Die Katze gebar im fremden Schuppen und verschwand. Zwei Wochen später kehrte sie zurück – mit einem humpelnden Kater und einem Geheimnis.

Anne-Marie Schulte wollte nur die alte Heckenschere aus dem Geräteschuppen holen. Es war Mitte Mai, die Forsythie wucherte wild, und sie fluchte leise über ihren Rücken. Sechsundsiebzig war kein Alter, um sich noch bücken zu müssen, dachte sie.

Das Licht im Schuppen war trüb. Sie griff nach der Schere, als sie ein leises Quieken hörte. Kein Mäuselaut – anders. In der hinteren Ecke, auf einem Stapel lumpiger, vergessener Decken, lag eine grau-schwarz gestromte Katze. Ihre Augen – grün, wachsam, aber nicht panisch – fixierten die Frau. An ihrem Bauch nuckelten drei winzige Kreaturen, blind und zitternd.

„Ach du meine Güte“, flüsterte Anne-Marie. Seit Herbert vor sechs Jahren gegangen war, hatte sie niemanden mehr so erwartungsvoll angesehen. Die Katze blinzelte. Sie fauchte nicht, sie duckte sich nicht – sie prüfte nur, was diese Hand mit der Schere als Nächstes tun würde.

Anne-Marie zog sich zurück, lehnte die Schuppentür nur an und humpelte ins Haus. Sie goss Milch in eine Untertasse, suchte ein Stück angeräucherten Lachs vom Vortag und kehrte zurück. Die Katze hatte sich kaum bewegt. Vorsichtig stellte sie das Essen auf einen alten Karton und trat zwei Schritte zurück. Die Katze wartete, bis der Zeigefinger der Frau aus ihrer Sicht verschwunden war, dann schlich sie heran und aß gierig, aber kontrolliert, und blickte immer wieder zu ihren Jungen.

Das wurde eine neue Routine. Abends statt Fernseher und dem Fünf-Minuten-Telefonat mit Tochter Katrin in Berlin – das immer mit „Ja, mir geht’s gut“ endete – ging Anne-Marie zum Schuppen. Sie brachte Hühnerfleischstreifen, später etwas Leberwurst. Die gestromte Mutter wurde runder, ihr Fell glänzte. Anne-Marie erwischte sich dabei, wie sie im Supermarkt die teuren Pasteten für Katzenbabys kaufte. Futter für drei Leben, die ihr nichts schuldeten.

Eine Woche nach dem Fund öffnete sie morgens die Schuppentür und sah: die drei Kleinen, aber keine Mutter. Die Milchschale unberührt. Ein Piepsen, das in ihren Ohren schmerzte. Sie wartete bis Mittag, bis Abend – nichts. Da kroch die Angst hoch: überfahren. Der Nachbar, Herr Krömer, fuhr seinen Traktor oft blind um die Ecke.

Anne-Marie kniete sich hin und hob die klammen Fellbündel auf. Sie erinnerte sich mit einem Ruck an den kleinen verletzten Spatz, den Markus mit sieben Jahren angeschleppt hatte. Damals hatte sie mit einer Pipette Wasser und Eigelb verabreicht. Nun nahm sie eine kleine Spritze ohne Kanüle, zog verdünnte Katzenaufzuchtmilch auf und verabreichte sie Tropfen für Tropfen in die winzigen rosa Mäuler. Es war zäh, sie schlief kaum, aber am dritten Tag tranken die Kätzchen schon selbständig aus einem flachen Schälchen.

Ihre Nachbarin Gabi Berger, eine praktische Frau mit Meisenringen und einem Gemüsegarten, stellte sich an den Zaun. „Du bist verrückt, Anne-Marie. Bring sie doch ins Tierheim nach Weiden.“

„Ihre Mutter ist vielleicht tot. Soll ich sie auch noch wegwerfen?“

Gabi zuckte mit den Schultern. „Du weißt, dass du nicht alle behalten kannst. Du hast doch schon mit dem Treppensteigen Probleme. Und im Winter…“

Anne-Marie schwieg. Gabi hatte recht. Drei Katzen würden zu viel sein. Ihr Sohn Markus aus Zürich würde schimpfen, die Enkelin war allergisch. Sie nickte zaghaft. „Ich bring sie nächste Woche weg. Versprochen. Nur noch, bis sie etwas kräftiger sind.“

Nachts lag sie wach, hörte das leise Tapsen auf der Veranda, wohin sie die Kätzchen in eine große Bananenkiste mit Handtüchern umquartiert hatte. Das Haus summte nicht mehr; es atmete wieder. Früher hatte Herbert hier im Sessel geschnarcht, der Fernseher lief. Jetzt nur das Ticken der Kuckucksuhr. Sie zog die Bettdecke enger und dachte an die leeren Schalen im Schuppen.

Der Morgen, an dem sich alles drehte, war ein Dienstag. Nebel hing im Tal, der Tau glitzerte auf den Brennnesseln. Anne-Marie ging in den Garten, um die verblühten Alpenveilchen zu gießen, und blieb wie angewurzelt stehen.

Am Gartentor saß die gestromte Katze. Abgemagert, das Fell stumpf und verfilzt, die Ohren zerkratzt. Aber sie saß aufrecht und machte dieses kurze, bestimmende „Mau“. Neben ihr, fast versteckt hinter den Hinterpfoten, kauerte ein fuchsroter Kater. Seine rechte Hinterpfote schleifte auf dem Stein, die Wunde eitrig gelb verkrustet. Er zitterte so stark, dass Anne-Marie ihn selbst aus drei Metern Entfernung klappern hörte.

„Du lebst ja“, stieß Anne-Marie aus. Sie ging langsam in die Hocke. Die Katze miaute fordernd und blickte dann ostentativ zum Tor, zurück zu ihr, wieder zum Tor. Dann lief sie zwei Schritte in den Feldweg hinein und drehte sich um. Der rote Kater humpelte panisch hinterher.

Ein kalter Schreck fuhr durch Anne-Maries Magen. Sie wollte das nicht. Sie hatte doch schon drei. Aber sie griff sich die Gummistiefel und folgte.

Die Katze führte zielstrebig durch drei Gärten, vorbei an Gabis Tomatengewächshaus, und direkt zum verlassenen Müllerhäuschen am Ortsrand. Das Dach war halb eingestürzt, die Fenster mit Brettern vernagelt. Unter der schiefen Veranda, zwischen modernden Balken, drängten sich zwei weitere Kätzchen – eines grau getigert, eines schwarz-weiß gefleckt – mit verklebten, halb geschlossenen Augen und aufgeblähten Bäuchen. Sie jammerten kaum noch. Körperschwache Wesen, die nur auf das Ende warteten.

Anne-Marie blieb der Atem weg. Sie spürte Tränen in den Augenwinkeln, aber sie fluchte nur: „Verdammt noch mal.“ Die gestromte Katze rieb sich an ihrem Gummistiefel und sah zu ihr auf, als hätte sie ein Geschäft abgeschlossen: Hier sind sie, deine neuen Patienten.

Sie brauchte zwanzig Minuten für zwanzig Meter. Sie hob die zwei kränkelnden Kätzchen in eine stabile Pappe, der rote humpelnde folgte von selbst, als wäre er nie etwas anderes gewohnt als diesen Schmerz. Die gestromte Mutter ging dicht neben ihr her, ohne einen Schritt davonzulaufen.

Die Veranda wurde zum Krankenlager. Tierarzt Dr. Meier aus Eschenbach kam, nähte die Pfote des Roten, gab Salbe für die Augen der anderen, spritze Antibiotika. „Der Rote wird ein steifes Bein behalten, aber er kommt durch. Eine Kämpfernatur.“ Anne-Marie nickte und zahlte in bar.

In den folgenden Tagen verbrachte sie Stunden auf der Veranda. Die gestromte Katze – sie taufte sie insgeheim nur „Muttertier“ – säugte nicht mehr, aber sie leckte alle vier Kätzchen, ohne Unterschied, ob eigen oder fremd. Als ob Blut wirklich keine Rolle spielte. Das schnurrende Geräusch durchdrang die Holzdielen und summte in Anne-Maries Brust.

Gabi kam mit einem Zucchinikuchen vorbei und starrte auf das wimmelnde Pelzlager. „Sechs Katzen? Anne-Marie, das ist kein Hobby mehr, das ist ein Gnadenhof.“

„Es sind nicht alle meine. Drei gebe ich weg, ich habe schon Anzeigen geschrieben.“

„Tatsächlich?“

„Na ja, den einen behalte ich vielleicht. Vielleicht zwei.“

Gabi lachte trocken. „Du wirst alle fünfe behalten. Ich kenn dich doch.“

Drei aus der Großfamilie fand Anne-Marie tatsächlich ein Zuhause: das kräftige schwarz-weiße Mädchen nahm die Tochter des Bäckers, den grauen wilden Kater ein junger Mann aus der Stadt. Nur den roten Kämpfer und die zwei anderen, stillsten Kätzchen – ein grau getigertes Weibchen und einen schwarz getigerten Kater – konnte sie nicht hergeben. Jedes Mal, wenn jemand kam, fand sie einen Grund: Der habe keine Ahnung, oder die Kinder würden das Tier quälen. Sie log nicht – sie vertraute einfach nicht.

An einem regnerischen Abend Ende September saß sie im Lehnstuhl auf der Veranda. Das Muttertier lag auf ihrem Schoß und schnurrte. Der rote Kater, mittlerweile kräftig und mit einem merkwürdig sympathischen Humpeln, schlief auf einem alten Sofakissen. Die zwei Geschwister hatten sich in der Bananenkiste zu einem Knäuel zusammengerollt. Ein Holz im Ofen knackte. Anne-Marie strich mit ihrem von Arthrose verkrümmten Finger über das gestromte Fell.

Im Oktober rief Sohn Markus an, er wolle überraschend aus Zürich kommen, nur für ein Wochenende. Sie dachte kurz an die Katzen, sagte aber nichts. Als er am Freitagnachmittag mit dem Mietwagen vorfuhr, war die Veranda warm, es roch nach Kaffee und Katzenfutter. Markus trat ein, blieb stehen und blinzelte. Vier junge Katzen – nein, drei und eine dicke Mutter – musterten ihn von verschiedenen Sitzplätzen aus.

„Mama… fünf? Wirklich?“

„Vier und eine“, korrigierte sie und goss ihm Kaffee ein. „Die eine da, die gestromte, ist die Chefin. Sie hat sie alle gebracht. Nicht alle sind ihre eigenen.“

Markus sah sich um. Der Rote humpelte herbei und stubste seinen Schuh an. Markus bückte sich und kraulte ihn reflexartig. „Und der humpelnde Rote?“

„Ein Findelkind. Das sie einfach mitgeschleppt hat. Er wäre gestorben ohne sie. Ohne uns.“

Markus schwieg lange. Er sah seine Mutter an – wie sie aufrechter saß, wie ihre Hände sachter, aber sicherer arbeiteten, wie ihre Wangen Farbe trugen. „Weißt du“, sagte er, „ich hab dich seit Jahren nicht mehr so gesehen. Anders als früher mit Papa, aber… du siehst gut aus.“

Anne-Marie lächelte und nahm die gestromte Katze auf den Schoß. Die begann zu schnurren, dieses tiefe, verlässliche Geräusch, das wie ein altes Radio klang, nur besser.

Sie sagte nichts mehr. Draußen rauschte der Regen. Drinnen war es voll.

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Fajna Tajna
Die Katze gebar im fremden Schuppen und verschwand. Zwei Wochen später kehrte sie zurück – mit einem humpelnden Kater und einem Geheimnis.