Die Einbauküche und der leere Beton

Daniel stand im lichtdurchfluteten Wohnzimmer und kam sich vor wie der Gewinner einer Quizshow. Mit zweiundfünfzig Jahren war er sich absolut sicher: Der Mann war auf dem Zenit, und der anstehende Umsturz im Privatleben unterstrich das nur. Er warf seiner Verlobten einen vielsagenden Blick zu, bevor er sich wieder der Frau zuwandte, mit der er zwölf Jahre zusammengelebt hatte.

„Anna. Kein Drama jetzt, bitte. Wir sind doch keine Teenager“, sagte er in einem Ton, der großzügig klingen sollte, aber einfach nur von oben herab kam. „Ich hab Laura letztes Jahr kennengelernt. Sie ist achtundzwanzig. Und bevor du fragst – ja, wir heiraten im September. Deshalb müsst ihr beide ausziehen, du und dein Sohn aus erster Ehe. So schnell wie möglich.“

Anna, neunundvierzig, saß auf der Fensterbank, eine Tasse Tee in der Hand. Die Hamburger Hafenkräne draußen bewegten sich in Zeitlupe vor dem grauen Himmel. Sie sagte nichts. Sie rührte nur einmal um und wartete. Dieses Schweigen brachte Daniel mehr aus dem Konzept, als Geschrei es je gekonnt hätte.

„Die Wohnung“, fuhr er betont sachlich fort, „gehört mir. Geerbt von meiner Mutter. Da gibt's nichts zu diskutieren. Ich bin kein Unmensch, ich setz dich nicht von jetzt auf gleich vor die Tür. Du hast bis Montag. Das ganze Wochenende. Ich fahr mit Laura an die Ostsee, damit du in Ruhe packen kannst. Aber eines muss klar sein“, er hob den Zeigefinger, „die Einrichtung bleibt, wie sie ist. Keine Racheaktionen, kein Vandalismus. Laura hat sich in die Wohnung verliebt, so wie sie ist. Sie findet, ich hab einen fabelhaften Geschmack.“

Anna nahm einen Schluck Tee. Fabelhafter Geschmack. Zwölf Jahre lang war sie es gewesen, die Möbel ausgesucht, Stoffe verglichen und stundenlang auf Flohmärkten gestanden hatte. Er hatte nicht einmal die Glühbirnen im Bad gewechselt, wenn sie durchbrannten. Aber er hatte den Geschmack.

„Bis Montag also“, sagte sie ruhig.

„Ich wusste, du verstehst das. Du warst schon immer pragmatisch.“ Daniel griff nach seiner Reisetasche, Laura klimperte schon ungeduldig mit dem Autoschlüssel – ein silberner Mercedes, Baujahr 2021, auf seine Schwester zugelassen, versteht sich.

Ach ja, die Schwester. Ein paar Stunden nachdem der Wagen vom Hof gerollt war, klingelte Annas Handy. Daniels Schwester Sabine. Um die fünfzig, geschieden, wohnte in Buxtehude, betrieb eine kleine Nagelstudio-Existenz und hielt sich für das moralische Rückgrat der Familie.

„Anna, Schätzchen, du weißt, ich halt mich normalerweise raus. Aber Daniel meinte, du packst am Wochenende, und ich wollte nur sagen: Falls du Hilfe beim Aussortieren brauchst, ich komm gern vorbei. Damit nichts… durcheinandergerät. Daniels neue Verlobte ist ein bisschen nervös, verstehst du? Die Exfrau im Haus, die ganzen Erinnerungen…“

Anna lächelte ins Telefon. Sabine wollte Aufpasserin spielen. Gut zu wissen.

„Danke der Nachfrage, Sabine. Das ist wirklich lieb. Ich komme zurecht. Aber falls mein Sohn Emil vorbeischaut, sag ich ihm, du hättest Hilfe angeboten. Er bringt dann vielleicht den Transporter von seinem Job bei der Hamburger Tafel mit. Ihr könnt euch sicher gut unterhalten, während ich die Kisten vom Dachboden runterhole. Emil bewirtet dich bestimmt mit Kaffee. So gegen zehn?“

Pause am anderen Ende.

„Äh. Zehn? Am Samstag? Ja. Also. Ich… ich muss noch mal in meinen Kalender schauen. Vielleicht klappt's zeitlich nicht. Ich melde mich.“ Sie meldete sich nicht. Sabine hatte panische Angst vor schweißtreibender Handarbeit, das war bekannt. Ein Karton Bücher, und sie wäre mit Bandscheibenvorfall im Krankenhaus gelandet. Der selbsternannte Wachhund hatte sich elegant selbst ins Knie geschossen.

Anna legte auf und wählte die nächste Nummer. Die vom Umzugsunternehmen, das sie am Abend zuvor herausgesucht hatte. Drei starke Möbelpacker, einer davon gelernter Elektriker. Und der Mann für die Entrümpelung, den sie für Sonntag bestellte.

Samstagmorgen, halb acht. Kein Anruf von Sabine. Überraschung.

Punkt acht standen vier Männer in Arbeitshosen in der Wohnung, einer mit einem Werkzeugkoffer, aus dem ein Kabelbinderbaum ragte. Anna hatte einen Schlachtplan auf dem Küchentresen ausgebreitet. Nicht hysterisch, nicht wütend – methodisch. Wie eine leitende OP-Schwester, die das Besteck bereitlegte.

„So, Männer. Wir fangen in der Küche an. Der ganze Block – Schränke, Arbeitsplatte, Ceranfeld, Backofen, Geschirrspüler, die Dunstabzugshaube. Alles raus. Das habe ich vor sieben Jahren bei Miele in der Elbgaustraße gekauft, Rechnungen hab ich hier. Dann das Wohnzimmer. Das Sofa, nein, nicht den Couchtisch – der ist von seiner Oma, den lassen wir. Das Sofa, das Regal, der Sessel, die Stehlampe. Die Kronleuchter in allen drei Zimmern. Im Schlafzimmer das komplette Bett, die Kleiderschränke und der Biedermeier-Sekretär – der steht auf meinem Namen, vom Auktionshaus an der Alster, ich hab die Belege von 2019. Ach ja, und die Markisen auf dem Balkon. Die sind von mir. Elektriker, Sie klemmen die ab, bitte mit Sicherung raus. Fragen?“

Der Vorarbeiter kratzte sich am Kopf. „Die Vorhänge auch? Und die Bilder?“

„Alles, was nicht niet- und nagelfest zur Bausubstanz gehört. Wenn Sie unsicher sind, fragen Sie. Aber ich sag's Ihnen jetzt schon: Es wird nicht viel übrig bleiben.“

Um halb neun röhrte der erste Bohrhammer. Die Küchenfronten gingen in Serie zu Boden, das Ceranfeld wurde fachmännisch aus der Arbeitsplatte gehoben und in Decken gewickelt. Im Wohnzimmer verschwanden die raumhohen Regale, und mit jedem leeren Dübelloch in der Wand wurde die Wohnung ein Stück mehr zu dem, was sie vor zwölf Jahren gewesen war: ein durchgestrichener Altbau mit abgewohnten Dielen.

Der Sekretär machte am meisten Arbeit. Echtes Kirschbaumholz, um 1840. Zwei Männer brauchten eine halbe Stunde, um ihn dreifach in Luftpolsterfolie einzuschlagen, bevor sie ihn überhaupt anfassen durften. Die Zwillingskronleuchter im Wohnzimmer – venezianisches Glas, für ein Vermögen nachts um zwei auf einer Auktion ersteigert – baumelten bis zum Mittag nicht mehr an der Decke, sondern in gepolsterten Holzkisten.

Zwischendurch klingelte Annas Handy. Daniel. Sie ließ es klingeln. Er schickte eine Nachricht: „Hoffe, bei dir läuft alles rund. Genieß das Wetter und denk dran, nichts mitgehen zu lassen, was du nicht bezahlt hast. Wir sehen uns Montag.“ Darunter ein Smiley mit Sonnenbrille. Anna schickte keinen Smiley zurück. Sie schickte ein Foto. Von der leeren Wohnzimmerwand, an der bis vor einer Stunde noch die Bücherregale gehangen hatten.

Sonntagnachmittag um vier. Die Möbelpacker waren weg, der letzte Transporter Richtung Lagerhalle nach Wilhelmsburg unterwegs. Jetzt war das Entrümpelungsteam dran. Alles, was nicht niet- und nagelfest war und keine Rechnung hatte, wanderte in die Mulde vor der Tür. Alte Farbeimer vom letzten Renovierungsversuch, bei dem Daniel nach zehn Minuten aufgeben und auf den Fernsehsessel umziehen musste. Ein Spiegel mit blinden Flecken, den er mal geschenkt bekommen hatte. Drei Umzugskartons voller Krawatten und Kontoauszüge – alles, was seine „Schätze“ gewesen waren.

Anna stand in der leeren Wohnung, die Hände in den Taschen ihrer Jeans. Durch das Fenster ohne Vorhänge sah man jetzt den Fernsehturm klarer als je zuvor. Es hallte. Jeder Schritt, den sie machte, warf ein Echo zurück.

In der Küche blieb nur eine einsame Glühbirne an einem Kabel von der Decke hängen, ungefähr dort, wo vor zwölf Jahren mal die erste Lampe angebracht worden war, bevor Anna sie durch eine Design-Hängeleuchte von Artemide ersetzt hatte. Auf dem Dielenboden standen ein Tapeziertisch und ein wackliger Stuhl, den das Entrümpelungsteam übersehen hatte. Anna zog den Stuhl an den Tisch, setzte sich, schrieb eine Nachricht an ihren Sohn. „Emil, schaffst du's morgen früh um acht? Ich brauch dich kurz, dann bring ich dich zur Schule.“ Dann legte sie den Wohnungsschlüssel mitten auf die Tischplatte. Gleich neben die alte Kaffeetasse, die Daniel vor drei Tagen nicht in die Spülmaschine geräumt hatte. Sie war immer noch nicht gespült. Sollte sie auch nicht mehr.

Montagmorgen, Viertel nach neun. Ein Auto hupte unten auf der Straße. Daniel war zurück, Laura im Schlepptau, und das Hupen klang wie eine Fanfare. Als würde ein Feldherr seinen Einzug halten.

Sie kamen die Treppe hoch, Laura voraus, Daniel mit zwei Rollkoffern und diesem unerträglichen Strahlen im Gesicht, das Leute haben, die überzeugt sind, das große Los gezogen zu haben.

Die Tür stand einen Spalt offen. Emil hatte sie so hinterlassen, als er am Morgen noch kurz reingeschaut und ein Foto von der Tisch-Situation gemacht hatte.

Laura drückte die Tür auf, trat in den Flur und machte genau zwei Schritte. Dann stoppte sie. Der Klang ihrer Absätze auf dem blanken Dielenboden war nicht der warme, gedämpfte Ton von Holzdielen unter einem Läufer. Es war der kalte Knall auf nacktem, abgetretenem Parkett, das seit zwölf Jahren nicht mehr das Tageslicht gesehen hatte.

„Daniel?“ Ihre Stimme dünn und scharf.

Daniel stolperte hinter ihr herein, stieß den Koffer gegen den Türrahmen. Sein Blick flog ins Wohnzimmer. Kein Sofa. Kein Sessel. Keine Vorhänge, kein Bücherregal, kein Fernseher, kein Teppich. Die Wände weiß und nackt, mit zwölf Jahre alten ungestrichenen Flecken, wo die Möbel gestanden hatten. An der Decke ragte ein Kabel aus einem Loch.

Er machte zwei Schritte in die Küche. Keine Einbauten. Keine Arbeitsplatte, kein Herd, keine Spüle, nirgends ein Unterschrank. Aus der Wand starrten ihm Wasseranschlüsse und blanke Dosen ohne Steckdosenabdeckung entgegen. In der ganzen Weite des Raumes standen ein wackliger Tapeziertisch und ein Stuhl. Auf dem Tisch lag der Schlüssel.

Laura fiel die Kinnlade. Sie drehte sich im Kreis, einmal, zweimal, als würde sie auf einer Drehbühne stehen und auf das Bühnenbild warten, das nicht kam. „Daniel. Wo ist die Küche? Wo ist das ganze Zeug? Wo schlafen wir heute Nacht?! In deinem Auto?!“

Daniel sagte nichts. Er starrte auf den Schlüssel. Anna war nicht da, er wusste es in diesem Moment, und gleichzeitig wusste er: Sie war nie deutlicher anwesend gewesen.

Emil stand an die Wand vor dem Haus gelehnt, als Laura die Tür aufriss, ihren Koffer hinter sich herzerrend, und Daniel hinter ihr herausstolperte, immer noch mit diesem Schlüssel in der Hand.

„Mama lässt fragen, ob der Tisch so passt und ob ihr noch einen zweiten Stuhl braucht“, sagte Emil. „Sie meint, falls ihr Gäste habt. Und die Kaffeetasse ist von ihr. Weil du die Alte sowieso nie gespült hast. Die neue Frau soll ruhig wissen, worauf sie sich da einlässt. Schönen Tag noch.“ Er schwang sich auf sein Fahrrad und fuhr Richtung U-Bahn, ohne sich umzudrehen.

Laura starrte auf die leere Kaffeetasse, dann auf Daniel, dann wieder auf den Tapeziertisch. „Du hast gesagt, du hast Geschmack“, flüsterte sie. „Du hast gesagt, ich zieh in eine Designerwohnung.“ Sie zog ihr Handy aus der Tasche und scrollte durch die alten Fotos, die Daniel ihr vor Monaten geschickt hatte, als er sie beeindrucken wollte: das Kerzenschein-Selfie vor dem Biedermeier-Sekretär, das Glas Wein unter dem venezianischen Kronleuchter, das Frühstücksei auf der Kücheninsel. Alles Geschichte. Alles ihr Handy. Null komma null sein Eigentum.

Sabine rief an diesem Abend dreimal an. Daniel ging nicht ran. Er saß auf dem wackligen Stuhl am Tapeziertisch und starrte den Wasseranschluss in der Küche an, als hoffte er, es wüchse über Nacht eine neue Küchenzeile daraus.

Er hätte den Geschirrspüler wenigstens einmal im Leben selber ausräumen sollen. Vielleicht wäre ihm dann aufgefallen, dass auf der Rechnung für den Einbau nicht sein Name stand. Aber für solche Details hatte er nie Zeit gehabt. Dafür hatte er ja Anna. Zwölf Jahre lang.

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Fajna Tajna
Die Einbauküche und der leere Beton