Als Säugling wurde er im Krankenhaus zurückgelassen. Vierzig Jahre später suchte er die Frau, die ihn geboren hatte…

Als Säugling wurde er im Krankenhaus zurückgelassen. Vierzig Jahre später suchte er die Frau, die ihn geboren hatte…

Martin Berger wusste lange nicht, wie es sich anfühlte, nach Hause zu kommen.

Im Kinderheim gab es feste Essenszeiten, feste Schlafenszeiten und feste Regeln.

Um halb sieben wurde geweckt.

Um sieben gab es Brot, Margarine und Tee.

Danach Schule.

Hausaufgaben.

Abendessen.

Bettruhe.

Alles war ordentlich geregelt.

Nur eines war nie sicher: ob jemand bleiben würde.

Manche Kinder wurden von Pflegefamilien abgeholt. Andere bekamen am Wochenende Besuch. Martin saß dann meistens am Fenster und tat so, als würde er lesen.

Er wollte nicht, dass jemand bemerkte, wie genau er jedes Auto beobachtete, das auf den Hof fuhr.

Vielleicht hatte es einen Irrtum gegeben.

Vielleicht kam doch jemand wegen ihm.

Es kam nie jemand.

Seine Mutter hatte ihn wenige Stunden nach der Geburt im Krankenhaus zurückgelassen. Im Bericht stand nur, sie sei siebzehn Jahre alt gewesen und habe keine Angehörigen angegeben.

Den Vornamen Martin hatte eine Krankenschwester ausgesucht.

Der Nachname Berger stammte aus einer Liste.

Als Kind stellte er sich seine Mutter jeden Tag anders vor.

Manchmal war sie eine berühmte Sängerin, die ihn verstecken musste.

Manchmal lag sie krank in einem Krankenhaus und konnte ihn nicht finden.

Später stellte er sich nicht mehr vor, dass sie ihn suchte.

Später stellte er sich nur noch vor, dass sie ihn vergessen hatte.

Mit achtzehn bekam er ein kleines Zimmer in einem Wohnheim und begann eine Ausbildung zum Tischler.

Holz gefiel ihm.

Holz log nicht.

Wenn ein Brett schief war, konnte man es messen. Wenn eine Verbindung nicht hielt, wusste man, woran es lag.

Menschen waren komplizierter.

Martin arbeitete viele Jahre in einer Möbelfabrik. Später machte er sich selbstständig und restaurierte alte Schränke, Türen und Treppen.

Er heiratete Sabine.

Sie war geduldig, warm und glaubte lange, dass sie Martins Schweigen irgendwann durchbrechen könnte.

Sie bekamen eine Tochter, Nele.

Als Nele fünf war, trennte sich Sabine von ihm.

— Du bist da, aber ich erreiche dich nicht, sagte sie.

Martin widersprach nicht.

Er wusste, dass sie recht hatte.

Nur bei seiner Tochter machte er keine Kompromisse. Er holte sie zuverlässig ab, ging zu jedem Elternabend und saß bei jeder Schulaufführung in der ersten Reihe.

Als Nele mit zwölf fragte, warum er nie über seine Eltern sprach, sagte Martin:

— Weil ich keine hatte.

— Jeder hat Eltern.

— Biologisch vielleicht.

Mehr sagte er nicht.

Doch als Nele selbst älter wurde, begann sich etwas in ihm zu verändern.

Er sah, wie Sabine mit ihr stritt, wie Türen zugeschlagen wurden und wie Mutter und Tochter sich später trotzdem anriefen.

Sie konnten einander verletzen und dennoch nicht aufgeben.

Warum hatte seine Mutter ihn so vollständig aufgegeben?

Nicht für ein Jahr.

Nicht für eine schwere Zeit.

Für immer.

An seinem vierzigsten Geburtstag schenkte Nele ihm ein altes Fotoalbum.

Auf der ersten Seite klebte ein Bild von den beiden. Martin hielt seine neugeborene Tochter im Arm und sah so verängstigt aus, als hätte man ihm etwas unendlich Zerbrechliches anvertraut.

Darunter hatte Nele geschrieben:

„Du warst immer da.“

Martin las diesen Satz mehrmals.

In derselben Nacht holte er die Unterlagen aus dem Kinderheim hervor.

Am nächsten Morgen begann er zu suchen.

Die Behördenakten aus den letzten Jahren der DDR waren lückenhaft. Zuständigkeiten hatten gewechselt, Einrichtungen waren geschlossen, Dokumente falsch abgelegt worden.

Martin schrieb an Archive in Leipzig, Halle und Erfurt.

Er telefonierte mit ehemaligen Mitarbeitern.

Er fand eine Krankenschwester, die damals auf der Entbindungsstation gearbeitet hatte. Sie war über achtzig und erinnerte sich nur verschwommen.

— Das Mädchen hatte große Angst, sagte sie. Ihr Vater soll sehr streng gewesen sein.

— Erinnern Sie sich an ihren Namen?

— Katrin. Vielleicht Katrin Lehmann.

Dieser Name führte ihn weiter.

In einem alten Melderegister fand sich eine Katrin Lehmann, geboren 1968, zuletzt registriert in einem Dorf in Thüringen.

Martin nahm sich frei.

Er fuhr mit dem Zug bis Eisenach, stieg in einen Regionalzug um und nahm schließlich einen Bus, in dem außer ihm nur zwei Schüler und eine ältere Frau saßen.

Das Dorf lag hinter einem langen Waldstück.

Die Bushaltestelle bestand aus einem schiefen Schild und einer Holzbank.

Martin ging zu Fuß weiter.

Es war Anfang März. Auf den Feldern lagen noch graue Schneereste. In den Gärten standen Regentonnen und abgedeckte Brennholzstapel.

Das Haus fand er am Ende einer schmalen Straße.

Der Putz blätterte ab. Im Hof stand ein alter Trabant unter einer Plane.

Martin blieb am Gartentor stehen.

Vierzig Jahre lang hatte er sich gewünscht, diesen Moment zu erleben.

Nun wollte ein Teil von ihm umkehren.

Er ging trotzdem zur Tür und klingelte.

Eine Frau öffnete.

Sie war klein, mager und trug eine Strickjacke über einem geblümten Kleid. Ihr Haar war fast weiß, obwohl sie noch keine sechzig sein konnte.

— Ja bitte?

Martin sah in ihr Gesicht und suchte verzweifelt nach Ähnlichkeiten.

Die Form der Nase.

Das Kinn.

Die Art, wie sie den Kopf leicht zur Seite neigte.

— Sind Sie Katrin Lehmann?

Die Frau wurde sofort vorsichtig.

— Wer will das wissen?

— Ich heiße Martin Berger.

Keine Reaktion.

— Ich bin am 14. November 1985 in Leipzig geboren worden.

Ihre Hand löste sich vom Türgriff.

Martin hörte den Wind in den kahlen Bäumen.

— Sie haben damals einen Sohn bekommen, sagte er. Und ihn im Krankenhaus zurückgelassen.

Die Frau starrte ihn an.

Dann flüsterte sie:

— Das ist nicht möglich.

— Doch.

— Man hat mir gesagt, er sei gestorben.

Martin blieb wie angewurzelt stehen.

— Gestorben?

Katrin hob den Blick.

— Ich habe dich nicht freiwillig zurückgelassen. Als ich nach der Entbindung aufwachte, warst du verschwunden. Mein Vater sagte, du hättest die Nacht nicht überlebt.

Martin spürte, wie sein Herz schneller schlug.

— In meiner Akte steht, dass Sie auf mich verzichtet haben.

— Ich habe nichts unterschrieben.

— Da ist Ihre Unterschrift.

— Mein Vater konnte sie nachmachen.

Martin lachte kurz und bitter.

— Das soll ich glauben?

Katrin öffnete die Tür.

— Komm herein. Ich zeige dir etwas.

Das Wohnzimmer war klein und altmodisch. Auf dem Schrank standen Fotografien, eine Porzellanfigur und eine Uhr, die zu laut tickte.

Katrin holte eine Blechdose aus einer Schublade.

Darin lagen Briefe, Dokumente und ein vergilbtes Foto eines jungen Mädchens mit dunklem Haar.

— Das war ich, sagte sie.

Martin erkannte die Augen.

Seine eigenen.

Katrin erzählte.

Ihr Vater, Karl Lehmann, war ein angesehener Mann im Dorf gewesen. Parteimitglied, Betriebsleiter und jemand, dessen Entscheidungen selten infrage gestellt wurden.

Als Katrin mit siebzehn schwanger wurde, verlangte er den Namen des Vaters.

Sie schwieg.

Der Vater des Kindes war ein junger Mann, dessen Familie einen Ausreiseantrag gestellt hatte. Katrins Vater hielt ihn für einen Verräter.

— Er sagte, ein Kind von diesem Mann werde nicht in seiner Familie aufwachsen.

Kurz nach der Geburt bekam Katrin starke Medikamente. Als sie erwachte, war das Kind fort.

Ihr Vater sagte, der Junge sei gestorben.

— Ich wollte ein Grab sehen. Er sagte, Säuglinge würden gemeinsam beigesetzt. Ich war siebzehn. Ich wusste nicht, wie ich mich wehren sollte.

Sie heiratete später, bekam aber keine weiteren Kinder.

Nach dem Tod ihres Vaters räumte sie sein Arbeitszimmer aus. Hinter einer Schrankwand fand sie eine Mappe.

Darin lag eine Kopie des Verzichtsformulars.

Ein Brief aus dem Kinderheim.

Und eine Aufnahmebestätigung auf den Namen Martin Berger.

— Da wusste ich, dass du gelebt hast.

— Wann war das?

— Du warst sechzehn.

Martin sprang auf.

— Sie wussten seit vierundzwanzig Jahren, dass ich lebe?

— Ja.

— Und Sie haben mich nicht gesucht?

— Doch.

Sie zeigte ihm mehrere Schreiben an Behörden.

Die Antworten waren kühl und knapp. Ohne rechtlichen Nachweis der Mutterschaft könne man keine Daten herausgeben. Außerdem sei der Jugendliche durch eine Kontaktaufnahme möglicherweise psychisch gefährdet.

— Ich hatte Angst, sagte Katrin. Ich dachte, du hättest eine Familie. Ich wollte nicht alles zerstören.

— Ich hatte keine Familie.

— Das wusste ich nicht.

— Sie hätten weiterkämpfen können.

— Ja.

Ihre Stimme war kaum hörbar.

— Ich hätte kämpfen müssen.

Martin sah die Frau an.

Er hatte eine Schuldige gesucht.

Nun standen drei Schuldige im Raum: ein toter Großvater, ein System, das einem jungen Mädchen das Kind genommen hatte, und eine Frau, die später zu viel Angst gehabt hatte, um die Wahrheit bis zum Ende zu verfolgen.

— Wer war mein Vater? fragte Martin.

Katrin nahm ein Foto aus der Dose.

Darauf stand ein junger Mann vor einem Motorrad.

— Thomas Reuter. Er starb 1989 bei einem Arbeitsunfall in Ungarn. Er hat nie erfahren, dass du geboren wurdest.

Martin setzte sich wieder.

Etwas in ihm brach zusammen.

Nicht laut.

Es war eher, als löste sich eine Wand, die vierzig Jahre lang sein Inneres zusammengehalten hatte.

— Ich dachte immer, Sie hätten mich angesehen und beschlossen, mich nicht zu wollen.

Katrin schüttelte den Kopf.

— Ich habe dich nur einmal gesehen. Eine Schwester legte dich mir für wenige Minuten auf die Brust. Du hattest eine kleine Falte über der Nase. Genau wie deine Tochter auf dem Foto.

Martin sah sie scharf an.

— Woher wissen Sie von meiner Tochter?

Katrin wurde rot.

— Ich habe deinen Namen vor einigen Jahren im Internet gefunden. Deine Werkstatt. Ein Foto von einer Schulausstellung. Ich habe mir alles angesehen, aber nie geschrieben.

— Sie haben mich beobachtet.

— Ich wollte nur wissen, ob es dir gut geht.

— Mir ging es nicht gut.

Katrin schloss die Augen.

— Das weiß ich jetzt.

Martin blieb zwei Stunden.

Sie tranken Kaffee, der längst kalt geworden war. Manchmal sprachen sie. Manchmal schwiegen sie minutenlang.

Als er ging, fragte Katrin:

— Wirst du wiederkommen?

Martin zog seine Jacke an.

— Ich weiß es nicht.

— Das verstehe ich.

Am Gartentor drehte er sich um.

Sie stand noch immer in der Tür.

Klein.

Allein.

Nicht die grausame Frau aus seinen Vorstellungen.

Aber auch nicht die Mutter, die er als Kind gebraucht hätte.

Vier Wochen später erhielt Katrin einen Brief.

Darin lag ein Foto von Nele.

Auf der Rückseite stand:

„Ihre Enkelin heißt Nele. Sie ist sechzehn. Ich habe ihr von Ihnen erzählt.“

Darunter hatte Martin geschrieben:

„Ich kann Sie noch nicht Mutter nennen. Vielleicht werde ich es nie können. Aber ich möchte die Wahrheit über mein Leben nicht länger nur mit Toten teilen.“

Im Sommer besuchten Martin und Nele sie gemeinsam.

Katrin buk Pflaumenkuchen. Er war zu trocken. Nele aß trotzdem zwei Stücke und stellte hundert Fragen.

Martin reparierte eine lose Stufe an der Veranda.

Als er fertig war, stand Katrin neben ihm.

— Du arbeitest wie Thomas, sagte sie.

Martin legte den Hammer weg.

— Erzählen Sie mir von ihm.

Es war das erste Mal, dass er sie freiwillig um etwas bat.

Sie holten die alte Blechdose und setzten sich in den Garten.

Die verlorenen Jahre kamen nicht zurück.

Vergebung kam ebenfalls nicht plötzlich.

Sie entstand langsam.

In Telefonaten.

In Fotos.

In kleinen, unbeholfenen Besuchen.

Einmal rief Martin sie an und sagte, ohne darüber nachzudenken:

— Mutter, weißt du noch, wie dieser Ort hieß?

Danach entstand eine lange Stille.

Martin bemerkte erst zu spät, welches Wort er benutzt hatte.

Katrin begann am anderen Ende zu weinen.

— Ja, sagte sie. Ich weiß es noch.

Martin schämte sich nicht.

Zum ersten Mal fühlte sich das Wort nicht wie eine Lüge an.

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Fajna Tajna
Als Säugling wurde er im Krankenhaus zurückgelassen. Vierzig Jahre später suchte er die Frau, die ihn geboren hatte…