Die Katze, die drei Jahre auf eine Fremde wartete

Der Regen prasselte gegen das Fenster der Tierarztpraxis in der Holtenauer Straße. Frida saß auf dem abgewetzten Besucherstuhl und starrte auf den leeren Transportkorb neben der Heizung. Er stand da seit drei Jahren, zusammengeklappt, mit einem vergilbten Zettel unter dem Griff: „Zur Abholung bereit“.

Niemand war gekommen, um abzuholen.

Die Katze hieß nicht mehr so, wie sie früher geheißen hatte. Frida nannte sie Lenja, nach der alten Nachbarin aus dem dritten Stock, die immer Lakritzbonbons in der Kitteltasche hatte und jeden Morgen pünktlich um sieben den Mülleimer rausstellte. Lenja die Katze saß auf dem Fensterbrett im Wartezimmer, den Blick starr auf die regennasse Straße gerichtet. Sie fraß nicht. Sie schnurrte nicht. Sie wartete.

Frida hatte die Praxis vor zwölf Jahren von ihrem Vater übernommen. Sie kannte den Geruch von Desinfektionsmittel und Tierfutter besser als den von frisch gebackenem Brot. Sie wusste, wie sich ein Tier anfühlt, das aufgibt. Lenjas Rippen zeichneten sich unter dem dichten, getigerten Fell ab, und egal, wie nahe Frida den Napf an die Heizung rückte oder wie oft sie das Futter wechselte – die Katze drehte den Kopf weg und starrte weiter durch die beschlagene Scheibe nach draußen, als müsste jeden Moment jemand um die Ecke biegen.

Es war an einem Dienstag im November gewesen, als die Frau mit der Katze hereingekommen war. Frida erinnerte sich an den Mantel – hellblau, mit einem losen Knopf am Ärmel. Eine Routineuntersuchung, mehr nicht. Die Frau hatte gesagt, sie müsse nur kurz zur Bank, sei in einer halben Stunde zurück. Die halbe Stunde wurde zu einem Nachmittag, der Nachmittag zu einer Woche. Nach zwei Monaten räumte Frida den Transportkorb aus der Ecke und faltete ihn zusammen.

Auf dem Regal im Behandlungszimmer lag das Halsband. Dünnes, schwarzes Leder mit einer silbernen Kapsel, in der ein Zettelchen steckte. Frida hatte nie versucht, die Telefonnummer auf dem vergilbten Papier zu entziffern. Sie klappte die Kapsel nicht einmal auf. Wer ein Tier wie einen alten Schirm in der Praxis stehen lässt, verdient keinen Anruf.

***

Das Telefon klingelte an einem Donnerstagabend kurz vor Feierabend.

Arne, der junge Assistent, der eigentlich nur ein Praktikum machen wollte und jetzt schon im fünften Jahr dabei war, nahm ab. Ein paar gemurmelte Worte, dann hielt er Frida den Hörer hin. „Eine Frau. Sie fragt nach der dreifarbigen Katze. Von vor drei Jahren.“

Frida wischte sich die Hände an ihrem Kittel ab. Das Desinfektionsmittel brannte in den kleinen Rissen der trockenen Haut. Sie nahm den Hörer.

„Praxis Möller, Frida Möller am Apparat?“

Die Stimme am anderen Ende war dünn, als käme sie von weit her. Die Frau stellte sich vor – Vera hieß sie – und sagte, sie habe vor drei Jahren eine Katze zur Untersuchung gebracht und nicht abgeholt. Sie wolle wissen, ob die Katze noch da sei.

Frida spürte, wie ihr Kiefer sich verspannte.

„Drei Jahre“, sagte sie. Ihre Stimme klang ruhig. Zu ruhig. „Drei Jahre lang kümmert sich jemand anderes um Ihr Tier, und jetzt melden Sie sich einfach so?“

„Ich kann es erklären“, sagte die Frau.

„Das interessiert mich nicht. Die Katze ist inzwischen unsere Patientin. Schon lange. Sie hat hier ihren Platz, sie bekommt ihr Futter, sie hat ein Zuhause–“

„Bitte.“ Das Wort kam leise, fast unhörbar. Kein Betteln. Keine Verteidigung. Nur ein einziges, nacktes Wort.

Frida legte auf.

Arne stand in der Tür zum Behandlungsraum und trocknete eine Edelstahlschüssel mit einem Geschirrtuch ab, das nach Weichspüler roch. Seine Freundin brachte die Wäsche einmal pro Woche mit, weil die Praxishandtücher so dünn geworden waren, dass man hindurchsehen konnte.

„Die von damals?“, fragte er.

Frida nickte.

„Die hatte rote Augen, als sie die Katze brachte. Ich weiß noch, weil ich dachte, sie hätte geweint. Aber du weißt ja, ich bilde mir immer was ein.“

Er drehte die Schüssel in den Händen, betrachtete sein Spiegelbild in der Rundung.

„Ich würde sie nicht zurückgeben“, sagte er dann. „Nicht nach der Aktion.“ Und fügte hinzu: „War nur mein Senf.“ Dann verschwand er im Zwingerraum, um die Hundeboxen für die Nacht fertig zu machen.

Frida stand am Fenster und sah zu, wie die Straßenlaterne draußen anging. Das Licht fiel in gelben Streifen auf das Fensterbrett, wo Lenja saß und reglos in die Dunkelheit starrte.

***

Am nächsten Morgen, als Frida die Rollläden hochzog, lehnte ein Umschlag an der Tür. Ein weißer DIN-A4-Umschlag, weder frankiert noch gestempelt, nur ihr Name mit Kugelschreiber darauf.

Drinnen: Ein Arztbrief aus der Uniklinik Kiel. Diagnose: Akute myeloische Leukämie, Hochrisiko. Datum: vor drei Jahren.

Eine zweite Seite. Entlassungsbericht nach Knochenmarktransplantation. Komplette Remission. Datum: vor zehn Monaten.

Ein drittes Blatt. Handgeschrieben.

*Ich habe Lenja nicht zurückgelassen, weil ich sie nicht liebe. Ich habe sie dagelassen, weil ich nicht wusste, ob ich überlebe. Die Chemotherapie hat ein Jahr gedauert, dann die Bestrahlung, dann die Isolation. Ich lag in einem sterilen Zimmer und durfte kein Tier sehen, keine Erde anfassen, nicht mal eine Blume geschenkt bekommen. Die Praxis war der einzige Ort, an dem ich wusste, dass man sie nicht einschläfern würde.*

*Ich habe im ersten Jahr jeden Monat angerufen. Die Sprechstundenhilfe sagte, die Katze sei vermittelt worden. Ich dachte, sie hätte ein neues Zuhause. Erst letzte Woche habe ich erfahren, dass sie noch hier ist.*

Die Unterschrift war ein einziger, zittriger Strich.

Aus dem Umschlag rutschte ein Foto. Eine Frau mit kaum zwei Millimeter langen, flaumigen Haaren, die Augen tief in den Höhlen, hielt eine dreifarbige Katze im Arm. Die Katze drückte ihren Kopf gegen das Kinn der Frau, die Pfoten um ihren Hals geschlungen, als wollte sie nie wieder loslassen.

Frida setzte sich auf den kalten Fliesenboden. Der Umschlag lag auf ihren Knien, das Foto obenauf. Lenja kam lautlos aus dem Wartezimmer gelaufen, blieb einen halben Meter vor ihr stehen und sah sie an. Kein Vorwurf im Blick. Nur diese unendliche, ruhige Geduld, mit der sie drei Jahre auf dem Fensterbrett gesessen und auf jemanden gewartet hatte, den Frida längst für einen herzlosen Menschen gehalten hatte.

Der Wassernapf in der Ecke hatte einen Sprung. Das Wasser sickerte langsam heraus und bildete eine kleine Pfütze auf den grauen Fliesen. Frida starrte auf die Pfütze, während sie sich ausbreitete, ganz langsam, und den Rand einer Fuge entlanglief.

Sie hatte diesen Napf jeden Tag gefüllt. Jeden einzelnen Tag seit drei Jahren. Und jeden Tag hatte er getropft.

Arne fand sie zwanzig Minuten später immer noch auf dem Boden sitzend. Er sagte nichts. Er holte nur einen Mopp aus dem Schrank und wischte die Pfütze auf.

***

Frida rief Vera am selben Nachmittag an. Sie wählte die Nummer aus dem Arztbrief, eine Festnetznummer mit Kieler Vorwahl.

„Kommen Sie vorbei“, sagte sie. „Bringen Sie einen Transportkorb mit. Und kaufen Sie eine neue Schüssel. Eine aus Keramik. Diese hier ist schon seit drei Jahren ein Provisorium und sie tropft.“

Eine lange Pause. Dann Veras Stimme, brüchig diesmal: „Ist sie noch da?“

„Wo soll sie denn hin? Sie sitzt am Fenster und wartet. Das tut sie schon die ganze Zeit. Jetzt kommen Sie endlich und holen Sie sie ab, sonst friert sie mir noch auf dem Fensterbrett fest.“

Es klang schroff. Aber Frida drückte den Hörer ans Ohr, bis das Freizeichen kam, und merkte nicht, dass sie lächelte.

Vera kam zwanzig Minuten später. Derselbe hellblaue Mantel mit dem losen Knopf am Ärmel. Die Haare schulterlang, dicht, mit ein paar grauen Strähnen an den Schläfen.

Lenja hob den Kopf.

Es war das erste Mal seit Wochen, dass sie sich bewegte, ohne dass jemand sie trug. Sie sprang vom Fensterbrett, landete weich auf dem Linoleumboden und ging quer durch das Wartezimmer. Nicht schnell, nicht zögernd. So wie jemand geht, der einen langen Heimweg hinter sich hat und endlich die Tür zur eigenen Wohnung aufschließt.

Vera ging in die Hocke. Sie sagte nichts. Sie streckte nur die Hand aus, und Lenja rieb ihren Kopf an den Knöcheln, einmal, zweimal, dann kletterte sie auf Veras Schoß und rollte sich zusammen, die Nase in der Armbeuge vergraben, die Augen geschlossen.

Frida holte das Halsband vom Regal. Das schwarze Leder war an einer Stelle ganz weich, als wäre jahrelang ein Daumen darüber gestrichen.

„Hier“, sagte sie und drückte es Vera in die Hand. „Die Kapsel habe ich nie aufgemacht. Ich weiß nicht mal, was auf dem Zettel steht.“

Vera öffnete die Kapsel mit dem Fingernagel. Sie zog einen winzigen, gefalteten Zettel heraus und strich ihn glatt. Darauf stand in verblasster blauer Tinte: *Lenja – für immer bei Vera.*

Frida drehte sich um und ging ins Behandlungszimmer. Sie hörte, wie Vera leise schniefte, und das metallische Klicken des Verschlusses, als sie Lenja das Halsband umlegte.

Als sie zurückkam, stand Vera in der Tür, die Katze an die Brust gedrückt, den Transportkorb unbenutzt neben sich.

„Der Korb ist nur für den Fall“, sagte Vera, „aber ich glaube, sie läuft lieber.“

Frida nickte. „Gehen Sie schon, bevor der Regen wieder anfängt.“

Sie sah den beiden nach, wie sie die Holtenauer Straße hinuntergingen, vorbei an der Laterne, am Kiosk, an der Bushaltestelle. Die Katze lag in Veras Armen, den Kopf über ihre Schulter gelegt, und schaute zurück zur Praxis. Ihre Augen waren halb geschlossen, die Ohren entspannt.

Arne trat neben Frida. In der Hand hielt er zwei Tassen Kaffee. Einen mit Milch und Zucker, wie sie ihn mochte.

„Na dann“, sagte er. „Wer kümmert sich jetzt um die Mäuse im Keller?“

Frida nahm die Tasse. Der Kaffee war zu heiß und verbrannte ihr die Zunge, aber sie sagte nichts. Sie trank noch einen Schluck und stellte die verbeulte Keramikschüssel, die drei Jahre lang ein Provisorium gewesen war, in den Mülleimer unter dem Schreibtisch.

Dann machte sie den Computer an und öffnete die Patientendatei, um Lenjas Eintrag zu schließen. Der Cursor blinkte im Feld *Status*.

Sie tippte: *Entlassen in das Zuhause, in das sie immer gehört hat.*

Und darunter, ohne nachzudenken: *Schüssel bitte neu kaufen.*

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Fajna Tajna
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