Jede Nacht stand er Wache

Die Sache fing an einem Mittwoch an. Nein, das stimmt nicht. Sie fing damit an, dass Sandra morgens um halb vier in der Küche stand und die Milch für Leo warm machte und plötzlich dieser Gedanke da war: Wo ist eigentlich Aiko?

Aiko, ihr sieben Jahre alter Irish Setter, lag nicht auf seinem Platz im Flur. Das war seit drei Monaten so. Seit Leo auf der Welt war, hatte sich alles verändert. Roberts Eltern kamen jeden zweiten Tag vorbei und brachten Tupperdosen mit Gulaschsuppe. Die Nachbarn von gegenüber steckten Zettel in den Briefkasten, dass das Baby nachts bitte leiser sein solle. Und Aiko schlief nicht mehr bei ihnen im Flur. Er schlief im Kinderzimmer.

Jede Nacht dasselbe Spiel. Sobald Sandra den Kleinen in sein Bettchen legte, das Nachtlicht einschaltete und die Tür einen Spalt offen ließ, trottete der Hund los. Kein Bellen. Kein Kratzen. Nur das leise Tapsen der Pfoten auf dem Laminat. Er rollte sich neben dem Gitterbett zusammen und blieb dort bis zum Morgen.

„Vielleicht beschützt er ihn“, sagte Robert beim Abendessen. Er hatte eine halbe Stunde vor Schichtbeginn in der Gießerei noch schnell Nudeln aufgesetzt. Über den Tisch schob er Sandra die Fernbedienung rüber. Irgendeine Quizshow lief, Ton aus.

„Vielleicht“, sagte Sandra. „Oder er wird eifersüchtig. Letzte Woche hat er den blauen Elefanten von Leo durch die halbe Wohnung geschleift.“

„Der quietscht auch dämlich. Da würde ich den auch durch die Gegend schmeißen.“

Sandra lachte nicht. Sie starrte in ihren Tee. Drei Monate Schlafmangel verändern alles. Man hört auf, Witze zu machen, und fängt an, Dinge zu sehen, die nicht da sind. Oder schlimmer: Dinge, die da sind, für etwas anderes zu halten.

Am Freitag kaufte Robert bei Media Markt eine kleine Kamera. Neunundsiebzig Euro. Nachtsicht, Bewegungserkennung, Speicherung auf SD-Karte. Das ganze Paket.

„Nur zur Sicherheit“, sagte er und klemmte das Ding oben auf den Schrank, zwischen eine Stoffgiraffe und die Packung Feuchttücher von der Drogerie Müller. „Wenn er wirklich nur daliegt und pennt, dann wissen wir Bescheid. Wenn nicht… dann sehen wir weiter.“

An diesem Abend brachte Sandra Leo früher ins Bett. Der Kleine schlief sofort ein – er hatte den ganzen Nachmittag geschrien, und der Kinderarzt hatte gesagt, das seien Koliken, das wachse sich aus. Gegen halb elf schlichen sie selbst in ihr Schlafzimmer. Die Tür zum Kinderzimmer blieb einen Spalt offen. Aiko lag bereits auf seinem neuen Lieblingsplatz, die Nase an den kalten Heizkörper gedrückt.

Sandra wachte um zwanzig vor fünf auf. Leo hatte sich nicht gemeldet. Diese unerwartete Stille war beunruhigender als jedes Geschrei. Sie sah zu Robert hinüber, der mit offenem Mund schlief, und stand auf.

Die Kamera hatte die ganze Nacht aufgenommen. Das Speichersymbol auf dem kleinen Display blinkte grün. Sandra zog das Gerät vom Schrank, klappte den Bildschirm auf und spulte zurück. 03:12:00. Da war noch nichts. Das Bild zeigte das Bettchen, die gestreifte Tapete, den Schrank mit der abblätternden Ecke. Aiko schlief tatsächlich nicht. Er saß einfach da, den Kopf leicht erhoben, und blickte auf die Wand zum Hof.

Dann geschah es. 03:24:17. Ein Schatten unter der Tapete. Die Tapete beulte sich leicht aus, direkt an der Naht hinter dem Wickeltisch. Aiko hob den Kopf. Sein Körper spannte sich, die Rute erstarrte.

Aus der Leiste zwischen Boden und Wand drängte sich etwas hervor. Ein graubrauner Körper, flach, knapp zehn Zentimeter lang. Eine Ratte. Nein, zwei. Dann drei. Huschende Bewegungen, direkt auf das Bettchen zu.

Aiko war in einer einzigen Bewegung auf den Beinen. Kein Bellen, kein Knurren. Er schob sich mit seinem gesamten Körper zwischen die Ratten und das Gitterbett. Seine Pfote stampfte einmal auf – einer der Schatten zuckte zurück. Ein zweiter huschte am Wickeltisch vorbei. Der Setter drehte sich, blockte den Weg mit der Schulter ab, und das leise scharrende Geräusch, das die Kamera aufzeichnete, klang für Sandra wie eine fremde Sprache. Eine Sprache aus Zähnen und Krallen und furchtbarer, ruhiger Gewissheit.

Die Ratten verschwanden wieder in der Wand. Aiko blieb. Eine Stunde und vierzehn Minuten zeigte die Anzeige. Er setzte sich vor die Leiste, hob nicht einmal den Kopf, nur die Augen – und wartete.

Sandra spürte, wie ihr kalt wurde. Unten im Hof fuhr ein Möbelwagen der Firma Zapf rückwärts an die Laderampe. Irgendwo klapperte ein Frühstücksteller. Sie stand barfuß auf dem kalten Laminat, die Kamera in der Hand, und auf dem Display wachte Aiko noch immer.

Sie rief den Kammerjäger noch am selben Vormittag an. Die Firma hieß Reineke Schädlingsbekämpfung, sie kamen mit einem weißen Sprinter aus Oldenburg, und der Mann, der die Arbeit machte, hieß Henning und pfiff beim Arbeiten leise vor sich hin. Er riss die Fußleiste im Kinderzimmer heraus, stemmte zwei Dielenbretter hoch und hielt dann inne.

„Na, da haben wir ja den Salat“, sagte er.

Unter den Dielen lag ein Labyrinth. Gänge aus zernagtem Holzmehl, zerfetzte Isolierung, Reste von Nüssen aus dem Vogelfutter, das Sandra im Keller lagerte. Das ganze Nest war kaum eineinhalb Meter vom Bettchen entfernt.

Henning ließ den Hammer sinken. „Wissen Sie, was eine ausgewachsene Wanderratte in einer Nacht zurücklegt?“, fragte er. „Bis zu zwei Kilometer. Wenn die hier hochkommt und die Kleine riecht… Milchgeruch, Wärme. Die sind nicht wählerisch.“

Robert hockte auf dem Boden und sagte gar nichts. Er hielt die Schachtel mit den Schrauben für die neue Fußleiste in der Hand und drückte sie so fest, dass der Karton Risse bekam.

An diesem Abend aß Sandra kein Abendbrot. Sie saß auf dem Boden im Wohnzimmer, den Rücken an die Couch gelehnt, und Aiko lag neben ihr. Sein Fell roch nach dem Shampoo aus dem Fressnapf, ein ganz normaler Geruch. Sandra vergrub das Gesicht in seinem Nacken. Die Pfoten des Hundes zuckten, als würde er im Traum wieder die Ratten vertreiben.

„Wir haben ihn fast ins Tierheim gegeben“, sagte sie.

Robert stand am Fenster und drehte den Rollladengurt zwischen den Fingern. Eine Nachbarin führte ihren Zwergpudel Gassi. Alles ganz normal.

„Ich weiß“, sagte er.

Am nächsten Tag rief Sandra bei der Versicherung an. Die Gebäudeversicherung übernahm den Schaden an der Isolierung, der Kammerjäger kam in vier Wochen zur Nachkontrolle. Die Ritzen unter den Fußleisten wurden mit Zement verfüllt, die Lüftungsschlitze im Keller mit Gittern versehen. 830 Euro Eigenbeteiligung.

Aber darum geht es nicht in dieser Geschichte.

Es geht um das, was Sandra danach tat. Sie ging zum Laptop und löschte die Anzeige bei eBay Kleinanzeigen. Die Anzeige mit der Überschrift: *„Irish Setter, 7 Jahre, lieb und ruhig, sucht neues Zuhause wegen Nachwuchs“*. Sie war seit vier Tagen online. Fünfzehn Anfragen im Posteingang.

Sandra las nicht eine davon. Sie markierte alle, drückte „Löschen“ und schrieb an den einen Interessenten aus Bremen, der zweimal nachgefragt hatte, eine einzige Zeile: *Tut uns leid, der Hund ist nicht mehr zu haben. Er gehört zur Familie.*

Dann schloss sie den Laptop, holte die Leine aus dem Schrank und pfiff.

Aiko kam sofort. Sein erster richtiger Spaziergang seit Wochen, nur er und sie. Der Himmel über dem alten Güterbahnhof war grau, und vom Bäcker an der Ecke roch es nach frischem Brot. Der Hund trottete neben ihr her, anhänglich wie immer, und als eine Taube vor ihnen aufflatterte, wedelte er kurz mit der Rute.

Sandra blieb stehen. Sie nestelte an ihrem Schlüsselbund, machte den kleinen Anhänger los – das alte Hundemarken-Etikett mit der Aufschrift „Aiko“, das sie vor drei Wochen abgenommen und in die Küchenschublade gelegt hatte. Sie bückte sich und klinkte es wieder ans Halsband.

Der Setter stupste ihre Hand an, einmal kurz, so als wollte er sagen: War doch klar. Dann zog er leicht an der Leine, Richtung Park, und Sandra ging mit ihm, und die Marke klimperte bei jedem Schritt leise gegen das Metall der Leine.

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Fajna Tajna
Jede Nacht stand er Wache