Wo ist Hanna?

Tomas Meier starrte auf den leeren Platz neben dem alten Kastanienbaum. Hier, genau hier, hatte Hanna noch vor fünf Minuten gestanden. Mit ihrer riesigen Schultüte, den weißen Schleifen im blonden Haar und diesem aufgeregten Leuchten in den Augen.

„Ich hol nur schnell ein Wasser, Schatz. Bleib stehen, ja?“

Das war alles gewesen. Ein kurzer Moment.

Jetzt war Hanna nirgends zu sehen.

Die Einschulungsfeier brodelte um ihn herum – kreischende Kinder, stolze Eltern mit Kameras, überall diese bunten Schultüten. Aber nirgends ein gelber Ranzen mit dem aufgenähten Katzenkopf. Hanna war von einer Sekunde auf die andere verschwunden.

Tomas spürte, wie etwas Kaltes in seiner Brust hochkroch. Keine Angst – schlimmer. Es war der Geschmack von Kontrollverlust.

„Hanna!“ rief er laut. Nichts.

Die erste Reihe der ABC-Schützen wurde gerade von einer jungen Frau für den Einzug in die Schule sortiert. Sie trug einen Dutt und sah gestresst aus. Das musste die Klassenlehrerin sein. Frau Harms, glaubte er. Ja, Harms.

Er rannte zu ihr.

„Entschuldigen Sie! Meine Tochter … sie ist nicht bei der Klasse. Haben Sie Hanna gesehen?“

Die Frau fuhr herum. „Wer?“

„Hanna. Meine Tochter. Sie war mit den anderen hier auf dem Hof.“

Sie sah ihn an, als hätte er ein Marsmännchen vor sich. „Ich … Wir sind noch nicht vollständig. Ich kenne die Eltern nicht alle. Sind Sie sicher, dass sie zu mir gehört?“

„Ja, zu Ihrer Klasse. 1b. Hanna Meier. Sieben Jahre. Ich hab sie nur für fünf Minuten allein gelassen, weil sie Durst hatte. Ich war am Kiosk um die Ecke. Und jetzt ist sie weg!“

Die Lehrerin atmete tief durch. Auch ihr erster eigener Schultag.

„Okay. Ganz ruhig. Wie sah sie aus?“

Tomas kramte in seinem Kopf. „Weiße Schleifen im Haar. Lange dunkle Haare. Und … ein gelber Schulranzen mit einem Katzenkopf drauf. So ein süßer, gezeichneter. Sehr auffällig. Den hat sie sich selbst ausgesucht, weil sie Katzen über alles liebt … ach, ich rede schon wieder zu viel. Aber haben Sie so einen Ranzen gesehen?“

Frau Harms überlegte. „Einen gelben mit Katze? Ja, das ist mir aufgefallen. Eine der Mütter hat ihn neulich im Elternchat erwähnt. Aber … bei meiner Klasse steht er nicht. Ich hab die Kinder durchgezählt. Kein gelber Ranzen mit Katze dabei. Nur die … Moment, alle anderen Farben. Warten Sie, ich zähle noch mal.“ Sie wirbelte herum, ließ die Kinder antreten. Nichts.

Jetzt wurde sie blass. „Wir müssen sie suchen. Kommen Sie!“

Gemeinsam hetzten sie über den Hof. Der Schulleiter war in der Turnhalle, der Hausmeister im Eingang. Niemand hatte ein Mädchen mit gelbem Ranzen gesehen. Tomas’ Kopf ratterte. Hundert Szenarien schossen ihm durch den Kopf. Die nahe Straße. Die parkenden Autos. Die hohe Hecke, hinter der man nicht hinsah.

„Hat Ihre Tochter ein Handy?“, fragte Frau Harms, als sie an der Sporthalle vorbeiliefen.

„Ja. Aber das hab ich. Ich wollte es ihr nach der Feier geben. Warum hab ich es nicht gleich getan … verdammt!“

Sie erreichten den hinteren Teil des Schulgeländes. Ein schmaler Weg führte an einer alten Feuertreppe vorbei zu einem kleinen Hof, wo die Mülltonnen standen. Normalerweise war da nie jemand.

Und dann hörten sie eine Stimme. Hoch und klar.

„Komm schon, Kleiner. Ich fang dich. Ganz sicher. Spring!“

Tomas rannte los. Hinter einer Ecke, unter einer alten Birke, stand Hanna. Wie angewurzelt. Mit ausgestreckten Armen, den Blick nach oben.

„Hanna!“ Er packte sie an den Schultern, drückte sie an sich, zu fest, zu wild. „Kind, was machst du hier? Ich hab mir fast die Seele aus dem Leib geschrien!“

„Papa, wart mal! Da oben ist er!“

Tomas blickte hinauf. Auf einem dünnen Ast, etwa drei Meter über dem Boden, kauerte ein klitzekleines Kätzchen. Grau, mit weißen Pfoten, und Angst in den großen grünen Augen.

„Eine große Hündin hat ihn gejagt“, erklärte Hanna hastig. „Die war so riesig, Papa. Das Kätzchen ist auf den Baum geflüchtet, und dann hat die Hündin hier gebellt, und ich bin dazwischengegangen und hab gesagt: ‚Mein Papa kommt gleich, und wenn du nicht abhaust, kriegst du es mit ihm zu tun!‘ Da ist sie weggelaufen. Aber jetzt sitzt das Kätzchen da oben und traut sich nicht runter. Wir müssen es retten!“

Frau Harms stand mit offenem Mund da. „Du hast eine große Hündin ganz allein verjagt?“

„Sie war laut, aber ich war lauter.“ Hanna zuckte mit den Schultern.

Tomas’ Zorn verrauchte auf der Stelle. Er sah seine Tochter an – dieses winzige Mädchen mit den weißen Schleifen und dem Mut einer Löwin. Und dann sah er das Kätzchen.

„Okay. Ich hol es runter.“ Er stellte sich unter den Ast, schätzte die Höhe. Aber mit seinen hundert Kilo, die er seit der Trennung zugelegt hatte, würde er die dünnen Äste nicht halten.

„Sie sind zu schwer“, sagte Frau Harms leise. „Aber ich könnte …“

„Was?“

„Ich könnte auf Ihre Schultern steigen. Wenn Sie mich wirklich tragen könnten … dann käme ich an den Ast heran und könnte das Kätzchen greifen. Ich bin nicht schwer. Vorausgesetzt, Sie halten mich sicher.“

„Ich halte Sie. Versprochen.“ Und bevor sie es sich anders überlegen konnte, ging Hanna auf die Lehrerin zu und zog sie am Ärmel. „Bitte, bitte! Er hat solche Angst!“

Frau Harms seufzte, dann nickte sie. Tomas bückte sich, sie setzte sich auf seine Schultern, und langsam richtete er sich auf. Sie wankte einen Moment, dann stand sie auf dem breiten Rücken des Zimmermanns, eine Hand am Ast über ihr.

„Ganz ruhig“, murmelte Tomas. „Ich hab Sie. Greifen Sie nach dem Kleinen.“

Das Kätzchen fauchte kurz, dann wich es ängstlich zurück. Aber Frau Harms streckte die Hand aus, ganz behutsam, und flüsterte: „Na komm, kleiner Schatz. Ich tu dir nichts.“ Fast, als verstünde es die Worte, machte das Kätzchen einen winzigen Schritt nach vorn. Dann noch einen. Und schließlich ließ es sich von ihrer Hand umschließen.

„Ich hab es!“ rief sie erleichtert.

Langsam ließ Tomas sie wieder hinunter. Kaum standen beide fest auf dem Boden, nahm Hanna das zitternde Tier in die Arme. Das Kätzchen drückte sich an ihre Schulter und begann sofort zu schnurren.

Tomas lachte heiser. „Na also. Alle wohlbehalten. Außer meinem Kreislauf. Kind, du hast mich vielleicht erschreckt … aber wer so ein gutes Herz hat, dem kann man nicht lange böse sein.“

„Dürfen wir es behalten? Bitte, Papa!“

„Ja, wir behalten es. Heute Abend kaufen wir Futter und ein Körbchen. Aber jetzt gehst du mit Frau Harms in die Schule, und ich hol dich pünktlich ab. Kein Verschwinden mehr, abgemacht?“

„Abgemacht. Ich pass auch auf Kuschel auf, während du die Schulbücher holst. Komm, Kuschel!“ Sie hielt das Kätzchen wie einen Schatz.

Frau Harms lächelte. „Kuschel ist ein süßer Name. Ich glaube, Sie haben heute nicht nur eine Tochter wiedergefunden, sondern auch einen neuen Mitbewohner dazu bekommen, Herr Meier. Und … es tut mir leid, dass ich Sie nicht gleich erkannt habe. Mein erster Tag. Alles etwas chaotisch.“

„Macht nichts. Mein erster Tag ohne Herzinfarkt ist es jedenfalls nicht geworden. Aber wir leben noch alle. Das zählt.“ Er grinste, und etwas in ihm entspannte sich.

Auf dem Weg zurück zum Schulhof schwieg Hanna eine Weile, dann sah sie zu Frau Harms auf. „Meine Mama haben wir nicht mehr. Die ist vor fünf Jahren einfach weggefahren, nach Dänemark oder so. Ohne uns. Papa sagt, sie hat uns nicht verdient. Jetzt sind wir nur zu zweit. Aber jetzt haben wir Kuschel, und dann sind wir zu dritt, und das ist viel besser.“

Tomas räusperte sich verlegen. Frau Harms spürte einen Stich in der Brust. Sie blickte von dem großen, etwas unbeholfenen Mann zu dem kleinen Mädchen mit dem Kätzchen und dachte: So viel Liebe auf einem Haufen – das muss doch Glück bringen.

Von diesem Tag an holte Tomas Hanna immer selbst von der Schule ab. Was als kurzer Austausch über Hausaufgaben und Kuschels erste Nächte begann, wurde bald zu langen Gesprächen über Filme, Rezepte und den Sinn des Lebens. Frau Harms hieß mit Vornamen Sabine. Irgendwann, als sie auf dem fast leeren Schulhof standen, stahl sich ein unausgesprochenes Wörtchen zwischen die Alltagssätze, und plötzlich merkten sie, dass sie sich gar nicht mehr über die Schule unterhielten.

An einem kühlen Oktobertag, dreizehn Monate später, stand Tomas mit einem Strauß Dahlien aus dem eigenen Garten im Klassenzimmer. „Ich wollte Sie … ich wollte dich und Hanna zum Abendessen einladen. Bei uns zu Hause. Ganz ohne Elternabend. Was sagst du?“

Sabine nahm die Blumen und fühlte, wie ihre Wangen brannten. „Ja. Ich sage ja.“ Drei einfache Buchstaben, die alles veränderten.

Und noch ein Jahr später, als die Kastanien wieder gelb wurden, kramte Tomas ein kleines Samtkästchen aus der Manteltasche. Sie standen vor dem Standesamt, die Standesbeamtin wartete schon. Sabine trug ein cremefarbenes Kleid. Hanna hielt einen kleinen Blumenstrauß und grinste, dass man jede Lücke in ihren neuen Zähnen sah. Kuschel saß in seiner Transportbox und maunzte leise.

„Sabine Harms. Willst du mit uns alt werden? Mit mir und Hanna und dem Kater? Wir wären echt eine coole Truppe. Sag noch mal ja, bitte!“

„Ja, du Verrückter. Tausendmal ja.“ Sie lachte, und die Tränen kullerten dummerweise über ihre Wangen.

Nach der Trauung, als sie alle auf den Stufen des Rathauses standen, griff Hanna nach Sabines Hand.

„Darf ich dich jetzt Mama nennen?“

Sabine kniete sich neben sie und drückte sie ganz fest. „Ja, mein Schatz. Das darfst du. Und für mich ist das das schönste Wort, das es gibt.“

Am Abend saßen sie zu dritt auf dem Sofa. Draußen leuchteten die Lichter der Altstadt von Freiburg. Kuschel lag zusammengerollt auf der Fensterbank, ein warmer Dank für einen verlorenen Schultag. Hanna schmiegte sich an ihre neue Mutter, und Tomas legte den Arm um die beiden. Keiner sagte etwas.

Es war der Moment, in dem aus einem Chaos eine Familie wurde.

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Fajna Tajna
Wo ist Hanna?