Ich habe meinem Sohn eine Wohnung geschenkt. Ein Jahr später stand ich davor und habe geweint, weil ich sie nicht wiedererkannte.
Es war eine Wohnung in Essen-Katernberg, vierte Etage, kein Aufzug, dafür ein Balkon zum Innenhof, auf dem im Sommer der Flieder von unten hochduftete. Mein Mann Hans und ich hatten sie 1985 gekauft, als sie noch bezahlbar war. Drei Zimmer, siebzig Quadratmeter, eine Küche, in der man zu zweit kaum umdrehen konnte, aber mit einem Fenster, durch das morgens die Sonne auf den Frühstückstisch fiel. In dieser Küche habe ich für unseren Sohn Stefan die ersten Breie gekocht. In dem kleinen Zimmer nebenan hat er laufen gelernt, später Hausaufgaben gemacht, und mit sechzehn hat er dort seine erste Freundin geküsst, während Hans und ich im Wohnzimmer so taten, als hörten wir nichts.
Als Hans vor acht Jahren starb, bin ich aus der Wohnung ausgezogen. Ich konnte nicht bleiben. Jede Ecke roch nach ihm, nach dem Tabak seiner Pfeife und dem Schuhputzmittel, das er sonntags benutzte. Ich zog in eine kleine Zweizimmerwohnung in Essen-Steele, und die Wohnung in Katernberg vermietete ich. Die Miete half mir über die Rente hinweg: die Nachzahlung für die Heizung, die teuren Medikamente, ab und zu ein Geschenk für die Enkelin, die damals noch nicht geboren war.
Stefan zog mit neunundzwanzig nach Bochum, wegen der Arbeit. Er lernte eine Frau kennen, Janine, die als Arzthelferin in einer Praxis arbeitet. Sie heirateten, und als Janine schwanger wurde, kamen sie zu mir.
„Mama, wir schaffen das nicht“, sagte Stefan. „Die Miete in Bochum frisst die Hälfte von unserem Einkommen. Mit dem Kind wird es noch enger. Janine will vielleicht nur noch halbtags arbeiten. Wir brauchen eine günstigere Wohnung.“
Janine saß daneben und strich sich über den Bauch. „Frau Weber, wir wollen das Kind dort aufwachsen lassen, wo Stefan groß geworden ist. Das wäre so schön für die Familie.“
Ich schaute in ihre Gesichter. In Stefans Augen lag etwas, das ich aus seiner Kindheit kannte: dieses Bitten, das er nie aussprach, weil er wusste, dass ich ihn nie hängen ließ.
Ich hätte zum Notar gehen und einen Vertrag machen können, mit Rückforderungsrecht, mit Nießbrauch, mit Sicherheiten. Mein Kopf sagte es mir. Aber mein Herz sagte: Das ist dein Sohn. Er ist kein Fremder. Er wird das nicht ausnutzen.
Also unterschrieb ich. Einfach so. Schenkung ohne Bedingungen.
Die ersten Monate waren gut. Janine schickte Fotos: ein Kinderbett im ehemaligen Arbeitszimmer, ein neuer Vorhang in der Küche, eine Topfpflanze auf dem Fensterbrett. Stefan rief an und sagte: „Mama, wir haben endlich ein Zuhause.“ Ich kaufte ihnen Geschirr, Bettwäsche, Handtücher. Sogar die alte Tischdecke, die Hans mir zum zehnten Hochzeitstag geschenkt hatte, brachte ich mit. Eine Woche später lag sie zusammengeknüllt auf dem Boden im Flur, unter einer Einkaufstasche. Janine sagte: „Ich wusste nicht, wohin damit.“
Nach Emmas Geburt fuhr ich öfter hin. Mit Essen, mit Windeln, mit dem Angebot, auf das Baby aufzupassen. Am Anfang war ich willkommen. Dann wurde ich geduldet. Dann war ich eine Störung.
Zuerst fiel mir das schmutzige Geschirr in der Küche auf. Dann die Flecken auf dem Boden. Dann die kaputte Schranktür, die keiner reparierte. In der Dusche bildeten sich schwarze Ränder. Als ich sagte, dass Schimmel für ein Baby gefährlich ist, verdrehte Janine die Augen: „Frau Weber, jetzt übertreiben Sie aber. Schimmel gibt es überall.“
Ich übertrieb nicht. Ich hatte selbst ein kleines Kind, ich hatte einen Beruf, ich war müde. Aber ich habe nie Essen drei Tage auf dem Tisch stehen lassen. Ich habe nie nasse Handtücher in der Ecke verrotten lassen. Und ich habe nie auf dem Balkon geraucht, sodass die Asche auf die frisch gestrichene Wand fiel.
Janine lud immer öfter Freunde ein. „Junge Leute brauchen ihr Leben“, sagte sie. Nach diesen Abenden lagen leere Flaschen auf dem Sofa, Zigarettenstummel in den Blumentöpfen, Kratzer auf dem Parkett. Einmal fand ich eine Bierflasche im Kinderbett, neben dem Schmusetuch.
Eines Nachmittags rief mich Frau Hoffmann an, die Nachbarin von gegenüber. Sie wohnt seit dreißig Jahren in dem Haus und kennt jeden. „Frau Weber, ich will mich nicht einmischen, aber bei Ihrem Sohn geht es drunter und drüber. Ständig Partys, Geschrei im Treppenhaus. Vor zwei Wochen ist Wasser aus der Wohnung in die untere Etage gelaufen. Und gestern haben sie Müllsäcke in den Keller gestellt, die da nicht hingehören. Ich glaube, Sie sollten mal vorbeikommen.“
Ich rief sofort an. Stefan ging nicht ran. Janine auch nicht. Ich hatte noch den alten Schlüssel zum Hausflur, aber nicht zur Wohnung. Also fuhr ich hin.
Es war ein Dienstag, kurz nach fünf. Im Treppenhaus roch es nach kaltem Rauch und nassem Putz. Die Briefkästen waren mit Flugblättern vollgestopft. Vor der Wohnungstür lagen zwei blaue Müllsäcke, aus denen eine leere Pizzaverpackung ragte.
Ich klingelte. Zweimal. Beim dritten Mal öffnete ein fremder junger Mann, barfuß, mit einem T-Shirt, das nach Schweiß roch. Er sah mich an, als wäre ich die Hausverwaltung.
„Ich will zu meinem Sohn“, sagte ich.
Er zuckte mit den Schultern und rief nach hinten: „Stefan, da ist jemand für dich.“
Stefan kam aus dem Schlafzimmer. Er war unrasiert, die Augen gerötet, die Haare fettig. Er trug eine Jogginghose mit einem Loch am Knie.
„Mama, was machst du hier?“
„Ich will reinkommen.“
Er trat zur Seite. Ich ging an ihm vorbei in den Flur.
Ich erkannte die Wohnung nicht wieder.
Die Wand im Flur war voller schwarzer Streifen, als hätte jemand Möbel dagegengeschoben. Der Spiegel, den ich von meinem ersten Gehalt gekauft hatte, hatte einen Sprung, der von oben bis unten lief. Auf dem Boden lagen Schuhe, Taschen, leere Dosen. Unter der Garderobe stand eine Pfütze, die von einem nassen Mantel tropfte.
Im Wohnzimmer war die Couch an der Seite aufgeschlitzt, die Füllung quoll heraus. An der Wand waren Löcher, weil jemand den Fernseher falsch aufgehängt hatte. Der Couchtisch hatte Brandflecken von Zigaretten. Auf dem Fensterbrett standen dreckige Tassen, in einer schwamm etwas Grünes. Auf dem Boden lagen Emmas Spielsachen, vermischt mit leeren Bierflaschen.
Die Küche stank nach altem Fett. Die Front einer Schranktür hing nur noch an einem Scharnier. Der Kühlschrank klebte. Auf dem Herd stand ein Topf mit angetrockneter Suppe, die schon grau geworden war.
Im Badezimmer war die Wand neben der Waschmaschine schwarz vor Schimmel.
Mein Mann Hans hatte diesen Boden eigenhändig verlegt. Ich hatte die Fugen geschrubbt, bis meine Hände wund waren. Wir hatten diese Wohnung mit unseren Händen aufgebaut. Und jetzt sah sie aus, als hätte nie jemand sie geliebt.
„Was habt ihr getan?“, fragte ich. Meine Stimme war leiser, als ich wollte.
Janine kam aus der Küche. Sie trug einen Morgenmantel und hatte die Haare zu einem unordentlichen Knoten gebunden. „Frau Weber, das ist unsere Wohnung. Sie haben sie uns geschenkt. Also hören Sie auf, hier herumzuspionieren.“
„Ich spioniere nicht. Ich sehe mir an, was aus meinem Geschenk geworden ist.“
„Aus unserem Zuhause“, sagte sie scharf. „Und Sie haben uns nichts mehr zu sagen.“
Ich wandte mich an Stefan. Er stand neben der Tür und schaute auf den Boden.
„Stefan, sag etwas. Dein Vater hat in dieser Wohnung die Heizung repariert, als du Fieber hattest. Ich habe in dieser Küche deine Geburtstagskuchen gebacken. Und du lässt zu, dass sie wie eine Müllhalde aussieht?“
Er hob die Schultern. „Mama, wir sind einfach überfordert. Das Baby, die Arbeit, die Wohnung. Wir schaffen das nicht alles.“
„Dann holt euch Hilfe. Aber ihr lasst doch nicht zu, dass euer Kind in so einem Dreck schläft.“
Janine trat einen Schritt auf mich zu. „Emma schläft bei mir im Bett. Und jetzt gehen Sie bitte. Sie haben kein Recht, hier zu sein.“
Ich betrachtete diese Frau, die meine Tischdecke auf den Boden geworfen hatte, die mein Geschenk mit Füßen trat, die meinem Sohn einredete, ich sei das Problem.
„Du hast recht“, sagte ich zu Stefan. „Ich habe kein Recht. Ich habe es dir geschenkt. Aber ich habe auch das Recht, zu sehen, was du daraus gemacht hast. Und ich sehe es. Mehr brauche ich nicht.“
Ich drehte mich um und ging.
Im Treppenhaus begegnete mir Herr Kowalski aus der Wohnung unter uns. Er war achtzig und brachte mir früher immer Äpfel aus seinem Schrebergarten. Jetzt sah er mich betrübt an. „Frau Weber, es tut mir leid. Das Wasser aus der Wohnung hat meine Decke ruiniert. Ihr Sohn hat gesagt, er zahlt es. Aber bis jetzt ist nichts gekommen.“
„Ich kümmere mich darum“, sagte ich.
Zu Hause saß ich an meinem kleinen Tisch und schaute das Foto von Hans an. Er sah mich an, so sanft wie immer.
„Ich wollte nur helfen“, sagte ich leise.
Und dann weinte ich. Nicht wegen der Wohnung. Sondern weil mein Sohn mich nicht mehr als Mutter sah, sondern als Störfaktor.
Ich brauchte zwei Tage, um einen Entschluss zu fassen. Dann rief ich eine Anwältin an.
Frau Dr. Schneider war eine ruhige Frau um die fünfzig, mit einem Notizblock und einem Stift, den sie immer wieder zwischen den Fingern drehte. Sie hörte zu, während ich erzählte. Von der Schenkung, von der Verwahrlosung, von den Beleidigungen, von dem Wasser, das in Herrn Kowalskis Wohnung gelaufen war.
„Eine Schenkung kann man wegen grober Undankbarkeit widerrufen“, erklärte sie. „Das ist im Bürgerlichen Gesetzbuch geregelt, Paragraph fünfhundertdreißig. Aber grobe Undankbarkeit ist mehr als nur eine schmutzige Wohnung. Wir brauchen Beweise für eine schwere Verfehlung gegen Sie persönlich. Beleidigungen, Drohungen, die Verweigerung von Hilfe in einer Notlage. Haben Sie so etwas?“
Ich dachte an Janines Worte. An Stefans Schweigen. An den Tag, an dem ich vor der Tür stand und sie mich nicht hereinlassen wollten.
„Mein Sohn hat gesagt, er wünschte, ich wäre nicht seine Mutter“, sagte ich.
Frau Dr. Schneider notierte es.
Ich sammelte alles: Fotos von der Wohnung, die ich heimlich gemacht hatte, als ich drin war. Nachrichten von Janine, in denen sie mir schrieb, ich solle mich nicht einmischen. Aussagen von Frau Hoffmann und Herrn Kowalski. Rechnungen von den Renovierungen, die Hans und ich vor der Schenkung bezahlt hatten.
Es stellte sich heraus, dass Stefan und Janine seit sechs Monaten keine Nebenkosten mehr an die Hausverwaltung gezahlt hatten. Es gab Mahnungen über insgesamt 3.400 Euro, die sie ignoriert hatten. Die Hausverwaltung drohte mit der Zwangsversteigerung der Wohnung, wenn die Schulden nicht beglichen wurden.
Als ich Stefan das offizielle Schreiben meiner Anwältin zukommen ließ, stand er eine Stunde später vor meiner Tür.
Er war wütend. Seine Stimme überschlug sich, als er schrie: „Du willst uns die Wohnung wegnehmen? Dein eigenes Kind auf die Straße setzen? Bist du wahnsinnig geworden?“
Ich blieb ruhig. „Ich will nur, dass du verstehst, was du zerstört hast. Die Wohnung, das Vertrauen, die Beziehung zu deiner Mutter. Du hast alles mit Füßen getreten, und ich lasse mich nicht länger treten.“
„Du bist eine schlechte Mutter“, sagte er. „Ich wünschte, du wärst nicht meine Mutter.“
Das war der Satz. Der Satz, der mich nachts wach hielt. Der Satz, der in meinem Kopf widerhallte, wenn ich Emmas Foto ansah.
Aber ich zuckte nicht zusammen. Ich holte einen Ordner aus der Schublade und legte ihn auf den Tisch. Ich schlug ihn auf. Fotos von der schimmligen Wand. Die Mahnungen der Hausverwaltung. Die Aussage von Herrn Kowalski.
„Sieh dir das an“, sagte ich. „Und dann sag mir, dass ich diejenige bin, die falsch handelt.“
Stefan sah auf die Fotos. Seine Hand zitterte, als er das erste Blatt hob.
„Das ist nicht fair“, sagte er leise.
„Fair? Dein Vater hat für diese Wohnung zwanzig Jahre lang Überstunden gemacht. Ich habe meine Jugend darin verbracht, sie zu putzen. Du hast sie in einem Jahr ruiniert. Was ist daran fair?“
Er knallte die Tür, so fest, dass das Foto von Hans von der Wand fiel. Das Glas zerbrach genau über seinem Gesicht.
Ich hob es nicht auf. Ich saß da und schaute auf die Scherben.
Vor Gericht zog sich die Sache. Stefans Anwalt versuchte, mich als kontrollsüchtige alte Frau darzustellen, die nicht loslassen konnte. Er sagte, die jungen Leute hätten es schwer, ich hätte kein Recht, mich einzumischen.
Ich saß da und hörte zu. Meine Hände zitterten, aber ich hielt sie im Schoß.
Dann zeigte meine Anwältin die Fotos. Die schwarzen Wände im Bad. Die kaputten Möbel. Die Müllsäcke im Kinderzimmer. Den Brief der Hausverwaltung.
„Sind das die Wohnungen, die Sie Ihrem Sohn geschenkt haben?“, fragte sie Herrn Kowalski, der als Zeuge geladen war.
„Ja“, sagte er. „Und meine Decke ist immer noch gelb vom Wasser.“
Frau Hoffmann sagte aus über die Partys, den Lärm, den Gestank im Treppenhaus. Die Hausverwaltung bestätigte die Schulden.
Dann war ich an der Reihe.
„Frau Weber, warum haben Sie die Schenkung widerrufen?“
Ich sah zu Stefan. Er saß da, den Kopf gesenkt, die Hände gefaltet.
„Ich habe die Schenkung widerrufen, weil mein Sohn mein Geschenk wie Müll behandelt hat. Nicht die Wohnung an sich – Wände kann man streichen, Möbel kann man ersetzen. Aber er hat mich behandelt wie eine Fremde, die nichts zu sagen hat. Er hat zugelassen, dass seine Frau mich beleidigt. Er hat geschwiegen, als ich um Respekt gebeten habe. Ich habe ihm die Wohnung aus Liebe gegeben. Zurückbekommen habe ich den Satz: ‚Ich wünschte, du wärst nicht meine Mutter.‘ Das ist die Wahrheit.“
Es war still im Saal. Nur das Kratzen eines Stifts war zu hören.
Das Gericht schlug einen Vergleich vor. Keine vollständige Rückübertragung – das wäre rechtlich schwer durchsetzbar gewesen. Aber eine Vereinbarung, die mir Sicherheit gab:
Stefan verpflichtet sich, die Schulden bei der Hausverwaltung innerhalb von zwölf Monaten zu begleichen. Er muss die Wohnung instand setzen und den Schimmel beseitigen. Er darf die Wohnung nicht ohne meine Zustimmung verkaufen oder vermieten. Und es wird eine Rückauflassungsvormerkung im Grundbuch eingetragen. Wenn er gegen die Auflagen verstößt, kann ich die Rückübertragung verlangen.
Die entscheidende Unterschrift fand beim Notar statt. Wir saßen uns an einem großen Tisch gegenüber. Der Notar, ein älterer Herr mit Halbbrille, las den Vertrag vor. Ich hörte zu und dachte an den Tag, an dem ich die Schenkung unterschrieben hatte.
Ich unterschrieb zuerst. Dann schob ich das Dokument über den Tisch zu Stefan.
„Unterschreib“, sagte ich.
Er sah mich an. Seine Hand zitterte, als er den Stift nahm. Er zögerte.
„Mama, ich…“
„Unterschreib“, wiederholte ich. „Das ist deine Chance, es besser zu machen. Aber diesmal mit Sicherheit.“
Er unterschrieb. Der Stift kratzte über das Papier.
Der Notar stempelte.
Als wir draußen standen, vor dem Büro in der Essener Innenstadt, sagte Stefan: „Es tut mir leid. Ich war ein Idiot.“
Ich sah ihn an. Er war dünner geworden, die Schultern hingen. Er sah aus wie der Junge, der mit aufgeschlagenem Knie zu mir gelaufen kam.
„Ich weiß“, sagte ich. „Aber Worte reichen nicht. Jetzt musst du es zeigen.“
Die Wochen danach waren hart. Janine zog zu ihrer Mutter und nahm Emma mit. Sie sagte, sie könne nicht in einer Baustelle leben. Stefan blieb allein in der Wohnung.
Er begann zu renovieren. Frau Hoffmann rief mich an: „Frau Weber, Ihr Sohn schmeißt Müll raus. Und er hat den Nachbarn unten um Entschuldigung gebeten. Er zahlt ihm Raten.“
Ich glaubte es nicht. Ich fuhr hin.
Die Wohnung war immer noch eine Baustelle, aber der Gestank war weg. Im Wohnzimmer standen Säcke mit Bauschutt, die Dusche war herausgerissen, die Küche blitzte. Auf dem Fensterbrett standen keine dreckigen Tassen mehr. Im Kinderzimmer war die Wand weiß gestrichen. Ein kleines Regal mit Emmas Spielsachen stand an der Wand.
„Das machst du alles selbst?“, fragte ich.
Stefan wischte sich die Hände an der Hose ab. „Ja. Ich habe keinen Cent mehr für Handwerker. Aber es geht. Langsam.“
Er trug Arbeitshandschuhe, die an den Fingern durchgescheuert waren.
„Und Emma?“
Er schaute auf das Regal. „Janine bringt sie nicht oft. Aber wenn sie kommt, will ich, dass sie ein normales Zimmer hat. Auch wenn es nur für eine Stunde ist.“
Ich setzte mich auf die Fensterbank. Es war das erste Mal seit Monaten, dass ich in dieser Wohnung saß, ohne dass mir übel wurde.
„Du hast viel kaputt gemacht“, sagte ich.
„Ich weiß.“
„Aber du bist noch nicht fertig.“
„Nein. Aber ich mache weiter.“
Ich stand auf und ging zur Tür. Bevor ich ging, zog ich die alte Schlüsselkette aus meiner Tasche. Der Schlüssel zur Wohnung, den ich seit der Schenkung behalten hatte, obwohl er nicht mehr passte, weil Stefan das Schloss ausgewechselt hatte. Ich legte die Kette auf die Kommode im Flur.
„Die brauche ich nicht mehr“, sagte ich. „Die Wohnung gehört dir.“
Stefan nahm die Kette. Er drehte sie in den Fingern.
„Danke, Mama“, sagte er.
Ich ging.
Heute ist Emma drei. Ich sehe sie öfter. Janine ist vorsichtiger geworden, auch wenn sie mich nicht mag. Stefan bringt Emma sonntags zu mir. Die Wohnung ist fast fertig renoviert. Die Schulden bei der Hausverwaltung sind getilgt, die Rückauflassungsvormerkung ist im Grundbuch eingetragen.
Auf meiner Kommode in Steele steht noch immer das Foto von Hans, das Glas quer über seinem Gesicht gesprungen. Ich habe es nicht ausgetauscht.
Das Telefon klingelt an einem Freitagabend. Stefan, ob er Sonntag mit Emma vorbeikommen darf. Er fragt jetzt immer. Er kommt nicht mehr einfach so.
„Natürlich“, sage ich. „Bring ihr die roten Gummistiefel mit, falls es regnet.“
„Mach ich, Mama.“
Ich lege den Hörer auf und stelle zwei Tassen auf den Tisch.




