Heinrich Winkler war vierundsiebzig und hatte sich im Wohnzimmer eingerichtet wie in einem Wartesaal. Drei Jahre nachdem Hilde gegangen war, bestand sein Leben aus Routinen, die so dünn waren wie das Papier der Kontoauszüge. Aufstehen, Fenster auf Kipp, Brötchen vom Discounter, das Regionalblatt aufschlagen und nichts lesen. Nachmittags saß er auf der Bank am Spielplatz und schaute den Kindern zu, ohne sie zu sehen. Abends brummte der Fernseher, und er nickte dazu ein, den Kopf auf der Brust, den Mund leicht offen.
Seine Tochter Sandra rief dienstags an. Zwischen zwei Meetings, das Headset im Ohr, die Stimme voller Termine.
„Papa, wie geht’s?“
„Muss ja.“
„Isst du auch richtig?“
„Klar, Kind.“
„Gut, ich muss weiter. Küsschen!“
Er legte auf und hörte das Tuten. Früher, mit Hilde, war die Stille nie still gewesen. Jetzt war sie ein Dauerton.
An einem Mittwoch im Oktober – der Himmel über Bielefeld war grau wie angelaufener Stahl – hörte Heinrich ein Geräusch vom Balkon. Ein Rumpeln. Dann noch eins. Er schob die Gardine zur Seite.
Auf dem Klapptisch, direkt neben Hildes dreckigem Blumentopf, saß ein Kater. Rot-getigert, das rechte Ohr eingekerbt, die Rippen zeichneten sich unter dem Fell ab. Er saß einfach da und starrte Heinrich durch die Scheibe an, mit einem Blick, der nichts forderte. Der einfach nur da war. Absolut. Als gehöre der ganze Balkon längst ihm.
Heinrich öffnete die Tür, um das Tier zu verscheuchen. Der Kater lief nicht weg. Er blinzelte. Stand auf. Und strich, ohne zu zögern, an Heinrichs Hausschuh vorbei in die Wohnung.
„He!“, rief Heinrich. „Was soll das?“
Der Kater lief durch den Flur, als inspiziere er die Räumlichkeiten. Kurzer Stopp im Bad. Weiter in die Küche. Heinrich hinterher. In der Küche blieb das Tier stehen und schaute zum Kühlschrank. Nicht bettelnd. Erwartungsvoll. So, als sei der nächste logische Schritt völlig klar.
Heinrich stand im Türrahmen und kam sich vor wie der letzte Depp. „Verschwinde. Ich hab nichts für dich.“
Der Kater setzte sich. Legte den Kopf schief. Und Heinrich goss Milch in eine Untertasse. Weil er nicht wusste, was man sonst mit einem Kater macht.
Das Tier schlabberte. Tropfte eine weiße Spur über den Linoleumboden. Heinrich sah zu und merkte, dass er vergessen hatte, sein drittes Brötchen zu essen. Egal.
Danach war der Kater weg. Heinrich brachte die Untertasse zur Spüle, spülte sie aus und vergaß die Sache. Dachte er. Als er am Abend die Schlafzimmertür öffnete, lag das Tier auf Hildes Kopfkissen. Zusammengerollt, der geringelte Schwanz über der Nase, die Atemzüge tief und gleichmäßig.
Heinrich blieb stehen. Das Kissen. Dieses verflixte Kissen, das er seit drei Jahren nicht angefasst, nicht weggeräumt, nicht angesehen hatte. Auf dem noch ihr Geruch war, ganz schwach, so schwach, dass er ihn vielleicht nur erfand.
„Runter da“, sagte Heinrich. Seine Stimme war heiser. Der Kater öffnete ein Auge und schloss es wieder. Als wolle er sagen: Du weißt doch selbst, dass du das nicht ernst meinst.
Heinrich setzte sich auf seine Bettkante. Schaute auf das Tier, das so selbstverständlich da lag, als hätte es nie einen anderen Platz gegeben. Und er wusste nicht, ob er heulen oder lachen sollte. Er tat keins von beidem. Er ließ den Kater schlafen.
Am nächsten Tag kaufte er eine Dose Nassfutter. Die billigste, Eigenmarke vom Drogeriemarkt an der Ecke. Dreißig Cent. An der Kasse schob er sie der jungen Kassiererin hin, als müsse er sich für den Kauf rechtfertigen.
„Draußen zugelaufen“, brummte er.
Die Kassiererin nickte. „Passieren die besten Dinger, die Zugelaufenen.“ Heinrich gab keine Antwort. Aber zu Hause rief er, während er die Dose aufriss: „Komm her, Fritz!“
Der Name war einfach so aus seinem Mund gefallen.
Fritz blieb. Der Kater kam und ging, wie es ihm passte. Morgens um sieben stupste er Heinrichs Kinn an. Sanft, mit der feuchten Nase. Wenn Heinrich nicht reagierte, kam eine Pfote. Leicht, ohne Krallen. Heinrich hasste es.
Um Viertel nach sieben war er zum ersten Mal seit Jahren vor dem Wecker wach.
Fritz lag auf dem Sessel ihm gegenüber, wenn Heinrich das Regionalblatt las. Nicht auf dem Boden, nicht auf dem Sofa – auf Hildes Sessel, dem zweiten in der Ecke, der seit ihrem Tod eine verbotene Zone war. Heinrich hatte ihn nie weggeräumt. Jetzt lag Fritz darauf und der Sessel war wieder belegt. Die verbotene Zone war bewohnt.
Eines Abends erzählte Heinrich ihm von der Bank am Spielplatz. Dass die Linde gefällt worden war, an der sie 1987 ihr erstes Picknick gemacht hatten. Dass der neue Baum viel zu klein war und die alten Leute jetzt in der prallen Sonne saßen. Fritz hörte zu, schnurrte und leckte sich die Pfote. Heinrich redete weiter.
Ab November kam das Spezialfutter. Fritz erbrach das Billigzeug. Also stellte Heinrich die Dose in den Schrank und ging in die Tierhandlung – ein schmaler Laden in der Altstadt, mit Holzregalen und einem Besitzer, der selbst aussah wie ein gemütlicher Kater. Er kaufte sensible Kost, Lachs und Kartoffel, sechzehn Euro der Kilobeutel.
„Na fein, Hoheit“, sagte er, als er den Napf füllte. Fritz schlang das Futter und Heinrich schaute auf den Preisaufkleber und rechnete im Kopf. Fünfzehn Euro vierzig hatte er für sein eigenes Abendessen ausgegeben. Für die ganze Woche.
Im Dezember kam der Anruf von Sandra. Heinrich saß mit Fritz auf dem Sofa – der Kater auf seinem Schoß, ein warmes Gewicht – und erzählte beiläufig von ihm.
„Du hast eine Katze?“, fragte Sandra. Ihre Stimme klang amüsiert. „Du, der nie Tiere im Haus haben wollte?“
„Ist halt so gekommen. Er heißt Fritz.“
„Fritz! Süß. Na, wenigstens hast du jetzt jemanden zum Reden, Papa.“
„Ja“, sagte Heinrich. „Wenigstens das.“ Er legte auf, und es war kein Trost in dieser Bemerkung gewesen.
Zwischen den Jahren, als der Himmel bleiern war und die Fenster voller Raureifblumen, fraß Fritz plötzlich nichts mehr. Das Futter blieb stehen, trocknete an, fing an zu riechen. Fritz lag auf Hildes Sessel und atmete flach. Seine Flanken hoben und senkten sich schnell, zu schnell. Die Augen waren matt, das Fell stumpf. Kein Schnurren mehr, keine feuchte Nase am Morgen.
Heinrich rief in der Tierklinik an. „Machen Sie sich auf den Weg“, sagte die Frau am Telefon. „Wir sind bis sechs da.“ Die Klinik lag in einem Gewerbegebiet, zwanzig Minuten mit dem Bus. Heinrich hatte keinen Führerschein mehr.
Er packte Fritz in einen alten Wäschekorb mit Deckel, legte Hildes Flanellnachthemd hinein und trug das Gefährt zur Haltestelle. Es nieselte, die Busheizung war kaputt, und durch die Maschen des Korbs glotzte Fritz ins Leere.
Die Tierärztin hieß Doktorin Bremer und war vielleicht fünfunddreißig. Heinrich traute ihr sofort nicht, weil sie kein Ring am Finger war. Seine Hilde hatte immer gesagt, man solle Ärzten vertrauen, aber nur, wenn sie wüssten, was Familie bedeutet. Doktorin Bremer tastete Fritz’ Bauch ab. Sie redete wenig, holte ein Ultraschallgerät, fuhr mit dem Schallkopf über das rötliche Fell. Ihr Gesicht blieb ruhig. Zu ruhig.
„Eine Raumforderung im Darm“, sagte sie. „Wir müssen operieren. Sonst…“ Sie sprach nicht weiter.
„Kosten?“
„Alles zusammen, mit Narkose und Nachsorge: rund achthundert Euro.“
Achthundert Euro. Heinrichs Rente betrug neunhundertzwanzig Euro im Monat.
Er nickte, nahm den Wäschekorb und ging.
Vor der Kliniktür holte er sein Handy hervor – dieses verwünschte Smartphone, das Sandra ihm zu Weihnachten geschenkt hatte und das er nur für Anrufe benutzte. Zweimal tippte er daneben, bevor er ihre Nummer hatte.
„Papa? Ist was passiert?“
Er erklärte es. Er hörte sich selbst zu, während er sprach. Wie er von dem Kater redete, von der Operation, von achthundert Euro. Seine Stimme klang fremd zwischen den Plakatwänden und den taubenassen Parkbuchten am Rand des Gewerbegebiets.
Sandra seufzte. „Papa. Achthundert Euro. Für einen wildfremden Kater, der dir zugelaufen ist.“ Sie machte eine Pause. „Ich mein, ich versteh ja, dass du ihn gern hast. Aber wenn er stirbt, holst du dir halt einen neuen. Im Tierheim sitzen Dutzende, die ein Zuhause suchen.“
Heinrich hörte die Kälte nicht in ihrer Stimme, sondern in ihrer Vernunft. In dieser erwachsenen, praktischen, unangreifbaren Vernunft.
„Er ist nicht wildfremd“, sagte Heinrich. Seine Kehle war trocken. „Er heißt Fritz. Und er liegt auf Hildes Sessel.“ Er drückte auf den roten Hörer, bevor Sandra antworten konnte. Eine Geste, die er nie beherrscht hatte. Früher hätte er die Klappe zugeknallt. Jetzt drückte er auf ein gläsernes Symbol. Es fühlte sich an wie nichts.
Zu Hause setzte er sich neben den Sessel auf den Boden. Der Rücken tat weh, die Knie auch. Fritz hob mühsam den Kopf und ließ ihn wieder sinken. Heinrich legte eine Hand auf den warmen, flach atmenden Bauch.
„Achthundert Euro“, sagte er. „Meine halbe Welt für einen Kater.“ Fritz schloss die Augen.
Heinrich dachte an Hilde. An ihre letzte Woche im Hospiz. An das Geld, das er damals ausgegeben hatte, ohne zu zögern. Für den Spezialtransport, für Medikamente, die nicht erstattet wurden, für frische Blumen jeden Tag, weil sie Blumen geliebt hatte, und für ein Einzelzimmer, in dem sie sterben konnte, während er ihre Hand hielt. Das Geld war nie zurückgekommen, und nie war ihm ein Cent davon leid gewesen.
Jetzt lag hier ein roter Kater auf dem Sessel seiner toten Frau. Und seine Tochter fand, achthundert Euro seien zu viel.
Am nächsten Morgen holte Heinrich das Geld. Er hatte es in einem alten Einmachglas hinter den Handtüchern aufbewahrt. Urlaubskasse für den Fall, dass Sandra mit ihm wegfahren wollte. „Wenn du mal groß rauskommen willst, Papa, musst du auch was zurücklegen.“ Zwölf Fünfzigeuroscheine, der Rest in Zwanzigern. Er steckte das Bündel in die Brusttasche seines Hemdes und fuhr mit dem Bus zurück zur Klinik.
Doktorin Bremer nahm das Geld, zählte nicht nach, schrieb eine Quittung und sagte: „Wir rufen Sie an, sobald er aus der Narkose aufwacht. Das kann ein paar Stunden dauern. Setzen Sie sich ins Wartezimmer, oder gehen Sie nach Hause, wenn Sie möchten.“
Heinrich blieb.
Er saß auf einem orangefarbenen Plastikstuhl vor einer Wand mit bunten Tierpostern und las jedes einzelne Wort. Impfempfehlungen. Wurmkuren. Zeckenprophylaxe. Zweimal las er den Zettel zur Entwurmung, ohne etwas zu verstehen. Er dachte an Sandra, die er vom Elternabend abgeholt hatte, während sie ihn anstrahlte und rief: „Papa, ich hab eine Eins in Mathe!“ Die ihm als Teenagerin in die Arme gefallen war, als ihr erster Freund Schluss gemacht hatte. Wann hatte sich das verloren? Wann war aus seiner Tochter eine Frau geworden, die mehr mit ihrer Terminkalender-App sprach als mit ihrem verwitweten Vater?
Nach drei Stunden und zwanzig Minuten ging die Tür auf. Doktorin Bremer lächelte, und Heinrich sah zum ersten Mal, dass sie eine Brille trug. Oder vielleicht hatte sie vorher keine getragen, und jetzt schon.
„Alles gut gegangen. Die Raumforderung war gut abgrenzbar, wir konnten sie komplett entfernen. Fritz ist stabil. In ein paar Wochen ist er wieder der Alte.“ Sie streckte ihm die Hand hin, und Heinrich drückte sie, ohne nachzudenken. „Ihr Kater hat gekämpft. Sie müssen ihm nur die Zeit geben, die er braucht.“
Heinrich nickte und nickte. „Danke“, sagte er und wischte sich mit dem Ärmel über die Augen. „Die Heizung hier ist zu hoch eingestellt. Bekomme ich immer gleich trockene Augen von.“
Doktorin Bremer antwortete nicht darauf. Sie hatte ein Gesicht, das nicht antworten musste.
Als Heinrich den Wäschekorb mit dem schlafenden Kater zur Bushaltestelle trug, war der Nieselregen in Schnee übergegangen. Dicke, nasse Flocken, die auf dem Korbdeckel schmolzen. Der Busfahrer sagte: „Na, was haben wir denn da?“
„Einen Kämpfer“, sagte Heinrich.
Heinrich trug Fritz ins Schlafzimmer und legte ihn auf Hildes Kissen. Der Kater war noch benommen, die Augen nur halb geöffnet, der rasierte Bauch rosa verschorft, der Halskragen aus Plastik scharrte leise auf dem Bezug. Heinrich zog den Sessel aus dem Wohnzimmer vors Bett und setzte sich hinein. Er schlief die ganze Nacht dort, im Sitzen, mit einem Kissen in der Schulterbeuge.
Zwei Nächte blieb er im Sessel neben dem Bett. Am dritten Morgen stupste ihn eine feuchte Nase am Daumen an. Fritz stand schwankend vor dem Sessel und sah zu ihm hoch. Heinrich nahm ihn vorsichtig ins Bett und deckte ihn mit dem Flanellnachthemd zu. Diesmal schliefen sie beide auf Hildes Seite.
Die Genesung dauerte. Fritz fraß wieder, erst einen Teelöffel, dann zwei, dann den ganzen Napf. Heinrich ging zu Fuß zum Drogeriemarkt und kaufte eine Dose mit Lamm und Reis. An der Kasse sagte er nichts mehr von „zugelaufen“. Die Kassiererin fragte: „Alles gut mit ihm?“
„Alles gut“, sagte Heinrich. „Er frisst wieder.“ Und dann, ohne zu wissen warum: „Er schläft auf dem Kissen meiner Frau.“ Die Kassiererin lächelte und gab ihm das Rückgeld. Heinrich sah, dass sie zwei Ringe trug.
Ende Januar kam ein Brief von Sandra. Ein richtiger Brief, handgeschrieben, mit Briefmarke und Adresse von ihrer Firma in Düsseldorf. Heinrich riss ihn auf und las im Stehen an der Wohnungstür.
*Papa, ich habe einen Scheck beigelegt. 800 Euro. Du denkst vielleicht, das ist wegen schlechtem Gewissen. Ist es auch. Aber nicht nur. Tante Margret hat mir erzählt, dass Du letzten Winter Deine Urlaubskasse angerührt hast. Dass Du immer sagtest, „Hilde hat das Geld beiseitegelegt, falls meine Tochter mich mal wegbringen will.“ Sie hat auch erzählt, dass Fritz auf Mamas Sessel schläft und Du auf dem Boden sitzt, wenn er krank ist. Und dass Du ihn nicht „der Kater“ nennst, wenn Du mit ihm redest.*
*Papa, ich habe begriffen, dass es bei dem Geld nie um Geld ging. Es ging darum, dass da etwas ist, das Dich am Leben hält. Und dass ich zu sehr mit meinem eigenen Leben beschäftigt war, um es zu sehen. Das möchte ich ändern. Kommst Du im Februar? Wir könnten zusammen Urlaub machen. Einfach so. Mit Fritz, falls er mit dem Zug fahren mag. Oder ich komme zu Dir und wir machen Tagesausflüge. Sag Bescheid.*
*Deine Sandra*
Heinrich stand lange im Flur. Dann ging er ins Wohnzimmer, wo Fritz auf Hildes Sessel lag und ihn durch halbgeöffnete Augen beobachtete.
„Deine Oma hätte dir gefallen“, sagte Heinrich. Er setzte sich auf den Sessel daneben – seinen eigenen – und legte die Beine auf den Couchtisch. Die Sitzfläche knarrte leise unter seinem Gewicht. Seit zwanzig Jahren benutzte er diese Fußstütze nicht mehr. Fritz sprang von Hildes Sessel herunter, sprang auf seinen Schoß und rollte sich ein. Der Halskragen war längst weg. Am Bauch wuchs das Fell nach, weich und neu.
Heinrich überlegte, ob er Sandra anrufen sollte. Dann nahm er Papier und Kugelschreiber. *Liebe Sandra,* schrieb er, *danke für den Scheck. Fritz ist übrigens kein „er“. Der Tierarzt sagt, es ist eine Puppe mit Kater. Ich nenne ihn trotzdem weiter so, er weiß es ja nicht besser. Wäre schön, wenn Du im Februar kämst. Ich mache Pfannkuchen. Gruß, Papa.*
Er las den Brief zweimal und strich die Anführungszeichen um „er“ wieder durch. Dann leckte er die Briefmarke an und klebte sie auf den Umschlag.
Draußen fiel leiser Schnee. Im Wohnzimmer war es warm, und Fritz schnurrte gegen Heinrichs Knie. Der Fernseher blieb aus.




