Am Dienstagabend stand ein Fremder mit grünem Werkzeugkoffer vor der Wohnungstür. Er hatte den Schließzylinder schon halb ausgebaut, die Schrauben lagen auf einem Putzlappen. „Ihr Mann hat bestellt“, sagte er. „Der Schlüssel soll schwer drehen.“
Nele setzte die Reisetasche neben dem Treppengeländer ab. „Der Schlüssel hat gestern noch funktioniert. Packen Sie zusammen.“
Hinter ihr trat Timo aus der Wohnung. „Lass ihn. Der Austausch ist überfällig.“
Nele zog sich das Messeschildchen über den Kopf. „Du willst das Schloss wechseln, bevor ich überhaupt drin war?“
„Der Zylinder klemmt. Ich wollte dir nur Arbeit abnehmen.“
Sie ging an ihm vorbei. Im Flur fehlte der Messing-Schirmständer. In der Stube standen Umzugskartons: „Bücher“, „Geschirr“, „Timos Kram“. Der Ohrensessel ihrer Großmutter war weg. Auf dem Parkett lag ein dunkles Rechteck, als hätte dort vierzig Jahre jemand gesessen.
Timo folgte ihr in die Küche. „Katrin hat ein Zimmer in Connewitz. Klein, aber ruhig. Wir bleiben da, bis sich die Firma berappelt.“
„Welche Firma?“ Nele warf die Jacke über den alten Küchenstuhl. „Die Spedition ist doch längst unter Wasser.“
„Deshalb müssen wir die Wohnung verkaufen. Der Makler hat einen Käufer. Die Anzahlung ist schon geflossen.“
„Wessen Wohnung verkaufst du?“
„Unsere. Wir sind acht Jahre verheiratet.“
„Sie stammt von Oma Elisabeth. Vor der Ehe.“
Timo schob ihr einen Ordner über den Tisch. „Ich habe eine notarielle Vollmacht. Alles sauber.“
Nele klappte den Ordner auf. Die Kopie lag obenauf. Ihr Name, ihre Anschrift, ihre Unterschrift. Der letzte Bogen über dem n war zu rund gezogen. „Ich war an dem Tag auf der Fachmesse in Stuttgart.“
„Du hast im Frühjahr stapelweise Sachen unterschrieben. Kannst dich nicht erinnern.“
„Doch.“ Nele holte das Handy aus der Jacke. „Hotelrechnung, 21:46, das Abendessen. Ich war nicht in Leipzig.“
Timo schwieg. Nele fotografierte jede Seite, auch den Zettel mit der Notiz: „Verkauf bis Freitag, danach Restsumme.“
In der Nacht hörte sie ihn in der Küche telefonieren. „Nein, sie ist früher gekommen … Bis Freitag regeln wir das.“ Sie lag im Schlafzimmer und drückte die Fingerkuppen gegen die kalte Wand. Auf dem Stuhl hing seine Jacke. Aus der Seitentasche ragte ein Umschlag mit dem Logo einer Fluggesellschaft.
Am Morgen war Timo fort. Auf dem Küchentisch lag eine Liste: Kleidung, Laptop, Papiere, „Persönliches“. Die silberne Zuckerdose hatte er mit Fragezeichen markiert. Nele steckte die Liste in ihre Tasche und fuhr zur Notarin Dr. Henke.
Die Kanzlei roch nach Altpapier und Kaffee. Dr. Henke hatte schon Oma Elisabeths Testament beurkundet. Sie prüfte die Vollmachtskopie, blätterte im Urkundenverzeichnis und rief bei einer Kollegin an, deren Name auf dem Blatt stand. Dann legte sie den Hörer auf.
„Die Vollmacht ist nie beurkundet worden. Die Nummer gehört zu einer anderen Urkunde. Das Siegel ist eingescannt.“
„Kann man damit im Grundbuch auflassen?“
„Ein aufmerksamer Rechtspfleger würde es merken. Aber der Makler setzt vermutlich auf elektronische Einreichung oder auf Zeitdruck.“ Dr. Henke druckte eine beglaubigte Auskunft aus dem Urkundenverzeichnis. „Strafanzeige. Sofort. Und eine Grundbuchsperre über den Anwalt.“
Nele fuhr zum Polizeirevier in der Innenstadt. Der Beamte wollte wissen, ob sie Timo jemals ihren Pass überlassen habe, ob sie irgendwann Unterschriften für die Firma geleistet habe, ob sie den Käufer kenne. Sie verneinte. Er nahm die Kopien, tippte den Sachverhalt ein und gab ihr eine Vorgangsnummer.
Danach rief Nele Rechtsanwalt Wegner an. Er erwirkte bis Donnerstag eine einstweilige Verfügung mit Veräußerungsverbot. Das Amtsgericht trug die Sperre ins Grundbuch ein. Als Nele am Mittwochabend nach Hause kam, stand Katrin im Flur. Sie hatte die Jacke bis oben geschlossen, als friere sie trotz der Altbauheizung.
„Timo sagt, du hast den Verkauf gestoppt.“
„Ich habe eine gefälschte Vollmacht gestoppt.“
Katrin kratzte an der Folie ihrer S-Bahn-Karte. „Er meinte, du seist einverstanden.“
„Die Anzahlung kam auf dein Konto?“
„Fünfzehntausend Euro. Zehntausend habe ich bei der Bank eingezahlt, den Rest hat Timo geholt.“
„Du hast unterschrieben, Geld für meine Wohnung zu empfangen?“
Katrin zog einen gefalteten Zettel aus der Tasche. „Er meinte, das ist nur für die Bank. Die Raten waren zwei Monate überzogen.“
Nele legte ein leeres Blatt auf den Tisch. „Schreib auf, was er dir gesagt hat. Wann er die Vollmacht gezeigt hat. Wohin du das Geld bringen solltest.“
Katrin schrieb. Sie hielt immer wieder inne und verglich die Chats auf dem Handy. Nele setzte Teewasser auf und ließ sie.
Nachdem Katrin gegangen war, nahm Nele die Jacke ihres Mannes vom Stuhl. Im Umschlag steckten zwei gedruckte Bordkarten für Samstag: Leipzig/Halle – Palma. Eine auf Timo Brandes, die andere auf Jana Schilling. Die Fluggesellschaft hatte den Namen fett gedruckt.
Am Donnerstagnachmittag saß sie im Maklerbüro. Vierter Stock, der Kaffeeduft zog aus der Küchenecke durch den Raum. Neben ihr Rechtsanwalt Wegner. Katrin saß am Fenster. Der Käufer, Herr Feldmann, trat mit einem Mann im grauen Anzug ein.
„Marek Böhme“, stellte sich der Mann vor. „Ich habe nur die Unterlagen vorbereitet.“
Timo kam fünf Minuten später. Mit ihm eine Frau, die ihre Handtasche vor die Brust drückte. Jana.
„Familienärger“, sagte Timo. „Das kriegen wir geklärt.“
Nele schob Herrn Feldmann die Unterlagen hin: die Auskunft aus dem Urkundenverzeichnis, die notarielle Bestätigung, den Gerichtsbeschluss, die Vorgangsnummer der Polizei.
„Ich habe keine Vollmacht erteilt. Die Urkunde ist eine Fälschung. Das Grundbuch hat eine Sperre.“
Herr Feldmann las. Dann sah er den Makler an. „Sie sagten, die Vollmacht sei geprüft.“
Böhme zupfte am Ärmel. „Mir wurde eine Kopie übergeben. Das Original sollte Herr Brandes zur Beurkundung mitbringen.“
Timo trat an den Tisch. „Du hast mir versprochen, die elektronische Einreichung zu machen.“
„Ich habe nichts versprochen. Sie haben mir eine Datei geschickt und gesagt, die Eigentümerin sei ausgezogen und einverstanden.“
Jana stellte die Handtasche auf den Boden. „Du hast mir gesagt, Nele hätte die Wohnung freiwillig verkauft und sei schon bei deiner Schwester.“
„Ich wollte es dir erklären.“
Katrin legte ihre handschriftliche Erklärung neben die Vollmachtskopie. „Mir hat er auch gesagt, Nele wisse Bescheid. Das Geld ging auf mein Konto, aber geholt hat er es.“
Herr Feldmann klappte seine Mappe zu. „Ich reiche keinen Auftrag ein. Die Anzahlung hole ich mir von den Empfängern zurück. Den Schriftverkehr übergebe ich der Polizei.“
Timo griff nach der Vollmachtskopie. Rechtsanwalt Wegner zog das Blatt in seinen Ordner. „Die Unterlagen sind bereits bei der Staatsanwaltschaft. Sie bekommen das per Akteneinsicht.“
Böhme ging in den Flur und telefonierte. Jana blieb einen Moment an der Tür. „In den Urlaub kannst du alleine fliegen“, sagte sie zu Timo. Dann zog sie die Tür ins Schloss.
Die Spedition meldete Insolvenz an. Timo verkaufte einen Sattelzug, aber die offenen Rechnungen waren höher. Das Ermittlungsverfahren wegen Urkundenfälschung zog sich. Katrin verkaufte ihren alten Fiat und strich die Miete für das Zimmer in Connewitz, um die Rückzahlung zu stemmen. Das Gericht erklärte den Vorvertrag für unwirksam.
Nele ging nicht zur Urteilsverkündung. Sie fuhr in den Baumarkt am Lindenauer Hafen und kaufte einen Profilzylinder mit Sicherungskarte. Siebenundachtzig Euro. Zu Hause legte sie das alte Schloss auf ein Zeitungsblatt, löste die Stulpschraube und zog den Zylinder aus dem Einsteckschloss. Drei Minuten. Der neue Schlüssel klackte satt.
Am selben Abend stand Timo vor der Tür. Er steckte seinen alten Schlüssel ins Schloss und drehte. Nichts. Er klingelte zweimal. Nele zog die Tür einen Spalt auf, die Kette blieb vorgelegt.
„Deine Sachen stehen unten an der Milchglastür. Zwei Kartons.“
„Ich will meine Papiere.“
„Die bekommst du, wenn du deine alte Schlüssel abgibst.“ Nele hielt die zwei neuen Schlüssel in der Hand. „Der neue Zylinder kostet siebenundachtzig Euro. Die Rechnung steckt im Schuhschrank.“
Timo sah auf das Schloss. „Das ist jetzt dein Ernst?“
„Du hast meine Wohnung einmal ohne mich einpacken lassen. Jetzt packst du dich selbst.“
Sie schloss die Tür. Durch das Holz hörte sie, wie er den alten Schlüssel auf die Kokosmatte warf. Schritte gingen die Treppe hinunter. Im Hof bellte der Jack Russell der Nachbarin.




