Der gelbe Umschlag wartete zwölf Tage

Zwölf Tage lang lag der gelbe Umschlag in meiner Handtasche. Gefüllt in meiner Stadtwohnung in Leipzig: die Kopie vom Kaufvertrag, der Auszug aus dem Grundbuch, eine handgeschriebene Notiz an die Käufer. Beinahe hätte ich ihn an dem Nachmittag auf den Tisch gelegt, als Pia mich wegen ihres Pullovers anschrie. Sie behauptete, ich hätte ihn in den Trockner gesteckt. Dabei trocknete er flach auf dem Wäscheständer in der Abstellkammer. Ich schloss die Tasche und schwieg.

Zwei Jahre lang hatte ich geschwiegen. Weil ich Angst vor der leeren Stadtwohnung hatte, vor Sonntagen ohne Anruf, vor Weihnachten, an denen ich allein am Fenster sitzen würde. Also habe ich die Zähne zusammengebissen, bin aufgestanden, wenn jemand rief, und habe Pias Zettel mit Putzanweisungen an den Kühlschrank geheftet.

An diesem Samstagmorgen im Juni stand Pia in der Küche des Ferienhauses und zog mir das Messer aus der Hand.

„Irmgard, der Schnittlauch ist nicht fein genug. Du hackst den ja in Streifen. Für den Kartoffelsalat brauche ich winzige Röllchen. Schau, so.“ Sie schnitt die Kräuter mit kurzen, harten Bewegungen. Meine Hände rochen nach Zitronenseife. Ich sagte nichts. Das Ferienhaus gehörte mir. Mein Mann und ich hatten es vor dreißig Jahren am Cospudener See gekauft, als die Gegend noch nach Braunkohle und nassem Laub roch. Die Terrasse haben wir eigenhändig gepflastert. Die Apfelbäume im Garten tragen jedes Jahr Boskop und Gravensteiner. Pia fand die Bäume altmodisch. „Wir können da eine Outdoorküche hinstellen“, hatte sie neulich gesagt.

Mein Sohn Sven saß am Küchentisch. Er scrollte auf dem Handy und antwortete, ohne aufzusehen: „Mama, mach’s wie Pia sagt. Du weißt doch, dass Gäste kommen.“

Es kamen acht. Zu Pias Geburtstag. Larissa, Tom, Sabine, zwei Gesichter, die ich nicht zuordnen konnte. Pia trug ein weißes Leinenkleid und roch nach teurem Sonnenschutz. Sie nahm Blumen und Pakete entgegen, führte alle über das Grundstück, zeigte den neuen Gasgrill, den sie vor drei Wochen bestellt hatte, obwohl ich sagte, der alte Holzkohlegrill sei noch gut.

Ich stand in der Küche und füllte Holunderlimonade in Gläser. Die Flaschen hatte ich am Vortag zusammengebraut. Der Sirup klebte an meinen Fingern. Beim Servieren trug ich ein Tablett mit zwölf Gläsern. Pia sagte zu Tom: „Irmgard macht das schon. Sie liebt es, wenn sie zu tun hat.“

Beim Essen setzte man mich an den Rand, neben die Terrassentür, damit ich für Nachschub nah an der Küche saß. Ich aß kaum. Mein Rücken brannte. Als ich endlich ein Stück Lachsforelle und einen Löffel voll Kartoffelsalat auf den Teller nahm, griff Pia über den Tisch. Sie stach mit meiner Gabel in den Fisch, führte ihn zum Mund, kaute zweimal. Dann verzog sie das Gesicht.

„Da ist eine Gräte drin.“ Sie spuckte den feuchten Bissen auf meinen kleinen Brotteller. Eine weiße Gräte lag quer über dem Porzellan. Sie schob mir den Teller mit dem Fingerrücken hin. „Der Fisch ist übrigens zu trocken geworden, Irmgard. Beim nächsten Mal weniger Zeit auf dem Grill.“

Sven saß ihr gegenüber. Er hatte die Gabel schon am Mund. Er zögerte eine halbe Sekunde, dann trank er sein Pils aus. Niemand sonst schien etwas bemerkt zu haben. Sabine lachte über einen Witz von Tom. Ich legte die Hände auf die Knie. Die Kacheln unter meinen Füßen waren kalt. Ich fühlte, wie etwas in mir riss – nicht laut, sondern wie ein alter Vorhang, der sich aus der Schiene löst.

Ich stand auf, nahm meinen Teller und kippte alles in den Mülleimer. Danach wusch ich mir die Hände, sehr gründlich, zwischen den Fingern, mit heißem Wasser. Die Seife war fast aufgebraucht; ich drückte die neue Flasche an, die Pia auf die Fensterbank gestellt hatte.

Als ich zurückkam, klopfte Pia mit einem Löffel ans Glas und stand auf. „So, ihr Lieben, jetzt wird’s feierlich!“ Sie zog ein flaches Paket unter ihrem Stuhl hervor. „Für unsere Irmgard. Weil sie ohne Urlaub nicht kann und für uns die Küche am Laufen hält.“ Ein Grinsen lief über den Tisch. Tom prustete in sein Glas.

Pia faltete das Papier auseinander und zog eine Schürze hoch. Giftgrün, mit weißen Druckbuchstaben: „Küchenfee des Jahres.“ Darunter kleiner: „Kost und Logis frei.“ Sie kam auf mich zu und wollte mir das Band über den Kopf legen.

Ich hob die Hand, umfasste ihr Handgelenk und drückte es nach unten. Nicht brutal. Eher so, wie man einen Topf vom Herd nimmt. Ich nahm die Schürze aus ihren Fingern. Der Stoff knisterte. Ich legte die Schürze exakt zusammen, Kante auf Kante, strich den Knick glatt und legte sie neben den Brotkorb.

„Danke, Pia. Sehr einfallsreich. Aber ich habe dir auch etwas mitgebracht. Ich hole es kurz.“ Meine Stimme war ruhig. Ich ging ins Haus, an der Garderobe vorbei, in das kleine Gästezimmer, wo meine Handtasche auf dem Bett lag. Der gelbe Umschlag steckte zwischen Kalender und Brillenetui. Ich nahm ihn und kehrte auf die Terrasse zurück.

Pia hatte die Arme vor der Brust verschränkt. Ihr Mund stand ein kleines Stück offen, so wie früher, wenn sie auf ein Kompliment wartete. Ich legte ihr den Umschlag hin. „Öffne.“ Sie riss ihn auf, zog die Blätter heraus. Während sie las, fiel ihr das Gesicht nach unten, als hätte jemand an drei Fäden gezogen. Ihre Finger zitterten.

„Was ist das?“ Ihre Stimme war dünn.

„Ein Auszug aus dem Grundbuch und die Kopie des Kaufvertrags“, sagte ich laut genug für alle. „Ich habe das Ferienhaus verkauft. Letzten Dienstag beim Notar in Leipzig beurkundet. Der Kaufpreis beträgt 286.000 Euro. Das Geld ist bereits auf meinem Konto. Die Käufer sind ein Ehepaar aus Husum, ehemalige Lehrer. Sie übernehmen am Mittwoch die Schlüssel. Ihr habt bis Sonntagabend Zeit, eure Sachen zu packen und euren Gasgrill mitzunehmen. Danach gehört das Grundstück anderen Leuten.“

Sven stand auf. Sein Stuhl kippte gegen die Hauswand. Er war rot im Gesicht. „Mama, du hast das Haus hinter unserem Rücken verkauft? Das ist unser Ding! Wir haben den Grill bezahlt! Wir wollten die Fenster tauschen!“ Er schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. Ein Glas fiel um, die Limonade lief über das Tischtuch.

„Ich habe euch nie gefragt, ob ich den Garten behalten soll“, sagte ich. „Ihr seid hier Gäste gewesen. Und Gäste ziehen weiter. Ich habe die Fenster nicht bestellt. Du auch nicht. Das habt ihr mir als Wunschzettel auf den Kühlschrank gelegt.“

Pia knallte die Papiere auf den Tisch. Auf der Rückseite standen Fettspritzer vom Kartoffelsalat. Sie kreischte: „Das kannst du nicht machen! Wir haben geplant! Wir haben im April den Teich gereinigt!“ Ich nahm meine Handtasche vom Stuhl, zog den Reißverschluss zu. „Den Teich habt ihr nie gereinigt. Das war der Nachbarjunge, dem ich zwanzig Euro gegeben habe.“ Ich ging zur Tür, nahm meine Leinenjacke vom Haken. „Feiert schön. Die Reste vom Kartoffelsalat stehen im Kühlschrank. Spülmaschine ist leer.“

Ich stieg die Terrasse hinunter. Die Steinplatten wackelten unter meinen Schuhen. Am Tor blieb ich kurz stehen und drückte mit dem Daumen auf die rostige Klinke. Von hinter mir hörte ich Svens Stimme, dünn wie ein Kind: „Mama, bitte, lass uns reden.“ Ich zog das Tor auf. Reden hätte vor zwei Jahren etwas geändert. Jetzt nicht mehr.

Die S-Bahn nach Leipzig war fast leer. Am Fenster zogen die Kleingärten vorbei, dann die Plattenbauten, dann das Völkerschlachtdenkmal, das im Abendlicht wie ein großer grauer Zahn aussah. In meiner Straße roch es nach Sommerregen und Mülltonnen, die zu lange in der Sonne gestanden hatten. Ich schloss die Wohnungstür auf, stellte die Tasche auf die kleine Flurkommode. Darüber hing der Spiegel, der meiner Mutter gehört hatte. Er wackelte. Ich musste die Schraube nachziehen. Später. Erst setzte ich Wasser auf.

Ich nahm die Meißner Tasse mit den blauen Blumen, spülte sie unter kaltem Wasser und wischte sie mit dem Leinentuch trocken. Der Tee zog ein paar Minuten. Ich saß am Küchentisch und rief die Käuferin an.

„Frau Petersen, Sie können am Mittwoch um neun kommen. Ich lege Ihnen alle Unterlagen vor. Die Schlüssel übergebe ich an der Haustür.“

Es klingelte an meiner Wohnungstür. Einmal. Dann noch einmal, länger. Durch das Milchglas sah ich zwei Umrisse – einen breiten, einen schmalen mit hoher Frisur. Sven und Pia. Ich stand auf, ging zum Sicherungskasten im Flur und legte den kleinen weißen Schalter für die Klingel um. Draußen wurde es leise. Ich kehrte an den Tisch zurück und trank den Tee. Er war noch warm. Neben der Tasse lag der gelbe Umschlag, leer. Nur die zwei Löcher, wo der Draht des Verschlusses durch das Papier gestanzt war.

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Fajna Tajna
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