Das Birnenkompott

Meine ersten Erinnerungen an meine Mutter riechen nach Zementstaub und Birnenkompott. Jeden Abend kam sie durch die Tür unserer kleinen Wohnung in der Plattenbausiedlung am Rand von Mannheim, zog die abgewetzten Sicherheitsschuhe von den Füßen und atmete tief durch. Erst dann, nach dieser einen tiefen Atmung, lächelte sie mich an. Ihr Lächeln war das Einzige, was die hässliche orangefarbene Werkshose erträglich machte. Ihre Hände – rau wie Bimsstein – strichen mir über die Wange und dann fragte sie immer dasselbe: — Na, mein Schatz, hast du Hunger?

Sie hieß Marianne Weber. Mit neunzehn hatte sie angefangen in Heidelberg Biochemie zu studieren. Die Professoren sollen sie für ein Naturtalent gehalten haben. Aber dann kam ich. Und mit mir kam die Wahrheit über meinen Vater. Er war ihr Doktorvater gewesen und mit der Nachricht, dass sie schwanger war, hatte er alle Brücken hinter sich abgebrochen. Anderes Bundesland, andere Universität, andere Frau. Meine Mutter klagte nie. Sie hielt den positiven Test in der einen Hand, das Kündigungsschreiben für ihr Stipendium in der anderen, und fuhr zurück nach Mannheim in den Schoß einer Familie, die mit Scham und Schweigen reagierte.

Eine Woche später stand sie in der Nachtschicht der Konservenfabrik und sortierte glasige Birnenhälften auf ein Fließband, das nie langsamer wurde.

„Hauptsache du hast es mal besser, Lena“, flüsterte sie, wenn sie um halb sechs morgens ihre Uniform auszog und sich für drei Stunden neben mich ins Bett legte, bevor die Schule begann. Ihre Beine waren immer geschwollen, über die Knöchel spannten sich weiße, glänzende Striemen, wo die Gummistiefel eingeschnitten hatten.

Ich war zwölf, als unsere Kühlschrank nur noch ein Glas Mandelmus, eine halb vertrocknete Zitrone und eine Packung Trockenhefe enthielt. Es war der fünfundzwanzigste des Monats. — Ich habe gestern in der Kantine so viel gegessen, ich bin jetzt noch satt, sagte sie und strich sich über den flachen Bauch.

Ich tat so, als würde ich es glauben.

Mit sechzehn bekam sie die Stelle an der Abfüllmaschine. Drei Mark mehr die Stunde, aber die Arbeit war heißer und lauter als alles andere in der Halle. Die heiße Luft aus den Düsen zog an ihren Unterarmen Brandblasen, die nie richtig heilten. Jedes Weihnachten dasselbe Ritual: Ein Buch für mich, eingeschlagen in Zeitungspapier, und meine Frage, was sie sich wünsche. — Was ich mir wünsche? Dich glücklich zu sehen. Mehr wollte ich nie.

Die Worte sind so tief in mich eingesunken, dass sie heute noch nach Neujahrskerzen und altem Teppich riechen.

Mit dreiundzwanzig hatte ich meinen Abschluss im Bereich Wirtschaftsinformatik in der Tasche. Ein Tech-Konzern in der Speicherstadt bot mir einen Platz als Projektleiterin an. Das Einstiegsgehalt von 4800 Euro brutto kam mir obszön vor. Ich kündigte heimlich unsere Wohnung, suchte eine Neubauwohnung mit Balkon und unterschrieb den Mietvertrag mit zitternden Fingern. Ein Brief an meine Mutter, den ich ihr beim Abendessen über den Küchentisch schieben wollte:

„Zum 1. Mai bist du eine freie Frau. Keine Nachtschichten mehr. Ich zahl jetzt alles. Deine Lena. Dein Schatz.“

Es kam nicht mehr dazu.

Am ersten April brach sie am Fließband zusammen. Die Diagnose: ein Angiosarkom, sieben Monate zuvor das erste Mal übersehen, jetzt war es überall. Im August, während eine gnadenlose Hitzewelle über dem Nierdungsrhein lag, saß ich an ihrem Bett im städtischen Klinikum und hielt diese einst so kräftige, jetzt völlig welke Hand. Sie war bei Bewusstsein, aber sie sprach nicht mehr viel. Nur einmal, am letzten Tag, drehte sie den Kopf zu mir, die Augen glasig von der Medikation. — Du warst kein Fehler, hauchte sie. Dann schlief sie ein.

Nach der Beerdigung – es kamen fünf Leute: zwei Frauen aus ihrer Schicht, der alte Pfarrer und ein mir unbekannter Mann in einem Anzug von der Größe, dass er darin ertrank – hielt mich Letzterer am Ärmel fest. Er stellte sich als Herr Weil vom Amtsgericht vor und hatte eine stinknormale Plastiktüte in der Hand.

— Ihre Mutter hat verfügt, dass Sie das hier erst nach ihrem Tod erhalten, sagte er leise. Die Tüte war schwer. Darin ein vierhundertseitiger, vollgeschriebener Collegeblock, ein kleiner Schlüssel vom Typ Bankschließfach und ein Umschlag.

Der Umschlag war aus butterweichem Papier, das sie bestimmt Jahre in ihrer Nachttischschublade aufbewahrt hatte. Meine Adresse stand in ihrer gestochenen, altmodischen Handschrift darauf. Ich öffnete ihn mit dem Daumen, riss ihn ungeduldig auf.

„Mein Schatz,

wenn Du das liest, bin ich nicht mehr da. Ich hoffe, Du kannst mir vergeben, wenn Du siehst, was in dieser Tüte ist. Bitte behalte im Kopf: Nichts, was ich tat, war ein Opfer. Du warst die Freude. Immer.

Deine Mama“

Vergeben? Meine Finger griffen nach dem Collegeblock. Das waren Hunderte von DIN-A4-Seiten, dicht beschrieben mit Molekülstrukturen, Reaktionsgleichungen, Notizen auf Deutsch und in einem brüchigen Fachenglisch. In den Rändern kleine, mit Bleistift gekritzelte Fragen und Sternchen. Und unter jeder Seite ein Datum. Das früheste war der dritte Dezember neunzehnhundertneunundachtzig, ein Jahr nach meiner Geburt. Das letzte der siebte Februar dieses Jahres, sechs Wochen vor ihrem Kollaps.

Meine Mutter hatte dreißig Jahre lang nachts, während ich schlief, und an ihren freien Sonntagen, wenn ich mit Schulfreunden unterwegs war, Biochemie studiert. Nicht träumerisch, nicht halbherzig. Diszipliniert. Die Notizen zeigten eine Brücke von den veralteten Skripten von 1982 zu den Papern, die sie sich über das Kopiergerät im Bürgerhaus besorgte. Sie war dem Stand der Forschung gefolgt.

Ich starrte auf die Seiten. Da waren Ringbucheinkerbungen, wo sie versucht hatte, lose Blätter abzuheften. Die Tinte wechselte zwischen billigem Blau und tiefem Schwarz. Sie hatte nie einen Laptop besessen.

Der Schlüssel in meiner Hand war kalt.

Das Schließfach befand sich in einer Filiale der Sparkasse Mannheim, einen kurzen Fußmarsch vom Hauptbahnhof entfernt. Die Stahlbox war klein und unscheinbar, ein Fach von vielen. Als ich sie aufzog, lagen zwei Dinge darin. Ein Stapel Papier, amtlich und gestempelt. Und eine Postkarte.

Das amtliche Papier war eine Urkunde. Ein externer Hochschulabschluss in Biochemie, ausgestellt von der Fernuniversität Hagen, datiert auf den November des Vorjahres. Cum laude. Meine Mutter hatte nie nach Heidelberg zurückgemusst, um ihren Traum zu beenden.

Und die Postkarte. Eine glanzlose Stadtansicht von Mannheim bei Nacht. Auf der Rückseite ein Satz, nur einer, mit demselben Kugelschreiber geschrieben wie der letzte Eintrag in ihrem Notizbuch:

„Du hast mich nicht aufgehalten, mein Schatz. Du hast mir einen Grund gegeben, es heimlich und für mich zu tun. Und das war das größte Geschenk. Bitte denk daran: Ich starb nicht als Fabrikarbeiterin. Ich starb als Wissenschaftlerin, die zufällig den besten Menschen der Welt großgezogen hat.“

Ich stand zwanzig Minuten in dieser fensterlosen, klimatisierten Kabine und hielt eine Postkarte und einen Stapel Papier an meine Brust gedrückt.

Seitdem hänge ich die Urkunde jedes Jahr im Mai, wenn die frühen Birnen im Supermarkt auftauchen, für einen Abend an meine Wohnzimmerwand. Dann koche ich ein Glas Birnenkompott. Es schmeckt immer etwas zu süß und etwas zu metallisch. Wie Zementstaub und Hoffnung.

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Fajna Tajna
Das Birnenkompott