Das Kompott im November

Es war Anfang November, die Luft schon so kalt, dass die Straßenlaternen flimmerten. Ich hatte elf Stunden im Architekturbüro hinter mir, den letzten Entwurf für die Stadthalle Freiburg kurz vor der Abgabe nochmal komplett umgeworfen, und mein Magen hing in den Kniekehlen. An der Haltestelle am Bertoldsbrunnen stand ich und starrte auf die Anzeigetafel. Der Bus nach St. Georgen hatte acht Minuten Verspätung. Neben mir niemand, nur die nasse Pflasterung und dieser Geruch nach U-Bahn-Schacht und altem Laub.

Und dann sah ich sie.

Auf der Holzbank unter dem Wartehäuschen saß eine Frau. Siebzig vielleicht, achtzig, schwer zu sagen. Das Gesicht schmal, das Haar unter einem Wolltuch festgesteckt, der Mantel zu dünn für diesen Abend. Neben ihr standen zwei prall gefüllte Einkaufstaschen, so schwer, dass die Henkel sich in die Finger schnitten. Ihre Hände lagen im Schoß, die Finger ineinander verhakt, weiße Knöchel. Sie bewegte sich nicht. Schaute einfach die Straße runter, Richtung Schwabentor, als würde dort gleich etwas erscheinen müssen.

Ich machte zwei Schritte, blieb stehen. Eigentlich wollte ich nur schlafen. Aber da war dieses Ding im Nacken – dieses leise Ziehen, das einen umdrehen lässt, obwohl der Kopf schon längst zu Hause ist.

„Warten Sie auf jemanden?“

Sie hob das Kinn. Ihre Augen brauchten einen Moment, um mich scharfzustellen. „Ach, wissen Sie“, sagte sie, und ihre Stimme klang wie trockenes Laub auf Asphalt, „auf den Bus warte ich. Aber ich fürchte, der kommt heute nicht mehr.“

Dass die Linie 11 nach Kirchzarten um diese Zeit längst eingestellt war, sagte ich nicht. Sie wusste es selbst. Sie hatte den letzten um 21:35 verpasst – eine Untersuchung in der Uniklinik, die länger gedauert hatte, danach das Taxi, das sie sich sparen wollte, dann die Uhr im Wartezimmer, die sie falsch abgelesen hatte. Jetzt war es kurz vor Mitternacht, die nächste Verbindung: um 05:17.

„Ich wohne im Dorf“, erklärte sie überflüssigerweise. „Nur zwanzig Kilometer, aber um diese Zeit…“ Sie zuckte die Achseln.

Ich zog mein Handy raus. Akku auf sieben Prozent. Genug für eine App. „Ich ruf Ihnen eins. Taxi, mein ich.“

Sofort schüttelte sie den Kopf, viel zu heftig. „Nein, nein, Kind. Das kostet ja vierzig, fünfzig Euro. Viel zu viel. Ich warte einfach, die Nacht ist ja bald rum.“ Sie zog den Mantel enger, als wäre das Argument damit erledigt.

„Quatsch.“ Das Wort war raus, ehe ich nachdenken konnte. „Ich wohne in Merzhausen, das liegt doch fast auf dem Weg. Da steig ich einfach mit aus.“ Ein Teil davon stimmte sogar – Merzhausen lag an der Route, nur eben zehn Kilometer vor ihrem Dorf. Der andere Teil: Mein Konto zeigte minus 374 Euro, und Freiburg–Kirchzarten und zurück waren mit Taxi eher sechzig Euro. Aber da stand eine alte Frau mit zwei Taschen an einer Haltestelle bei drei Grad, und irgendwas in mir klinkte einfach aus.

Als das Taxi kam – ein silberner Toyota Prius, der Fahrer ein junger Typ mit Kopfhörern um den Hals –, zögerte sie noch. Griff nach ihren Taschen, als müsste sie jeden Besitz verteidigen. Ich sagte: „Kommen Sie, das hab ich doch schon bezahlt.“ Eine glatte Lüge, aber sie wirkte. Sie ließ sich auf den Rücksitz gleiten, lehnte den Kopf an die Scheibe und sagte zwanzig Minuten lang gar nichts.

Die Fahrt führte aus der Stadt raus, vorbei an abgeernteten Weinbergen, dann in den Schwarzwald hinein. Im Licht der Scheinwerfer tauchten krumme Apfelbäume auf. Sie zeigte auf eine Abzweigung. „Da links, an dem alten Hof. Da wohne ich.“

Es war ein Fachwerkhaus mit grünen Fensterläden, das Dach voller Moos. Vor der Tür ein Holzstoß, daneben ein verrosteter Brunnen, aus dem kein Wasser mehr kam. Als der Motor ausging, hörte man nur das Ticken des abkühlenden Metalls.

„Kommen Sie kurz rein. Bitte. Nur auf eine Tasse. Auf eine Tasse wenigstens.“ Sie sagte es nicht bittend, sondern einfach als Feststellung, als wäre der Satz die logische Fortsetzung des Abends.

Drinnen roch es nach Äpfeln, Bohnerwachs und etwas Süßem, das noch im Ofen gestanden haben musste. Die Küche war winzig, aber alles blitzte: Messinghähne, irdene Krüge, die blau-weiß karierte Tischdecke. Auf dem Fensterbrett eine Rose von Jericho in einer Untertasse voll Wasser.

Sie hieß Margrit. Zweiundachtzig. Ihr Mann, ein Schreiner, war vor elf Jahren gestorben – „mitten beim Heckeschneiden, einfach umgefallen, das Herz“. Der Sohn, Klaus, lebte seit neun Jahren in Toronto, Projektmanager für irgendeine Baufirma. Er rief jeden zweiten Sonntag an, immer pünktlich um siebzehn Uhr deutscher Zeit, immer für zwanzig Minuten, immer mit der Frage am Ende, ob das Geld auf dem Konto angekommen sei.

„Es ist nicht das Geld“, sagte sie und stellte einen Teller auf den Tisch. Zwetschgenkuchen, noch ofenwarm, der Rand mit Hagelzucker bestreut. „Es ist… wissen Sie, wenn man den ganzen Tag keinen Satz gesagt hat. Kein einziges Wort. Nicht ‚Guten Morgen‘, nicht ‚Ist das kalt heute‘. Irgendwann fängt man an, mit dem Radio zu reden. Und das Radio antwortet nicht.“ Sie lachte, ein kurzes, trockenes Geräusch.

Ich blieb zwei Stunden. Sie zeigte mir Fotos: Klaus auf dem Schulweg, Klaus mit Zahnlücke, Klaus in Badehose am Schluchsee. Draußen zog die Nacht weiter, und der Kuchen wurde weniger.

Als ich aufbrach, drückte sie mir eine braune Papiertüte in die Hand. „Boskoop-Äpfel. Und Mirabellenmarmelade, die vom Sommer. Nehmen Sie, die schaffen’s nicht bis in den Keller.“ Das stimmte nicht, der Keller war voll davon, das hatte ich gesehen. Aber ich nahm die Tüte. Umarmt haben wir uns nicht. Sie legte mir kurz die Hand auf den Unterarm, eine trockene, leichte Hand, und dann war ich wieder im Taxi.

Zehn Tage später klingelte es an meiner Wohnungstür.

Ich hatte Nachtschicht gemacht, das Schlafdefizit der Woche in den Knochen, und öffnete im Bademantel. Vor mir stand ein Mann um die fünfzig, breite Schultern, graue Schläfen, das Gesicht vom Jetlag zerfurcht. In der Hand einen Stoffbeutel.

„Johanna Keller?“

„Ja…“

„Ich bin Klaus Weber. Der Sohn von Margrit Weber. Aus Kirchzarten.“ Er machte eine Pause, in der mein Magen einmal komplett abstürzte. Dann: „Keine Sorge, meiner Mutter geht’s gut. Sie ist nur… sie redet seit einer Woche von nichts anderem als von ihnen. Von der jungen Frau von der Haltestelle, die mitten in der Nacht ein Taxi gerufen hat. Die mit ihr Kuchen gegessen hat. Sie sagt, zum ersten Mal seit Jahren sei sie nicht allein gewesen an einem Abend. Als wäre eine Tochter zu Besuch gekommen, die sie nie hatte.“

Er zog ein Päckchen aus dem Beutel. In Packpapier eingeschlagen, mit Bindfaden verschnürt. „Das ist von ihr. Sie hat’s in den letzten Tagen gestrickt. Sie strickt immer, wenn sie glücklich ist, und sie hat fast ohne Pause gestrickt.“ Wickelte es aus. Ein Paar Wollsocken, grob gestrickt, die Wolle grau mit blauen Rändern. Und eine Stola, weich und warm, in einem Farbton zwischen Moos und Oliv.

Ich stand da, in meiner Tür im dritten Stock eines Merzhausener Mietshauses, und hielt gestrickte Socken in der Hand, und der Novemberwind zog durchs Treppenhaus, und ich sagte kein Wort, weil ich nicht wusste, wie man etwas sagt, das in der Kehle festhängt.

Von da an fuhr ich jeden Sonntag raus. Mit der S-Bahn nach Kirchzarten, dann die drei Kilometer zu Fuß, am Sägewerk vorbei und den Hügel rauf. Margrit wartete jedes Mal am Fenster, obwohl ich nie eine genaue Zeit nannte. Sie machte Tee, wir saßen in der Küche, und wenn nichts zu sagen war, sagten wir nichts. Ich half ihr beim Äpfelschneiden fürs Mus, sie zeigte mir, wie man den Holzofen richtig anheizt. Manchmal las ich ihr aus der Zeitung vor, die Artikel über Gemeinderatssitzungen und neue Radwege, die sie kaum interessierten, aber sie hörte der Stimme zu, nicht den Worten.

Im Februar kam Klaus wieder. Diesmal nicht für einen Besuch, sondern für immer. Er hatte seinen Job in Toronto gekündigt, die Wohnung aufgelöst und eine Stelle bei einem Holzbauunternehmen in Kirchzarten angenommen. „Ich hab begriffen“, sagte er, als wir zu dritt in der Küche saßen. „Es war mir unangenehm. Wie ein Fremdkörper das hier.“ Er zeigte auf mich. „Eine Wildfremde findet jeden Sonntag Zeit für meine Mutter. Und ich rufe alle zwei Wochen für zwanzig Minuten an. Das war, als würde man einen Film über sein eigenes Leben sehen und die Hauptrolle geht an jemand anderen.“ Er schaute in seine Kaffeetasse. Mehr sagte er nicht, und mehr brauchte es auch nicht.

Dann, anderthalb Jahre später, kam eine Blinddarmentzündung, die ich zu lange ignoriert hatte, und plötzlich lag ich in der St.-Josefs-Klinik, dritter Stock, Blick auf den Schlossberg. Ich hatte niemandem Bescheid gesagt, war einfach mit dem Taxi in die Notaufnahme, und als ich aus der Narkose wach wurde, war das Zimmer leer, der Tropf piepste vor sich hin, und draußen nieselte ein Aprilnachmittag gegen die Scheibe.

Am zweiten Tag hörte ich Schritte auf dem Flur. Langsame Schritte. Ein Stock, der im Takt auf Linoleum stupste.

Die Tür ging auf.

Margrit stand im Rahmen. Ein Stock in der rechten Hand, in der linken ein Körbchen. Ihr Mantel tropfte, sie hatte keinen Schirm dabei. Sie setzte einen Fuß vor den anderen, mit Bedacht, die Hüfte schmerzte, das sah man, aber sie ließ sich nicht aufhalten. Hinter ihr, halb verdeckt, Klaus, der ihr die Tür aufhielt und mit einer Entschuldigungsgeste abwinkte.

Sie trat ans Bett. Stellte das Körbchen auf den Nachttisch. Nahm ein Glas heraus, in dem eine trübe, rötliche Flüssigkeit schimmerte – Rhabarberkompott, selbst eingekocht, der Deckel noch warm vom Wasserbad. Daneben legte sie ein kleines Stoffbündel: Butterkekse mit Zuckerguss, die sie am Morgen gebacken haben musste.

Dann setzte sie sich auf den Besucherstuhl, stützte beide Hände auf den Stockknauf und schaute mich an. Dieses schmale Gesicht unter dem Wolltuch, dieselben Augen, die damals die Straße abgesucht hatten. Jetzt suchten sie nichts mehr.

„So, Kind“, sagte sie. „Jetzt bin ich mal dran.“

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Fajna Tajna
Das Kompott im November