Ich spielte Saxophon, als die Frau im hellen Mantel hereinkam. Draußen roch es nach nassem Laub und Seewasser; die S-Bahn rumpelte über die Brücke, alle paar Minuten ein dumpfes Rollen. Die Villa lag in Potsdam, direkt am Wasser, und im Saal roch es nach Birkenholz und Braten.
An der Tür stand Nicole, die Exfrau vom Chef. Sie trug ein dunkelblaues Kleid mit offenem Rücken, am Handgelenk klirrte ein breites Goldarmband. Sie versperrte der Frau den Weg. Ich hörte nur Fetzen: „Der Personaleingang ist hinten … hier findet ein Familienabend statt.“
Die Frau hörte ruhig zu. Sie hatte ihr Telefon in der Hand, der Bildschirm leuchtete. Dann ging sie einfach an Nicole vorbei, als wäre die Luft da leer. Nicole machte einen Schritt zur Seite. Mehr nicht.
Die Frau setzte sich an den kleinen Tisch am Panoramafenster, direkt gegenüber meiner Bühne. Ich kannte sie nicht. Kellner tuschelten, das sei die Neue von Robert Hartmann. Eine ehemalige Krankenschwester aus der Charité, hieß es, die abends Buchhaltungskurse an der Volkshochschule belegt hatte, drei Jahre lang, neben Zwölf-Stunden-Schichten auf der Station. Nicole und die alte Hartmann, die heute ihren Geburtstag feierte, mochten sie nicht.
Ingrid Hartmann saß am Ende der langen Tafel, umringt von ihren Freundinnen. Neben ihr die jüngere Tochter, Pia, die die ganze Zeit auf ihr Handy schaute. Als die Frau kam, wurden die Gespräche leiser. Dann ein Lachen aus der Ecke – hart, ohne Wärme.
Ich spielte weiter, ein Stück von Gershwin, aber ich beobachtete. Die Frau bestellte nichts. Sie sah auf ihr Telefon. Draußen zogen Wolken über den See.
Es war ungefähr halb neun, als Nicole mit einem randvollen Glas Rotwein zu dem Tisch am Fenster ging. Sie beugte sich leicht nach vorn. Ihre Stimme, scharf wie eine Klinge: „Na? Robert ist immer noch nicht da? Vielleicht ist ihm aufgefallen, dass er eine ehemalige Putzkraft geheiratet hat.“
Die Frau antwortete nicht. Sie legte das Telefon mit der Bildfläche nach unten auf den Tisch. Nicole hob das Glas. Der Wein klatschte auf die hellen Hosenbeine, dunkelrot, breit, lief ihr über die Knie. Ein paar Gäste drehten sich um. Nicole rief laut: „Genieß das, du Putzkraft!“ Vom Haupttisch kam ein Lachen – Ingrid krümmte sich fast.
Ich setzte den Song aus. Keiner schaute zu mir. Die Frau blieb sitzen, bewegte sich nicht. Sie sah Nicole an, direkt ins Gesicht. Dann, nach ein paar Sekunden, griff sie nach der Serviette und legte sie auf den Fleck, ohne zu wischen. So, als würde sie das Muster betrachten.
In dem Moment gingen die großen Eichentüren auf. Robert Hartmann kam rein, Mantel über dem Arm, ein gefaltetes Blatt Papier in der Hand. Er blieb kurz stehen, sah zu seiner Mutter, dann zu Nicole, die noch das leere Glas hielt. Dann sah er auf die Hose seiner Frau. Er zog sein Jackett aus, legte es ihr über die Knie. Drehte sich um.
Ich hörte nicht alles, weil an meinem Ohr das Blut rauschte – oder war es der Wind? Aber die wichtigen Sätze kamen klar: „Ich wollte das morgen im Büro besprechen. Aber ihr liebt ja Publikum.“ Er legte das Papier auf den Tisch vor die Frau. „Zwei Wochen lang haben Wirtschaftsprüfer die Bücher dieser Villa durchgesehen. Eva hat die Prüfung angestoßen, als ihr beim Sichten der Kontoauszüge die Rechnungen des Gärtners auffielen, die niemand je kontrolliert hat.“ Dann Zahlen: „Scheinrechnungen für Landschaftspflege, ein Dach, das nie repariert wurde, Servietten zu Preisen wie Seide. Über vierhundertdreißigtausend Euro, abgerechnet über die Firma von Nicoles Bruder Sven.“
Ingrids Gesicht wurde grau. Sie legte beide Hände flach auf die Tischdecke. Nicole stand da, das leere Glas in der Hand, und wippte leicht vor und zurück. Keiner im Saal rührte sich. Nur die Motte, die schon den ganzen Abend um den Kronleuchter kreiste, stieß gegen das Glas.
Robert winkte dem Serviceleiter. „Bestellen Sie für Frau Nicole ein Taxi. Sie hat fünf Minuten, um ihren Mantel zu holen und das Gelände zu verlassen, das ab heute meiner Frau gehört. Ich habe die Villa vertraglich auf Eva überschrieben, als Bedingung für den Vergleich mit dir, Mutter – so ist das Haus wenigstens aus Nicoles Zugriff raus.“ Dann zu Nicole: „Zum Gespräch kommst du zu Eva. Sie ist die neue Eigentümerin. Und du, Ingrid, deine Kreditkarten sind gesperrt. Wenn du Geld brauchst, machst du einen Termin bei der neuen Geschäftsführerin.“
Die Frau – Eva – nahm das gefaltete Blatt vom Tisch und hielt es in der Hand. Als sie aufstand, achtete sie darauf, dass Roberts Jackett den Fleck auf ihren Hosen verdeckte. Dann griff sie mit der freien Hand nach Roberts. Die beiden gingen Richtung Ausgang, vorbei an den Tischen, an denen die Gäste in ihre Gläser schauten.
Nicole warf das leere Glas auf den Tisch. Es kippte um, rollte, fiel auf den Teppich, zerbrach nicht. Sie lief raus, ohne Mantel, obwohl draußen der Wind über den See pfiff. Ich stand auf der Bühne, Saxophon in der Hand. Die Villa am See lag plötzlich ganz still. Nur das Feuer knackte.
Ich packte mein Instrument ein. An der Terrassentür sah ich, wie Robert und Eva in einen dunklen Wagen stiegen. Eva hielt das Blatt Papier noch immer in der Hand und las es im Licht der Innenraumbeleuchtung. Robert legte den Arm um sie. Dann fuhren sie weg.
Als ich meinen Koffer zuklappte, kam der Serviceleiter und drückte mir ein Kuvert in die Hand. „Alles bezahlt“, sagte er. „Die Chefin hat gesagt, Sie sollen aufhören, wenn Sie wollen. Der Abend ist gelaufen.“ Ich habe noch die letzten Takte des Songs vor mich hingesummt, den ich nicht zu Ende gespielt hatte. Der rote Fleck auf dem Teppich unter Nicoles Tisch war schon fast schwarz.
Ich trat auf die Straße. Die Luft war kalt und roch nach Seegras und Diesel. Im Osten, hinter den Dächern, kam ein dünner Streifen Morgenlicht hoch. Ich hatte meinen vollen Lohn bekommen, aber mein eigenes Auto wollte erst nicht anspringen. Der Motor spuckte, dann lief er. Vor dem Portal wartete das bestellte Taxi, die Fahrertür stand offen, der Fahrer lehnte gegen den Kofferraum und rauchte. Nicole rannte halb über den Kies darauf zu, stolperte, fing sich, warf sich auf den Rücksitz.
Diese Geschichte habe ich später nicht den Jungs von der Band erzählt. Nur meinem Saxophon. Und das erzählt nichts weiter.




