Der Kater unter dem Haus

Kurt Winter stand um Viertel vor acht im Treppenhaus und hielt einen Kater im Arm. Das Tier war mager, das Fell an der linken Flanke stumpf und schütter, und es roch so intensiv nach feuchtem Keller, dass Frau Kowalski, die gerade ihre Zeitung aus dem Briefkasten zog, unwillkürlich zurückwich.

„Um Himmels willen, Herr Winter“, sagte sie. „Was haben Sie denn da?“

Kurt antwortete nicht. Er drückte den Kater fester an seine Brust und starrte auf die geschlossene Aufzugtür. Seine Hand zitterte leicht, aber nicht vor Kälte.

„Der ist ja völlig verdreckt“, fuhr sie fort. „Den nehmen Sie doch nicht etwa mit in die Wohnung?“

„Ich hab ihn fünf Monate gesucht, Frau Kowalski.“

Die Kabine kam, Kurt trat ein. Das Letzte, was Frau Kowalski sah, bevor sich die Türen schlossen, war sein Gesicht. Es war ein Gesicht, aus dem alle Müdigkeit der letzten Monate gewichen war. Sie erzählte später ihrer Schwester am Telefon, dass er fast glücklich ausgesehen habe. Fast.

Die Zettel tauchten im Oktober auf. Handgeschrieben, mit Tesafilm an Laternenpfähle und schwarze Bretter geklebt. Ein Foto von einem rotgetigerten Kater. Darunter, in ungelenker Blockschrift: „Findus vermisst. Am 26. September entlaufen. Bitte melden!“ Und eine Handynummer.

Kurt klebte sie selbst. Jeden Morgen vor der Frühschicht lief er mit einer Mappe voller Zettel und einer Rolle Klebeband durchs Viertel. Er kannte die besten Stellen: die Litfaßsäule am Marktplatz, die gläserne Vitrine beim Bäcker Schäfer, die raue Betonwand neben dem Fahrradständer der Sparkasse. Im November hatte er Schwielen von der Kälte an den Fingern. Der Regen löste die ersten Zettel ab, er ersetzte sie durch neue. Das Papier wurde teurer, aber das war ihm egal.

Findus war an einem Dienstag verschwunden. Das Küchenfenster stand auf Kipp, das hatte es den ganzen Sommer über getan. Der Kater kam immer zuverlässig zum Abendessen zurück. Immer. Nur an diesem Dienstag nicht. Um neun stand die volle Schüssel noch neben dem Heizkörper. Um elf war sie immer noch voll. Kurt saß auf dem Küchenstuhl, rauchte drei Zigaretten hintereinander und sah auf das leere Fensterbrett.

Am nächsten Morgen rief er auf der Arbeit an und meldete sich krank.

In den ersten zwei Wochen klingelte das Telefon oft. Eine Frau aus der Goethestraße hatte einen roten Kater im Garten gesehen, einen jungen. Ein Mann vom Recyclinghof rief an, da streune seit Tagen einer über das Gelände. Eine Kinderstimme meldete sich und sagte, hinter ihrer Schule, da sitze einer im Gebüsch, der sehe genauso aus. Kurt fuhr überall hin. Mit dem Bus, mit der S-Bahn, einmal nahm er sich ein Taxi, als der Anruf aus der Siedlung am Stadtrand kam, wo es abends keine Verbindung mehr gab. Er lief durch fremde Gärten, leuchtete mit der Taschenlampe unter parkende Autos, kroch durch Gestrüpp. Er fand drei rote Kater. Keiner war Findus. Er fand zwei graue und einen schwarzen. Er fand eine junge Katze mit einem verletzten Ohr, die er einfing und ins Tierheim brachte, weil er nicht anders konnte. Er fand keine Spur von seinem Kater.

Nach vier Wochen kaufte er sich ein Notizbuch. Ein einfaches, schwarzes, mit Gummizug. Er trug jeden Anruf ein. Jede Adresse, jedes Datum. Namen, Rückmeldungen, Wetter. Karierte Seiten füllten sich mit einer eigenen, traurigen Geografie aus falschen Spuren und vergeblichen Fahrten. Manchmal blätterte er abends darin, ohne etwas zu suchen. Das Rascheln des Papiers war das einzige Geräusch in der Wohnung.

Sein Kollege Carsten fragte ihn beim Mittagessen, was mit ihm los sei. Kurt sagte nur: „Nichts.“ Carsten nickte und aß sein Brot zu Ende. „Du siehst aus wie ein Gespenst“, sagte er, als er aufstand. Kurt zuckte mit den Schultern. Vielleicht war er eins.

Im Dezember wurde es still. Der erste Frost kam, die Nächte waren klar und hart. Die Zettel vergilbten, die Schrift verlief unter Schneematsch. Kurt klebte trotzdem neue. Er stand um halb sechs auf, eine Stunde vor Schichtbeginn, und lief seine Runde. Seine Finger waren taub, aber er hatte eine Technik entwickelt: die Rolle unter den Arm klemmen, das Klebeband mit den Zähnen abreißen, den Zettel mit der flachen Hand an die kalte Wand pressen, bis sie aneinander festfroren. Er dachte an Findus. Ob ihm kalt war. Ob er überhaupt noch lebte. Dieser Gedanke war der schlimmste, und er kam jeden Abend pünktlich um zehn.

Frau Kowalski sprach ihn im Treppenhaus an. „Herr Winter, jetzt sind es schon drei Monate. Holen Sie sich doch eine neue Katze aus dem Tierheim. Es gibt so viele, die ein Zuhause brauchen.“ Sie meinte es nicht böse. Kurt sah sie an. Seine Augen waren ruhig und sehr müde. „Ich will keine neue Katze, Frau Kowalski. Ich will Findus.“ Sie schüttelte den Kopf, als er die Treppe hinaufging. Hinter ihrer Tür murmelte sie etwas von Besessenheit, aber sie sagte es leise, und sie sagte es nur zu sich selbst.

Mitte Januar, an einem Mittwoch, hörte er das Geräusch.

Es kam von der Kellertür neben dem ersten Aufgang. Ein dünnes, heiseres Maunzen. Fast nur ein Hauch. Kurt blieb stehen. Das Herz schlug ihm bis in die Schläfen. Er wartete, reglos, eine volle Minute. Das Geräusch wiederholte sich nicht. Aber es war genug. Es war genug.

Er holte den Hausmeister, Herrn Lorenz. Der suchte den Kellerschlüssel eine Ewigkeit, fand ihn schließlich in der abgelegten Jacke vom Vorjahr. „Was wollen Sie denn da unten, Herr Winter?“ Kurt erklärte es. Lorenz sah ihn lange an, dann drückte er ihm den Schlüssel in die Hand. „Machen Sie die Tür hinter sich zu, und wenn Sie fertig sind, bringen Sie den Schlüssel zurück. Und passen Sie auf, da unten liegen alte Regale rum, dass Sie sich nicht stoßen.“

Die Tür ging schwer auf. Ein Schwall kalter, modriger Luft schlug ihm entgegen. Es roch nach nassem Zement, nach fauligem Holz, nach Erde und etwas Tierischem. Kurt knipste die Taschenlampe an. Der Kegel schnitt durch die Dunkelheit, wirbelte Staub auf.

Der Keller war lang und niedrig. Die Decke hing voller Spinnweben, Rohre verliefen über Kopf wie ein altes, verrostetes Adernsystem. Kurt ging langsam. Schritt für Schritt. Vorbei an einem alten Fahrrad, dem beide Reifen fehlten. Vorbei an einem Stapel Farbeimer, die aussahen, als stünden sie schon vor der Wende dort. Vorbei an einem verrotteten Holzregal, auf dem noch alte Einmachgläser standen, blind und voller schwarzer Flüssigkeit. Irgendwo tropfte es, langsam, unregelmäßig, ein einsamer Herzschlag im Dunkeln.

„Findus“, sagte Kurt leise.

Keine Antwort.

Er ging weiter, tiefer hinein. Die Luft wurde kälter. Sein Atem kam in kleinen Wolken. Der Lichtkegel tastete Wände ab, Winkel, Nischen. Hinter einer Säule lag eine Matratze, aufgerissen, der Schaumstoff quoll heraus wie etwas Gestorbenes. Sie war unbewohnt. Kurt leuchtete dahinter, daneben, darunter. Nichts.

„Findus…“

Dann sah er die Kiste. Sie stand ganz hinten, wo der Keller in eine Nische mündete. Ein alter Apfelsinenkarton, aufgeweicht, die Pappe schwarz von Feuchtigkeit. Kurt ging in die Hocke. Er leuchtete vorsichtig hinein.

Zwei Augen funkelten auf. Grün. Groß. Die Pupillen verengten sich im Licht, aber sie wichen nicht zurück.

Kurts Hand, die die Lampe hielt, zitterte jetzt wirklich. Er stellte die Lampe so hin, dass sie den Karton indirekt beleuchtete, ein weicher Schein an der Wand. Dann setzte er sich. Einfach auf den kalten Betonboden, den Rücken gegen ein Rohr, das leise summte. Es war kalt. Die Kälte kroch sofort durch den Stoff seiner Hose, aber er bewegte sich nicht.

„Findus“, sagte er. Ein Flüstern.

Der Kater antwortete nicht, aber er fauchte auch nicht. Er saß einfach da, in seinem nassen Karton, und starrte den Mann an, der sich nicht bewegte.

Kurt wusste nicht, wie viel Zeit verging. Zehn Minuten? Eine halbe Stunde? Die Stille im Keller war fast vollkommen, nur unterbrochen vom Tropfen und vom fernen, gedämpften Geräusch der Heizung. Ihm wurde kalt. Er spürte seine Zehen nicht mehr. Aber er blieb sitzen.

Er sprach mit ruhiger, monotoner Stimme. Nicht, um das Tier zu locken. Nur, um da zu sein.

„Weißt du, wo ich überall war? Am Hafen. Da gibt es eine Fischfabrik, die haben einen eigenen Kater, der sieht dir ähnlich. Warst du aber nicht.“ Er wischte sich mit dem Ärmel über die Stirn. „Und in der Kleingartenkolonie, da hat eine alte Dame über dreißig Katzen. Ich hab jede einzelne angeschaut. Du warst nicht dabei.“ Ein leises, freudloses Lachen. „Dreimal war ich im Tierheim. Weißt du, wie viele rote Tiger da sitzen? Siebzehn. Siebzehn Stück. Alle wollen mit, alle schauen dich an und miauen dich an… aber keiner ist meiner.“

Er hörte ein Geräusch. Ein Kratzen von Krallen auf Pappe.

Der Kater stand auf. Langsam, steif. Er war dünn, man sah die Rippen unter dem stumpfen Fell. Auf einer Seite war das Haar abgeschabt, die Haut darunter schuppig. Ein Ohr hatte eine kleine, schon verheilte Kerbe. Er streckte den Kopf aus dem Karton. Schnupperte. Seine Nase zitterte.

Kurt atmete nicht.

Der Kater machte einen Schritt. Dann noch einen. Er setzte die Pfoten vorsichtig auf den kalten Boden, kaum hörbar. Er ging nicht sofort zu Kurt. Er machte einen Umweg, rieb seinen Kopf an einem verrosteten Rohr, schnüffelte an einer leeren Weinflasche. Dann blieb er stehen, etwa einen halben Meter entfernt.

Kurt bewegte seine Hand, millimeterweise. Er legte sie auf den Boden, Handfläche nach oben, direkt vor die Pfoten des Katers.

Findus senkte den Kopf. Er beschnupperte die Finger. Einmal. Zweimal. Dann stieß er seine Stirn dagegen. Ein fester, vertrauter Stoß. Die Geste, mit der er ihn jahrelang jeden Morgen begrüßt hatte, wenn der Wecker klingelte.

Kurt schloss die Augen. Er weinte nicht. Er hatte nicht die Kraft dazu. Er ließ nur den Atem aus seinen Lungen entweichen, langsam und tief, als hätte er ihn fünf Monate lang angehalten. Als er die Augen wieder öffnete, stand der Kater immer noch da und sah ihn an, und in diesem Blick lag nichts als eine einfache, katzenhafte Selbstverständlichkeit: Da bist du ja. Was hat so lange gedauert?

Die Treppe aus dem Keller hinauf war die längste seines Lebens. Findus, eine zerbrechliche Last aus Fell und Knochen, lag in seiner Armbeuge. Er wog fast nichts mehr. Kurt konnte jedes einzelne Wirbelknöchelchen spüren, jede Rippe. Der Kater wehrte sich nicht. Er hatte die Krallen leicht in den Ärmel von Kurts Jacke geschlagen, nicht ängstlich, sondern wie ein Bergsteiger, der nach einem langen Aufstieg endlich sicheren Halt gefunden hat.

Kurt trat aus der Kellertür. Das Treppenhauslicht war grell und gelb. Er blinzelte. Seine Knie waren feucht und schmutzig vom Kellerboden, sein Gesicht grau vor Erschöpfung, seine Augen brannten. In diesem Moment trat Frau Kowalski aus ihrer Wohnung, um ihr morgendliches Brötchen zu holen.

Sie blieb stehen. Sie sah den Mann mit dem verdreckten Kater. Sie sah die dünne, verfilzte Gestalt, die er an seine Brust drückte wie etwas unendlich Kostbares. Und sie sah sein Gesicht.

„Herr Winter… ist er das?“

Kurt nickte. Seine Stimme war rau, als hätte er zwei Wochen lang nicht gesprochen. „Er war die ganze Zeit im Keller. Unter dem ersten Aufgang. Keine zwanzig Meter von meiner Haustür entfernt.“ Sein Lachen klang brüchig. „Fünf Monate, Frau Kowalski. Fünf Monate suche ich die ganze Stadt ab, und das dumme Vieh sitzt direkt unter mir und frisst Mäuse.“

Frau Kowalski sagte nichts. Sie trat einfach zur Seite, ließ den seltsamen, schmutzigen Triumphzug passieren und sah den beiden hinterher, bis die Lifttür sich schloss. Dann holte sie ihr Brötchen und erzählte es ihrer Schwester.

In der Wohnung war es warm. Die Heizung gluckerte leise. Kurt stellte den Kater vorsichtig auf den Flurboden. Findus blieb kurz regungslos stehen, dann senkte er die Nase und begann zu schnüffeln. Die vertraute Diele. Die vertraute Fußmatte. Er ging, Schritt für vorsichtigen Schritt, den Flur entlang, prüfte jede Ecke, jede Türschwelle. Einmal hob er den Kopf, als wolle er sich vergewissern, dass Kurt noch da war. Er war da.

Der Kater ging ins Wohnzimmer, vorbei am Sofa, vorbei am Bücherregal. Er ging in die Küche. Da, neben dem Heizkörper, stand der Napf. Kurt hatte ihn nie weggeräumt. In all den Monaten nicht. Er stand da, sauber und leer, als kleiner, stummer Beweis dafür, dass niemand aufgegeben hatte.

Findus blieb davor stehen. Er senkte den Kopf, roch an dem blanken Keramikrand. Dann drehte er sich um und strich um Kurts Beine. Ein einziges Mal.

Kurt öffnete den Kühlschrank, nahm eine Scheibe Kochschinken heraus und zerriss sie mit kalten, ungeschickten Fingern. Er legte die Stücke in den Napf. Der Kater fraß. Nicht gierig und hastig, sondern in kleinen, bedächtigen Bissen, als müsse er sich an den Geschmack erst wieder gewöhnen, an das Gefühl von Futter, das nicht erkämpft war. Kurt setzte sich neben ihn auf den Küchenboden, lehnte den Kopf gegen den Küchenschrank und sah zu.

Später, es musste gegen Mittag gehen, obwohl er jedes Zeitgefühl verloren hatte, ging Findus ins Wohnzimmer, sprang auf das Sofa und rollte sich an seinem Platz zusammen. Links vom Kissen, direkt am Polster. Der Abdruck seines Körpers war noch da, nach fünf Monaten noch da, eine schwache Mulde im Stoff, als hätte er nie aufgehört zu warten. Kurt setzte sich auf die andere Seite. Er starrte auf den schlafenden Kater, auf das matte Fell, die abstehenden Rippen, die angeschlagene Ohrmuschel. Dieser Kater hatte fünf Monate in einem dunklen, kalten Keller überlebt, während sein Mensch die halbe Republik nach ihm abklapperte. Hätte er nur einmal früher in den Keller geschaut. Nur ein einziges Mal.

Draußen vor dem Fenster wurde es dunkel. Die Straßenlaternen gingen an, orange und trüb. In der Wohnung war es still, warm und voll von einer neuen, zerbrechlichen Ordnung. Kurt schaltete keine Lampe ein. Er saß einfach im blauen Licht des Fernsehers, den er nicht anhatte, hörte auf das Schnurren, das so leise war, dass es fast nicht zu hören war, und spürte, wie die Kälte der letzten fünf Monate ganz langsam aus seinen Knochen wich. Morgen würde er zum Tierarzt gehen. Morgen würde er Herrn Lorenz den Schlüssel zurückbringen. Morgen würde er Carsten auf der Arbeit sagen, dass er jetzt vielleicht wieder ein bisschen weniger wie ein Gespenst aussah.

Aber heute Abend saß er nur da. Im Dunkeln, mit seinem Kater, der seinen Weg zurückgefunden hatte.

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Fajna Tajna
Der Kater unter dem Haus