Die Champagnerflöten funkelten im sanften Licht der Kronleuchter, als Larissa von Hagen ihr elfenbeinernes Seidenkleid glatt strich und sich mit einem zufriedenen Lächeln an die Spitze der festlichen Tafel setzte. Der Berliner Salon war bis auf den letzten Platz gefüllt — hohe Beamte, ihre juwelenschweren Frauen, ein Staatssekretär, der gerade von einer Chinareise zurückgekehrt war. Das Gespräch plätscherte gedämpft unter der Stuckdecke.
Am anderen Ende des Raumes, halb verdeckt von einer schweren Samtportiere, stand eine ältere Frau. Ihre Stiefel waren am Saum noch feucht vom abendlichen Nieselregen, in den Händen hielt sie eine schlichte Stofftasche. Sie hatte einen leicht muffigen Geruch mitgebracht, den Geruch von altem Regen und nassem Wollstoff, und ihre Augen suchten etwas — jemanden — in der glitzernden Versammlung. Sie war vor fünf Minuten durch den Lieferanteneingang gekommen, nachdem ihr ein junger Sicherheitsmann die Tür geöffnet hatte, verwirrt von ihrer Hartnäckigkeit.
Larissa bemerkte die Gestalt in dem abgetragenen blauen Mantel sofort.
Mit einer kaum merklichen Handbewegung bedeutete sie dem Kellner, der mit einer Platte marinierter Jakobsmuscheln an ihrer Seite stand, innezuhalten. Dann, ohne den Kopf zu wenden, formte sie mit ihren lackierten Lippen einen einzigen, scharfen Satz: „Wer hat die hier reingelassen?“
Ihr Stellvertreter, ein Mann mit dem stets angedeuteten Bückling eines Untergebenen, folgte ihrem Blick und erbleichte. „Ich… sie muss sich vorbei geschlichen haben, Frau von Hagen. Ich kümmere mich sofort —“
„Nein.“
Larissa hob ihr Glas. Das Klirren eines Löffels gegen Kristall ließ die Gespräche verebben. Vierzig verwirrte Gesichter wandten sich ihr zu.
„Meine Lieben, ich muss mich bei Ihnen entschuldigen“, sagte sie mit einer Stimme, glatt und kalt wie geschliffenes Glas. „Wir hatten heute Abend einen kleinen… Verstoß gegen die Kleiderordnung. Ein Teil des Personals hat offenbar vergessen, wo sein Platz ist.“
Ihr Zeigefinger richtete sich auf die alte Frau, die unter den Blicken erstarrte. Ein nervöses Lachen lief um den Tisch. Nur eine junge Frau mit Bürstenhaarschnitt, eine Journalistin, die man eingeladen hatte, um positive Berichterstattung zu bekommen, runzelte die Stirn und setzte ihr Glas ab.
„Kommen Sie her“, sagte Larissa. Ein dienstbarer Wink.
Die alte Frau rührte sich nicht. Ihr Griff um die Stofftasche wurde fester.
„Ich… ich glaube, es liegt ein Missverständnis vor“, sagte sie, den Kopf hoch erhoben, obwohl ihre Stimme zitterte. „Ich heiße Elke Mahler. Ich bin —“
„Sie sind hier, um sauberzumachen“, schnitt Larissa ihr das Wort ab. Sie stand auf, ging die wenigen Schritte, die sie trennten, die Stöckelschuhe klackten laut auf dem Parkett. „Das ist nun wirklich nicht der richtige Zeitpunkt für einen Vortrag. Sehen Sie sich doch an. Meine Gäste und ich haben noch eine halbe Stunde bis zum Hauptgericht, und ich möchte nicht, dass irgendjemandem der Appetit verdorben wird. Also —“ sie griff nach einem halb leeren Sektglas vom Tisch und drückte es der alten Frau in die Hand, „— stellen Sie das weg, holen Sie einen Lappen, und beseitigen Sie den Schmutz von den Fliesen, bevor Sie in Ihrer Putzkammer verschwinden. Habe ich mich klar ausgedrückt?“
Dabei ließ sie das Glas los. Es fiel nicht. Die alte Frau hielt es umklammert. Ihr Mund öffnete sich, aber es kam kein Ton. Tränen sammelten sich in ihren Augen, und Larissa sah zu, wie die erste langsam die faltige Wange hinunterlief, mit dem Ausdruck höflichen Ekels, den man einem unangenehmen Geruch entgegenbringt.
„Und beeilen Sie sich“, flüsterte Larissa. „Wir sind hier nicht auf einem Wohltätigkeitsball für gescheiterte Existenzen. Die Pelzmäntel meiner Gäste haben mehr wahren Wert als Ihre gesamte Lebensleistung, das ist mir klar. Aber heute Abend werde ich Sie dafür bezahlen, dass Sie die Klappe halten und saubermachen, wie eine gute Putzfrau es tun sollte. Also los.“
Die Schnappatmung der alten Frau war das einzige Geräusch im Raum. Sie zitterte jetzt so stark, dass das Glas in ihrer Hand gefährlich klirrte. Die Journalistin warf ihre Serviette auf den Tisch, als ob sie aufstehen würde, aber die Hand ihres Begleiters auf ihrem Arm hielt sie zurück. Niemand sagte ein Wort.
Und dann flog die große Doppeltür zum Salon auf.
Mit solcher Wucht, dass die Angeln ächzten und der Luftzug die Kerzenflammen zum Tanzen brachte. Ein Mann in einem elegant geschneiderten anthrazitfarbenen Anzug stand im Rahmen. Er war groß, breitschultrig, Ende dreißig, und wer ihn kannte, wusste, dass er nie, unter keinen Umständen, seine öffentliche Fassung verlor. Er verhandelte mit Konzernchefs, die beim Klang seines Namens zitterten.
Jetzt sah er aus, als hätte man ihm ein Messer zwischen die Rippen gestoßen.
Sein Blick strich zuerst über die Gäste, dann über das gefallene Glas auf dem Boden, die erstarrte Szene. Über das selbstgefällige Gesicht seiner Frau. Und dann fand er die alte Frau.
Seine Gesichtszüge zerfielen.
„Mama?“
Nur ein Wort. In eine Stille hinein, die so dicht war, dass man sie hätte schneiden können. Er war in drei Schritten bei ihr. Seine Hände, diese Hände, die Verträge über Millionenbeträge unterzeichneten, schlossen sich um die zitternden Finger seiner Mutter, nahmen ihr sanft das halb leere Glas ab und stellten es auf den Tisch, ohne den Blick von ihrem Gesicht zu wenden.
„Kaspar…“, flüsterte Elke Mahler. Die Tränen liefen jetzt ungehindert. „Ich wollte dir doch nur… dein Geburtstagsgeschenk bringen. Du hast gesagt, dein Handy sei kaputt und ich sollte einfach… es war die letzte Maschine aus Cuxhaven, ich dachte, ich komme vorbei…“
Erst da sahen alle die Stofftasche. Sie rutschte von ihrer Schulter und gab den Blick auf ein liebevoll in Zeitungspapier eingewickeltes Päckchen frei. Ein aufgemaltes Schildchen an der Seite: *Für Kaspar, alles Gute zum 38. — in Liebe, deine Mutter.*
Larissa stand da. Ihr ganzer, perfekt geschminkter Stolz war das einzige, was sie noch aufrecht hielt. Sie befeuchtete ihre Lippen. Sie versuchte zu lächeln. Es gelang ihr nicht. Der Versuch, sich in den nächsten Satz zu retten, war so erbärmlich offensichtlich, dass einige Gäste den Blick abwandten. „Kaspar, mein Schatz, ein schreckliches Missverständnis, offenbar… sie kam ohne Anmeldung und in diesem Aufzug —“
Ihr Mann hob eine Hand, ohne sie anzusehen. Eine kurze, abrupte Bewegung. Sie hielt inne, als hätte man sie geschlagen.
Er zog seine Mutter sanft an sich. Ihre knochigen Schultern bebten an seiner Brust. Er hielt sie eine volle Minute lang, den Blick jetzt auf seine Frau gerichtet, und was darin lag, war kälter als jeder Winter auf dem Land, aus dem er kam. Eine Kälte, die nicht aus Wut bestand, sondern aus einem Entschluss. Das war der Bruch, und jeder im Raum wusste es.
„Verzeih mir, Mama“, murmelte er in ihr graues Haar, bevor er sich an die versteinerten Gäste wandte. Seine Stimme war fest und hallte durch den gesamten Salon, eine Eiseskälte, die die vorangegangene Arroganz seiner Frau wie eine billige Theaterpose erscheinen ließ. „Hiermit ist die Feier beendet. Ich danke Ihnen für Ihr Kommen— oder vielmehr dafür, dass Sie Zeugen dieses Schauspiels wurden, das so tief unter Ihrer Würde ist, wie es mir unter meiner ist, Sie dafür um Entschuldigung zu bitten. Bitte finden Sie selbst hinaus, es wird Ihnen niemand mehr Ihre Mäntel reichen. Das Personal hat frei. Für immer.“
Die ersten Stühle scharrten bereits, als Kaspar seiner Mutter die schwere Tür aufhielt. Draußen, im Gang zum privaten Aufzug, stand plötzlich die Journalistin mit dem Bürstenhaarschnitt vor ihnen. Ihr Atem ging stoßweise, ihr Handy in der Hand war schwarz — sie hatte es ausgeschaltet. Das war in ihrem Beruf ein Akt der Selbstverleugnung, der Kaspar kurz innehalten ließ. „Herr von Hagen. Ich… ich möchte das nicht schreiben. Ich möchte nicht, dass das jemand schreibt. Ich möchte, dass Sie das wissen. Ich habe meinen Job heute Abend riskiert, weil ich nicht aufgestanden bin. Ich habe fünf Minuten gebraucht, und die schämen mich so sehr, wie ich mich noch nie in meinem Leben geschämt habe. Es tut mir aufrichtig leid.“ Sie sah Elke Mahler an, mit einem Blick, der brannte. „Sie haben einen wunderbaren Sohn, Frau Mahler. Das tut mir leid. Bitte verzeihen Sie uns allen.“ Und sie wandte sich ab und ging den langen Gang hinunter, die Absätze fest und schnell auf dem Marmor.
Kaspar sah ihr einen Moment nach. Dann schloss er langsam die Tür zum Salon, durch die man noch das erstickte, wütende Flüstern Larissas hören konnte, die vergebens versuchte, die Situation vor den letzten verbliebenen Gästen zu erklären. Er hörte nicht mehr zu.
„Komm, Mama. Wir fahren zu mir in die Stadtwohnung. Ich mache uns beiden eine heiße Schokolade, und du erzählst mir von Cuxhaven. In Ruhe. Ganz in Ruhe. Ohne… Personal.“
Elke Mahler nickte. Ihre Tränen trockneten auf dem Weg nach draußen, wo der Regen aufgehört hatte und ein alter Chauffeur für sie die Tür aufhielt. Bevor sie in die Nacht hinaustraten, blieb Kaspar stehen, zog das Päckchen aus der Tasche seiner Mutter und öffnete es. Es war ein handgestrickter Schal. Marineblau. Aus der Wolle der Schafe vom Nachbarshof, wo er als Junge immer gespielt hatte.
Er legte ihn sich um den Hals. Sofort. Mitten im Nieselregen, vor dem erleuchteten Portal der Villa, die er mit einer Frau geteilt hatte, deren Seele so kalt war wie der Marmor ihrer Böden.
Der alte Chauffeur sah ihn schweigend an und nickte dann, einmal. Ein Einverständnis ohne Worte. Es war der letzte Abend, an dem Kaspar von Hagen dieses Haus betrat.
Larissa saß unterdessen allein in dem leeren Salon, das Klicken des Sicherheitsschlosses noch in den Ohren. Vor ihr standen die Überreste des Menüs, die halb vollen Gläser, eine liegengelassene goldene Puderdose einer Dame, die geflohen war. Sie sah auf ihr Spiegelbild im blankpolierten Tisch. Die teuren Möbel, die Kronleuchter, die Antiquitäten an den Wänden — alles stumm, alles starrte sie an. Sie streckte die Hand nach einer halb leeren Champagnerflasche aus, aber sie berührte sie nicht. Es gab nichts zu feiern. Zweiundzwanzig Minuten später fand sie ihr Hausmädchen in der Küche, packte deren Tasche und drückte ihr die Hand. Ein letzter Rest von etwas Menschlichem, das in ihr noch nicht erstickt war. Die Geste war unbeholfen, fast verzweifelt, und das Mädchen zuckte zurück, bevor sie das Geld nahm und ging. Larissa blieb im Türrahmen stehen, in ihrem tausend Euro teuren Kleid, und starrte auf den Küchenboden, auf dem sie vor Stunden noch herumkommandiert hatte. Das Licht war aus. Sie knipste es nicht an.




