Der Umschlag auf dem Tisch

Ich sitze in meiner Küche in Leipzig-Plagwitz. Draußen im Hof presst jemand Äpfel. Die Maschine rattert über den Innenhof aus Ziegelsteinen. Ich hasse dieses Geräusch. Es erinnert mich daran, dass die Zeit vergeht.

Auf meinem Laptop leuchtet eine Rechnung. Vierhundertfünfzig Euro. Eine Kurklinik. Drei Wochen. Ich drücke auf „Zahlungspflichtig bestellen“.

Meine Hand zittert. Nicht weil das Geld weh tut. Das hatte ich für Emil zurückgelegt. Es zittert, weil ich weiß, was diese Buchung bedeutet. Es ist meine Kündigung.

Vor drei Tagen war ich in der Kita. Die Erzieherin, Frau Hartmann, eine junge Person mit Nasenring und Flip-Flops, stellte mir einen dieser winzigen Stühle hin. Ein Hocker. Eigentlich für Kinder. Ich bin fünfundsechzig. Meine Knie knackten, als ich mich setzte.

„Frau Klausner“, sagte sie, „wir sehen ja immer nur Sie. Sind die Eltern… überhaupt noch im Bild?“

Ich wollte lachen. Aber die Luft blieb mir weg.

Emil, mein Enkel, fünf Jahre alt. Er hat neulich abends gesagt: „Oma, ich wohne bei dir. Wann holen sie mich ab?“

Ich habe geantwortet: „Du bist bis Montag bei mir, das weißt du doch.“

Er hat den Kopf geschüttelt. „Nein, ich meine, wann ziehe ich wieder zurück? Oder bleibe ich für immer?“

Franzi, meine Tochter, ist Anästhesistin im Uniklinikum. Tobias, der Schwiegersohn, hat ein Architekturbüro. Zwischen Narkosen und Baustellen ist Emil irgendwo untergegangen.

Nach der Elternzeit schien es klar: Ich springe ein. Mittwoch bis Samstag. Ich bin ja Rentnerin.

Aus Mittwoch wurde Montag. Als Kind in der DDR habe ich gelernt, dass man Pflichten nicht abgibt. Aber irgendwo zwischen der ersten Übernachtung und dem fünften Geburtstag bin ich nicht mehr die Oma, die hilft. Ich war die Frau, die den ganzen Laden schmeißt. Die Eltern standen nur noch als Namen im Kontaktformular der Kita.

Heute Morgen habe ich die E-Mail an die Kita geschrieben.

„Betreff: Kontaktaufnahme. Bitte wenden Sie sich ab dem 1. November ausschließlich an die Eltern von Emil Klausner.“

Dann habe ich die Kur gebucht. Vierhundertfünfzig Euro. Ich habe die Bestätigung ausgedruckt. Der Drucker rattert wie die Apfelpresse im Hof.

Ich falte das Papier und stecke es in einen Umschlag. Auf den Tisch lege ich Emils blauen Socken, den ich unter dem Sofa gefunden habe. Ich lege den Umschlag daneben.

Es klingelt. Zweimal lang, einmal kurz. Tobias. Er regnet. Sein Hemd klebt an den Schultern.

„Was soll das?“, fragt er. „Franzi ist im OP, ich habe eine Baustellenbegehung. Du kannst Emil nicht einfach vor die Tür setzen.“

Ich hebe den Umschlag vom Tisch. Ich gebe ihn ihm.

„Was ist das?“

„Die E-Mail an die Kita. Und die Buchung für eine Kur. Ich habe bezahlt. Ich bin ab morgen weg.“

Er reißt den Umschlag auf. Seine Augen springen über den Text.

„Du willst einfach abhauen? Du lässt uns so hängen?“

Ich sehe seine Schuhe. Dreckige Sneaker. Er hat Emil gestern abgeholt, ohne ihm die Matschhose auszuziehen.

„Ich lasse euch nicht hängen“, sage ich. „Ich bin die Oma. Ich kündige nur die Stelle als unbezahlte Vollzeitkraft.“

Er fängt an zu reden. Deadlines, Nachtschichten, Rückenschmerzen.

Ich unterbreche ihn.

„Weißt du, was Emil gesagt hat? Dass es bei dir nach Farbe riecht und bei Mama nach Desinfektionsmittel. Und dass er bei Oma nicht so schnell atmen muss.“

Er schweigt.

„Der Schlüssel für euren Briefkasten liegt auf dem Regal. Ich habe keinen zweiten mehr. Ich hole Emil nur noch auf ausdrückliche Bitte ab. Und wenn ihr im Stress seid, ruft ihr die Oma an. Dann reden wir.“

Er versucht es nochmal. „Was machen wir jetzt?“

„Ihr seid die Eltern. Das ist euer Job.“

Ich greife nach meinem Mantel. Ich will an ihm vorbei. Er macht einen Schritt zur Seite. Nicht genug.

Ich drücke mich an ihm vorbei. Im Treppenhaus riecht es nach Kohlrouladen von der Nachbarin.

„Morgen ist Freitag“, sage ich. „Die Kita hat bis sechzehn Uhr geöffnet. Der Rest liegt auf dem Tisch.“

Ich fahre mit der Straßenbahn zum Hauptbahnhof.

Der Zug nach Nürnberg hat vierzig Minuten Verspätung.

Ich kaufe mir einen Kaffee und setze mich auf eine Bank.

In meiner Tasche finde ich einen Bonbon. Eingewickelt. Von Emil. Das Papier knistert, als ich es aufwickle.

Mein Handy vibriert. Franzi. Dann Tobias. Dann Franzi.

Ich schalte das Handy aus.

Ich trinke den Kaffee. Er ist bitter.

Ich lasse den Pappbecher im Mülleimer.

Ich gehe zum Gleis. Ich schaue nicht zurück. Der Wind riecht nach nassem Laub und Diesel.

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Fajna Tajna
Der Umschlag auf dem Tisch