Die erste Nacht in Omas altem Haus war still, fast unheimlich still. Nur der Regen trommelte aufs Dach und irgendwo knarrte ein Fensterladen. Ich hatte mich mit einer Flasche billigem Rotwein und meinem Laptop in die Küche zurückgezogen, weit weg von der Großstadt Berlin und noch weiter weg von meiner Schwester, die mir seit Wochen die Hölle heiß machte.
„Nina, sei doch nicht so stur. Das Haus gehört uns beiden. Ich kann dich auszahlen, dann hast du deine Ruhe und ich kann es vermieten. Win-win für alle!“
Für sie vielleicht. Aber nicht für mich. Nicht für das Häuschen am Waldrand in der Eifel, in dem ich als Kind jeden Sommer verbracht hatte, während Mama in der Klinik war. Oma Margarete hatte mir dieses Fachwerkhaus vererbt, mir ganz allein, mit einer einzigen Zeile im Testament: *Für meine Nina, weil sie nie vergessen hat, was ein Zuhause bedeutet.* Daran gab es nichts zu rütteln, und das wusste Sabine genau. Trotzdem rief sie jeden verdammten Tag an.
Ich hatte ihr Handynummer blockiert und war Hals über Kopf mit dem Zug aus Berlin geflohen. Drei Wochen wollte ich hier verbringen, das alte Gemüsebeet umgraben, den Dachboden entrümpeln und endlich, endlich diesen Anwalt anrufen, den mir meine Freundin Clara empfohlen hatte.
Am dritten Abend passierte es zum ersten Mal.
Ich saß auf der Terrasse und blies den Rauch meiner Zigarette in die kühle Septemberluft, als ich es hörte. Ein dünnes, kratziges Geräusch, kein echtes Miauen, eher ein heiseres Krächzen, das sich immer und immer wiederholte. Es kam vom verwilderten Rosenstrauch an der Grundstücksgrenze. Punkt 22 Uhr. Ich knipste meine Taschenlampe an und leuchtete hinüber, sah aber nichts außer schwarzen Ästen und nassem Laub.
Am nächsten Abend saß ich schon um kurz vor zehn draußen und wartete. Pünktlich, als hätte jemand eine innere Uhr gestellt, ertönte der Schrei wieder. Diesmal sprintete ich los, barfuß über die Terrasse, und kam gerade noch rechtzeitig, um ein schwarzes Bündel zu sehen, das über den Gartenzaun glitt und in der Dunkelheit verschwand. Ein Kater. Ein ausgemergeltes schwarzes Tier mit einem Ohr, das komisch abknickte, als wäre es mal gebrochen gewesen.
„Deine Oma hatte nie Katzen“, sagte Herr Bodewig am nächsten Morgen, als ich ihn an der Hecke abpasste. Der Nachbar war schon über achtzig und lebte seit sechzig Jahren im Nachbarhaus. „Nicht eine. Sie hat immer gesagt, sie könnte das Miauen nicht ertragen. Zu traurig, meinte sie.“
„Und dieser Kater jetzt? Ist das Ihrer?“
„Meiner?“ Er lachte, hustete, schüttelte den Kopf. „Der streunt schon seit Jahren hier rum. Ein wilder. Keiner kriegt ihn zu fassen. Kommt und geht wie der Wind.“
Der Kater streunte schon seit Jahren hier, aber Oma Margarete hatte nie etwas davon erwähnt? Sie, die jeden Igel im Garten mit einem Namen bedachte und im Winter Vogelfutterstationen an jedem Baum aufhängte, sollte einen verwilderten Kater ignoriert haben? Das passte nicht. So wenig, wie es passte, dass das Tier jeden Abend exakt um zehn erschien und nicht früher und nicht später.
Eine Woche später begann ich mit dem Dachboden. Zwei Stunden lang wühlte ich mich durch Kartons voller vergilbter Stickdeckchen, alter Fotoalben mit eingeklebten Postkarten aus Bad Ems und Briefen von längst verstorbenen Freundinnen. Meine Hände waren grau vom Staub, als ich auf eine schmale Holzkiste stieß, die unter einer losen Diele versteckt war. Kein Schloss, nur ein einfacher Haken, und darin: ein blauer Briefumschlag ohne Absender, adressiert an Margarete Weber in ihrer schnörkligen Handschrift. Daneben das Passbild eines Jungen, vielleicht sechzehn oder siebzehn, mit dunklen Locken und ernsten Augen. Auf der Rückseite stand mit Kugelschreiber: *Johannes, Koblenz 1985*.
Ich öffnete den Umschlag mit zitternden Fingern und zog ein einzelnes, eng beschriebenes Blatt heraus.
*Liebe Margarete,*
*ich weiß, dass Sie meine Briefe nicht lesen wollen. Aber ich schreibe trotzdem, weil ich nicht anders kann. Johannes geht es gut. Er hat eine Ausbildungsstelle in einer Werkstatt in Lahnstein bekommen. Kfz-Mechatroniker. Er hat Ihre Haare und Ihr Lachen, und jeden Tag tut es mir in der Seele weh, dass Sie das nicht sehen wollen. Ich bin eine alte Frau, und ich trage diese Last seit fast fünfzig Jahren. Helmut weiß nichts davon. Bis heute nicht. Aber ich kann nicht sterben, ohne dass Sie die Wahrheit kennen: Er ist Ihr Enkel. Und er fragt jeden Monat, ob seine richtige Großmutter ihn endlich sehen will. Bitte. Nur ein einziges Mal.*
*In stiller Hoffnung,*
*Elfriede Dornbach*
Ich las den Brief dreimal. Elfriede Dornbach. Der Name sagte mir nichts. Aber Helmut – das war der Mann von Omas bester Freundin gewesen. Tante Hilde, die mit den selbstgestrickten Socken und dem Lachen wie ein glucksender Bach. Sie war vor zehn Jahren gestorben, und Oma war tagelang nicht ansprechbar gewesen.
Dann erinnerte ich mich. Hilde und Elfriede – natürlich. Hilde hatte eine jüngere Schwester gehabt, die als Haushälterin bei einer reichen Familie irgendwo in der Gegend arbeitete. Eine stille Frau, die man selten sah, die nie heiratete und im Alter zu Hilde und Helmut zog. Tante Friede nannten wir sie. Die Erwachsenen hatten immer komisch geguckt, sobald ihr Name fiel, aber ich war ein Kind gewesen und hatte nie nachgefragt.
Ich fuhr noch am selben Nachmittag nach Lahnstein. Es war eine halbe Stunde mit dem Bus, die Fahrt verging wie ein Fiebertraum. Ich starrte aus dem Fenster, den Brief gefaltet in meiner Jackentasche, und versuchte, die Scherben in meinem Kopf zusammen zu setzen. Oma Margarete hatte eine Tochter gehabt, meine Mutter war ihr einziges Kind. Es gab keine Söhne, keine Enkel. Und doch existierte ein Johannes, geboren in Koblenz, mit Omas Haaren und ihrem Lachen, der eine Kfz-Werkstatt in Lahnstein hatte.
Die Werkstatt hieß „Dornbach & Sohn“ und lag in einem Gewerbegebiet kurz hinter dem Bahnhof. Es war ein flacher Betonbau mit blauen Rolltoren und einem winzigen Büro hinter einer Glastür. Die Frau am Tresen mochte um die sechzig sein, hatte kurzes graues Haar und rauchte eine E-Zigarette, während sie Rechnungen tippte.
„Entschuldigung?“, sagte ich, und meine Stimme klang dünn. „Ich suche einen Johannes Dornbach. Es geht um seine… es geht um Margarete Weber. Meine Großmutter.“
Sie hörte auf zu tippen und musterte mich durch die dicke Glasscheibe. Dann drückte sie ihre Kippe aus und kam zur Tür. „Margarete Weber? Sie sind…“
„Ihre Enkelin. Nina. Und Sie?“
„Simone. Johannes war mein Mann.“ Die Vergangenheitsform traf mich wie ein Schlag in die Magengrube. „Er ist vor drei Jahren gestorben. Krebs. Hatten wir nicht kommen sehen, bis es zu spät war.“
Ich setzte mich auf einen wackligen Stuhl im Büro, und Simone brachte mir einen lauwarmen Kaffee aus dem Automaten. Dann erzählte sie die ganze Geschichte.
Johannes war ein Pflegekind gewesen, das durfte ich nicht vergessen. Seine leibliche Mutter hatte ihn kurz nach der Geburt weggegeben, und der Vater war ein Mann, den sie „nur ein einziges Mal“ gesehen hatte, wie die Akten sagten. Mehr nicht. Ein Sommerflirt, der in einer Tragödie geendet hatte. Tante Friede, Elfriede, die damals noch jung war und selbst keine Kinder bekommen konnte, hatte ihn mit zwei Jahren zu sich genommen und großgezogen. Und ihm nie gesagt, dass seine Großmutter in Wahrheit nur fünfzehn Kilometer entfernt in einem kleinen Haus mit Rosenstrauch am Waldrand lebte. Sie hatte es erst kurz vor ihrem Tod gebeichtet, und Johannes, ein Mann von über fünfzig Jahren, hatte angefangen, Briefe zu schreiben. Monat für Monat. Ohne je eine Antwort zu bekommen.
„War Ihre Großmutter ein schlechter Mensch?“, fragte Simone und blickte auf das verblasste Passfoto, das ich ihr gezeigt hatte. „Ich würde einfach gerne verstehen, warum sie ihn nie sehen wollte. Er hat sich so sehr danach gesehnt. Und er hat ihr nie einen Vorwurf gemacht. Er wollte nur wissen, wie ihre Stimme klingt, verstehen Sie? Wie ihr Lachen. Das haben mir die Briefe genommen. Ich habe Krebs, sagte er immer, aber Sie hat einfach nur Angst. Und Angst kann man nicht bestrahlen.“
Ich zögerte. Dann gab ich ihr das letzte Puzzleteil, das ich erst in der Nacht zuvor gefunden hatte, in Omas Tagebuch versteckt zwischen Seiten über Marmeladenrezepte. Der Name des Sommerflirts, der nie hatte gefunden werden können, damals 1972. Helmut. Tante Hildes Mann. Und der Grund, warum Oma bei der Beerdigung so geweint hatte, war nicht die Trauer um eine Freundin gewesen. Es war Wut. In ihrem Tagebuch stand nur ein Satz: *Ich habe ihr verziehen, aber ihm werde ich es nie. Er hat mir meine Tochter genommen und mein Herz für immer verschlossen.*
Simone las die Stelle, und ihre Augen wurden feucht. „Sie hat nicht Johannes abgelehnt. Sie hat sich selbst abgelehnt. Weil sie nicht verhindern konnte, was passiert ist. Und dann war es zu spät, um den Stolz runterzuschlucken, und jeder Tag hat es schwerer gemacht, die Tür zu öffnen. Ein Leben lang. Wegen einem Geheimnis und einem Mann, der längst tot ist. Mein Gott, ist das traurig.“
Es war fast zehn, als ich in die Eifel zurückfuhr. Ich parkte mein Fahrrad an der Hauswand und sah auf die Uhr. Und da war der Kater wieder, auf dem Terrassentisch, die Augen im Schein der Außenlampe zwei grüne Schlitze. Aber diesmal rannte er nicht weg. Er saß einfach da und starrte mich an, als hätte er gewusst, dass ich zurückkommen würde.
„Du gehörst doch hierher, oder?“, flüsterte ich und ging langsam auf ihn zu. Er fauchte nicht. Er duckte sich nur, und dann sah ich, was ich im Dunkeln nie bemerkt hatte: ein verblasstes blaues Halsband, so dünn, dass es fast durchgescheuert war, mit einer winzigen Metallkapsel daran. Ich öffnete sie mit Mühe. Ein gerollter Zettel kam zum Vorschein, vergilbt, aber lesbar. *Wenn Sie dieses Tier finden, gehören Sie zur Familie. Bitte rufen Sie an.* Und eine Nummer, die ich nicht kannte, aber die mit der Vorwahl von Koblenz begann.
Der Kater schmiegte seinen Kopf in meine Handfläche und begann zu schnurren, ein tiefes, rasselndes Geräusch, das sich anfühlte wie ein Weinen, das endlich zu Ende sein durfte.
Am nächsten Morgen rief ich Sabine an. „Das Haus wird nicht vermietet. Ich wohne hier jetzt. Und ich bringe ein paar Dinge in Ordnung, die vor fünfzig Jahren kaputt gegangen sind. Möchtest du helfen oder weiter meckern?“
Drei Tage später stand Simone vor meiner Tür, im Arm einen riesigen selbstgebackenen Käsekuchen. Wir setzten uns in Omas alte Küche, und der schwarze Kater, den ich auf den Namen „Oskar“ getauft hatte, rollte sich zu unseren Füßen zusammen. Simone zeigte mir Fotos, viel zu wenige, von Johannes. Ein lachender Mann mit ölverschmierten Händen, der in die Kamera blinzelte und wirklich Omas Grübchen hatte. In ihrem Testatment steht, dass das Haus mir gehört, aber an diesem Nachmittag übergab ich ihr Omas Rosenstrauch mitsamt einem kleinen Bild von Johannes, das jetzt auf dem Kaminsims steht. „Er ist nach Hause gekommen“, sagte Simone. „Endlich.“




