mit den Fingern durch das perfekt gestylte Haar. „Der Punkt ist: Ich habe mich überrumpeln lassen. Von der Situation. Von der Tragik. Von dir. Aber das hier ist nicht mein Leben. Ich will keine Windeln kaufen und keine Kitaeingewöhnung machen und am Samstagmorgen um halb sieben von einem fremden Kind geweckt werden, das ins Bett gekrochen kommt. Ich bin raus.“

Fremdes Kind. Das Wort hing im Raum, schwer und klebrig wie alter Sirup.

„Und was soll ich deiner Meinung nach machen?“, fragte Katharina. Ihre Stimme war jetzt ganz ruhig. Zu ruhig.

„Du bringst ihn zurück zu deiner Mutter. Morgen. Oder am Wochenende. Ich fahr euch auch zum Bahnhof. Sie hat ihn großgezogen, sie wird’s weiter tun. Ist doch logisch. Wir besuchen ihn einmal im Monat, sind die coole Tante und der nette Onkel aus Hamburg, alle sind glücklich. So wird das gemacht, Katharina. Rational denken. Das hast du doch immer gekonnt. Rational denken und dein Ding durchziehen. Warum jetzt nicht?“

Katharina starrte auf die Spielzeugkiste. Ein roter Feuerwehrwagen steckte halb unter der Kommode. Daneben lag ein einzelner blauer Turnschuh, Größe 27.

Sie dachte an die letzten Wochen. An Pauls dünne Arme, die sich um ihren Hals schlangen, wenn sie ihn abends ins Bett brachte. An die kleinen warmen Füße, die er morgens unter ihre Decke schob. An seinen Geruch nach Babyshampoo und Schlaf. An das eine Mal, als er im Halbschlaf „Mama“ gesagt hatte und sie nicht wusste, ob sie weinen oder lachen sollte.

„Ich hab meine Mutter angerufen“, sagte sie schließlich. „Vor zwei Wochen schon. Einfach so, um zu fragen, ob sie Paul nochmal für länger nehmen würde. Nur zur Überbrückung. Falls es hier nicht klappt mit der Kita.“

Thomas hob den Kopf. In seinen Augen blitzte etwas auf. Hoffnung, vielleicht.

„Und?“

„Sie sagte, sie hat sich umgemeldet. Nach Bremerhaven. In eine Seniorenwohnung. Zwei Zimmer, Balkon, vierter Stock. Haustiere verboten, Kinderbesuch nur am Wochenende und ohne Übernachtung. Sie sagte, sie hat ihre Pflicht getan. Jetzt sei ich die Erwachsene. Ich solle endlich Verantwortung übernehmen, statt immer nur an meinen Job und meinen Mann zu denken, der ohnehin keinen Finger für andere krumm mache. Das hat sie wörtlich so gesagt.“

Sie log nicht. Inge hatte das wörtlich so gesagt. Katharina hatte das Telefonat beendet und eine halbe Stunde auf dem Badezimmerboden gesessen.

Thomas schwieg. Die Stehlampe summte leise. Aus dem Kinderzimmer drang kein Laut.

„Na dann“, sagte er schließlich, mit einer wegwerfenden Handbewegung. „Dann gibt’s ja doch nur eine Lösung. Ich oder das Kind. Du musst dich entscheiden. Aber überleg gut, Katharina. Du bist zweiunddreißig. Nicht mehr die Jüngste. Wenn du mich jetzt wegwirfst wegen eines Kindes, das nicht mal dein eigenes ist – wer nimmt dich dann noch? Eine geschiedene Frau mit Anhang, das will keiner. Glaub mir. Ich kenn die Männerwelt. Ich bin die einzige Chance, die du hast.“

Er sagte das ohne Gehässigkeit. Eher im Ton eines Versicherungsvertreters, der eine unangenehme, aber notwendige Wahrheit ausspricht.

Katharina stand auf. Sie ging an ihm vorbei in den Flur. Öffnete die Tür zur Abstellkammer und zog den Staubsauger heraus. Dann den Wäscheständer. Dann zwei leere Umzugskartons, die dort seit dem Einzug herumstanden. Sie trug die Kartons ins Wohnzimmer und stellte sie vor Thomas’ Füße.

„Was soll das?“, fragte er.

„Das ist die Lösung“, sagte Katharina. „Entweder du akzeptierst Paul als mein Kind, ab sofort, ohne Einschränkung, ohne Gemaule, ohne böse Blicke. Oder du packst deine Sachen und gehst. Jetzt. Heute Nacht noch. Ich weiß, dass du die Wohnung auf mich hast eintragen lassen, weil du mit deiner Steuererklärung nicht klarkamst. Geschenkt. Ich behalte sie. Du ziehst aus. So wie damals bei deinen Eltern, als deine Mutter dir nahegelegt hat, es sei Zeit für ein eigenes Leben und du dann bei mir eingezogen bist. Erinnerst du dich?“

Thomas’ Gesicht war kreidebleich geworden. Der Charme, das Gewinnende, die lässige Überlegenheit – alles weg. Nur noch ein Mann von achtunddreißig Jahren, der feststellte, dass seine Karten nicht so gut waren, wie er dachte.

„Katharina“, sagte er. „Sei nicht hysterisch. Wir können doch in Ruhe –“

„Hysterisch?“, unterbrach sie ihn. „Ich bin nicht hysterisch. Ich bin die ruhigste Frau Hamburgs, Thomas. Ich war noch nie so ruhig. Ich hab keine Angst vor dir. Ich hab keine Angst davor, allein zu sein. Ich hab Angst davor, diesem Jungen da drin wehzutun. Und du bist die einzige Person in dieser Wohnung, die ihm wehtut. Also: Bleiben oder gehen?“

Ein langer, stiller Moment. Die Uhr im Flur tickte. Irgendwo im Haus bellte ein Hund. Paul hustete im Schlaf, ein leises, trockenes Husten.

„Nutzlos“, murmelte Thomas schließlich. Er zog sein Jackett aus, warf es über den Sessel. Strich sein Hemd glatt. „Absolut nutzlos. Wegen einem Balg, das dir nicht mal gehört, schmeißt du deine Ehe weg.“

„Es ist mein Neffe. Mein Fleisch und Blut. Und jetzt ist es mein Sohn. Du hast recht, das ist das Einzige, was zählt. Pack deine Sachen, Thomas. In zwanzig Minuten ruf ich das Taxi. Ich bezahl’s auch. Ist mir egal, wohin du fährst. Hauptsache, du bist weg, bevor der Junge aufwacht.“

Thomas starrte sie an. Er hatte diesen Blick – als könne er nicht fassen, dass sie es ernst meinte. Dann zuckte er mit den Schultern, ein hässliches, verächtliches Zucken. „Du wirst das noch bereuen. Schreib’s dir hinter die Ohren: Du wirst das bereuen. Kein Mann setzt sich so eine Last freiwillig auf. Kein Einziger. Du wirst allein bleiben. Mit einem Kind, das nicht deins ist und das dich jeden Tag an deine tote Schwester erinnert. Viel Spaß dabei, wie diese Last dich irgendwann erdrückt, Katharina. Viel verdammten Spaß.“

Er redete noch weiter, während er seine Klamotten aus dem Schrank riss und in die Kartons stopfte, aber Katharina hörte nicht mehr hin. Sie stand im Türrahmen zum Kinderzimmer und beobachtete den kleinen Jungen, der friedlich schlief, mit einem ausgefransten Stoffhasen unter dem Arm.

Er hatte Nele’s Nase, dachte sie. Genau die gleiche kleine Stupsnase mit den drei Sommersprossen. Sie hatte es vorher nie gesehen. Aber jetzt sah sie es.

Das Taxi kam um kurz vor Mitternacht. Thomas ging ohne Abschied, die Tür fiel ins Schloss, und alles, was blieb, war der Geruch von Apfelmus und Kinder-Shampoo. Und eine unerwartete, tiefe, fast schmerzhafte Ruhe in Katharinas Brust.

Die nächsten Monate waren schwer. Die ersten Schritte als alleinerziehende Tante, die für einen Vierjährigen zur Mutter wurde. Der Papierkrieg mit den Behörden. Das ewige Problem, einen Kita-Platz zu finden, der auch nach siebzehn Uhr noch offen hatte, weil die Redaktionskonferenzen nun mal bis achtzehn Uhr gingen. Das Jonglieren zwischen Artikeln über lokale Politik und dem Pflasteraufkleben auf aufgeschürfte Knie. Pauls Frage, ob der „dunkle Mann“ wiederkomme. Seine schmale Hand in ihrer, wenn sie durch den Regen zum Einkaufen gingen.

Ihre Mutter rief einmal im Monat an und sagte Dinge wie „Na, bereust du’s schon?“ oder „Hättest du mal auf mich gehört, Kind.“ Katharina lernte, den Hörer mit einer Ausrede aufzulegen, bevor die Bitterkeit sich in ihre Knochen fressen konnte.

Und dann, sechs Monate später, geschah etwas, womit niemand gerechnet hätte.

Katharina war zu einem Interviewtermin in der HafenCity. Eine Geschichte über nachhaltige Stadtarchitektur, öde, aber gut bezahlt. Sie hatte sich im Konferenzraum eines modernen Bürogebäudes mit Glasfronten und Stahlträgern verabredet. Ein Schlüssel fiel ihr aus der Tasche, als sie sich setzte, und ein Mann mit graumelierten Schläfen und freundlichen Lachfältchen um die Augen hob ihn auf und reichte ihn ihr.

„Der von Ihrem Fahrrad?“, fragte er.

„Nein, der von der Wohnungstür“, sagte Katharina. „Aber ich glaube, das Schloss am Keller müsste auch mal gewechselt werden. Ich drück mich nur schon seit Wochen drum herum, weil mir die Zeit fehlt.“

Er lachte. Es war kein höfliches Businesslachen, sondern ein echtes, offenes. Anders als bei vielen Männern, die sie in letzter Zeit getroffen hatte. „Ich kenne das. Ich bin Jan. Ich bin der Fotograf für das Interview. Normalerweise mach ich sowas nicht, aber die Kollegin ist schwanger. Sind Sie bereit für das Shooting? Sie sehen nicht so aus, als hätten Sie viel Lust auf architektonische Glanzleistungen in Stahl und Glas…“

Es wurde ein langes Gespräch. Jan erzählte, dass er geschieden war, zwei halbwüchsige Töchter hatte, die bei der Mutter in Flensburg lebten, und am Wochenende oft Langeweile schob. Katharina erzählte von Paul. Nicht die ganze schwere Geschichte, nur: „Ich hab einen kleinen Sohn. Er ist vier. Er liebt Baustellen über alles, und ich hab keine Ahnung, wie Bagger funktionieren. Ich les ihm immer nur die Texttafeln aus dem Kinderbuch vor und hoffe, dass er nichts merkt.“ Sie lachte über sich selbst, und er lachte mit, ohne diesen skeptischen Zug um den Mund, den Männer oft bekamen, wenn das Wort „Kind“ fiel.

Eine Woche später lud Jan sie auf einen Kaffee ein. Dann auf einen Spaziergang an der Elbe. Am dritten Treffen brachte er einen Bilderband über historische Hafenkräne mit, und für Paul eine orangefarbene Warnweste und einen Schutzhelm aus Plastik, Kindergröße, gelb, mit Aufklebern von einem Löwen und einem Zementmischer.

Katharina erwartete nichts. Sie hatte aufgehört, etwas zu erwarten. Aber Jan tauchte auf. Ohne große Worte, ohne Versprechungen, einfach mit seiner warmen Stimme und seiner Art, Paul geduldig die Namen von Baggern und Muldenkippern zu erklären, während Katharina am Fenster stand und die beiden beobachtete. Paul, der seinen Plastikhelm trug und ernsthaft nickte. Jan, der vor dem kleinen Jungen kniete und keine Spur von Ungeduld zeigte. Er hatte keine Angst. Er zuckte nicht zurück.

Und trotzdem: An manchen Abenden, wenn Jan gegangen war und Paul im Bett lag, saß Katharina allein am Küchentisch und rechnete. Sie rechnete die Taxiquittungen zusammen, die sie Jan heimlich bezahlt hatte, weil er einmal vergessen hatte, seine Geldbörse mitzunehmen, und sie ihm das Fahrgeld in die Jackentasche gesteckt hatte, ohne dass er es merkte. Es waren 34,60 Euro. Sie schrieb die Zahl auf die Rückseite eines Briefumschlags und starrte sie an. 34,60 Euro – das war nichts, lächerlich. Aber sie konnte nicht aufhören, daran zu denken. War es das erste Anzeichen, dass etwas nicht stimmte? Dass auch dieser Mann sich als das entpuppen würde, was Thomas gewesen war? Sie wusste, dass es absurd war. Sie kannte Jan jetzt seit fast zwei Monaten. Er hatte Paul eine Zahnbürste mitgebracht, weil der Junge seine verloren hatte. Er hatte am Sonntag um sieben Uhr morgens angerufen, um zu fragen, ob sie etwas aus der Bäckerei mitbringen solle. Er hatte nichts Falsches getan, nichts.

Aber das war es ja gerade. Thomas hatte anfangs auch nichts Falsches getan. Er hatte die Tapeten ausgesucht.

Einmal, es war ein regnerischer Dienstag, kam Jan zu spät zu ihrer Verabredung. Er hatte sich um fünfundzwanzig Minuten verspätet, ohne Bescheid zu sagen, und sein Handy war ausgeschaltet. Als er dann völlig durchnässt vor ihrer Tür stand, mit einer leeren Ein-Liter-Flasche Mineralwasser in der Hand, die er Paul als improvisierte Gießkanne für die Balkonblumen mitgebracht hatte, beachtete sie ihn kaum.

„Alles okay?“, fragte er und stellte die Flasche auf die Kommode.

„Ja“, sagte Katharina. „Nur hungrig. Warst du noch arbeiten?“

„Ich war auf dem Rückweg kurz bei meiner Ex-Frau“, sagte Jan. „Meine Tochter hatte Fieber, sie hat angerufen und ich bin hin. Handy war leer, das mit der Uhrzeit hab ich total verpennt. Tut mir leid, Kat. Ich hätte anrufen sollen. Hast du nichts gegessen? Ich mach euch was.“

Katharina sagte nichts. Sie stand nur da und sah zu, wie Jan sich eine Schürze umband und eine Pfanne aus dem Schrank holte. Er summte vor sich hin, ein altes Lied von den Toten Hosen, und schnitt dabei Zwiebeln. Sie hätte ihm glauben können. Vermutlich war es genau das, was er sagte. Aber Thomas hatte auch immer eine Erklärung gehabt. Thomas hatte auch die richtigen Worte gefunden.

Sie ging ins Bad, schloss die Tür ab und setzte sich auf den Rand der Badewanne. Paul klopfte von draußen.

„Mama? Onkel Jan macht Pfannkuchen. Mit Apfelmus. Kommst du?“

Mama. Er nannte sie jetzt immer so. Ohne dass sie ihn dazu aufgefordert hätte. Einfach so, eines Morgens.

„Gleich“, sagte Katharina durch die Tür. „Geh schon mal vor, ich komm gleich raus. Wasch dir die Hände nicht, ich mach nachher mit dir.“

Sie hörte seine kleinen, tapsigen Schritte auf dem Flur. Dann Jans tiefe Stimme: „Ist was mit der Chefin?“ Und Pauls kieksende Antwort: „Sie guckt sich im Spiegel an. Ich glaub, sie ist traurig. Aber sie sagt immer, sie ist nicht traurig, sie denkt nur nach. Erwachsene denken furchtbar viel nach, Onkel Jan. Ich glaube, das ist anstrengend. Ich möchte kein Erwachsener sein.“

„Ich auch nicht, Großer“, hörte sie Jan sagen und dann ein leises Klappen – er hatte Paul auf die Arbeitsplatte gehoben, das tat er immer, damit der Junge beim Kochen zusehen konnte. „Weißt du was? Wenn Erwachsene zu viel nachdenken, müssen sie Pfannkuchen essen. Mit ganz viel Zucker drauf. Das ist wissenschaftlich erwiesen. Hast du die Äpfel gesehen? Ich bring sie nachher zu Mama ans Badezimmerfenster, und dann klettert sie da raus und wird wieder fröhlich. Glaubst du, das klappt?“

Paul kicherte. „Das ist ein doofer Plan. Aber wir können’s versuchen. Weil du die besten Ideen hast. Außer wenn du sagst, ich soll Brokkoli essen. Das ist eine blöde Idee. Die allerschlimmste Idee. Pfui!“

Katharina saß auf dem Badewannenrand und lachte. Es kam unerwartet, ein kurzes, fast erschrockenes Lachen. Sie stand auf, wusch sich das Gesicht mit kaltem Wasser und ging in die Küche. Jan stand vor dem Herd, eine Kelle Teig in der Hand, Paul thronte auf der Arbeitsplatte und hielt ernsthaft den Zuckerstreuer. Der Regen klatschte gegen das Fenster, und die ganze Küche roch nach gebratenem Teig und warmen Äpfeln.

„Ich helf euch“, sagte Katharina. „Wenn du mir die Kelle gibst. Du verteilst zu viel Teig auf einmal, Jan. Das wird nie ein ganzer Pfannkuchen, das wird ein Klumpen. Weißt du nicht, wie man Pfannkuchen macht?“

„Gar keine Ahnung“, sagte Jan und grinste. „Ich dachte, ich frag mal das Küchenpersonal. Sieht so aus, als hätte das mehr Erfahrung als der Fotograf. Zeig’s mir, Küchenchef Paul, was muss ich tun?“

„Na, weniger Teig auf einmal, das hab ich doch gesagt. Du musst zuhören, wenn ich was sag!“ Paul wedelte mit dem Zuckerstreuer und kippte dabei fast von der Platte, aber Jan fing ihn auf, ohne hinzusehen. Eine Hand am Pfannenstiel, die andere um Pauls Rücken.

Katharina nahm ihm die Kelle aus der Hand. Ihre Finger berührten sich kurz. Sie sagte nichts. Sie konzentrierte sich auf den Teig und die Hitze und das Fett in der Pfanne, und nach und nach zog sich die Anspannung aus ihren Schultern zurück. Nicht ganz, nicht für immer. Aber genug, um den Abend zu überstehen.

Zwei Jahre später. Ein sonniger Nachmittag in Planten un Blomen. Jan und Paul fütterten die Enten, während Katharina auf einer Decke saß und einen Roman las. Sie hatte sich angewöhnt, wieder zu lesen. Nicht nur Nachrichten und Pressemitteilungen, sondern Romane. Dicke, altmodische Wälzer.

Jan kam herüber, Paul auf den Schultern, der Junge jauchzte vor Vergnügen. Jan setzte sich neben sie ins Gras und griff nach ihrer Hand.

„Ich hab überlegt“, sagte er.

„Gefährlich“, murmelte Katharina, den Blick noch im Buch.

„Was hältst du davon, wenn wir heiraten?“

Katharina klappte das Buch zu. Paul war von Jans Schultern gerutscht und ins Gebüsch gelaufen, um einen Stock zu inspizieren, der dort im Laub lag. Ein langer, krummer Weidenzweig.

„Bist du sicher?“, fragte sie. „Nicht nur sicher, dass du mich willst. Sondern sicher, dass du ihn willst. Jeden Morgen um sechs. Jeden Elternabend. Jeden kaputten Fahrradreifen, jedes verpatzte Diktat, jeden Wutanfall im Supermarkt. Ich hab keine Tapeten mit Elefanten, die du aussuchen kannst, Jan. Ich hab ein Kind, und das Zimmer ist kein Abstellraum. Das war es nie, und das wird es nie sein. Hast du das verstanden?“

Sie sagte es nicht aggressiv. Eher leise, sachlich, mit demselben Ton, mit dem sie damals die Kartons vor Thomas’ Füße gestellt hatte.

Jan sah ihr in die Augen. Sein Blick war ruhig. Er ließ ihre Hand los, holte tief Luft und griff in seine Jackentasche. Er zog einen zerknitterten Zettel heraus und reichte ihn ihr.

Es war der Briefumschlag mit der Notiz von damals. 34,60 Euro. Die Handschrift ihrer eigenen Kugelschreiberzahlen, daneben etwas in Jans Schrift, mit Datum von vor einem dreiviertel Jahr: *„Bin schuldig. Werde zurückzahlen. Nicht in Geld, aber jeden Tag. J.“*

„Ich hab das gefunden, als ich den Müll runtergebracht hab“, sagte Jan. „Lag auf der Fensterbank im Schlafzimmer. Ich hab’s nie angesprochen, weil ich nicht wusste, ob ich darf. Ich war einmal fünfundzwanzig Minuten zu spät, und du hast sechs Monate gebraucht, um zu glauben, dass ich wirklich bei meiner Tochter war. Ich weiß, dass du rechnest, Katharina. Ich rechne auch. Nur anders.“ Er steckte den Zettel wieder ein. „Ich rechne die Tage, an denen ich euch nicht hatte. Das sind genug. Ich will keine mehr dazurechnen müssen. Wenn du willst, dass wir das machen, dann mach ich das. Aber ich kann nicht versprechen, dass ich nie zu spät komme. Dass mein Handy nie leer ist. Dass ich nicht auch Brokkoli auf den Tisch stelle, selbst wenn Paul ihn eklig findet. Ich bin kein perfekter Mann. Ich bin nur einer, der bleiben will. Ist das genug?“

Katharina starrte den Zettel an, der jetzt wieder in seiner Tasche verschwunden war. Dann sagte sie: „Zeig ihn mir nochmal.“ Jan reichte ihn ihr, und sie studierte die zerknitterten Zahlen, seine krakelige Schrift, seine lächerliche, unverlangte Schuldennotiz. Sie schüttelte den Kopf. „Das ist das Dümmste, was ich je gesehen hab. 34,60 als Schuldschein für eine Ehe. Das ist kein guter Deal, da kriegst du von mir gar nichts, Jan. Nicht mal einen Cent davon. Wenn du willst, kriegst du nur uns. Ohne Schulden. Ohne Tapeten. Mit allem, was dazugehört. Mit den Wutanfällen im Supermarkt. Möchtest du das?“

In diesem Moment rannte Paul heran, den krummen Weidenzweig wie eine Lanze vor sich her tragend. „Onkel Jan! Der Stock ist so lang wie ein ganzes Brückenschiff! Guck mal, das mit den Blättern ist die Flagge! Und der Riss da ist die Ankerkette. Und ich hab eine Piratenkanonenkugel dran gehängt – also nicht wirklich, nur in meinem Kopf, aber es ist eine super Kanonenkugel! Du musst sie sehen!“

Er hielt den Stock direkt vor Jans Gesicht. Ein paar nasse Blätter klebten an seinem Pullover, und Erde war in seinen Haaren. Jan nahm den Stock und betrachtete ihn ernst.

„Ausgezeichnete Bauweise. Stabiler Rumpf. Aber was macht das Brückenschiff in Planten un Blomen? Da ist doch gar kein Wasser tief genug, Großer. Hast du die Frachtpapiere dabei?“

„Quatsch, das ist ein Landschiff! Ein Brückenlandschiff! Für Ententeiche und so. Da müssen die Enten drauf wohnen, wenn sie mal Urlaub machen wollen. Das sag ich doch die ganze Zeit, Onkel Jan, du musst besser zuhören!“ Paul nahm ihm den Stock aus der Hand und hielt ihn jetzt Katharina hin. „Mama, sag du’s ihm. Du glaubst mir doch, dass das ein Schiff ist, oder?“

Katharina sah den Stock an. Sie sah Pauls Stupsnase mit den drei Sommersprossen, die genau wie Nele’s war. Sie sah Jan, der im Gras kniete und darauf wartete, was sie sagen würde. Sie nahm den Stock und klopfte damit leicht gegen Jans Schulter.

„Ich glaube dir, Paul. Ich glaube dir alles. Und das hier ist der beste Stock, den ich je gesehen habe. Wenn Onkel Jan dich jetzt fragt, ob er unser Mann werden darf – dann ist das der Kapitänsstab vom Brückenlandschiff. Und wir taufen das Schiff, sobald wir zu Hause sind. Mit Apfelsaft. Okay?“

„Krieg ich dann ein richtiges Fernrohr? Eins, das wirklich funktioniert? Mit Vergrößerung und so?“ Paul hopste von einem Bein aufs andere. „Und kann Onkel Jan dann immer bei uns bleiben? Auch wenn er schlechte Ideen mit Brokkoli hat? Ich hab nämlich nichts dagegen. Also gegen das Bleiben. Nur gegen Brokkoli. Das muss klar sein. Das ist eine Regel. Die Brokkoli-Regel. Die muss er unterschreiben, bevor er einzieht! Das verlangt das Gesetz von Hamburg!“

Jan zog einen Kugelschreiber aus der Jackentasche, nahm Pauls Stock und kritzelte in großen Druckbuchstaben auf die Rinde: *„Kein Brokkoli ohne Apfelmus, kein Zuspätkommen ohne Anruf, kein Gehen ohne Wiederkommen. Unterschrieben am 17. Mai. Jan.“*

Er reichte den Stock zurück. Paul las, so gut er konnte, und weil er die Wörter nicht alle verstand, erklärte Jan sie ihm. Als Paul mit allem einverstanden war und den Stock feierlich in die Luft stemmte, stand Katharina auf und nahm die beiden an der Hand – ihren Mann und den Jungen mit der Stupsnase und den drei Sommersprossen. Pauls Stock kratzte leise über den Kiesweg, Jan summte ein altes Lied von den Toten Hosen, und kurz bevor sie den Ausgang erreichten, blieb Katharina stehen und zog einen zerknitterten Zettel aus ihrer Hosentasche. Die Notiz von damals. Sie warf ihn in den nächsten Papierkorb.

„War das wichtig?“, fragte Jan.

„Nein“, sagte Katharina. „Nur ein alter Schuldschein. Den brauch ich nicht mehr. Komm, bring uns nach Hause. Das Zimmer am Ende des Flurs ist übrigens kein Abstellraum. Nur damit du’s weißt. Es war nie einer.“

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Fajna Tajna
Der letzte Abstellraum