In sechzig Ehejahren hatten Marta und Wilhelm nur eine Nacht getrennt verbracht.

In sechzig Ehejahren hatten Marta und Wilhelm nur eine Nacht getrennt verbracht.

Nicht wegen eines Streits.

Wegen einer Blinddarmoperation.

Darauf bestand Wilhelm, wenn die Enkel fragten, ob die beiden sich niemals richtig gezankt hätten.

„Gezankt?“, sagte er dann. „Wir haben uns beinahe mit Blicken erschlagen.“

Marta ergänzte:

„Aber schlafen gegangen sind wir erst, wenn wieder Frieden war.“

Die Regel stammte von Martas Großmutter.

Am Morgen nach der Hochzeit hatte sie dem jungen Paar ein altes Gebetbuch geschenkt. Auf der ersten Seite stand mit Tinte:

Lasst die Wut nicht über Nacht in eurem Haus wohnen. Am Morgen kennt sie bereits jedes Zimmer.

Wilhelm hatte damals gelacht.

Er war vierundzwanzig, Tischlergeselle und überzeugt, für jedes Problem eine praktische Lösung zu besitzen.

Marta war zweiundzwanzig und wusste bereits, dass Menschen nicht aus Holz bestanden. Man konnte sie nicht einfach abschleifen, wenn etwas rau geworden war.

Ihre erste große Auseinandersetzung drehte sich um einen Küchenschrank.

Wilhelm hatte ihn für einen Kunden gebaut, obwohl er Marta versprochen hatte, endlich das undichte Schlafzimmerfenster zu reparieren.

In der Nacht blies kalte Luft durch den Rahmen.

„Für fremde Leute hast du immer Zeit“, sagte Marta.

„Mit fremden Leuten verdiene ich unser Geld.“

„Und ich friere mit deinem Geld.“

Wilhelm warf den Hammer auf die Werkbank und verschwand in seiner Werkstatt.

Marta legte sich ins Bett, blieb aber angezogen.

Kurz vor zwei Uhr hörte sie Schritte.

Wilhelm kam mit Werkzeug herein.

Ohne ein Wort dichtete er das Fenster ab.

Danach setzte er sich auf die Bettkante.

„Es zieht noch ein bisschen.“

„Nicht mehr als zwischen uns.“

Er nickte.

„Dann muss ich beides reparieren.“

So begann ihr gemeinsames Ritual.

Sie mussten sich nicht immer einigen. Manchmal reichte ein Satz:

„Ich bin noch wütend, aber ich bin nicht gegen dich.“

Oder:

„Morgen reden wir weiter. Heute lasse ich dich nicht allein.“

Die Jahre stellten diese Regel auf harte Proben.

Ihr erster Sohn kam zu früh zur Welt. Wilhelm arbeitete auf einer Baustelle in Erfurt und erfuhr erst am Abend davon. Als er im Krankenhaus ankam, saß Marta mit dem winzigen Kind auf dem Arm am Fenster.

„Ich war nicht da“, sagte er.

„Jetzt bist du da.“

Als ihre Tochter mit siebzehn von zu Hause weglief, beschuldigten sie sich gegenseitig.

Marta meinte, Wilhelm sei zu streng gewesen.

Wilhelm sagte, Marta habe alles erlaubt.

Sie stritten bis drei Uhr morgens. Dann kochte Marta Kaffee.

„Wir suchen sie zusammen.“

Am nächsten Tag fanden sie das Mädchen bei einer Freundin.

Schlimmer als jeder Streit war der Tod ihres jüngsten Sohnes bei einem Arbeitsunfall.

Wochenlang sprachen Marta und Wilhelm kaum.

Nicht weil sie einander böse waren.

Weil jedes Wort zu klein für den Schmerz war.

Eines Nachts saß Wilhelm in der dunklen Küche. Marta kam dazu.

„Unsere Regel funktioniert diesmal nicht“, sagte sie.

Wilhelm sah sie an.

„Wir sind nicht im Streit.“

„Nein. Aber wir sind beide allein.“

Er streckte die Hand aus.

Von da an trauerten sie nicht weniger. Nur gemeinsam.

Sechzig Jahre nach der Hochzeit lag Marta in der Kreisklinik in Suhl.

Ihr Herz war schwach geworden. Schon der Weg vom Bett zum Fenster nahm ihr die Luft.

Wilhelm kam jeden Morgen mit dem ersten Bus aus dem Dorf.

Er brachte eine Emaille-Dose mit Birnenkompott, frische Wäsche und Nachrichten von den Nachbarn.

„Die Katze sitzt auf deinem Stuhl.“

„Dann soll sie ihn warmhalten.“

„Der Schornsteinfeger war da.“

„Hast du ihm Kaffee angeboten?“

„Ich bin achtunddreißig Jahre mit dir verheiratet gewesen, bevor ich gelernt habe, Kaffee zu kochen.“

„Sechzig.“

„Die ersten zweiundzwanzig Jahre zähle ich nicht. Der Kaffee war ungenießbar.“

Sie lachten.

Aber Marta sah, wie erschöpft er war.

Seine Hände zitterten, wenn er die Dose öffnete. Zweimal vergaß er, an welcher Haltestelle er aussteigen musste.

Am sechsten Tag sagte sie:

„Du kommst morgen nicht.“

Wilhelm legte den Löffel hin.

„Das entscheidest du nicht.“

„Vier Stunden Busfahrt sind zu viel.“

„Für wen?“

„Für dich.“

„Ich bin nicht krank.“

„Noch nicht.“

Er stand auf.

„Du willst mich loswerden.“

„Ich will dich behalten.“

„Dann sag nicht, dass ich zu Hause bleiben soll.“

Die Frau im Nachbarbett tat, als schliefe sie.

Marta versuchte, seine Hand zu nehmen. Wilhelm zog sie weg.

„Ich komme morgen.“

„Bitte nicht.“

Er nahm Mantel und Mütze.

„Dann brauchst du dich auch nicht zu wundern, wenn ich heute nicht wiederkomme.“

Die Tür fiel zu.

Erst draußen begriff Wilhelm, was er gesagt hatte.

An der Bushaltestelle tobte Schneeregen. Nach vierzig Minuten erschien auf der Anzeigetafel:

Fahrt entfällt. Technischer Defekt.

Wilhelm hätte seinen Sohn anrufen können.

Er hätte im Bahnhof warten können.

Stattdessen sah er zu den beleuchteten Fenstern der Klinik.

Sechzig Jahre.

Kein Schlaf im Streit.

Nicht ein einziges Mal.

Er ging zurück.

Als er zwei Stunden später auf der Station erschien, waren seine Schuhe durchnässt und eine Hand blutete, weil er auf dem vereisten Gehweg gestürzt war.

Die Nachtschwester wollte ihn fortschicken.

„Besuchszeit ist vorbei.“

„Dann nennen Sie es keinen Besuch.“

„Was sonst?“

Wilhelm stützte sich an der Wand ab.

„Eine Reparatur.“

Sie führte ihn schließlich zum Zimmer.

Marta lag mit geschlossenen Augen da.

Wilhelm trat näher und flüsterte:

„Ich bin nicht gekommen, um zu bleiben. Nur damit wir nicht böse einschlafen.“

Sie reagierte nicht.

Der Monitor neben ihrem Bett gab plötzlich einen langen Ton von sich.

Wilhelm fuhr zusammen.

Eine Pflegekraft stürzte herein, gefolgt von einem Arzt.

„Bitte gehen Sie hinaus!“

„Ich bleibe bei ihr.“

„Jetzt sofort!“

Die Schwester zog ihn auf den Flur.

Die Tür schloss sich.

Durch das kleine Fenster sah Wilhelm Menschen um das Bett, schnelle Hände, Kabel und den Körper seiner Frau, der zwischen ihnen fast verschwand.

Er setzte sich auf den Boden.

Das alte Gebetbuch lag noch zu Hause in der Schublade. Die Tinte war längst verblasst, aber den Satz kannte er auswendig.

Lasst die Wut nicht über Nacht in eurem Haus wohnen.

Nach zwanzig Minuten kam der Arzt heraus.

„Wir haben sie stabilisiert.“

Wilhelm konnte nicht aufstehen.

„Darf ich zu ihr?“

„Kurz. Sie ist sehr schwach.“

Marta öffnete die Augen, als er ihre Hand berührte.

„Du bist zurückgekommen“, hauchte sie.

„Natürlich.“

„Du wolltest doch nicht wiederkommen.“

„Ich sage manchmal Unsinn.“

„Manchmal?“

Er lachte unter Tränen.

„Ich war wütend, weil ich Angst hatte.“

„Ich auch.“

„Ich dachte, du schickst mich weg, weil du mich nicht mehr brauchst.“

Marta drückte seine Finger, so gut sie konnte.

„Ich schicke dich weg, weil ich dich brauche.“

Wilhelm legte die Stirn auf ihre Hand.

„Dann einigen wir uns anders. Ich komme nicht mehr allein. Die Kinder fahren mich.“

„Und nicht jeden Tag.“

„Jeden zweiten.“

„Dreimal die Woche.“

„Vier.“

Marta lächelte schwach.

„Drei und ein Telefonat.“

„Abgemacht.“

Sie schlossen Frieden, wie sie es immer getan hatten: nicht weil einer gewonnen hatte, sondern weil keiner den anderen verlieren wollte.

Marta erholte sich langsam.

Nach drei Wochen durfte sie nach Hause. Die Kinder organisierten Fahrten, Medikamente und Unterstützung im Haushalt.

Wilhelm tat so, als störe ihn die Hilfe.

In Wahrheit war er erleichtert.

Sie bekamen noch anderthalb Jahre miteinander.

Sie stritten weiterhin.

Über das Salz in der Suppe.

Über offene Fenster.

Über Wilhelms Weigerung, einen Stock zu benutzen.

Aber vor dem Schlafengehen berührte einer von beiden die Hand des anderen.

Eines Abends sagte Marta:

„Ich glaube, heute schaffe ich es nicht bis morgen.“

Wilhelm saß neben ihr.

„Bist du böse auf mich?“

„Weil du wieder die falschen Tabletten hingelegt hast.“

„Dann entschuldige ich mich.“

„Angenommen.“

„Und du?“

„Wofür?“

„Dafür, dass du gehst.“

Marta sah ihn lange an.

„Dafür kann ich mich nicht entschuldigen.“

„Dann verspreche wenigstens, dass du nicht im Streit gehst.“

Sie hob seine Hand an ihre Lippen.

„Nie.“

Marta starb in dieser Nacht.

Wilhelm lebte noch zwei Jahre.

Das alte Gebetbuch lag fortan auf seinem Nachttisch.

Jeden Abend las er den Satz auf der ersten Seite, obwohl er ihn längst nicht mehr sehen konnte.

Dann sagte er laut:

„Heute war ich nicht böse. Nur traurig.“

Und erst danach machte er das Licht aus.

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Fajna Tajna
In sechzig Ehejahren hatten Marta und Wilhelm nur eine Nacht getrennt verbracht.