Kein Schnee, aber der Wind aus dem Donautal schnitt mir durch die Wolljacke, als ich den Müll hinunterbrachte. Die Glocken von St. Peter schlugen zehn, und über dem Kopfsteinpflaster lag der Geruch von kaltem Rauch. Ich hatte die Tüte schon halb in die Tonne gestopft, da hörte ich es: ein dünnes, zitterndes Quieken, das mehr nach Atemnot klang als nach Hund. Hinter dem Container, auf einer zerrissenen Schaumstoffmatratze, kauerten zwei Klumpen, kaum grösser als meine Hand, und pressten sich so fest aneinander, dass man nicht sagen konnte, wo der eine aufhörte und der andere anfing. Schwarzes Fell, ein weisser Fleck an der Brust des einen, sonst nichts als Rippen und Furcht.
Sie müssen noch am selben Abend ausgesetzt worden sein. Die Augen noch blau, die Bäuche leer, und die erste Lektion hatten sie bereits gelernt: Wer sich nicht bewegt, fällt weniger auf. Ich stellte die Tüte ab und zog den Schal fester. Kein Platz in der Wohnung – das stand im Mietvertrag, fett gedruckt, und die Hausverwaltung kannte keine Gnade. Also holte ich die alte Autodecke aus dem Kofferraum, breitete sie über die beiden und schnitt eine Plastikflasche auseinander, damit sie wenigstens trinken konnten. Der Kleinere leckte an meinem Handschuh, als suche er etwas, das es nicht mehr gab.
Am nächsten Morgen stand ich vor der Arbeit noch einmal an der Tonne. Sie lebten. Und sie erwarteten nichts, was ihnen nicht ohnehin schon verwehrt worden war.
Zwei Wochen lang fütterte ich sie hinter dem Haus, und irgendwann sah ich, dass ich nicht die Einzige war. Eine ältere Frau mit Stock kam jeden Mittag, in der Hand eine Schale mit Haferflocken und etwas Leberwurst. Gerda, ehemalige Postbeamtin, neunundsiebzig, wohnte im Erdgeschoss und hatte drei Katzen, die ihr die Hände zerkratzten, sobald sie den Hundegeruch an der Jacke roch. Sie nannte die Kleinen „die Raben“, weil sie so schwarz und so frech waren, und sie sprach mit ihnen in einem Ton, den man normalerweise für Enkelkinder aufhebt. Unter der Decke fanden wir eines Morgens sogar einen alten grauen Plüschteddy, dem ein Ohr fehlte – Gerdas Werk.
Der November wurde Dezember, und die Kälte biss jetzt auch tagsüber. Irgendjemand legte eine alte Couchgarnitur an den Container, und Gerda pinselte mit schwarzer Farbe „Hund“ auf eine Pappe. Zwei Tage später war die Couch weg, dafür lag ein nagelneues Schaumstoffkissen da, in Folie verpackt, als hätte es jemand auf dem Heimweg im Baumarkt gekauft. Ich stopfte eine Wärmflasche unter die Decke, Gerda brachte eine Thermoskanne mit warmer Brühe, und die Raben schliefen Arm in Arm, als gäbe es keine andere Welt.
Im Januar erfror beinahe der kleinere. Er lag morgens so still, dass ich dachte, es wäre vorbei. Sein Bruder stupste ihn immer wieder mit der Nase an, leckte ihm die Ohren und winselte – ein Geräusch, das man nicht beschreiben kann, ohne dass einem selbst etwas zerspringt. Gerda holte mich, wir wickelten das Zitterbündel in ein Handtuch und trugen es in ihren Abstellraum neben der Heizung. Am nächsten Tag rannte der Kleine wieder über den Hof, stolperte über seine eigenen Pfoten – und der Große folgte ihm auf Schritt und Tritt.
Der Unfall passierte im März, kurz nachdem der Schnee geschmolzen war. Ein Lieferwagen kam aus der Einfahrt geschossen, und der Kleinere, der hinter einer Pfütze herjagte, war eine Sekunde zu langsam. Der Reifen erwischte das rechte Hinterbein nur seitlich, aber der Schrei war schlimm genug, um die Tauben vom Dach zu jagen. Ich war auf dem Balkon und hörte es, noch bevor ich die Hupe hörte. Als ich unten ankam, lag der Kleine auf der Seite und versuchte aufzustehen, aber das Bein knickte weg, als wäre es aus Stoff.
Der Große sass daneben und bellte jeden an, der zu nahe kam. Nicht aggressiv, nur verzweifelt. Er sah mich an, und in diesem stummen Appell lag alles, was ich wissen musste.
Ich rief Thomas an. Mein Mann, Tierarzt mit eigener Praxis in der Altstadt, war noch im OP. „Bring ihn her, sofort“, sagte er nur, und ich wickelte den Verletzten in die alte Decke. Der Große wollte auf keinen Fall zurückbleiben; er sprang auf den Rücksitz, als wäre das immer seine Bestimmung gewesen.
In der Praxis röntgte Thomas das Bein, während ich im Wartezimmer auf einem Hocker sass und den gesunden Welpen im Arm hielt. Er zitterte, obwohl die Heizung summte. Der Geruch von Desinfektionsmittel vermischte sich mit dem nassen Fell. Eine Katzenbesitzerin sah uns irritiert an und rückte ein Stück weiter auf ihrer Bank.
Thomas kam mit dem Bild heraus. Haarriss in der Tibia, kein Bruch, aber wenn der Hund jetzt weiter umherliefe, würde der Knochen splittern. Absolute Ruhe für sechs Wochen. Ich wusste, was das bedeutete: Er musste ins Haus. Und ich wusste auch, dass unser Mietvertrag keine Ausnahme machte.
Gerda, die ich noch am selben Abend besuchte, strich dem verletzten Tier über den Kopf und schüttelte dann den ihren. Ihre Katzen sassen auf dem Fensterbrett und funkelten. „Ich kann ihn nehmen, Schatz, aber nicht lange – und den zweiten erst recht nicht.“ Sie holte dennoch eine alte Wickeldecke vom Sessel und breitete sie in der Speisekammer aus. Zwei Tage lang lag der Kleine dort, während der Grosse draussen im Hof auf dem verbliebenen Kissen wartete und zur Tür starrte, ohne zu fressen, bis Gerda ihm die Schale direkt vor die Nase stellte.
Am dritten Tag rief Thomas an. Seine Stimme war merkwürdig knapp. „Ich hab einen Vorschlag. Aber du wirst ihn nicht mögen.“ Er habe mit einer Kollegin vom Tierschutz gesprochen; man könne die beiden vermitteln, aber getrennt, weil kaum jemand zwei Hunde auf einmal wolle, schon gar nicht aus einem Unfall. Der Kleinere käme in eine Pflegestelle, der Grosse ins Tierheim.
Ich legte auf, ohne zu antworten. Draussen begann es zu regnen. Der Grosse sass in der Pfütze, die Nase gegen das Kellerfenster gedrückt, hinter dem sein Bruder lag. Ich sah das Bild vor mir, wie der eine im Tierheimkäfig nachts heulen würde und der andere, irgendwo in einem fremden Wohnzimmer, nie lernen würde, auf drei Beinen ruhig zu schlafen, weil der wärmende Körper fehlte.
Ich nahm den Schlüssel.
Thomas musste nicht gefragt werden. Er wusste es, bevor ich die Tür zur Praxis aufstiess, den gesunden Welpen an der Leine und in der anderen Hand das verpackte Röntgenbild. „Okay“, sagte er. „Dann machen wir es richtig.“
Die nächste Stunde verbrachte ich am Empfangstresen. Ich füllte das Formular für die Anmeldung beim Ordnungsamt aus, Strassenname, Hunderasse, Geburtsdatum geschätzt. Dann zückte Thomas die Chipspritze, und ich hielt den zitternden Kleinen, während das Implantat unter die Haut glitt. Der Grosse sah zu, leckte mir die Hand. Ich bezahlte die Behandlung gleich dort: die Notfallversorgung, die Röntgenaufnahme, den Verband und die Chips für beide Tiere – 378 Euro insgesamt. Der Kassenzettel mit dem Praxiskopf war so lang wie mein Unterarm.
In der darauffolgenden Woche unterschrieb ich den Mietvertrag für das Haus am Stadtrand, das Thomas und ich schon länger ins Auge gefasst hatten, aber nie den Mut gefunden. Die Kündigung beim bisherigen Vermieter schrieb ich am selben Abend, und auf den Grund schrieb ich nicht „Umzug aus beruflichen Gründen“, sondern: „Wir nehmen zwei Hunde auf, die anderweitig draufgegangen wären.“ Die Antwort kam nie, aber die Frist begann zu laufen.
Die erste Nacht im neuen Haus schliefen die Raben auf einer alten Matratze neben dem Kamin. Der Kleine humpelte noch, aber das Bein trug, und der Grosse lag quer darüber, ein Ohr geklappt, die Pfote zuckend, als träume er von etwas Wildem.
Ich stand in der Küche und trank kalten Tee. Das Unkraut im Hof war noch nicht gerodet, Kartons stapelten sich überall, aber die Metallschale mit Wasser stand genau an der Stelle, an der am Abend die letzte Sonne hinkam. Aus dem Kamin knackte es, und draussen läuteten, kaum hörbar, die Domglocken Mitternacht.
Die beiden hatten einander nicht verraten. Ich hatte nur aufgehört, den falschen Vertrag zu erfüllen.




