Die letzte Nachtigall von Spessart

Der Kater nahm kein Brötchen mehr. Nicht am ersten Tag, nicht am zweiten, und am dritten Morgen schob Helga Wendel die Schale mit dem fein zerkleinerten Hühnchen unter den Küchentisch, kniete sich schwerfällig hin und flüsterte: „Amalia, mein Schatz. Nur ein Häppchen. Für mich.“ Aber das schwarze Fellbündel rührte sich nicht. Die grünen Augen starrten irgendwohin, wo kein Fenster war und keine Wand, sondern nur die glatte, stille Luft der Riemer Altbauwohnung in München-Schwabing.

Silke stellte ihre Kaffeetasse so hart auf den Tresen, dass der Löffel schepperte. „Mama, jetzt hör auf. Du verwöhnst das Vieh noch zu Tode. Wenn sie Hunger hat, frisst sie schon.“ Die Frau, Mitte vierzig, Anwältin für Wirtschaftsrecht, trug schon den Hosenanzug, obwohl Samstag war. Alles an ihr war gerade Linie, selbst die Sorge klang wie eine Anordnung.

Helga antwortete nicht. Sie strich mit dem rauen Daumen über den Katerrücken und spürte jedes einzelne Wirbelknöchelchen. Amalias Fell war stumpf geworden, wie alter Samt, der zu lange in der Sonne gelegen hatte. In Gedanken sah sie das Tier, wie es vor zwei Wochen noch zwischen den Johannisbeersträuchern in ihrem Garten im Spessart gesessen hatte, den Kopf schief gelegt, die Pfote erhoben, eine perfekte kleine Jägerin vor dem Sprung.

Jetzt lag sie da, atmend, aber abwesend.

Der Tierarzt, zu dem sie schließlich fuhren, praktizierte in einem Hinterhof in der Regerstraße. Doktor Hess war ein alter Mann mit gelblichen Fingern vom Kettenrauchen, aber die Hände, die er auf die Katze legte, waren ruhig und warm. Sein Sprechzimmer roch nach Jod und nassem Hund, und während er Amalia abtastete, sprach er kein Wort.

Silke tippte auf ihrem Handy herum. Helga saß auf dem wackligen Besucherstuhl, die Handtasche fest auf den Knien, und wagte kaum zu atmen.

Schließlich nahm Doktor Hess das Stethoskop aus den Ohren. „Lunge und Herz sind in Ordnung. Keine Verhärtungen im Bauchraum. Keine Parasiten. Ihr Kater ist organisch kerngesund.“

„Aber sie frisst nichts! Seit drei Tagen!“ Helgas Stimme kippte.

Der Arzt lehnte sich zurück und sah sie an – nicht die Katze, sondern sie, die alte Frau mit den wasserblauen Augen, die im viel zu neuen Mantel dasaß. „Frau Wendel, Sie sind zugezogen, nicht wahr?“

Die Frage kam so unerwartet, dass Helga zusammenzuckte. „Ja. Vor vierzehn Tagen. Ich… meine Tochter hat mich zu sich geholt.“

„Katzen sind Reviertiere. Nicht Menschen sind ihre Heimat, sondern Orte. Gerüche. Das knarzende Brett an der dritten Stufe. Der bestimmte Ast vor dem Küchenfenster, auf dem die Amsel sitzt. Wenn man das alles von einem Tag auf den anderen entfernt, passiert so etwas.“ Er kraulte Amalia unter dem Kinn. Das Tier gab ein winziges, heiseres Geräusch von sich, kein Schnurren, eher ein Echo davon.

„Das kann ja wohl nicht wahr sein.“ Silke steckte das Handy ein. „Dann soll ich die Katze wegen einem knarzenden Brett verenden lassen? Ich habe extra diesen automatischen Futterspender gekauft, mit Timer und Kühlakku. Das Beste vom Besten. Und das Ding frisst es nicht!“

„Das Ding heißt Amalia“, sagte Helga leise.

Doktor Hess ignorierte Silke. „Haben Sie etwas aus dem alten Haus mitgebracht? Eine Decke? Einen Korb, den sie mochte?“

„Meine Tochter meinte, das alte Zeug passt nicht in die neue Wohnung. Alles sollte frisch sein, modern. Sie hat ihr ein Designer-Katzenbett bestellt. Aus Italien.“ Helga sprach die Worte aus, als wären es Beweisstücke eines Verbrechens.

Der Arzt stand auf, ging zum Fenster und öffnete es einen Spalt weit. Kühle Märzluft wehte herein, zusammen mit dem Geräusch von Straßenbahn und Müllabfuhr. „Ich will Ihnen eine Geschichte erzählen. Vor vielen Jahren kam eine alte Dame zu mir, mit einem Papagei. Das Tier rupfte sich alle Federn aus und schrie jede Nacht. Die Dame war gerade aus Thessaloniki nach Berlin gezogen, zu ihrem Sohn. Sie sagte, sie wolle nur noch nach Hause. Nicht nach Griechenland, sagte sie. Sondern in ihre Straße, wo der Jasmin blüht und der Bäcker ihren Namen weiß. Der Papagei hat es überlebt. Die Dame ist zwei Monate später an gebrochenem Herzen gestorben.“ Er machte eine Pause. „So ein Blödsinn, sagte der Sohn damals zu mir. Sie hätte doch alles gehabt bei ihm. Eine Fußbodenheizung. Einen Lift bis vor die Wohnungstür.“

Im Raum wurde es sehr still. Silke starrte aus dem Fenster. Helga saß einfach nur da, und etwas in ihrem Gesicht veränderte sich, als hätte jemand eine Jalousie hochgezogen und Licht auf etwas fallen lassen, das lange im Dunkeln gelegen hatte.

„Das mit dem knarzenden Brett“, sagte Helga schließlich, und ihre Stimme zitterte nicht mehr. „Das war die dritte Stufe der Kellertreppe. Ihr Lieblingsplatz. Da hat sie immer gesessen und auf mich gewartet, wenn ich die Äpfel geholt habe. Und der Ast vor dem Fenster, der ist vom Birnbaum. Ein alter Williams-Christ-Baum. Den hat mein Mann gepflanzt, vor vierzig Jahren. Jeden Herbst haben wir Früchte davon eingekocht. Nach seinem Tod habe ich das allein gemacht. Aber Silke mag keine Birnen, und die Kinder auch nicht, und überhaupt…“ Sie winkte ab, als wäre das alles eine ungeheure Belanglosigkeit, aber ihre Augen glänzten.

„Mama.“ Silkes Tonfall war nicht mehr der der Anwältin. Er klang dünn und ein bisschen hilflos. „Ich wollte doch nur, dass du es gut hast. Du bist fast achtzig. In dem alten Haus ohne richtige Heizung, im Winter die Zufahrt vereist, und wenn was passiert, bin ich zwei Stunden entfernt mit dem Auto. Das war doch alles bloß Sorge um dich. Kein Gefängnis!“

„Weißt du“, Helga drehte sich zu ihrer Tochter um, und zum ersten Mal, seit sie die Tür zu dieser makellosen Altbauwohnung aufgeschlossen hatte, sah sie ihr wirklich direkt in die Augen, „weißt du, was ich jeden Morgen getan habe, bevor ich überhaupt die Zähne geputzt habe? Ich bin auf die Terrasse raus, in meinen alten Pantoffeln, egal ob's geregnet hat oder nicht. Ich habe die Luft eingesogen, so tief, dass es in der Brust weh tat. Und wenn der Nebel über der Wiese lag und die Nachtigallen anfingen, da hab ich mir gedacht: Hier gehörst du hin. Hier hast du mit Franz gelebt. Hier willst du auch sterben. Und dann kamst du jeden zweiten Sonntag mit dem Max und der kleinen Emma, und wir haben Kuchen gegessen im Garten. Das war mein Leben. Nicht das Warten auf den Tod in einer Wohnung, wo ich die Fenster nicht öffnen darf, weil der Straßenlärm die Katze erschreckt.“

„Ich öffne die Fenster!“ Silkes Stimme kippte erneut. „Du darfst alles. Alles. Ich dachte… Nachbarschaftshilfe, Seniorentreff, die Isar ist gleich um die Ecke… Du könntest doch…“

„Könnte. Sollte. Müsste. Alles deine Wörter, Schatz. Ich hab das nie gesagt. Ich hab nur Ja gesagt, weil du so gedrängt hast und so ein schlechtes Gewissen hattest, dass du so weit weg wohnst und ich allein bin. Aber die Einsamkeit in einem fremden Haus, Silke, die ist viel schlimmer als die Einsamkeit im eigenen. Im eigenen ist man nie wirklich allein. Da sind die Erinnerungen. Da sind die Vögel. Da ist der Birnbaum.“ Sie atmete aus und griff nach der Transportbox mit der schlafenden Amalia. „Ich fahre nach Hause. Morgen. Mit dem Zug. Und wenn du mich davon abhalten willst, dann musst du mich einsperren. Aber dann fressen wir beide nichts mehr. Ich und die Katze. Du kannst ja dann deinen Doktor Hess fragen, ob er ein Mittel hat gegen ein Heimweh, das sich durch nichts bestechen lässt, auch nicht durch italienische Designerbetten und eine Fußbodenheizung im Gäste-WC.“

Es war kein Streit, was folgte. Es war ein Zusammenbruch. Silke, die Frau, die noch nie im Leben einen Prozess verloren und noch nie vor ihrem Mandanten geweint hatte, setzte sich auf den speckigen Stuhl im Sprechzimmer und heulte wie ein kleines Mädchen, dem auf dem Jahrmarkt der Zuckerwagen davonfährt. Und mitten in diesem Weinen, das alles wegschwemmte – Stolz, Rechtschaffenheit, die Angst, eine schlechte Tochter zu sein –, mitten in diesem Weinen hörte sie die trockene Stimme ihrer Mutter sagen: „Komm doch einfach am Wochenende wieder raus. Bring die Kinder. Ich back dir einen Apfelkuchen. Mit Streuseln.“

Am nächsten Morgen, noch bevor die Sonne richtig über die Dächer Schwabings stieg, hob Helga die Transportbox von der Rückbank eines Taxis. Silke bestand darauf mitzufahren, wenigstens bis zum Hauptbahnhof. Während der Fahrt sagte sie nichts, hielt nur die Hand ihrer Mutter, die kalt und knochig war, und drückte sie manchmal, als wolle sie etwas per Morsecode übermitteln, für das ihr die Worte fehlten.

Am Gleis, als der ICE nach Aschaffenburg schon einfuhr, drückte sie Helga einen kleinen Beutel in die Hand. „Ist nur Proviant, falls das Bordrestaurant wieder so eine Zumutung ist.“ Ein belegtes Brot, eine Apfelschorle, ein Schokoriegel. Dinge, die man einer alten Frau gibt, die eine Reise antritt. Aber unter dem Brot lag auch eine zerknitterte Stoffmaus, an der ein vertrocknetes Stängelchen Katzenminze klebte. Das Spielzeug von Amalia, das Silke vor dem Umzug heimlich eingesteckt hatte, als Notfallmedizin, falls das Designerbett doch nicht angenommen würde.

Vier Stunden später schloss Helga die quietschende Gartentür ihres Hauses am Waldrand auf. Der Kater spürte es, noch bevor der Schlüssel ganz herumgedreht war. Ein Zittern lief durch den schwarzen Körper, dann ein langgezogenes, tiefes Maunzen. Helga ließ die Tür ins Schloss fallen und öffnete die Box auf dem vertrauten Fliesenboden der Küche. Das Tier schoss heraus, nicht ängstlich, nicht zögerlich, sondern zielstrebig, als hätte jemand einen Magneten eingeschaltet. Es rannte zur dritten Stufe der Kellertreppe, sprang hinauf, drehte sich viermal im Kreis und rollte sich zusammen. Die Augen fielen zu. Keine zehn Minuten später war ein leises, gleichmäßiges Schnurren zu hören, das sich anhörte wie ein kleiner, ferngesteuerter Motor, der endlich wieder ansprang.

Helga setzte sich an den Küchentisch, auf dem noch die abgestandene Tasse von ihrer letzten Kaffeezeremonie mit Franz stand, irgendwann im letzten Herbst, bevor alles anders wurde. Sie goss sich kaltes Wasser ein, trank es in einem Zug und lachte laut auf – ein Geräusch, das sie selbst erschreckte, so ungewohnt kam es aus ihrer Kehle, rau und rostig.

Draußen, im kahlen Geäst des Birnbaums, begann ein Vogel zu tirilieren. Es war noch zu früh im Jahr für Nachtigallen. Aber Zeit genug, um auf sie zu warten.

Sechs Wochen später parkte ein silbergrauer Audi Kombi in der Einfahrt. Silke stieg aus, auf der Rückbank zwei Kinder, die sofort mit Geschrei in den Garten stürmten. Max hatte ein Fischernetz in der Hand, Emma eine bunt bemalte Gießkanne. Amalia, mittlerweile wieder rund und glänzend, öffnete ein Auge, taxierte die Situation und verschwand mit einem eleganten Satz unter dem Johannisbeerstrauch. Man wusste ja nie.

Silke stand neben ihrer Mutter auf der Terrasse, sah zu, wie die Kinder über die Wiese tobten, und atmete tief ein. „Es riecht anders hier. Nach Erde. Und nach dem Fluss. Und irgendwie süßlich. Der Baum?“

„Die Linde. Hinter der Scheune. Blüht bald.“ Helga reichte ihr eine Tasse Kaffee, schwarz, stark, aus dem alten Emaille-Kännchen, das schon ihre Mutter benutzt hatte. „Und morgen backen wir Kuchen. Der Max will den mit den Streuseln, hab ich gehört. Emma hat sich Rhabarber gewünscht. Den holen wir frisch aus dem Beet, sie kann selbst ernten.“ Sie lächelte, zupfte unsichtbare Fussel von ihrer Kittelschürze und fuhr dann fort, in einem Tonfall, der keinen Widerspruch duldete, aber auch keinen brauchte: „Du bleibst im Gästezimmer. Ich hab frische Bettwäsche aufgezogen. Und der Doktor Hess hat für nächste Woche einen Termin für den Kater, nur zur Kontrolle. Du kannst ja mitkommen, wenn du magst. Er raucht zwar wie ein Schlund, aber er erzählt gute Geschichten.“

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Fajna Tajna
Die letzte Nachtigall von Spessart