Magda stand in der Diele ihrer Altbauwohnung in Hamburg-Eimsbüttel und wagte kaum zu atmen. Draußen trommelte der Novemberregen gegen die Fenster, während drinnen noch der Geruch seines Rasierwassers hing – eine Mischung aus Sandelholz und etwas anderem, das ihr plötzlich den Magen umdrehte. Vor einer Stunde hatte Tom am Überseeboulevard seine Jacke enger gezogen, ihr kurz in die Augen geblickt und dann diesen Satz gesagt: „Ich kann das nicht mehr mit uns.“ Kein Streit, keine Tränen, nur diese nüchterne Feststellung, als würde er eine geschäftliche Entscheidung verkünden. Er hatte nicht einmal gewartet, bis sie etwas erwidern konnte. War einfach im Nieselregen verschwunden, die Schultern hochgezogen, die Hände in den Taschen, während sie wie angewurzelt auf der nassen Bank sitzen blieb. Neben ihr lag noch der halbvolle Becher Glühwein vom Weihnachtsmarkt.
Jetzt stand sie in der Wohnung und starrte auf seine vergessene Kaffeetasse – das blau-weiße Teil mit dem Sprung am Rand, das sie ihm so oft wegräumen wollte. Im Bad sein Handtuch, noch feucht. Im Kühlschrank eine Schüssel Rinderrouladen, die sie gestern Abend für ihn vorbereitet hatte, während er am Handy saß und irgendwelchen Fußballergebnissen hinterherstarrte. Wann hatte das eigentlich angefangen, dieses Aneinander-vorbei-Leben? Sie wusste es nicht mehr genau. Irgendwann in den letzten zwei Jahren war Tom zum Fixpunkt geworden, um den sich alles drehte. Freundinnen hatte sie vertröstet, bis sie nicht mehr anriefen. Der Aquarellkurs war eingeschlafen, weil Tom freitags immer spontan essen gehen wollte. Selbst ihre Schwester in Leipzig meldete sich nur noch an Geburtstagen.
Magda griff zur Rouladenschüssel und wollte sie gerade in den Müll kippen, als ihr Blick auf ihr Spiegelbild im Küchenfenster fiel. Das Gesicht einer Frau, die nicht mehr weiß, wer sie ohne ihn ist. Die Augen – dieses leere Starren kam ihr bekannt vor. Nicht von Fotos, nicht aus Filmen. Sondern von gestern, von vorgestern, von jeder verdammten Mittagspause in den letzten drei Wochen.
Da war dieser Hund am Sandtorhafen. Ein mittelgroßer, zotteliger Mischling mit einem Ohr, das ständig umklappte, und einem stumpfen Rotbraun im Fell, das an welke Herbstblätter erinnerte. Magda war ihm jeden Tag begegnet, wenn sie in der Mittagspause an den Landungsbrücken entlanglief, um sich irgendwie die Zeit zu vertreiben. Der Hund saß immer an derselben Stelle, ein paar Meter von der Kaikante entfernt, und starrte mit genau diesem Ausdruck aufs Wasser. Fragend, ungläubig, als warte er darauf, dass jemand zurückkommt. Einmal, vor knapp einer Woche, hatte Magda gesehen, wie ein junger Mann in Arbeitskleidung aus einem Transporter stieg und nach dem Tier rief. Der Hund war aufgesprungen, die Rute hatte gezuckt – und dann war der Mann einfach weitergelaufen. Der Hund war wieder in seine Starre verfallen.
„Mein Gott“, flüsterte Magda jetzt in der dunklen Küche. „Der wurde da einfach ausgesetzt. Wie eine kaputte Sache, die man am Straßenrand entsorgt.“ Sie wusste auf einmal, was sie in den Augen des Tieres gesehen hatte. Dasselbe, was jetzt aus ihrem Spiegelbild zurückblickte. Verlassensein. Kein Drama, kein lautstarker Abgang – nur diese bleierne Leere, die sich ausbreitet wie kaltes Wasser in einer Badewanne.
Sie stopfte die Rouladen achtlos in eine alte Brottüte, zog ihre nasse Jacke wieder über und rannte los.
Der Regen hatte inzwischen nachgelassen, aber der Wind vom Hafen schnitt durch die Straßen. Die Uhr irgendwo in der Ferne schlug halb zwölf. Im Schein der Straßenlaternen tanzten die nassen Blätter über den Asphalt, und als Magda endlich die Kaikante erreichte, war der Kai wie ausgestorben. Nur das leise Glucksen des Wassers und das Knarzen der Dalben unterbrachen die Stille. Sie lief zu der Stelle, wo der Hund immer saß. Nichts. Nur eine verknüllte Fischbrötchen-Tüte und ein paar Zigarettenstummel.
„He, Hund?“, rief sie leise, kam sich sofort albern vor. Der Hund hatte ja keinen Namen. Vielleicht hatte er auch nie einen gehabt. Magda holte die Brottüte aus der Tasche und riss sie auf. Der scharfe Geruch von Rotweinsauce und Senfgurken zog durch die feuchte Luft. Sie legte eine Roulade auf den Boden und setzte sich auf die nasse Holzbank neben dem Poller. Ihre Hose sog sofort die Nässe auf, aber das war ihr egal. In irgendeinem Winkel ihres Kopfes wusste sie, dass sie morgen erkältet sein würde. In einem anderen Winkel machte sie sich Sorgen, was die Nachbarn denken, wenn sie sie jetzt so sehen könnten. Und im größten Winkel wusste sie nur, dass sie es nicht ertrug, in diese leere Wohnung zurückzugehen.
„Komm schon. Bitte. Ich hab keine Ahnung, wie das jetzt weitergeht, aber vielleicht… vielleicht schaffen wir das ja beide nicht alleine, oder?“
Der Hund lag unter der Bank. Er hatte sich dort zusammengerollt, so klein es eben ging, und beobachtete die Frau durch das Gitter der Sitzfläche. Die kalte Nässe kroch in sein Fell, aber das war er gewohnt. Das hier war neu: eine menschliche Stimme, die _nicht_ nach Härte klang, nicht nach Scheuchen, nicht nach „Verpisst dich“. Sie redete weiter, diesen brüchigen Singsang, den Menschen benutzen, wenn sie nicht mit Tieren, sondern mit sich selbst sprechen. Dabei weinte sie gar nicht. Ihr Atem war ruhig, aber der Hund spürte die Spannung darunter, das Zerren einer unsichtbaren Wunde, die genauso brannte wie die Erinnerung an den Transporter, der vor drei Wochen einfach wegfuhr.
Drei Wochen. Die ersten Tage hatte der Hund noch gehofft. Jedes Mal, wenn ein silbernes Auto vorbeifuhr, hob er den Kopf. In der zweiten Woche begann die Leere. In der dritten Woche fraß sie ihn fast auf. Die Menschen waren ohnehin unberechenbar – der eine trat nach ihm, der andere warf ein halbes Brötchen, ein dritter rief ihn mit falscher Fistelstimme. Aber diese Frau… Die roch nicht nach Lügen. Die roch nach demselben stumpfen, schweren Verlust, den er selbst in der Brust trug. Und sie hatte Rouladen mitgebracht, was nicht zu verachten war.
Der Hund kroch zentimeterweise unter der Bank hervor. Seine Krallen klickten auf dem feuchten Pflaster. Magda sah die Bewegung aus dem Augenwinkel und wagte nicht, sich direkt umzudrehen. Stattdessen schob sie vorsichtig eine zweite Roulade näher an den Bankrand und wartete. Der Hund schnupperte an dem Fleisch, nahm es behutsam zwischen die Zähne, zögerte. Dann ließ er sich neben ihren Füßen nieder und begann zu kauen.
Magda legte eine Hand auf den nassen Kopf, ganz vorsichtig. Das Fell war stumpf und verfilzt, der Körper darunter viel zu dünn. Der Hund hob kurz den Blick, leckte einmal knapp über ihre kalten Fingerkuppen und widmete sich dann wieder der Roulade. Sie spürte, wie etwas in ihrer Kehle aufbrach. Kein großes Gefühl, kein Tränenausbruch. Nur ein winziger Riss in der Taubheit, durch den wieder Luft strömte.
Sie saßen so eine Viertelstunde, während der Wind die nassen Blätter über den Kai fegte und irgendwo ein Schiff heiser tutete. Magda kraulte gedankenverloren hinter dem umgeklappten Ohr und erzählte dem Hund von der leeren Wohnung, von Toms vergessener Kaffeetasse und davon, dass sie eigentlich gar nicht weiß, wie man alleine weiterlebt. Der Hund hörte zu, weil er nichts anderes zu tun hatte, und weil sie die Hände nicht schnell bewegte und weil die Rouladen schmeckten.
Schließlich stand Magda auf, die durchgeweichte Hose schmatzend an den Knien. „So. Ich friere, du frierst vermutlich auch.“ Der Hund blinzelte zu ihr hoch. „Ich habe keine Ahnung, ob du mit mir mitkommst. Das ist deine Entscheidung. Aber daheim ist es warm, und ich hab noch vier Rouladen.“ Sie drehte sich um und ging langsam in Richtung U-Bahnstation. Sie zwang sich, nicht zurückzublicken. Nach zehn Schritten hörte sie das Klackern der Krallen hinter ihr. Nach zwanzig Schritten trottete der Hund gelassen neben ihrem rechten Bein, als wäre das immer so gewesen.
Zwei Stunden später lag der Hund auf einem hastig ausgebreiteten Badehandtuch neben der Heizung im Bad, den Bauch voller Rinderrouladen, und schlief zum ersten Mal seit Wochen ohne das Zittern der Kälte im Traum. Magda saß im Flur auf dem Boden und rief ihre Schwester in Leipzig an. Es war fast ein Uhr morgens. Ihre Schwester ging beim dritten Klingeln ran und sagte „Na endlich, ich dachte schon, du meldest dich nie wieder.“ Magda fing leise an zu lachen, bis ihr das Lachen im Hals brach, und dann erzählte sie zwei Dinge: von Tom und von einem rostroten Hund, der aussah wie sie sich fühlte.
Am nächsten Morgen wachte der Hund vom Geruch frischer Leberwurst auf. Er hob den Kopf, das umgeklappte Ohr richtete sich fast auf, und sah Magda in der Küchentür stehen, die Haare zerzaust und die Augen noch verschlafen, aber ohne die erstarrte Leere vom Kai. Sie hielt ihm die Leberwurst hin, dazu eine Schüssel mit Wasser.
„Ich muss zur Arbeit. Aber wenn ich wiederkomme, gehen wir zum Tierarzt und dann kaufen wir ein gescheites Halsband. Einverstanden?“
Der Hund verstand kein Wort, aber er verstand den Tonfall. Er wedelte vorsichtig mit der Rute, einmal, zweimal. Dann widmete er sich der Leberwurst, während Magda nach ihrer Tasche suchte und dabei die blau-weiße Kaffeetasse mit dem Sprung in den Müll warf, ohne länger als eine Sekunde hinzusehen.




