Der Tragekorb stieß gegen Fabians Schienbein, als er die Bahnhofshalle betrat. Ein leises, empörtes Fauchen kam von innen, dann Stille. Draußen nieselte es, dieser typische Novemberregen in Hannover, der nicht richtig nass macht, aber bis auf die Knochen kriecht. Die Anzeigetafel flackerte. Gleis 7, ICE nach München, Abfahrt in zweiundfünfzig Minuten. Er hatte sich extra früh herbringen lassen, fast eine Stunde vor Abfahrt. Vielleicht aus Angst, doch noch umzukehren.
Er fand einen freien Platz an der Glasfront zum Gleisbett. Stellte den Korb auf den kalten Steinfußboden. Direkt unter die Sitzheizung, die warme Luft nach unten pustete. Der Kaffee aus dem Automaten schmeckte nach nichts, nur bitter und zu heiß. Drei Euro fünfzig für ein Stück Pappe mit Brühe. Fabian trank ihn trotzdem, weil seine Hände etwas zu tun brauchten.
Casper rührte sich nicht. Der rote Maine-Coon-Mischling lag zusammengerollt im hintersten Eck des Korbs, die grünen Augen halb geschlossen, die Ohren flach angelegt. Seit sieben Jahren lebte dieses Tier bei ihnen. Sieben Jahre Fensterbank über der Eilenriede, sieben Jahre nächtliches Schnurren auf der Sofalehne, sieben Jahre nasse Nase an seinem Kinn, wenn der Wecker klingelte. Und jetzt saß Casper in einer Plastikbox auf einem Bahnhof, irgendwo zwischen Gleis 6 und Gleis 8, und wusste nicht, wohin die Reise geht.
Am Nebentisch klappte eine Frau ihren Laptop auf. Das leise Klacken der Tastatur mischte sich mit den Durchsagen, die alle drei Minuten dieselbe Verspätung des Metronom nach Hamburg verkündeten. Fabian starrte auf den Korb.
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Der Morgen war kalt gewesen in der Wohnung. Katharina hatte schon am Küchentisch gesessen, als er aus dem Schlafzimmer kam. Vor ihr eine Tasse mit Tee, Kamille, der Beutel hing noch drin. Das gelbe Licht der Deckenlampe spiegelte sich auf dem abgenutzten Holztisch, in den Rillen, die über Jahre von heißen Tellern und verschüttetem Wein entstanden waren. Das Radio lief leise, NDR Kultur, irgendeine Diskussion über Küstenvögel.
Seine Reisetasche stand schon im Flur. Schwarzes Segeltuch, das er mal für eine Dienstreise nach London gekauft hatte. Die Wohnungstür stand einen Spalt offen, kalte Luft zog durch den Hausflur ins Treppenhaus.
Casper saß auf der Fußmatte. Genau zwischen seinen Schuhen und der Tür. Als wüsste er genau, was gleich passieren würde. Katharina hatte sich nicht umgedreht, als er hereinkam. Nur ihre Hand, die den Henkel der Tasse umklammerte, war weiß an den Knöcheln.
„Du nimmst ihn also wirklich mit.“ Es war keine Frage.
„Er ist meine Katze, Katharina.“
„Er ist unsere Katze. Seit sieben Jahren.“ Sie sprach Richtung Fenster. Draußen fielen welke Blätter von der Platane im Innenhof. „Du warst kaum zu Hause in den letzten drei Jahren. Wer hat ihn gefüttert, wenn du bis zehn im Büro warst? Wer ist mit ihm zum Tierarzt, als er die Blasenentzündung hatte? Wer hat nachts auf dem Badezimmerboden gesessen, weil er nicht allein sein wollte?“
Fabian zog den Reißverschluss seiner Tasche zu. Das Geräusch war lauter, als es hätte sein sollen. Endgültig.
„Katharina…“
„München ist achthundert Kilometer. Er hasst Autofahren. Er hasst fremde Geräusche. Was glaubst du, wie er acht Stunden in einem Zug voller Menschen übersteht?“
Der Korb stand geöffnet neben seiner Tasche. Casper hatte nicht hineingewollt. Hatte sich mit allen vier Pfoten gegen die Plastikwand gestemmt, als Fabian ihn vorsichtig hineinschieben wollte. Erst als Katharina aufstand, ihre Tasse abstellte und sich zu ihm hinunterbeugte, war er ruhig geworden. Sie hatte ihm übers Kopf gefahren, einmal, zweimal. Etwas geflüstert. Dann war Casper von selbst in den Korb gegangen. Nicht für Fabian. Für sie.
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Auf dem Bahnsteig pfiff Wind durch die offene Halle. Fabian stellte den Korb auf dem nassen Beton ab, kniete sich daneben. Durch das Gitter sah er Caspers Fell, rotbraun mit weißen Flecken an den Pfoten. Er schob einen Finger zwischen die Streben. Normalerweise stupste Casper ihn dann an, mit dieser typischen Kopfbewegung, die bedeutete: Weiter streicheln. Jetzt nichts. Nur ein leises Zucken des Schwanzes.
Ein junger Mann mit Fahrrad zog fluchend vorbei, das hintere Schutzblech schliff über den Boden. Casper zuckte zusammen, presste sich noch tiefer in die Ecke. Kleine Krallen kratzten über Plastik. Fabian spürte, wie ihm kalt wurde, obwohl er die dicke Winterjacke trug.
Warum nahm er ihn eigentlich mit? Weil es fair war? Weil er ihn vor sieben Jahren vom Gnadenhof geholt hatte, einen halb verhungerten Kater mit Ohrmilben und einer Pfote, die nie richtig verheilt war? Oder weil er nicht in einer leeren Wohnung ankommen wollte? Ohne vertrauten Atem im Raum. Ohne jemanden, der ihn erwartet. Ohne den Beweis, dass er nicht völlig allein war auf dieser selbstgewählten Flucht nach Süden.
Es war nicht fair. Nicht für Casper.
Fünf Minuten vor der Abfahrt. Die Durchsage für seinen ICE plärrte durch die Halle. Er griff nach dem Griff des Korbes. Zögerte.
Und dann sah er sie.
Katharina stand am Ende des Bahnsteigs, vielleicht dreißig Meter entfernt. Sie trug nicht mal eine Jacke. Nur den dünnen grauen Wollpullover, den sie immer zum Schlafen trug. Die Haare wirr vom Wind, die Wangen gerötet. Sie musste mit dem Fahrrad gekommen sein, denn in ihrer rechten Hand baumelte noch das Schloss. Die linke war verkrampft um ein Stück Stoff geschlossen – Caspers altes Spielzeug, diesen abgewetzten Stofffisch, den er seit Jahren durch die Wohnung schleppte. Sie keuchte, als wäre sie gerannt. Blieb stehen. Sagen tat sie nichts.
Fabian richtete sich langsam auf. Sah sie an. Sie ihn. Dreißig Meter, eine halbe Ewigkeit. Die Lautsprecher krächzten irgendwas von „Bitte zurücktreten“. Ein Sicherheitsmann lief gemächlich vorbei.
Katharina machte einen Schritt. Noch einen. Dann kniete sie sich hin. Direkt auf den kalten Beton, der Staub und der Dreck der letzten zwanzig Jahre vom Bahnsteig, völlig egal. Sie legte den Stofffisch vor den Korb. Hielt zwei Finger ans Gitter.
„Hey, Mister.“ Ihre Stimme war rau. Als hätte sie stundenlang nicht gesprochen. Oder geweint.
Es dauerte drei Sekunden. Eine, zwei, drei. Dann bewegte sich etwas im Korb. Caspers Nase erschien an der Gittertür, feucht und neugierig. Er schnüffelte an ihren Fingerspitzen. Stieß sie an. Und dann, als würde eine Feder reißen, begann er zu schnurren. Nicht das leise, zaghafte Schnurren vom Morgen. Sondern dieses tiefe, vibrierende Motorgeräusch, das Fabian so sehr vermisste. Es erfüllte die Luft um sie herum, laut genug, dass sogar der Radfahrer sich kurz umdrehte.
Katharina lächelte nicht. Sie weinte. Tränen tropften auf den Stofffisch, auf den Beton, auf ihre Knie. Aber sie sagte nichts. Sie streichelte ihn langsam durch das Gitter, und Casper drückte sein Kinn gegen das Metall, schloss die Augen, schob seine missgebildete Pfote durch die Streben.
Fabian stand daneben. Korb in der einen Hand, Reisetasche in der anderen. Ein Mann mit einem gültigen Ticket und einem planmäßig abfahrenden Zug. Er roch den Diesel von den Loks, die kalte Herbstluft, den abgestandenen Kaffeeautomaten neben Gleis 6. Und er verstand, dass er zwei Dinge verlieren würde bei dieser Abfahrt. Aber er hatte nur ein Recht auf eines davon.
„Er vergisst dich sonst“, sagte er. Es klang dumm. Hilflos.
„Er wird mich nie vergessen.“ Ihre Antwort war leise, aber bestimmt. „Du hast ihn nur mitgenommen, damit du nicht allein bist.“ Sie sah nicht auf. Sprach nur mit der Katze. „Aber er ist kein Gepäckstück. Und du weißt das.“
Das Schrillen der Abfahrtsglocke. Letzter Aufruf.
Fabian bückte sich. Seine Finger zitterten, als er den Verschluss des Korbes öffnete. Es war, als würde ein kleiner Teil von ihm reißen, genau in dem Moment, als das Plastik einrastete. Casper hob den Kopf, unsicher. Sah zwischen den beiden hin und her.
„Nimm ihn“, sagte Fabian. „Er gehört zu dir. Das hab ich nur nicht sehen wollen.“
Katharina blickte auf. In ihren Augen stand alles, was sie nicht mehr zu sagen brauchte.
Sie hob den Korb hoch, vorsichtig, als wäre er aus Glas. Casper maunzte einmal, kurz und fragend. Sie presste die Stirn gegen die Gittertür. „Wir gehen nach Hause“, murmelte sie. „Alles gut. Wir gehen nach Hause.“
Fabian nahm seine Tasche. Schloss die restlichen Zentimeter des Reißverschlusses. Seine Finger brannten. Er griff in die Jackentasche, zog das Ticket heraus. Der Schaffner winkte schon ungeduldig. Ein letzter Blick über die Schulter. Katharina stand noch immer da, den Korb an ihre Brust gedrückt. Caspers Schwanz hing heraus, die Spitze wippte leicht. Er schnurrte immer noch.
„Mach’s gut“, sagte er. Viel zu leise.
Sie hörte ihn vielleicht. Vielleicht auch nicht. Ihre Lippen bewegten sich, aber der Wind trug die Worte davon. Er drehte sich um und stieg ein.
Das Abteil war fast leer. Ein Geschäftsmann tippte auf seinem Handy herum, eine ältere Dame blätterte in einer Illustrierten. Fabian verstaute das Gepäck über seinem Sitz, ließ sich auf den Fensterplatz fallen. Die Polster rochen muffig, aber sauber. Der Zug setzte sich ruckelnd in Bewegung. Das Gleis glitt vorbei, der graue Himmel, das rote Backsteingebäude des Hauptbahnhofs.
Als der Zug aus der Halle fuhr, sah er sie nicht mehr. Nur noch die offene Weite des Güterbahnhofs, Container, Schotter, Signalanlagen. Dann die ersten Äcker, nass vom Regen. Ein Bussard saß auf einem Zaunpfahl und starrte regungslos in den Wind.
Er kramte in seiner Jackentasche nach dem Taschentuch. Stattdessen ertastete er etwas Weiches, Kleines. Zwischen altem Bonbonpapier und einer zerknitterten Quittung klemmte ein Fitzel roter Katzenhaare. Wahrscheinlich vom Sofa, wo Casper immer geschlafen hatte. Er hielt sie zwischen Daumen und Zeigefinger, betrachtete sie im fahlen Licht der Waggonbeleuchtung. Die Einzelfasern schimmerten golden an den Spitzen.
Er legte sie vorsichtig in sein Portemonnaie. Hinter den Personalausweis. Neben das Foto, das er nicht wegwerfen konnte.
Irgendwo hinter Hannover-Anderten fuhr der Zug über eine Brücke. Unter ihm ein Kanal, graubraunes Wasser, ein verlassenes Angelboot. Fabian schloss die Augen. In der Stille des Abteils, zwischen dem Rauschen der Klimaanlage und dem rhythmischen Klackern der Gleise, bildete er sich ein, ein Schnurren zu hören. Ganz leise. Ganz fern. Wie eine Erinnerung, die noch nicht aufgehört hatte zu klingen.




