Wenn der Sohn die Mutter heiratet

David schob sich eine Gabel voll Spätzle in den Mund und sagte es zwischen zwei Bissen. Nicht als Frage. Nicht als Vorschlag. Sondern als fertige Tatsache, die noch jemand kurz zur Kenntnis nehmen musste.

„Ich fahr dann Samstag zu meiner Mutter. Wird so drei Monate dauern, schätze ich. Die Terrasse hinten sackt weg, und den Dachstuhl muss ich auch mal neu machen. Das schafft sie allein nicht.“

Auf dem Tisch zwischen der Salatschüssel und dem Brotkorb lag sein Handy, das Display zeigte eine geöffnete Route. Freiburg raus, irgendwo in die Schwäbische Alb rein. 287 Kilometer. Er hatte den Trip längst durchgeplant, das sah man an den drei gespeicherten Zwischenstopps bei Bauhaus-Filialen entlang der Strecke.

Miriam antwortete nicht.

Sie saß am anderen Ende des Küchentisches in ihrem grünen Leinenkleid, das sie sonst nur im Sommer trug. Obwohl es Anfang November war und die Heizung in ihrer Freiburger Altbauwohnung mal wieder nur lauwarm blubberte. Ihr Besteck lag parallel auf dem Tellerrand. Sie starrte an David vorbei auf die Fensterbank, wo ein halb vertrockneter Basilikumtopf stand, den sie seit Wochen gießen wollte.

Draußen rumpelte die Straßenbahnlinie 4 in Richtung Zähringen, die Scheiben vibrierten leise. Ein Geräusch, das sonst niemandem auffiel. Miriam fiel es auf. Weil sie plötzlich alles hörte: das Ticken der Wanduhr aus dem Wohnzimmer, den tropfenden Wasserhahn über der Spüle, Davids Kauen. Vor allem das Kauen.

„Sagst du gar nichts dazu?“, fragte er und wischte sich mit der Serviette über den Mund.

Miriam drehte langsam den Kopf. Ihr Blick glitt über sein Gesicht, als läse sie eine Speisekarte, auf der nichts stand, was sie bestellen wollte.

„David“, sagte sie leise. „Der Wasserhahn in der Küche tropft jetzt seit Februar. Weißt du das?“

Er runzelte die Stirn. Wasserhahn? Was hatte der Wasserhahn damit zu tun?

„Ich hab bestimmt sechs Mal was gesagt. Letzten Dienstag erst, als du am Laptop gesessen hast. Du hast genickt und ‚Mach ich morgen‘ gesagt. Das war vor anderthalb Wochen. Er tropft immer noch. Immer nachts um drei wach ich davon auf. Tick. Tick. Tick. Wie ein Metronom, das runterzählt, wie lange wir schon so tun als ob.“

David legte die Gabel weg. Seine Miene verfinsterte sich.

„Ja dann ruf halt ’nen Klempner an, wenn’s so schlimm ist. Dafür hab ich jetzt echt keinen Kopf. Meine Mutter wartet auf mich. Die Terrasse ist kurz vorm Absacken, ich hab’s dir doch erklärt. Da geht’s um Statik, um Fundamente. Das ist nicht irgendein tropfender Wasserhahn.“

„Es geht nicht um den Wasserhahn.“ Miriams Stimme blieb ruhig. Zu ruhig. Die Ruhe von jemandem, der eine Entscheidung schon vor Tagen getroffen hat und jetzt nur noch darauf wartet, dass die Welt aufhört, dagegen zu argumentieren. „Es geht darum, dass du wieder drei Monate weg bist. Wie letztes Jahr. Und das Jahr davor. Weißt du, wie lange das zusammen ist? Über acht Monate in drei Jahren Ehe. Acht Monate, in denen dein Zuhause nicht hier war, sondern 287 Kilometer entfernt in deinem Kinderzimmer.“

David stand auf. Der Stuhl scharrte über die Holzdielen. Er begann, in der kleinen Küche auf und ab zu gehen, vom Kühlschrank zum Fenster, vom Fenster zum Herd.

„Jetzt werd mal nicht theatralisch. Ich mach das doch nicht zum Spaß. Meine Mutter ist eine alte Frau, sie ist auf mich angewiesen. Soll sie allein auf der Leiter stehen und Dachlatten schleppen mit ihren 72 Jahren?“

„Deine Mutter hat einen Nachbarn. Den netten Herrn Schöller von gegenüber, der ihr jeden Winter den Schnee vor der Tür wegräumt und im Sommer die Hecke schneidet, obwohl sie ihn dafür nicht mal bezahlt. Weißt du, was sie letztes Weihnachten zu mir gesagt hat, als du draußen die Lichterkette aufgehängt hast?“

David blieb stehen.

„Sie hat gesagt: ‚Wissen Sie, der David war schon als kleiner Junge so. Der konnte nicht ohne mich einschlafen. Ist immer wieder aus seinem Bett gekrochen und zu mir gekommen. Und heute braucht er mich immer noch, auch wenn er’s nicht zugibt.‘“ Miriam machte eine kurze Pause. „Sie hat dabei gelächelt. Nicht stolz. Zufrieden. Wie jemand, der ein Spiel gewonnen hat, von dem der Gegner noch gar nicht weiß, dass es läuft.“

In Davids Gesicht arbeitete es. Seine Hände ballten sich kurz zu Fäusten, dann lockerte er sie wieder.

„Das hast du dir ausgedacht. So was würde Mutti nie sagen. Du suchst bloß einen Grund, um gegen sie zu sticheln, weil du sie nicht leiden kannst. Das war von Anfang an so. Schon bei der Hochzeit hast du das Gesicht verzogen, als sie den ersten Toast aussprechen wollte.“

Miriam schüttelte ganz langsam den Kopf. Nicht widersprechend. Eher traurig.

„Ich mag deine Mutter nicht, das stimmt. Aber nicht, weil sie deine Mutter ist. Sondern weil sie sich weigert, deine Frau neben sich existieren zu lassen. Und du siehst es nicht. Oder willst es nicht sehen. Du bist achtunddreißig, David. Achtunddreißig. Aber sobald sie anruft, wirst du wieder zwölf und packst deine Werkzeugkiste und fährst los, ohne zu fragen, ob wir an dem Wochenende vielleicht Pläne hatten. Und wir hatten immer Pläne. Die du vergessen hast. Jedes einzelne Mal.“

David schnaubte. Er griff nach seinem Handy. Das Standardmanöver. Wenn Argumente nicht wirkten, kam die schwere Artillerie.

„Mutti? Ja, ich bin’s. Hör mal, ich muss dir was sagen. Es wird vielleicht nichts mit Samstag. Nein, es geht nicht um die Terrasse. Miriam macht Stress. Sagt, wenn ich fahre, ist die Ehe vorbei. Ja, genau. Ernsthaft. Nein, sie übertreibt nicht, sie hat’s gerade so gesagt. Okay. Ja, klar kannst du vorbeikommen. Ich weiß es auch nicht, Mutti. Ich weiß es wirklich nicht. Bis gleich.“

Er legte auf und warf das Handy auf die Tischplatte. Es klatschte auf das Holz und rutschte gegen den Brotkorb. Er sah Miriam an, und in seinem Blick lag jetzt weniger Wut als eine seltsame Mischung aus Triumph und Trotz. Das Kind, das wusste: Wenn die Mutter kommt, wird alles wieder gut.

„Sie ist in einer halben Stunde hier. Du kannst ihr ja dann erklären, warum ihr Sohn nicht seiner alten Mutter helfen darf, damit die nicht im Regen sitzt bei den nächsten Unwettern im Winter. Bin gespannt, wie du das rüberbringst.“

Miriam stand auf. Sie ging zum Kühlschrank, holte eine Flasche Mineralwasser heraus, goss sich ein Glas ein. Ihre Hand zitterte kein bisschen. Sie trank zwei Schlucke, stellte das Glas ab. Dann nahm sie Davids Teller, auf dem noch die Hälfte der Spätzle lag, stellte ihn in die Spüle. Nicht wütend. Als würde sie nach dem Essen abräumen, ganz normal, wie jeden Abend. Das Geräusch des Tellers auf dem Edelstahl war das einzige in der Küche.

„Was machst du jetzt?“, fragte David misstrauisch.

„Aufräumen. Später kommt Besuch. Da soll’s nicht aussehen wie im Schweinestall.“

Er verstand den Unterton nicht, der da mitschwang. Das Finale in der Beiläufigkeit.

Eine knappe Dreiviertelstunde später klingelte es an der Wohnungstür. Nicht ein Mal kurz, sondern zweimal lang, fordernd. So klingelte nur eine Person in Davids und Miriams Leben. Brigitte. Davids Mutter.

Sie rauschte herein wie der Wintereinbruch, der draußen auf sich warten ließ. Dunkelblauer Wollmantel, ein bordeauxroter Seidenschal, den sie auch im November trug, weil Seide, wie sie gern betonte, immer gehe. Sie drückte David einen festen Kuss auf die Wange, musterte mit einem Seitenblick die Garderobe im Flur und zog die Handschuhe aus, einen Finger nach dem anderen, bedächtig.

„So. Ich bin da. Wo ist sie?“

Sie meinte Miriam. Sie sagte nicht ‚deine Frau‘ oder ‚Miriam‘. Sie sagte ‚sie‘, als wäre der Name schon zu viel Ehre.

Miriam saß im Wohnzimmer auf dem Sofa, das Wasserglas noch in der Hand. Sie hatte nicht aufgeräumt. Der Tisch war leer bis auf eine kleine Holzkiste mit Fotos, die sie aus dem Schlafzimmer geholt hatte. David erkannte die Kiste sofort. Ihre gemeinsame Erinnerungskiste, die sie im ersten Ehejahr angelegt hatten. Konzertkarten, ein verwelktes Rosenblatt vom Hochzeitsstrauß, ein paar Sofortbilder aus dem Urlaub am Gardasee.

„Da bist du ja“, sagte Brigitte und trat ins Wohnzimmer. „Mein Sohn hat mir erzählt, was hier los ist. Ich muss sagen, ich bin entsetzt. Nicht überrascht, aber entsetzt. So behandelt man den Mann nicht, mit dem man vor Gott und dem Standesamt versprochen hat, in guten wie in schlechten Zeiten zusammenzuhalten. Und meinem Sohn zu verbieten, seiner Mutter zu helfen, das ist kein schlechter Tag, das ist kein Streit, das ist blanke Bosheit. Was bildest du dir eigentlich ein?“

„Mutter, bitte. Reg dich nicht auf.“ David legte ihr eine Hand auf die Schulter. „Ich hab versucht, es ihr zu erklären, aber sie redet von Wasserhähnen und verpassten Wochenenden und hört mir gar nicht richtig zu. Es geht ihr nicht um uns, sie will einfach nur ihren Willen durchsetzen. Wie immer, wenn es um dich geht. Sie hat noch nie verstanden, dass du für mich an erster Stelle stehst—na ja, nicht an erster, aber dass du halt meine Mutter bist. Das muss sie akzeptieren. Das hab ich ihr tausendmal gesagt. Aber sie will nicht. Und jetzt stellt sie mir so ein Ultimatum. Stell dir vor!“

Brigitte schnalzte leise mit der Zunge. Sie setzte sich auf den Sessel gegenüber Miriam, schlug die Beine übereinander und musterte ihre Schwiegertochter wie eine Richterin, die das Urteil längst im Kopf hat und nur noch das Geständnis abwartet.

„Weißt du, mein Mann und ich, Gott hab ihn selig, waren auch nicht immer einer Meinung. Aber dass eine Frau ihrem Mann vorschreibt, wann er seine Mutter besuchen darf und wann nicht – das hätte es bei uns nicht gegeben. Da wäre er aufgestanden und gegangen. Und zwar endgültig. Was du hier betreibst, ist emotionale Erpressung. Reinsten Wassers. Und mein Sohn ist viel zu gutmütig, um das zu durchschauen. Aber ich nicht. Ich hab vierzig Jahre Ehe hinter mir, Kindchen. Ich erkenne eine manipulativ…“

Miriam stand auf.

Es war diese eine Bewegung, die den ganzen Redefluss stoppte. Kein dramatisches Aufspringen, kein Stühlerücken. Einfach ein gerades, aufrechtes Stehen, das mehr Raum einnahm, als Brigittes gesamte Anwesenheit.

Sie ging ohne ein Wort an den beiden vorbei, aus dem Wohnzimmer hinaus in den Flur. David und Brigitte wechselten einen Blick. Die Mutter lächelte dünn.

„Lass sie. Soll sie schmollen. Das legt sich wieder. Das ist wie mit den Trotzanfällen, die du als Kind hattest. Ignorieren, und es geht vorbei. Wetten?“

Aus dem Schlafzimmer hörte man Geräusche. Schranktüren. Schubladen. Nicht wütend geschoben, sondern sachlich geöffnet und geschlossen.

Dann kam Miriam zurück.

Sie trug einen großen, abgewetzten Lederkoffer. Davids Koffer. Den er vor zwölf Jahren von seinem Vater geerbt hatte und der schon mit ihm nach Australien, durch halb Europa und bis in die schwäbische Provinz gereist war. Sie stellte ihn mitten ins Wohnzimmer und klappte die Messingverschlüsse auf. Das Klick-Klack hallte durch den Raum, lauter als die letzte Durchsage einer Bahnhofshalle vor der Abfahrt.

„Was um Himmels willen machst du da?“, fragte Brigitte. Ihr Lächeln war verschwunden.

Miriam antwortete nicht. Sie ging zum Garderobenschrank im Flur, nahm Davids dicke Outdoor-Jacke vom Bügel, die er immer nur trug, wenn er in den rauen Wintern seiner Mutter half, Schnee zu schippen. Dann holte sie seine Arbeitsschuhe aus dem Schuhregal, die noch vom letzten Jahr braune Lehmspuren an den Sohlen hatten. Sie legte alles sorgfältig in den Koffer, so wie jemand, der weiß, dass der Empfänger auf eine lange Reise geht und nichts vergessen darf.

„Jetzt hör sofort auf mit dem Unsinn!“ David trat einen Schritt vor. Sein Gesicht war rot angelaufen. „Das ist lächerlich, Miriam. Hör auf, sag ich!“

Aber sie hörte nicht. Sie holte seine Waschtasche aus dem Badezimmer, seinen grauen Lieblingspullover, den er nur bei seiner Mutter trug, weil Miriam ihn einmal scherzhaft als »altbacken« bezeichnet hatte, und zwei Paar Socken, die sie noch am Morgen für ihn gewaschen und zusammengelegt hatte.

Brigitte war ebenfalls aufgestanden. Sie stemmte die Hände in die Hüften.

„Das ist ja unerhört. So gehst du mit seinem Eigentum um? Das sind seine Sachen, die er selbst bezahlt hat, von seinem eigenen Geld. David, sag doch was! Sie wirft dich raus! Aus deiner eigenen Wohnung! Und du stehst nur da und guckst!“

David wollte etwas sagen, aber seine Kehle war wie zugeschnürt. Er starrte auf den Koffer, auf seine ordentlich gefalteten Klamotten, auf die Schuhe mit dem getrockneten Lehm seiner Mutter, und er begriff zum ersten Mal, dass das hier keine leere Drohung war. Kein weiterer Streit, der mit faden Entschuldigungen und drei Tagen peinlicher Stille endete. Das war das Ende. Verpackt in einen alten Lederkoffer.

Miriam klappte den Deckel zu. Die Verschlüsse schnappten hörbar ein. Klick. Klack. Ein letztes Mal.

Sie richtete sich auf und sah David an. Dann Brigitte. Sie waren ein Bild, wie sie da standen: die Mutter, die Hand beschützend auf dem Arm ihres Sohnes, und der Sohn, der noch immer nicht verstand, was eigentlich geschah. Gegenüber eine Frau, die aufgehört hatte zu kämpfen.

„Wohin soll ich denn jetzt gehen?“, fragte David. Seine Stimme klang plötzlich klein, nicht mehr wie die eines Mannes, der eben noch Recht und Ordnung gepredigt hatte.

„Du hast doch gesagt, du fährst zu deiner Mutter“, sagte Miriam. „Sie wartet auf dich. Die Terrasse sackt weg. Der Dachstuhl muss gemacht werden. Du wirst gebraucht. Also fahr.“

„Jetzt? Es ist halb elf. In der Nacht. Hast du den Verstand verloren?“

„Du hast einen Schlafsack im Kofferraum. Und ein Navi. Die 287 Kilometer wirst du ja wohl noch schaffen. Oder ihr schlaft im Hotel. Ihr seid zu zweit, ihr werdet eine Lösung finden. Wie immer findet ihr eine Lösung. Ihr beide zusammen. Ohne mich.“

Brigitte trat einen Schritt auf Miriam zu. Ihr Gesicht war wutverzerrt, ihre Stimme scharf wie ein Messer.

„Du kleines, undankbares Ding. Weißt du, was du gerade wegwirfst? Meinen Sohn. Einen guten, anständigen Mann, der alles für dich getan hat. Der sich krumm gemacht hat für diese Wohnung, für deine Möbel, für deinen Lebensstandard. Und du setzt ihn auf die Straße wie einen streunenden Hund, weil er versucht, ein guter Sohn zu sein. Dafür wirst du noch büßen. Glaub mir. Das Leben holt jeden ein, der so an der Familie handelt. Und du hast nicht mal den Anstand, zu weinen oder um Verzeihung zu bitten. Du stehst da und tust, als wäre das alles eine bürokratische Formalität. Kein Gefühl, keine Reue. Nichts. Aus Stein bist du. Aus kaltem, hartem Stein. Und ich hab es von Anfang an gewusst. Am ersten Tag, als David dich mitgebracht hat, hab ich zu ihm gesagt: David, die ist nichts für dich. Die wird dir das Herz brechen. Und da hatte ich recht, nicht wahr?“

Zum ersten Mal an diesem Abend regte sich etwas in Miriams Gesicht. Ein winziges Zucken am linken Mundwinkel. Fast ein Lächeln. Fast ein Triumph. Fast etwas, das aussah wie eine riesengroße, unendliche müde Erleichterung.

„Den Koffer können Sie gerne tragen, Brigitte. Es ist der Ihres Mannes. Sie haben ihn ihm vor vierzig Jahren zur Hochzeit geschenkt, nicht wahr? Also gehört er eigentlich Ihnen. David hat ihn nur geliehen.“ Sie griff nach ihrer Handtasche, die auf der Kommode lag. „Ich bin für ein paar Stunden bei Sophie. Wenn ich wiederkomme, möchte ich, dass Sie beide nicht mehr hier sind. Schlüssel bitte auf den Küchentisch. Auch den Ersatzschlüssel, den Sie heimlich im Sommer haben nachmachen lassen, Brigitte. Das ist jetzt vorbei. Das Spiel ist aus. Gute Nacht, David. Mach’s gut, Brigitte. Fahren Sie vorsichtig, die A81 ist nachts oft vereist um diese Jahreszeit.“

Sie nahm ihre Jacke vom Haken. Sie ging zur Wohnungstür. Sie drehte sich nicht mehr um.

Nur als sie den Türgriff schon in der Hand hielt, hielt sie kurz inne. Ein Atemzug. Eine letzte kleine Ewigkeit.

„Eines noch, David“, sagte sie, ohne sich umzudrehen. „Das mit dem tropfenden Wasserhahn musst du dir nicht merken. Du wirst ihn ja nicht mehr hören. Du wirst ihn nie wieder hören, jede Nacht um drei. Und weißt du was? Das ist der einzige Gedanke an dich, der mich in den letzten drei Jahren wirklich ruhig schlafen lassen hat. Dass dieser Wasserhahn irgendwann aufhören wird, zu tropfen. Und der Tag ist heute, mein Lieber. Der Tag ist heute. Gute Nacht. Gute Reise. Fahr heim zu Mutti. Wach endlich auf – aber ohne mich.“

Die Tür fiel ins Schloss. Kein Knall. Kein Zuschlagen. Nur dieses leise Klicken des Schnappschlosses, das zwei Menschen aus einer gemeinsamen Zukunft warf und zurück in die Vergangenheit spülte, wo sie immer schon gewesen waren. Ein Sohn und seine Mutter. Nebeneinander. Wie immer. Für immer.

David stand im Flur, den Mund noch halb geöffnet für eine Antwort, die nicht mehr ankam, weil niemand mehr da war, der sie hörte. Neben ihm Brigitte, starr vor Zorn, der keinen Adressaten mehr fand. Und vor ihnen, mitten auf dem abgenutzten Läufer im Flur, der alte Koffer.

Brigitte griff zitternd nach dem Griff, sagte mit seltsam brüchiger Stimme: „Komm, David. Lass uns fahren. Dieses Weib hat dich nie verdient. Nicht einen einzigen Tag. Komm nach Hause. Ich mach uns morgen früh Rührei mit Speck, so wie früher. Alles wird gut, Schatz. Ich bin ja bei dir. Ich bin immer bei dir. Komm heim in dein richtiges Zuhause. Die Terrasse wartet. Und ich auch. Komm. Los. Halt dich an deiner Mutti fest. Mutti bringt dich durch diese Nacht. Ich hab dich ja schon durch jede Nacht gebracht, oder nicht? Du wirst sehen, bald ist das hier nur noch ein böser Traum, den wir weggeschlafen haben, mein Großer. Mein Einziger. Mein Sohn. Komm. Komm jetzt. Bitte wein nicht. Weinen über so eine ist es nicht wert. Mutti weint für dich mit, siehst du? Mutti weint schon. Komm endlich. Wir müssen hier raus. Es ist kalt. Mutti ist ja da.“

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Fajna Tajna
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