Den Anruf bekam Nora an einem Donnerstag, kurz vor halb zwei. In der Küche brutzelte Öl in der Pfanne, aus dem Kinderzimmer hörte sie, wie ihr Sohn Joris mit Bauklötzen einen Turm stapelte und dabei mit sich selbst verhandelte, welcher Block jetzt oben hingehört. Eine Frau vom Jugendamt war dran. Noras jüngere Schwester Silke hatte einen Sohn gehabt. Vier Jahre alt, Anton. Silke war im März gestorben. Das Kind saß seit drei Monaten in einer Bereitschaftspflege in Leipzig. Keiner aus der Familie hatte es genommen. Nora wäre die letzte Adresse.
Nora hatte nicht gewusst, dass Silke ein Kind hatte. Sie hatten seit sieben Jahren nicht mehr miteinander gesprochen.
Sie legte auf und nahm die Pfanne vom Herd. Der Herd hatte damit nichts zu tun, aber irgendwas musste sie ja festhalten.
Abends erzählte sie es Mark. Er stützte die Ellbogen auf den Küchentisch und rieb mit dem Daumen über einen eingetrockneten Wasserfleck neben der Teekanne. Dann sagte er es.
„Joris ist drei. Wir haben zwei Zimmer. Ich arbeite sechzig Stunden die Woche.“
Nora lehnte sich gegen den Türrahmen. „Und dann sagst du mir das mit so einem Gesicht?“
Am Samstag fuhr sie allein nach Leipzig. Zu Mark sagte sie: nur ansehen. Er fragte nicht, warum. Die Fahrt dauerte anderthalb Stunden, im Zug hatte sie einen Fensterplatz und sah auf die Schrebergärten hinter dem Leipziger Hauptbahnhof, die kleinen Lauben mit den schiefen Zäunen. Der Junge saß in einer Spielecke des Jugendamtsgebäudes, ein dünnes blondes Kind, das Silkes Haaransatz hatte. Er hielt ein rotes Feuerwehrauto in den Händen. Er schob es nicht über den Boden. Er hielt es nur, als ob es wehtun könnte, wenn man es loslässt.
„Ich bin Nora. Die Schwester von deiner Mama.“
Anton sah zu ihr hoch. „Ich hab keine Mama.“
Dann drehte er das Feuerwehrauto um und befühlte die Räder. Nora blieb noch zwanzig Minuten sitzen, bevor sie zurück zum Bahnhof fuhr. Auf der Treppe zum Gleis blieb sie kurz stehen, weil oben ein Windstoß durch die Halle fuhr und ihr Staub in die Augen trieb. Sie kaufte sich am Automaten einen schwarzen Kaffee und trank ihn in drei Schlucken. Die Tasse war noch halb voll, als der Zug kam. Sie stellte sie auf den Mülleimer neben der Anzeigetafel, wo schon zwei andere Tassen standen.
Zu Hause stand Mark am Fenster im Wohnzimmer und hatte die Hände in den Taschen. Nora zog ihre Jacke aus und legte sie über die Lehne vom Sessel.
„Er hat ein rotes Feuerwehrauto. Fährt damit nicht. Hält es nur fest.“
„Und jetzt?“, fragte Mark.
„Ich weiß es nicht“, sagte Nora. „Aber du warst der, der zuerst an das Kinderzimmer gedacht hat.“
„Ich versuche nur, ehrlich zu sein.“
„Ehrlich ist nicht dasselbe wie richtig.“ Sie ging in die Küche, um Wasser aufzusetzen. Ein Nachbarskater saß draußen auf dem Fensterbrett und sah herein. Er kam jeden Abend, seit sie dort wohnten, und wartete, bis jemand das Fenster öffnete. Nora öffnete ihm niemals. Silke hätte das sofort getan, sogar bei einem fremden Tier. Silke hatte als Kind jeden Regenwurm von der Straße aufgelesen und in den Vorgarten gelegt.
Am Montag schrieb Mark eine lange Nachricht von der Arbeit aus. Nora las sie dreimal, während Joris auf dem Teppich schlief und im Schlaf mit dem Fuß gegen einen Bauklotz trat. Mark schrieb: Wenn er kommt, dann müssen wir es wie die Großen machen. Keine halben Sachen. Kein „mal sehen“.
Nora schrieb zurück: Er kommt.
Antons Sachen passten in einen einzigen Karton. Kein Pappkarton mit Griffen, sondern so eine flache Obstkiste vom Discounter, in der sie zwei Hosen und drei Pullover brachten. Das Feuerwehrauto hatte er in der Jackentasche.
Joris stand an der Wohnungstür, als Mark den Karton über die Schwelle trug. Er beäugte Anton eine Weile und zeigte dann auf die offene Tür von seinem Zimmer.
„Du darfst da nicht rein.“
Anton zuckte mit keiner Wimper.
„Das sind meine Bauklötze.“ Joris verschränkte die Arme. „Aber du kannst sie morgen anfassen.“
Nora verstaute den Karton im Flur neben dem Schuhregal. In der Nacht schliefen beide Jungen in Joris’ Bett, Joris mit der Faust unter dem Kissen, Anton mit dem Feuerwehrauto an der Wange. Mark kam um zwei aus der Schicht und blieb im Türrahmen stehen. Nora saß in der Küche und starrte auf die Teekanne. Er setzte sich auf den Stuhl ihr gegenüber, auf dem noch der Karton mit Antons Kleidung stand. Er nahm einen kleinen grauen Socken heraus und klopfte ihn auf dem Knie glatt.
„Zwei Zimmer“, sagte er.
„Das Weiße da draußen“, sagte Nora, „das ist der Mond. Nicht die Straßenlaterne.“
Am Fenster saß wieder der Kater. Die Fensterbank war kalt, das sah man an der feuchten Spur, die der Atem des Tiers auf dem Glas hinterließ. Nora stand auf und drückte den Riegel zur Seite. Der Kater sah sie an, erst misstrauisch, dann kam er einen Schritt näher und schnupperte an dem Spalt. Als sie das Fenster wieder schloss, blieb er sitzen. Er wartete.
Am nächsten Morgen holte Nora beim Bäcker an der Ecke sechs Brötchen, und als sie zurückkam, stand Anton in der Küche und beobachtete, wie Mark den Karton aufklappte. Der Karton lag jetzt neben der Balkontür, wo das Licht aus dem Hof auf die Falte im Deckel fiel. Anton zog sein Feuerwehrauto aus der Jackentasche und legte es oben auf seine Pullover.
„Das ist kein Platz“, sagte Mark. Er sagte es nicht zu Anton. Er sagte es zu dem Karton.
Nora stellte die Brötchentüte auf den Tisch. In dem Moment fiel die Balkontür einen Fingerbreit zu, als hätte der Wind sie angestoßen. Anton drehte sich nicht um. Er sah zu Mark hinauf.
„Kann der mit mir in die Kita?“, fragte Joris vom Flur her.
„Ja“, sagte Nora.
„Auch wenn er nicht redet?“
„Er redet“, sagte Nora. „Nur nicht mit dir.“
Anton bückte sich und zog an einer losen Ecke des Kartondeckels. Mark legte den grauen Socken dazu. Dann nahm er seine dicke schwarze Winterjacke vom Haken. In der Tasche klimperten die Autoschlüssel. Er fuhr zur Frühschicht, die Türklinke klackte, von draußen hörte Nora den alten Motor des Golfs anspringen, der beim Kaltstart immer zweimal hustete. Auf dem Tisch lag noch der Schal, den er vergessen hatte.
Abends, als Nora das Licht im Kinderzimmer löschte, lag Anton auf der Matratze, die sie quer ans Bettende gelegt hatte. Joris hatte darauf bestanden, dass Anton „nur für einen Moment, nur bis der Mond aufgeht“ bei ihm schlafen durfte. Anton hielt das rote Feuerwehrauto über seinen Kopf, drehte es ganz langsam und ließ die Räder schnurren. Das Geräusch war kaum zu hören. Es erinnerte Nora an Silkes Lachen am Telefon, wenn sie als Teenager spät anrief und flüsterte, damit die Eltern es nicht hörten. Silke hatte nie laut geredet. Sie hatte alles so leise gemacht, dass man näher kommen musste.
Als Mark um kurz vor elf heimkam, stand Nora an der offenen Kinderzimmertür. Mark stellte seine Thermoskanne auf die Kommode im Flur und zog die Schuhe aus.
„Ich nehm morgen frei“, sagte er.
Nora sah ihn an.
„Nicht für immer.“ Er hängte die Jacke an den Haken. „Aber für den Tag, an dem der Karton wegkommt.“
Am Sonntag kaufte Mark im Möbelhaus am Stadtrand ein Regal. Es war ein schmales weißes Regal mit zwei Fächern, das er im Schlafzimmer neben dem Kleiderschrank anbrachte. Nora verstand zuerst nicht, wozu es gut sein sollte, bis Mark Antons drei Pullover zusammenlegte und sie in das untere Fach stapelte. Das obere ließ er leer. „Für mehr“, sagte er.
Anton saß auf dem Boden im Wohnzimmer und ließ sein Feuerwehrauto über Noras Handgelenk fahren. Joris hatte ihm einen blauen Block geschenkt und saß daneben und erklärte, dass man den roten niemals auf den blauen setzt, weil dann der Turm kippt. Anton nickte. Er hatte das Auto in die andere Hand gewechselt.
Nora wusch in der Küche die Tassen vom Morgen. Der Karton stand nicht mehr neben der Balkontür. Mark hatte ihn vor die Tür in den Hausflur gestellt, als er das Regal holte. Der Karton stand da noch am Abend, als Nora vor dem Schlafengehen das Treppenhauslicht einschaltete. Sie öffnete die Wohnungstür noch einmal, bückte sich und zog den Karton herein. Sie wusste nicht, warum. Vielleicht wegen des Zettels, den eine Frau vom Jugendamt damals innen an den Deckel geklebt hatte. Da stand noch in Silkes Handschrift: „Anton — bitte gut festhalten.“ Nora hatte die Worte erst gesehen, als sie den Karton zum ersten Mal geöffnet hatte. Sie hatte den Deckel wieder zugeklappt und zum Fenster gesehen.
An diesem Abend stellte sie den Karton in den Keller. Sie legte den Zettel in die Küchenschublade, unter die abgelaufene Krankenkassenkarte von Silke, die sie seit Jahren nicht wegwerfen konnte. Mark stand in der Tür und sah zu.
„Er wird das Auto irgendwann fahren“, sagte er.
Nora zog die Schublade zu. Die Karte aus der Vergangenheit lag jetzt unter dem Zettel. Man konnte beide nicht mehr lesen.
„Ja“, sagte sie. „Das wird er.“




