# Der Rentner aus der Blücherstraße

Herr Anton Lehmann wachte auf, weil sein Herz einen Schlag ausließ und dann zu schnell weiterschlug. Um Viertel vor zwei. Draußen, hinter der dünnen Wand seiner Zweizimmerwohnung in Gelsenkirchen, dröhnte ein Bass, der die Wassergläser auf der Kommode zittern ließ.

Er lag eine Weile da und zählte die Takte. Dann stand er auf, zog den karierten Morgenmantel über den Schlafanzug und ging in Filzpantoffeln zur Nachbarwohnung. Im Treppenhaus roch es nach kaltem Zigarettenrauch und nach dem Pommes-Imbiss im Erdgeschoss, der bis Mitternacht offen hatte. Irgendwo im dritten Stock bellte der Schäferhund der Familie Yilmaz, kurz und genervt, als wollte er sich der Beschwerde anschließen.

Er klopfte. Die Tür ging auf, ein Schwall Alkoholgeruch und Zigarettenqualm schlug ihm entgegen. Eine junge Frau, vielleicht fünfundzwanzig, stand da mit einer Bierflasche in der Hand und Wimperntusche, die schon leicht verlaufen war.

„Es ist zwei Uhr nachts", sagte Anton. „Ich kann nicht schlafen. Können Sie bitte leiser machen?"

Sie verdrehte die Augen und schrie über die Schulter nach hinten. Aus dem Flur kam ein Mann, breit, mit Bierbauch und einer Halskette, die im Flurlicht blitzte.

„Was ist dein Problem, Alter?" Er grinste. „Nimm ne Tablette, dann schläfst du."

Die Frau lachte laut, der Mann knallte die Tür zu, ein paar Zentimeter vor Antons Nase.

Er stand noch einen Moment auf dem Treppenabsatz. Er hatte die Polizei schon zweimal gerufen, aber bis der Streifenwagen aus der Wache in der Ückendorfer Straße kam, war die Musik jedes Mal längst leiser. Unten wohnte ein altes Ehepaar, das ohnehin kaum noch etwas hörte, und die Hausverwaltung hatte ihm am Telefon nur geraten, „das doch einfach unter Nachbarn zu klären".

Er ging zurück, nahm seine Herztabletten mit einem Schluck abgestandenem Leitungswasser und legte sich hin. Der Wecker auf dem Nachttisch, ein altes Modell mit Leuchtzeigern, zeigte 2:07 Uhr.

Im Schlaf kam die Küche zurück, wie sie früher war, mit der gelben Resopal-Tischplatte und dem Kalender vom Sparkassen-Werbegeschenk an der Wand. Sein Sohn Markus stand am Fenster, achtzehn Jahre alt, und erklärte, dass er sich bei der Bundeswehr für die Fallschirmjäger gemeldet hatte.

„Junge, das ist gefährlich. Überleg's dir noch mal."

„Man muss stolz sein können, Papa. Ein Mann dient seinem Land."

Anton hatte ihm damals auf die Schulter geklopft und einen Satz gesagt, den er zwanzig Jahre später noch im Ohr hatte, jede einzelne Nacht: „Dann mach es richtig, Junge. Ich bin stolz auf dich."

Dann der graue Flur der Kaserne in Seedorf. Ein Offizier an der Tür, das Barett unter dem Arm. Leise Worte über einen Einsatz, von dem niemand hätte sprechen dürfen. Der Schrei seiner Frau Elisabeth, der Krankenwagen, der gar nicht mehr nötig war. Danach die Leere in der Wohnung, die nie wieder ganz aufgefüllt wurde. Elisabeth war vor sechs Jahren gestorben, an gebrochenem Herzen, sagten die Nachbarinnen im Treppenhaus, auch wenn im Totenschein etwas anderes stand.

Anton wachte mit Herzrasen auf. Zwanzig Jahre, und die Schuld saß immer noch tief, als hätte er seinen Sohn selbst in den Krieg geschickt. Er dachte oft, dass die schlaflosen Nächte, die Einsamkeit, das leere Bett neben ihm — all das eine gerechte Strafe waren, obwohl er nicht mehr genau wusste, wofür.

Am nächsten Morgen zog er seinen einzigen guten Anzug an, den mit dem leicht ausgebeulten Knie, und fuhr mit der Straßenbahn Linie 301 zur Polizeiwache. Er wollte eine Anzeige wegen ruhestörenden Lärms aufgeben — zum dritten Mal in diesem Monat.

Der junge Beamte am Schalter, kaum älter als dreißig, mit Gel im Haar und einem Kaffeebecher von der Tankstelle nebenan, hörte kaum zu. Er nahm das handgeschriebene Formular, überflog es und knüllte es zusammen, bevor Anton zu Ende gesprochen hatte. Der Papierball landete im Papierkorb neben dem Schreibtisch.

„Ich möchte, dass Sie das aufnehmen", sagte Anton, die Stimme fester, als er selbst erwartet hatte.

„Herr Lehmann, wir können nicht wegen jeder Party ausrücken." Der Beamte tippte etwas in seinen Computer, ohne aufzuschauen.

„Es geht nicht um eine Party. Es geht um jede Nacht."

Ein zweiter Kollege am Nachbarschreibtisch grinste über den Bildschirm hinweg. „Vielleicht hören Sie einfach schlechter, wenn Sie sich Ohrstöpsel kaufen."

Anton spürte, wie ihm die Röte ins Gesicht stieg. „Ich gehe nicht, bevor ich mit dem Dienststellenleiter gesprochen habe."

„Der hat heute keine Zeit für—"

„Ich warte."

In diesem Moment zog sich etwas in seiner Brust zusammen, als hätte jemand eine Faust um sein Herz gelegt. Er griff sich an die Brusttasche des Jacketts, wo er seine Nitro-Tabletten aufbewahrte, und wäre beinahe umgekippt. Der junge Beamte sprang auf, half ihm auf eine Holzbank in der Wartezone.

Beim Herauskramen der Tablettendose fiel etwas anderes aus der Innentasche: ein altes, an den Rändern vergilbtes Foto. Ein junger Soldat in Kampfmontur, im Hintergrund ein Militärlaster, auf der Rückseite mit blauer Tinte geschrieben: *Markus, Seedorf, 1998*.

Es war der Moment, in dem die Bürotür am Ende des Flurs aufging und Polizeioberrat Dietmar Brandt herauskam, ein Mann mit grauen Schläfen und einer Narbe über der linken Augenbraue, die er nie erklärte. Er sah den alten Mann auf der Bank, das Foto auf dem Linoleumboden. Er bückte sich, hob es auf — und erstarrte.

Sein Blick wanderte langsam vom Foto zu Antons Gesicht.

„Das ist er", sagte Brandt leise, fast tonlos. „Das ist der Leutnant, der uns damals in Kosovo rausgeholt hat."

Er kniete sich vor die Bank, direkt vor den alten Mann, unbekümmert um die Blicke der beiden jungen Beamten, die plötzlich sehr klein wirkten.

„Er hat sich auf die Handgranate geworfen. Wir waren zu zehnt in dem Graben. Alle zehn leben, weil er das getan hat. Ich war einer von ihnen."

Anton, noch immer außer Atem, sah den Mann vor sich, ohne zunächst zu begreifen. Dann öffnete er den Mund, aber es kam nichts heraus. Zwanzig Jahre hatte er geglaubt, sein Sohn sei bei einem sinnlosen Geheimeinsatz gestorben, über den niemand je ein Wort verloren hatte. Zwanzig Jahre hatte er sich gefragt, ob es überhaupt gestimmt hat, was der Offizier ihm damals im grauen Flur gesagt hatte.

„Zehn Männer", wiederholte Brandt, und seine Stimme brach kurz. „Ich habe eine Tochter, die es ohne ihn nicht geben würde. Wir haben nie erfahren, wer seine Familie ist. Es war geheim, alles war geheim."

Die beiden jungen Beamten standen wie angewurzelt. Der mit dem Kaffeebecher hatte ihn abgestellt, ohne es zu merken; brauner Fleck breitete sich auf dem Formularstapel aus, dort, wo Antons zerknüllte Anzeige vorhin gelegen hatte, bevor sie im Papierkorb gelandet war.

Brandt richtete sich auf, half Anton behutsam hoch, hielt ihn am Arm fest. Dann drehte er sich zu seinen Untergebenen um. Seine Stimme war ruhig, aber es war eine Ruhe, die keinen Widerspruch duldete.

„Sie haben die Anzeige eines Bürgers weggeworfen, ohne sie zu lesen. Sie haben einen alten Mann verspottet, der seinen Sohn für dieses Land verloren hat." Er machte eine Pause. „Das Formular. Jetzt. Und Sie fahren beide noch heute Abend selbst raus in die Blücherstraße und erklären den Leuten dort, was ruhestörender Lärm nach 22 Uhr bedeutet — nach Bußgeldkatalog, nicht nach Gutdünken."

Zwei Wochen später saß Anton Lehmann nicht mehr allein in seiner Küche. Brandt hatte ihn zweimal besucht, einmal mit seiner Tochter, einer Elfjährigen mit Zahnspange, die ein selbstgemaltes Bild mitbrachte — ein Soldat mit einem großen roten Herz darüber. Anton hatte es mit Tesafilm über die Anrichte geklebt, dorthin, wo früher der Sparkassen-Kalender hing.

Die Nachbarn aus der Wohnung nebenan waren ausgezogen, nach einer Anzeige wegen Ruhestörung, die diesmal nicht im Papierkorb landete, sondern mit Aktenzeichen bei der Ordnungsbehörde einging und einen Bußgeldbescheid über 380 Euro nach sich zog. Die neue Mieterin, eine Krankenschwester im Nachtdienst, brachte ihm manchmal am Wochenende ein Stück Streuselkuchen vorbei und war so leise, dass Anton sich fast wieder an die Stille gewöhnen musste.

Und einmal im Monat, immer am ersten Sonntag, ging Anton zum Friedhof an der Bochumer Straße, stellte eine kleine Grablaterne an Markus' Grabstein und blieb eine Weile stehen — nicht mehr allein mit der Schuld, sondern mit dem Wissen, das ihm zwanzig Jahre lang gefehlt hatte: dass sein Sohn zehn Männer hatte leben lassen, die jetzt Väter waren, Töchter hatten, Kaffee tranken und morgens zur Arbeit fuhren, weil ein Achtzehnjähriger sich einmal auf eine Granate geworfen hatte.

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Fajna Tajna
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