Matthias kam an diesem Abend später als gewöhnlich. Der Regen prasselte gegen das Fenster der alten Mühle, und die Dielen knarrten unter seinen Stiefeln. Die Lampe über dem Küchentisch flackerte – Birne seit drei Wochen nicht gewechselt, irgendwann würde sie ganz ausgehen.
„Deine Jacke tropft auf den Boden“, sagte Anne, ohne sich umzudrehen. Sie stand am Herd und rührte in einem Topf. Es roch nach Kartoffelsuppe und Majoran. Auf dem Fensterbrett lagen die gesammelten Kastanien der Jungs, daneben ein halb leerer Teller mit Apfelschnitzen.
„Dann tropft sie eben“, murmelte Matthias. Er warf den Schlüsselbund auf die Kommode, verfehlte die Schale. Der Schlüssel rutschte hinter den Schirmständer. Er ließ ihn liegen.
Die drei Jungen lärmten im Kinderzimmer. Leon, Paul und Erik – Drillinge, vier Jahre alt. Sie hatten eine Höhle aus Decken gebaut und fütterten den Kater mit Gummibärchen. Anne warf einen Blick durch den Türspalt, sagte nichts. Die Gummibärchen waren ohnehin von gestern.
Matthias setzte sich an den Tisch, schwer, wie ein Mann, der zu viel mit sich herumträgt. Seine Hände rochen nach Maschinenöl und Metallspänen. Die Werkstatt in Trier hatte heute einen Großauftrag abgeschlossen – drei Traktoren gewartet, einer davon ein alter Fendt, Baujahr achtundneunzig, den der Besitzer aus dem Hunsrück hergeschleppt hatte. Matthias war stolz auf die Arbeit. Aber stolz war er immer. Auch auf Dinge, die niemanden interessierten.
Anne stellte den Teller vor ihn hin, mit dem Löffel daneben. Sie strich sich eine Haarsträhne aus der Stirn, hinterließ einen kleinen Mehlfleck auf der Schläfe. Matthias sah es und sagte nichts.
„Der Paul hat wieder gehustet“, sagte sie. „Der Kinderarzt meint, vielleicht ist es das alte Heizsystem. Die Rohre sind undicht, da zieht es nachts durch die Wände.“
„Dann ruf ich nächste Woche den Installateur an“, sagte Matthias und schob sich einen Löffel Suppe in den Mund.
„Nächste Woche. Klar.“
„Was soll das heißen?“
„Gar nichts. Iss.“
Sie ging ins Kinderzimmer. Matthias aß allein. Er dachte an Corinna. Corinna trug enge Röcke und hatte ein eigenes Büro im Gewerbegebiet von Bitburg. Sie war gelernte Sommelière und verkaufte Wein an die großen Hotels an der Mosel. Ihre Stimme klang nach Geld und Unabhängigkeit. Wenn sie lachte, warf sie den Kopf in den Nacken, und Matthias konnte nicht anders, als auf ihre Zähne zu starren – ebenmäßig, weiß, teuer. Anne hatte einen schiefen Eckzahn und lachte selten.
Er hatte Corinna vor acht Monaten kennengelernt. Damals hatte er den Lieferwagen der Werkstatt zum TÜV gebracht und war mit ihr im Wartebereich des Prüfzentrums ins Gespräch gekommen. Sie trug ein Kleid aus fließendem Stoff und sprach über Burgunder, als wäre es ein Gedicht. Matthias, der seit fünfzehn Jahren nur Diesel und Hydrauliköle im Kopf hatte, war überwältigt gewesen. Zwei Wochen später trafen sie sich das erste Mal in einer kleinen Wohnung oberhalb der Kyll, die Matthias für sie gemietet hatte. 640 Euro kalt, Nebenkosten extra. Er zahlte es von dem Konto, das Anne nicht kannte.
Er war sich sicher: Anne ahnte nichts. Sie war immer zu Hause, immer mit den Jungs beschäftigt. Ihr Handy war ein altes Modell mit gesprungenem Display. Sie googelte Rezepte und suchte auf eBay Kleinanzeigen nach gebrauchten Winterstiefeln für die Kinder. Sie hatte keine Zeit, ihm hinterherzuschnüffeln.
Am nächsten Morgen fuhr Matthias früh in die Werkstatt. Der Nebel hing tief über den Weinbergen, die Scheinwerfer des VW-Busses fraßen sich durch das weiße Grau. Um kurz nach sieben bog er auf die Bundesstraße Richtung Bitburg ab. In der Tasche steckte ein kleines Päckchen, in buntes Papier eingeschlagen – Parfüm für Corinna. Sie mochte den Duft von Mandarinenblüten. Matthias wusste nicht einmal, welches Duschgel Anne benutzte. Irgendwas aus der Drogerie. Stand eben in der Dusche.
Er kam gegen Mittag in der Wohnung an. Corinna hatte den Tisch gedeckt, zwei Gläser, eine Flasche Weißburgunder. Sie küsste ihn auf die Wange, ihr Lippenstift hinterließ einen feuchten Abdruck. Matthias fühlte sich leicht, fast schwerelos, wie ein Mann, der zwei Leben gleichzeitig führen kann und in keinem davon ertappt wird.
„Wie lange kannst du bleiben?“, fragte sie.
„Eine Stunde, vielleicht zwei. Die Jungs müssen später zum Impfen, Anne braucht den Wagen.“
„Immer Anne“, sagte Corinna und zündete sich eine Zigarette an. Sie rauchte am offenen Fenster, der Rauch zog hinaus in den Hof.
Matthias zuckte mit den Schultern. Er wollte nicht über Anne reden. Nicht jetzt.
Am Sonntag darauf kam seine Schwester Franziska zu Besuch. Sie wohnte in Mainz, arbeitete als Bauzeichnerin und war nur selten in der Eifel. Franziska mochte Anne – nicht aus familiärer Verpflichtung, sondern weil sie früh gemerkt hatte, dass Anne die Einzige war, die den Betrieb und die Kinder zusammenhielt.
Franziska saß mit Anne in der Küche. Matthias stand im Flur, um seine Jacke zu suchen, die er wieder irgendwo hingeworfen hatte. Die Tür zur Küche stand einen Spalt offen.
„Sag mal, Anne“, hörte er Franziska sagen. „Ich hab Matthias am Donnerstag in Bitburg gesehen. Er kam aus einem Wohnhaus in der Kyllstraße. Und in der Tür stand eine Frau. Rothaarig, Stöckelschuhe, schickes Kostüm. Ist das eine neue Kundin, von der ich nichts weiß?“
Draußen bellte der Hund des Nachbarn. Matthias stand wie angewurzelt.
„Ich weiß“, sagte Anne. Ihre Stimme war völlig ruhig. Als hätte Franziska sie gerade gefragt, ob sie noch Milch im Kühlschrank hätten.
„Du weißt?“
„Schon seit Monaten.“
„Und du tust nichts? Anne, der Kerl betrügt dich! Der mietet heimlich eine Wohnung an, während du hier mit drei Kindern hockst und seinen Dreck wegputzt!“
Ein Stuhl wurde über den Boden geschoben. Anne stand auf. Ihr Schatten fiel durch den Türspalt auf die Flurdielen.
„Hör zu“, sagte sie. „Die Werkstatt läuft auf seinen Namen. Der Kredit für die neue Hebebühne läuft auf seinen Namen. Wenn ich ihn jetzt vor die Tür setze, war’s das mit dem Betrieb. Dann kann ich hier mit drei Jungs sitzen und zusehen, wie die Bank den Rest holt. Und dann? Bürgergeld beantragen? In eine Sozialwohnung nach Wittlich ziehen? Was glaubst du, was für ein Leben die Jungs dann haben?“
Franziska schwieg einen Moment. Als sie sprach, klang sie leiser.
„Aber das hält doch kein Mensch aus. Zu wissen, dass der eigene Mann…“
„Es hält aus“, unterbrach Anne. „Man hält eine ganze Menge aus, wenn man muss.“
„Liebst du ihn denn noch?“
Jetzt lachte Anne. Es war kein schönes Lachen. Es klang wie das Geräusch, das ein Reißverschluss macht, wenn er an einem Stück Stoff hängenbleibt.
„Ich bin vor sechs Jahren fast verblutet, als Leon auf die Welt kam. Da lag ich im Kreiskrankenhaus, und der Herr Gemahl stand auf der Baustelle und hat einem Kunden erklärt, dass ein gebrauchter Deutz-Motor auch noch für dreitausend Euro gut ist. Ich hab am nächsten Tag angerufen, aus dem Krankenbett. Weißt du, was er gesagt hat? ‚Ich kann jetzt nicht weg, der Abschluss ist wichtig.‘ Ich hatte noch den Schlauch im Arm und hab die Schwester gebeten, das Telefon zu halten. Da wusste ich Bescheid. Keine Wut, keine Tränen. Einfach nur: Aha. So ist das also. So ist er.“
Im Flur spürte Matthias, wie etwas in seiner Brust eng wurde. Er erinnerte sich an den Anruf. Erinnerte sich daran, wie er das Telefon zwischen Ohr und Schulter geklemmt und gleichzeitig eine Ersatzteilbestellung unterschrieben hatte. Es war ihm nicht wichtig vorgekommen. Sie war doch im Krankenhaus, da waren Ärzte, was sollte er da schon helfen.
„Und was willst du jetzt tun?“, fragte Franziska.
„Abwarten. Er bringt Geld nach Hause, er schreit die Jungs nicht an, er schlägt nicht. Er ist ein guter Mechaniker und ein schlechter Ehemann. Damit kann ich leben. Solange er den Betrieb am Laufen hält und abends heimkommt, soll er seine Affäre haben. Hauptsache, er lässt die Hypothek nicht platzen und versäuft nicht das Sparbuch der Kinder. Mehr erwarte ich nicht von ihm. Mehr habe ich noch nie erwartet, wenn ich ehrlich bin. Nicht seit diesem Telefonat im Krankenhaus.“
Matthias lehnte an der Wand. Der alte Putz rieselte auf seine Schulter. Er wischte ihn nicht weg.
Am Abend fuhr Franziska zurück nach Mainz. Das Abendbrot verlief schweigend. Die Jungs kleckerten mit Apfelmus, der Kater schlich um den Tisch. Anne wischte, schnitt Brot, schenkte Wasser nach. Alles wie immer. Nur dass Matthias jetzt wusste, dass sie wusste. Dass sie alles wusste. Dass sie ihn längst abgeschrieben hatte, kalt und präzise, wie man einen rostigen Auspuff abschreibt, der noch ein Jahr hält, aber dann ersetzt werden muss.
Nachts lag er wach. Anne atmete ruhig neben ihm. Das Fenster stand einen Spalt offen, draußen rauschte der Bach, der unter der Mühle hindurchfloss. Er hatte die Mühle vor zwölf Jahren mit seinen eigenen Händen renoviert, zusammen mit Annes Vater. Der war inzwischen tot. An ihrer Hochzeit hatte er gesagt: „Pass auf meine Tochter auf.“ Und Matthias hatte genickt und gedacht, das würde schon irgendwie laufen.
Am nächsten Tag fuhr er nach Bitburg. Er klingelte bei Corinna, sie öffnete im Morgenmantel. Sie lächelte und wollte ihn hereinziehen. Er blieb im Türrahmen stehen.
„Es ist vorbei“, sagte er.
Ihr Lächeln fror ein. „Was?“
„Ich kann nicht mehr. Ist aus.“
„Deine Frau? Hat sie’s rausgekriegt? Matthias, dann zieh doch zu mir! Die Wohnung ist schon da, ich kann den Job wechseln, wir können nach Köln gehen, oder Koblenz, oder…“
„Nein.“
„Aber was hast du denn noch zu Hause? Du hast doch selbst gesagt, dass deine Frau langweilig ist! Dass sie nur noch für die Kinder lebt!“
Matthias sah an ihr vorbei, in den Flur der Wohnung. An der Garderobe hing ihr Kaschmirmantel. Auf dem Schuhregal standen Stilettos in drei Farben. Es sah aus wie in einem Katalog. Perfekt und tot.
„Ich habe drei Söhne“, sagte er. „Und eine Werkstatt. Und eine Mühle mit undichten Rohren. Das ist, was ich habe. Das andere war ein Ausflug. Mehr nicht. Mach’s gut, Corinna.“
Er fuhr zurück, ohne sich umzudrehen. Die 640-Euro-Wohnung kündigte er per E-Mail.
Zu Hause stand Anne vor dem Haus und hängte Wäsche auf. Die Jungs spielten im Sandkasten. Paul hatte einen Eimer über den Kopf gestülpt und schrie, das sei sein Astronautenhelm. Erik schaufelte Sand in die Regenrinne. Leon weinte, weil der Kater auf sein Butterbrot getreten war.
Matthias stellte den Wagen ab und ging auf Anne zu. Sie sah ihn kommen, ihre Hände ruhten auf der nassen Bettwäsche.
„Ich hab’s beendet“, sagte er. „Die Wohnung ist gekündigt. Es ist vorbei.“
Anne zog ein Laken aus dem Korb, schüttelte es auf und warf es über die Leine. Ihre Finger waren rot vom kalten Wasser.
„Gut“, sagte sie.
„Mehr nicht?“
„Was soll ich sagen? Danke?“
„Anne, ich will zurück. Zu dir. Zu den Jungs. Ich will… ich will wieder richtig hier sein. Wirklich.“
Sie hängte das Laken fest, Klammer für Klammer. Dann drehte sie sich zu ihm um. Ihre Augen waren grau und ruhig wie der Himmel über der Eifel im November. Keine Tränen. Kein Triumph.
„Du bist nie weg gewesen, Matthias. Du warst hier. Jeden Abend. Du hast die Mülltonne rausgestellt und die Autoreifen gewechselt. Du hast die Steuererklärung gemacht und den Ölwechsel am Bulli. Du warst ein funktionierender Teil dieses Haushalts. Dass deine Gedanken woanders waren – das merken nur Leute, die Zeit haben, ihren Gedanken hinterherzuhängen. Ich hatte die Zeit nicht. Ich hab drei Kinder großgezogen und einen Kredit abbezahlt. Ich hab keine Kapazitäten für Eifersucht. Wenn du jetzt bleibst und anständig bist – gut. Wenn du wieder gehst – auch gut. Ich werd’s überleben. Hab ich doch die ganzen Jahre schon gemacht. Nur Seelenklempner spiel ich nicht für dich. Verstanden?“
Sie nahm den leeren Wäschekorb und ging ins Haus. Die Tür fiel hinter ihr zu, leise, fast lautlos. Aber das Geräusch war endgültiger als jeder Knall.
Matthias stand allein im Hof. Der Wind kam von Westen, brachte den Geruch von nassem Laub und Maschinenöl mit. Er hörte die Jungs im Garten lachen. Er hörte das Klappern der Töpfe aus der Küche. Er hörte das Summen der alten Heizung, die Paul zum Husten brachte und die er immer noch nicht hatte reparieren lassen.
Er zog seinen Schraubenschlüssel aus der Tasche. Heute würde er sich die Rohre vornehmen. Nicht nächste Woche. Jetzt.




