Das Gewicht eines Freundes

Der Staub auf dem Truppenübungsplatz Munster lag an jenem Julinachmittag so dicht in der Luft, dass er wie gemahlener Ziegelstein schmeckte. 38 Grad im Schatten, nur dass es hier keinen Schatten gab. Die Heide ringsum flirrte, und die Sonne brannte Löcher in den Nacken. Ich stand mit meiner Gruppe am Rand des Übungsdorfs und sah zu meinem Stellvertreter hinüber.

Oberfeldwebel Winter trug Aiko auf dem Rücken. Die ostdeutsche Schäferhündin, vier Jahre alt, ausgebildet an der Hundeschule des Kommandos Spezialkräfte in Grafschaft. Das Tier hing mit schlaff hängenden Läufen über seinen Schultern, die Lefzen leicht geöffnet. Sie jaulte nicht. Sie zitterte nur, ein feines, kaum sichtbares Beben in der Hinterhand. Der Pfotenschutz, den wir ihr üblicherweise anzogen, war vor zwei Kilometern an einem scharfkantigen Schieferbrocken hängengeblieben und zerrissen. Jetzt lief sie auf bloßen Ballen über Geröll, das wir in Afghanistan nicht heißer erlebt hatten als an diesem beschissenen Julitag in der Lüneburger Heide.

„Winter, bist du noch ganz bei Trost? Das Tier wiegt an die fünfunddreißig Kilo. Wir haben noch vier Kilometer bis zum Sammelpunkt.“

Er antwortete nicht sofort. Er verlagerte nur sein Sturmgewehr G36 von rechts nach links, fasste mit der freien Hand nach und zog die Hundepfote etwas höher, die ihm gegen die Brust schlug. Dann sah er zu mir her, und was mich traf, war nicht Trotz. Es war etwas vollkommen Ruhiges.

„Ich lass sie nicht liegen, Herr Hauptmann.“

Seine Stimme klang so belegt, als käme sie durch einen Lappen. Er selbst hatte seit dem Morgen vielleicht einen halben Liter Wasser getrunken. Der Rest war an Aiko gegangen. Ich hatte es gesehen und nichts gesagt. Jetzt biss ich die Zähne zusammen.

„Das ist ein Manöver, Winter. Kein Ernstfall. Wenn du jetzt umkippst, kriegen wir beide einen Eintrag, und der Übungsleiter reißt mir den Arsch auf.“

Er schwieg. Aiko drehte den Kopf und sah mich an. Nicht klagend. Nicht bittend. Es war dieser neugierige, etwas schiefe Blick, mit dem sie einen immer ansah, wenn man morgens den Napf hinstellte oder das Geschirr holte — als wolle sie fragen: Alles in Ordnung bei dir? Ich hatte diesen Blick einmal in Kunduz gesehen, am zweiten Tag einer Operation, als sie seit vierundzwanzig Stunden nichts gefressen hatte und trotzdem aufstand, um vor mir herzugehen. Jetzt sah sie mich genauso an, und unter ihrer rechten Vorderpfote sickerte ein dünner Blutfaden auf Winters Kampfhemd.

„Verdammt noch mal.“ Ich schlug mit der flachen Hand gegen den Oberschenkel. „Dann trag sie. Aber wenn du zurückfällst, melde ich dich für jeden einzelnen Meter. Ist das klar?“

„Jawohl, Herr Hauptmann.“

Er ging weiter. Ich ließ mich ein paar Schritte zurückfallen, damit die Gruppe das Tempo halten konnte, und von da hinten sah ich, wie seine Stiefel bei jedem Schritt kleine Staubwolken aufwirbelten. Die Hündin hatte den Kopf an seine Schulter gelegt, und wenn man nicht genau hinsah, hätte man meinen können, sie schliefe. Tat sie aber nicht. Sie leckte ihm einmal kurz über den Nacken, dahin, wo der Schweiß in Rinnsalen den Dreck aufweichte. Winter lief weiter, ohne das Tempo zu ändern.

Am Sammelpunkt, einer geschotterten Wendestelle am Waldrand, brach er zusammen. Einfach in die Knie, vornüber, die Hände noch unter Aikos Brustkorb, um sie abzufangen. Zwei Kameraden fingen ihn auf, einer nahm ihm die Hündin ab, ein anderer drückte ihm eine lauwarme Feldflasche an den Mund. Wasser schwappte über sein Kinn, aber er trank nicht. Seine erste klare Bewegung war, dass er die Hand ausstreckte und nach dem Halsband tastete. Erst als er das Leder unter den Fingern spürte, entspannte er sich. Und dann, auf dem Rücken liegend und nach Luft ringend wie ein gestrandeter Fisch, streckte Aiko ihre Schnauze vor und schleckte ihm einmal quer übers Gesicht — von der Nasenwurzel bis zum Haaransatz, über die geschlossenen Augen.

Einer der Jungs, der junge Dorn, lachte kurz auf. Ich fuhr ihn an, er solle das Maul halten, und Dorn verstummte. Aber insgeheim verstand ich ihn. Es war ein Anblick zum Lachen und zum Heulen zugleich.

Das war im Juli.

Im November desselben Jahres, es war ein Dienstag, standen wir auf dem Übungsgelände oberhalb von Oberstdorf. Allgäuer Alpen. Auf tausend Metern lag schon geschlossener Schnee, und der Wind, der über den Grat pfiff, klang wie ein angeschossenes Tier. Wir trainierten das Absetzen im hochalpinen Gelände. Die Temperatur lag bei minus siebzehn Grad, der Himmel war ein einziges, gleißendes Weiß, das in den Augen stach.

Aiko verletzte sich am zweiten Tag. Glatteis unter einer dünnen Neuschneeschicht — sie trat durch, ein scharfer Eiskristall schnitt ihr die Hinterpfote auf, so tief, dass das rohe Fleisch zu sehen war. Ich sah es, als sie auf drei Beinen zu Winter humpelte und sich vor ihn setzte, als meldete sie eine Lage. Blut tropfte in den Schnee und hinterließ ein Muster, das aussah wie die Blüte einer roten Azalee.

Ich verlor die Beherrschung. Ehrlich. Ich schrie Winter an, dass er den Verstand verloren habe. Dass dies eine Übung für die Aufnahmeprüfung zum Kommando sei und dass ich ihn eigenhändig aus der Einheit streichen lassen würde, wenn er jetzt wieder den Helden spielte. Dass ich ihn und seinen Köter hier oben stehen lassen würde, bis sie beide einfroren. Meine Stimme überschlug sich, und der Wind riss mir die Wörter vom Mund.

Winter hörte mir zu, reglos, das Gesicht unter der Sturmhaube kaum zu erkennen. Dann beugte er sich hinunter, hob Aiko auf, warf sie sich über die Schultern und fing an zu gehen. Die Skistöcke hatte er bereits weggeworfen. Er stapfte durch den kniehohen Schnee, als zöge er einen Pflug. Aiko lag auf seinem Rucksack, und unter ihrem Bauch, wo das Fell nass und verklebt war, lief ein stetiger, warmer Strom, der auf dem Nylonstoff des Rucksacks stockte und gefror.

Keiner sagte ein Wort. Dorn und der Rest der Gruppe bildeten instinktiv eine Kette, um ihm die Spur zu treten. Ich ging als Letzter. Ich sah, wie der Blutfleck auf seinem Rücken größer wurde, und ich sah die Spur im Schnee — alle drei Meter ein roter Punkt, sauber wie mit dem Tropfenzähler gesetzt. Später, auf dem Sattel, wo wir notdürftig biwakierten und auf den Abholpunkt warteten, saß er mit dem Rücken zum Wind, Aiko zwischen seinen Knien eingeklemmt, und wickelte ihr Verbandmaterial um die Pfoten. Seine Hände waren so klamm, dass er die Schere zweimal fallen ließ. Ich sah, wie ihm die Tränen über die Wangen liefen und an den Bartstoppeln festfroren. Er fuhr mit dem Handrücken drüber, als wischte er Schnee weg, und bandagierte weiter. Ich stellte mich so, dass die anderen ihm den Rücken zudrehten. Nicht aus Pflichtgefühl. Sondern weil ich in diesem Augenblick nicht Hauptmann sein wollte.

Vier Monate darauf. Einsatzbedingte Verlegung nach Kaunas, Litauen. Vorgeschobener Posten im Rahmen der NATO-Mission. Es war ein grauer Apriltag, die Luft roch nach Diesel und nasser Erde. Wir gerieten auf einer Verbindungsstraße südlich der Memel in einen Hinterhalt. Zwei Fahrzeuge. Wir waren mit sieben Mann und einem Hund unterwegs.

Der Feuerkampf dauerte vierzehn Minuten. Zwei Minuten davon war ich nicht bei Bewusstsein — eine Druckwelle hatte mich gegen die Bordwand geschleudert, und ich kam erst wieder zu mir, als Dorn mir mit dem Ellenbogen in die Rippen stieß und „Abtransport jetzt!“ brüllte. Zwei von uns blieben liegen. Das weiß ich erst seit dem Protokoll. Ich selbst hing an Dorns Schulter, halb getragen, halb geschliffen, und mein linker Arm fühlte sich an, als gehöre er einem anderen.

Der Bell UH-1D stand mit laufenden Rotoren auf einer Brachfläche achthundert Meter südlich. Wir hatten noch etwa zweihundert Meter bis dorthin, als Dorn mich zu Boden riss und brüllte: „Deckung!“

Ich weiß nicht, wie viele Sekunden vergingen. Fünf. Zehn. Ich krallte mich in den Dreck und zählte meine Herzschläge. Dann hörte ich das Bellen. Kein Alarmgebell — das kannte ich, kurz, scharf, abgehackt. Dieses Bellen klang anders. Tief, kehlig, ununterbrochen, als schlüge jemand mit einem Hammer gegen einen hohlen Baumstamm.

Ich hob den Kopf. Von rechts, aus einer flachen Geländemulde, kam Aiko. Sie kroch auf dem Bauch, die Vorderläufe gruben sich in den Lehm, die Hinterläufe schoben, der Körper eine einzige gespannte Muskelsehne. Zwischen ihren Vorderpfoten, eingeklemmt wie ein nasser Sack, der Oberkörper von Winter. Sein Kopf hing nach hinten, das Kinn zeigte zum Himmel, er war bewusstlos. Aiko verbiss sich im Tragriemen seiner Schutzweste, und jedes Mal, wenn sie ein Stück vorangekommen war, hob sie den Kopf und bellte. Nicht nach uns — ins Gelände hinein. Dahin, wo der Feind saß. Sie markierte sich. Sie machte sich zum Ziel.

„Feuer frei, alles, was ihr habt!“, brüllte ich, und meine Stimme klang wie eine fremde. Wir gaben Sperrfeuer, was unsere Magazine hergaben. Zwei brachen aus der Deckung und rannten geduckt auf die Mulde zu. Ich sah, wie Aiko noch einmal bellte, wie ihr Körper einen Ruck bekam, wie sie weitermachte, ruckte, weitermachte. Dann hatten sie Winter, zogen ihn zwischen sich, und Aiko brach auf der Stelle zusammen, wo sie gelegen hatte. Ihr Schwanz schlug zweimal auf die Erde. Dann lag er still.

Im Bundeswehrkrankenhaus Ulm kam ich am dritten Tag zu mir. Die Splitter waren raus, die Schulter mit drei Schrauben fixiert. Ich konnte die Hand bewegen, das war die Hauptsache. Durchs Fenster sah ich eine Platane, an der die ersten Mai-Blätter klebten, hellgrün und durchscheinend. Ich drückte auf den Rufknopf, um nach meinen Leuten zu fragen. Die Schwester war neu, sie wusste nicht, worum es ging. Der Stationsarzt, der kam und mir den Blutdruck maß, wich meinen Fragen aus. Erst als ich den Chef vom Sanitätsdienst verlangte und drohte, eigenhändig aufzustehen, setzte sich Oberstabsarzt Kuhn zu mir.

Wir hatten uns nie leiden können. Kuhn war ein Mann für Vorschriften, und ich hielt nicht viel von Vorschriften, wenn sie einem das Leben schwer machten. Aber diesmal nahm er sich Zeit. Er zog den Vorhang um mein Bett zu, setzte sich auf einen Hocker, faltete die Hände und legte sie auf die Knie. Dann sagte er mir, dass Winter überleben würde. Die Splitter im Rücken seien nicht tief, der Blutverlust sei das Schlimmste gewesen. Er würde wieder laufen können, wahrscheinlich in drei Monaten.

„Und Aiko?“, fragte ich.

„Der Hund“, sagte Kuhn, und zum ersten Mal, seit ich ihn kannte, vermied er meinen Blick nicht aus Arroganz, sondern weil ihm die Worte fehlten. „Er hat Herrn Oberfeldwebel Winter bis in die Deckung gezogen. Die Distanz betrug fast sechzig Meter. Der Veterinär, der ihn untersucht hat, sagt, dass die inneren Verletzungen so schwer gewesen sein müssen, dass er vermutlich schon tot war, als er ihn endgültig ablegte. Er wurde auf dem Ehrenfriedhof der Diensthundeschule beigesetzt. Mit militärischen Ehren. Drei Schuss Salut. Ich war selbst nicht dabei, aber ich habe die Meldung gelesen.“ Er räusperte sich. „Winter hat es noch nicht erfahren. Er liegt noch im künstlichen Koma. Sie sind der Einzige, den ich bisher informiert habe.“

Ich antwortete nicht. Ich sah aus dem Fenster auf die Platane und zählte die Blätter an einem Ast. Es waren zwölf. Ich zählte noch einmal. Wieder zwölf.

Eine Woche später holten sie Winter aus dem Koma. Ich bestand darauf, ihm die Nachricht selbst zu überbringen. Mein Arm war noch in der Schlinge, aber ich humpelte mit einer Gehhilfe in sein Zimmer, ließ mir einen Hocker neben sein Bett stellen und redete. Er sagte nichts. Er sah mich nur an, und seine Augen waren so trocken wie die Heide im Juli. Als ich fertig war, nickte er einmal. Dann drehte er das Gesicht zur Wand und blieb so liegen, bis die Schwester mich hinausbat.

Sechs Wochen später stand ich mit dem gesamten Zug auf dem Waldfriedhof bei Ulm. Winter trug frische Uniform, die Hände bandagiert — er hatte sich zwei Finger gebrochen, ohne es zu merken, und sie heilten nun langsam. Vor uns lag eine kleine Grabstelle am Rand des Friedhofs, ein Granitstein mit eingraviertem Namen und darunter: *Im Einsatz gefallen.* Daneben ein Holzstecken mit einem Lederhalsband, das im Wind leise gegen das Holz schlug. Wir standen stramm. Ich hob die Hand zum Gruß, und alle anderen mit mir. Der Wind trug den Geruch von frischer Erde und Kiefernharz herüber.

Vierzehn Tage später, es war ein Samstag, stand ich im Zwinger des Ausbildungszentrums und sah Winter zu, wie er mit einem ostdeutschen Schäferwelpen spielte. Das Tier war vielleicht zehn Wochen alt, die Pfoten noch viel zu groß für den Körper, die Ohren kippten abwechselnd um, und es überschlug sich vor Eifer, wenn Winter ihm einen alten Gummiring warf. Er hatte ihn Aiko genannt.

„Das ist gegen die Vorschrift“, sagte der Zuchtleiter leise. „Hundenamen werden nicht doppelt vergeben, solange der vorherige Träger noch in den Akten steht. Das bringt Unglück, wissen Sie?“

„Dann ändern Sie die Akten“, sagte ich, ohne Winter aus den Augen zu lassen.

Der Zuchtleiter wollte protestieren, aber ich war schon weitergegangen. Ich lehnte am Zaun und sah zu, wie der Welpe sich auf den Rücken warf, alle viere von sich streckte und sich den Bauch kraulen ließ. Winter hockte daneben, das erste Mal seit der Beerdigung sah ich etwas in seinem Gesicht, das kein geschlossener Ausdruck war.

Ich drehte mich um und ging zu meinem Dienst-Kombi. Bevor ich die Tür öffnete, zog ich meine Mütze aus der Jackentasche, setzte sie auf und zog den Schirm tief in die Stirn. Was hinter uns lag, gehörte nicht auf ein deutsches Kasernengelände an einem ganz normalen Samstag mit Brötchenduft aus der Kantine und dem entfernten Knattern eines Übungsmarsches aus dem Wald. Aber es gehörte zu uns. Und der kleine Hund, der da mit tapsigen Sprüngen hinter einem alten Gummiring herjagte — er war das Versprechen, dass nicht alles, was man trug, verloren war.

Ich stieg ein und ließ den Motor an. Durch die Windschutzscheibe sah ich, wie Winter sich aufrichtete und mir nachsah. Er hob die Hand. Nicht zum militärischen Gruß. Einfach so, wie man einen Kameraden grüßt, der nichts vergessen hat. Ich hob die Hand vom Lenkrad, kurz. Dann fuhr ich los. Im Rückspiegel wurde der Zwinger kleiner, bis nur noch ein ferner gelber Punkt zu sehen war, der rasch hinter der Hügelkuppe verschwand.

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Fajna Tajna
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