Früher roch Liebe für mich nach Rosen.
Nach dem Parfüm einer Frau, die sich beim langsamen Tanzen an mich lehnte. Nach frisch gewaschener Bettwäsche und Kaffee am Sonntagmorgen.
Später roch Liebe nach gebratenen Frikadellen.
Und genau diesen Geruch konnte ich nicht ertragen.
Ich war schon als junger Mann empfindlich. Alte Treppenhäuser, volle Straßenbahnen und Krankenhausflure machten mich nervös. Selbst wenn ich kaum Geld hatte, kaufte ich teures Eau de Toilette.
Ein guter Duft gab mir das Gefühl, mein Leben im Griff zu haben.
Meine Frau Katharina kannte diese Eigenart.
Nach der Arbeit kam sie nach Hause, band sich die Haare zusammen und stellte sich in die Küche. Sie arbeitete in einer Apotheke und war abends oft erschöpft.
Trotzdem kochte sie.
Besonders gern bereitete sie Frikadellen zu. Mit Zwiebeln, Senf und eingeweichten Brötchen.
Wenn ich die Wohnung betrat, riss ich das Fenster auf.
„Musst du das schon wieder braten?“
„Du wolltest doch etwas Warmes.“
„Der Geruch hängt morgen noch in meinen Sachen.“
Katharina sagte irgendwann nichts mehr.
Sie stellte den Teller auf den Tisch und ging ins Schlafzimmer.
Damals bemerkte ich nicht, dass sie sich die müden Hände rieb. Ich sah nicht, dass sie nach einem langen Arbeitstag trotzdem versucht hatte, mir etwas Gutes zu tun.
Ich roch nur Fett und Zwiebeln.
Mit der Zeit hörte sie auf, für mich zu kochen.
Dann hörte sie auf, auf mich zu warten.
Eines Abends lagen ihre Schlüssel auf dem Küchentisch.
Daneben ein Zettel:
„Du riechst alles. Nur nicht, wenn etwas zwischen uns stirbt.“
Ich war zuerst wütend.
Später redete ich mir ein, Katharina sei überempfindlich gewesen.
Erst Jahre danach verstand ich, dass nicht sie gegangen war, weil sie zu wenig geliebt hatte.
Sie war gegangen, weil ich ihre Liebe ständig angeekelt von mir geschoben hatte.
Meine Großmutter Elisabeth war damals bereits dreiundneunzig.
Sie hatte mich als Kind oft betreut, wenn meine Eltern arbeiteten. Bei ihr gab es Kartoffelpuffer, Apfelkompott und frisch gebügelte Bettwäsche.
Ihre Wohnung hatte früher nach Holz, Seife und Kuchen gerochen.
Im letzten Jahr ihres Lebens änderte sich das.
Sie konnte kaum noch aufstehen. Sie verwechselte Namen, vergaß Mahlzeiten und erkannte manchmal ihre eigene Wohnung nicht.
Es roch nach Medikamenten, ungewaschener Haut und Inkontinenzeinlagen.
Ich brachte Lilien.
Große Sträuße, viel zu teuer und viel zu intensiv.
„Warum immer diese Blumen?“, fragte sie.
„Weil du sie magst.“
Das stimmte nicht.
Ich wollte, dass die Wohnung anders roch.
Elisabeth verstand nicht mehr, dass die Einlagen weggeworfen werden mussten. Sie wusch sie aus und legte sie auf die Heizung.
Beim ersten Mal erklärte ich es ruhig.
Beim zweiten Mal wurde meine Stimme lauter.
Beim dritten Mal schrie ich.
„Warum machst du das immer wieder? Ich kaufe dir doch neue!“
Sie saß auf dem Bettrand und sah mich ängstlich an.
„Ich wollte sparen, Markus.“
„Du musst nicht sparen!“
„Früher musste man alles aufheben.“
Ich riss die nassen Einlagen von der Heizung und stopfte sie in einen Müllbeutel.
Draußen im Treppenhaus schämte ich mich.
Ich versprach mir, nie wieder so mit ihr zu sprechen.
Eine Woche später schrie ich erneut.
Danach kaufte ich noch größere Lilien.
Als könnten Blumen den Ton meiner Stimme aus der Wohnung vertreiben.
An einem regnerischen Nachmittag betrat ich auf dem Weg zu ihr eine Kirche.
Nicht aus besonderer Frömmigkeit. Ich wollte nur warten, bis der Regen nachließ.
Drinnen roch es nach Wachs und Weihrauch. Die goldenen Verzierungen leuchteten im Kerzenschein.
Für einige Minuten fühlte ich mich ruhig.
Vor dem Eingang saßen zwei wohnungslose Männer.
Einer hatte nasse Hosen. Der Geruch von Urin und ungewaschener Kleidung lag über den Stufen.
Ich verzog das Gesicht.
„Ausgerechnet vor einer Kirche“, dachte ich.
Hier sollte es nach Weihrauch riechen. Nach Reinheit. Nach Gott.
Nach Liebe.
Ich ging weiter, blieb aber nach wenigen Metern stehen.
Wonach roch Liebe eigentlich?
Nach Blumen?
Nach Parfüm?
Oder nach dem Körper eines Menschen, der sich nicht mehr selbst waschen kann?
Nach einem Bett, das in der Nacht frisch bezogen werden muss?
Nach Essen, das jemand müde für einen anderen brät?
Vielleicht hatte ich Liebe mein ganzes Leben nur dann erkannt, wenn sie angenehm roch.
Alles andere hatte ich abgelehnt.
Ich kaufte einen neuen Strauß Lilien und fuhr zu Elisabeth.
Vor ihrer Wohnung blieb ich stehen.
Der vertraute Geruch drang bereits durch die Tür.
Meine Hand lag auf dem Schlüssel.
Ich konnte ihn nicht drehen.
Dann sagte ich leise:
„Gott, ich weiß nicht, wie man einen Menschen liebt, wenn Liebe unangenehm wird. Hilf mir wenigstens heute.“
Das Schloss klickte.
Ich trat ein.
Elisabeth lag neben dem Bett auf dem Boden. Eine Schüssel Wasser war umgekippt. Das Bettzeug war verschmutzt.
Auf der Heizung lagen erneut die ausgewaschenen Einlagen.
Als sie mich sah, hob sie schützend die Hände.
„Bitte schimpf nicht, Markus. Ich mache alles sauber.“
Ich stellte die Lilien ab.
Dann kniete ich mich zu ihr.
„Hast du Schmerzen?“
Sie blinzelte.
Offenbar hatte sie eine ganz andere Frage erwartet.
„Nur in der Hüfte.“
Ich half ihr hoch.
Sie roch nach Schweiß, Urin und der Salbe, die sie gegen ihre Gelenkschmerzen benutzte.
Mein Magen zog sich zusammen.
Für einen Moment wollte ich das Fenster öffnen, den Pflegedienst anrufen und hinausgehen.
Stattdessen brachte ich sie ins Badezimmer.
„Was machst du?“
„Ich helfe dir.“
„Das muss nicht sein.“
„Doch.“
Ich wusch ihr zuerst die Hände.
Sie waren dünn und voller dunkler Flecken. Dieselben Hände hatten früher meine Schürfwunden versorgt, meine Schulbrote geschmiert und meine Winterjacke geflickt.
Dann wusch ich ihr Gesicht und vorsichtig den Körper.
Elisabeth schämte sich.
Sie versuchte ständig, das Handtuch festzuhalten.
„Markus, geh doch. Ich mache das allein.“
„Du kannst nicht allein stehen.“
„Ich möchte nicht, dass du mich so siehst.“
Ich schluckte.
„Du hast mich als Kind auch so gesehen.“
Sie lächelte schwach.
„Du hast immer geschrien, wenn Wasser über dein Gesicht lief.“
„Dann sind wir quitt.“
Ich bezog das Bett neu, reinigte den Boden und warf die Einlagen weg.
Diesmal ohne Wut.
Danach kochte ich Grießbrei.
Elisabeth aß nur wenige Löffel.
„Gut?“
„Zu wenig Zucker.“
Ich gab Zucker dazu.
„Jetzt?“
„Zu viel.“
Zum ersten Mal seit Monaten lachten wir gemeinsam.
Am nächsten Tag rief ich einen ambulanten Pflegedienst an. Nicht um meine Verantwortung vollständig abzugeben, sondern damit Elisabeth auch versorgt war, wenn ich arbeitete.
Ich kaufte keine Lilien mehr.
Stattdessen brachte ich Feuchttücher, Hautcreme, frische Nachthemden und die Apfelsorte, die sie mochte.
Es roch weiterhin in der Wohnung.
Aber der Geruch verlor seine Macht über mich.
Nicht sofort.
Manchmal stand ich im Bad und musste tief atmen. Manchmal öffnete ich ein Fenster, bevor ich das Bett wechselte.
Doch ich hörte auf, so zu tun, als sei mein Ekel wichtiger als ihre Würde.
Eines Abends fragte Elisabeth:
„Kommt Katharina noch?“
Ich erstarrte.
„Sie lebt nicht mehr bei mir.“
„Warum?“
„Weil ich nicht gut zu ihr war.“
Elisabeth sah mich lange an.
„Dann sag es ihr.“
„Was?“
„Die Wahrheit.“
Ich rief Katharina am selben Abend an.
Sie nahm erst beim dritten Versuch ab.
„Was willst du, Markus?“
„Mich entschuldigen.“
„Nach zwei Jahren?“
„Ja. Viel zu spät.“
Ich erzählte ihr von Elisabeth.
Von den Lilien, den Einlagen und davon, wie ich zum ersten Mal verstanden hatte, dass Fürsorge selten elegant ist.
Katharina schwieg.
„Ich habe dir Essen gekocht, weil ich dachte, du freust dich, wenn jemand an dich denkt“, sagte sie schließlich.
„Ich weiß.“
„Damals wusstest du es nicht.“
„Nein.“
Ich bat sie nicht zurückzukommen.
Das wäre nur eine weitere Form gewesen, in der ich etwas von ihr verlangte.
Wir verabschiedeten uns ruhig.
Elisabeth wurde schwächer.
Sie schlief immer länger und erkannte mich nicht mehr an jedem Tag.
Einmal hielt sie meine Hand und sagte:
„Herr Müller, Sie sind ein freundlicher Pfleger.“
„Danke.“
„Mein Enkel kommt später.“
„Bestimmt.“
An einem Sonntag bat sie plötzlich um Frikadellen.
„Mit Zwiebeln“, sagte sie. „Wie früher.“
Ich hatte nie kochen gelernt.
Ich suchte ein Rezept im Internet. Die erste Portion verbrannte. Die zweite zerfiel in der Pfanne.
Die dritte sah wenigstens nach Frikadellen aus.
Die ganze Wohnung roch nach gebratenen Zwiebeln.
Früher hätte ich sämtliche Fenster geöffnet.
Diesmal deckte ich den Tisch.
Elisabeth aß eine halbe Frikadelle.
„Nicht schlecht“, sagte sie.
„Nur nicht schlecht?“
„Katharina konnte sie besser.“
Ich musste lachen.
„Das stimmt.“
Drei Tage später starb Elisabeth.
Ich saß neben ihr und hielt ihre Hand.
Im Zimmer roch es nach Medikamenten, Waschmittel und einem Rest gebratener Zwiebeln.
Nach der Beerdigung ging ich in ihre leere Wohnung.
Alle Fenster standen offen.
Die Bettwäsche war abgezogen. Die Pflegeprodukte waren weggeräumt.
Es roch fast nach nichts.
Diese Geruchlosigkeit war schlimmer als alles zuvor.
Auf dem Küchentisch lag ein altes Geschirrtuch. Elisabeth hatte damit früher die Schüssel abgedeckt, in der Teig ruhte.
Ich presste es an mein Gesicht.
Es roch schwach nach Schrank, Seife und ihrer Wohnung.
Ich weinte lange.
Nicht weil ich mich vor ihrem Tod gefürchtet hatte.
Sondern weil ich begriffen hatte, dass ich beinahe die letzte Zeit mit ihr durch Wut und Ekel zerstört hätte.
Einige Wochen später erhielt ich ein Paket von Katharina.
Darin befand sich eine kleine Metalldose mit einem handgeschriebenen Rezept für Frikadellen.
Auf der Rückseite stand:
„Manche Dinge versteht man erst, wenn man bereit ist, sie wirklich zu riechen.“
Wir fanden nicht wieder zusammen.
Aber wir konnten einander vergeben.
Heute arbeite ich einmal pro Woche ehrenamtlich in einer Einrichtung, die warme Mahlzeiten an wohnungslose Menschen verteilt.
Beim ersten Einsatz roch es nach nassen Jacken, Suppe, ungewaschenen Körpern und Desinfektionsmittel.
Mein alter Reflex war noch da.
Ich hielt kurz den Atem an.
Dann sah ich einen Mann, der seine Suppe mit beiden Händen umklammerte, als wäre die Schale etwas Kostbares.
„Noch eine Frikadelle?“, fragte ich.
Er nickte.
Als ich sie auf seinen Teller legte, dachte ich wieder an die Frage vor der Kirche.
Wonach riecht Liebe?
Nicht immer nach Rosen.
Manchmal riecht sie nach einem frisch bezogenen Bett.
Nach Salbe, Suppe und einer Küche voller Zwiebeln.
Nach einem Menschen, der bleibt, obwohl er lieber fliehen würde.
Und manchmal riecht Liebe genau nach dem, was wir früher nicht ertragen konnten.
Frei nach Motiven von Nikita Plaschtschewski.
