Nach dem Tod meines Mannes fand ich eine Adresse – dort lebte sein fünfjähriger Sohn

Nach dem Tod meines Mannes fand ich eine Adresse – dort lebte sein fünfjähriger Sohn

„Es geschah lange vor mir …“

Die Beerdigung war vorbei. Ebenso die Trauerfeier nach einigen Wochen und die endlosen Besuche von Verwandten, Nachbarn und Kollegen.

Langsam hörten die Beileidskarten auf, im Briefkasten zu liegen.

Nora war wieder allein.

Ihr Chef beim Verlag hatte ihr Sonderurlaub gegeben. Sie solle zurückkommen, wenn sie sich dazu in der Lage fühlte.

Doch der Gedanke an das Büro machte ihr Angst.

Sie stellte sich vor, wie Gespräche verstummten, sobald sie den Raum betrat. Wie Kollegen besonders fröhlich sein würden, um sie abzulenken, oder sie mit diesem vorsichtigen Blick ansahen, der ständig sagte: „Die arme Frau.“

Zu Hause hielt sie es jedoch auch nicht mehr aus.

Also lief sie jeden Tag durch Leipzig. Ohne Ziel. Vom Clara-Zetkin-Park bis zum Hauptbahnhof, durch Straßen, in denen Matthias und sie früher Kaffee getrunken hatten.

Abends fiel sie erschöpft ins Bett.

Nach kurzer Zeit wachte sie wieder auf und lag bis zum Morgen wach.

Wenn sie ein Kind gehabt hätten, wäre vielleicht etwas von Matthias geblieben.

Doch sie waren kinderlos.

Nora und Matthias waren fünf Jahre verheiratet gewesen. Zwei Jahre zuvor hatte eine Ärztin Nora erklärt, dass eine Schwangerschaft sehr unwahrscheinlich sei.

Sie hatte es ihrem Mann nie gesagt.

Wenn Matthias von Kindern gesprochen hatte, war Nora ausgewichen. Erst wollte sie beruflich sicherer sein, dann brauchten sie angeblich eine größere Wohnung.

Irgendwann fragte er nicht mehr.

Eines Abends entdeckte Nora eine Sprachnachricht ihrer Freundin Julia.

— Bitte sag nicht wieder, dass du klarkommst. Du klingst nicht so. Übrigens habe ich mich von Florian getrennt. Er hatte eine andere. Wir hatten bereits eine Woche an der Ostsee gebucht. Das Hotel ist bezahlt. Komm mit mir. Wir müssen nichts unternehmen. Nur irgendwohin, wo nicht jedes Zimmer an Matthias erinnert.

Zunächst fand Nora den Gedanken unerträglich.

Eine Reise, so kurz nach dem Tod ihres Mannes?

Doch nach einer weiteren schlaflosen Nacht ging sie zum Kleiderschrank und suchte nach warmer Kleidung für die Küste.

Zwischen ihren Blusen hing Matthias’ dunkler Mantel.

Nora runzelte die Stirn.

Seine Kleidung befand sich auf der anderen Seite des Schranks. Sie konnte sich nicht erinnern, den Mantel umgehängt zu haben.

Als sie ihn herunterholte, roch sie noch einen Hauch seines Rasierwassers.

Nora setzte sich auf das Bett und drückte den Stoff an ihr Gesicht.

Im Innenfutter raschelte etwas.

Aus einer versteckten Tasche zog sie einen kleinen, gefalteten Zettel.

Darauf stand eine Adresse in Halle an der Saale.

Matthias war im vergangenen Jahr mehrmals geschäftlich dort gewesen. Er hatte für ein Softwareunternehmen gearbeitet und angeblich Gespräche mit einem neuen Kunden geführt.

Meistens war sein Kollege Sven dabei gewesen.

Nora rief ihn an.

— Nora, wie geht es dir? fragte Sven vorsichtig. Entschuldige, dass ich mich nicht gemeldet habe. Seit Matthias fehlt, läuft bei uns alles durcheinander.

— Ihr wart letztes Jahr gemeinsam in Halle?

Es entstand eine Pause.

— Ja. Warum?

— Ich habe eine Adresse in seinem Mantel gefunden. Weißt du, wer dort wohnt?

Sven antwortete nicht.

Nora spürte, wie sich ihre Finger um das Telefon krampften.

— Hatte Matthias eine andere Frau?

— Nein. Nora, wirklich nicht. Er hat dich geliebt.

— Dann sag mir, was du weißt.

— Das sollte nicht von mir kommen.

— Matthias ist tot. Von ihm kann es nicht mehr kommen.

Sven atmete hörbar aus.

— Vor vielen Jahren, lange bevor er dich kannte, gab es eine Frau in Halle. Franziska. Eine kurze Geschichte. Matthias sah sie letztes Jahr zufällig wieder.

— Und deshalb fuhr er mehrmals zu dieser Adresse?

— Sie hatte einen Jungen bei sich.

Nora wartete.

— Der Junge war Matthias’ Sohn.

Der Raum schien plötzlich zu klein zu werden.

— Er wusste vorher nichts davon, sagte Sven schnell. Franziska hatte es ihm nie erzählt. Er hat den Jungen zufällig gesehen und sofort bemerkt, wie ähnlich sie sich waren. Danach bestätigte sie es.

— Warum hat Matthias mir nichts gesagt?

— Er wollte es. Er hatte Angst, dass du glaubst, er hätte dich betrogen.

Nora beendete das Gespräch.

Stundenlang saß sie auf dem Bett, den Mantel auf den Knien.

Matthias hatte einen Sohn.

Während Nora geglaubt hatte, dass von ihrem Mann nichts auf der Welt geblieben war, lebte nur wenige Kilometer entfernt ein Kind mit seinem Blut.

Sie dachte an die letzten Monate zurück.

Matthias war oft abwesend gewesen. Er hatte nachts schlecht geschlafen, sein Telefon immer wieder entsperrt und mehrmals angesetzt, etwas zu sagen.

Nora hatte angenommen, es gebe Probleme bei der Arbeit.

Dann war die Dienstreise nach Frankfurt gekommen.

Matthias war dort in seinem Hotelzimmer zusammengebrochen. Ein Kollege hatte ihn am nächsten Morgen gefunden.

Ein unentdeckter Herzfehler, hatten die Ärzte später gesagt.

Er war erst vierundvierzig gewesen.

Noch vor Sonnenaufgang fasste Nora einen Entschluss.

Sie würde nach Halle fahren.

Matthias’ Wagen stand seit Wochen in der Tiefgarage. Nora hatte ihn seit seinem Tod nicht mehr benutzt.

Als sie sich hineinsetzte, sah sie die Sonnenbrille ihres Mannes im Ablagefach und den alten Kaffeebecher in der Tür.

Für einen Moment glaubte sie, seine Stimme zu hören:

— Nicht so dicht auffahren, Nora.

Sie schloss die Augen und startete den Motor.

Vor dem Altbau blieb Nora im Auto sitzen.

Was, wenn Sven gelogen hatte, um seinen verstorbenen Freund zu schützen?

Was, wenn die Affäre während ihrer Ehe weitergegangen war?

Schließlich stieg sie aus.

An der Wohnungstür klingelte sie zweimal.

Niemand öffnete.

Nora war bereits auf dem Weg nach unten, als eine junge Frau das Treppenhaus betrat. Sie schob ein kleines Kinderfahrrad und hielt einen Jungen an der Hand.

Der Junge blickte Nora an.

Ihr wurde schwindelig.

Die Form seiner Augen, die schmale Nase, sogar die kleine Falte zwischen den Brauen — alles erinnerte sie an Matthias.

Die Frau blieb vor genau der Tür stehen, an der Nora geklingelt hatte.

— Entschuldigen Sie, sagte Nora.

— Ja?

— Kannten Sie Matthias Stein?

Die Frau erstarrte.

— Ja.

— Ich bin Nora. Seine Frau. Ich habe Ihre Adresse in seinem Mantel gefunden.

Die Frau sah zu dem Jungen.

Dann öffnete sie die Tür.

— Kommen Sie herein.

In der Küche setzte sie Wasser auf und stellte zwei Tassen bereit. Der Junge verschwand mit seinem Fahrradhelm im Kinderzimmer.

Schließlich setzte sich die Gastgeberin.

— Ich heiße Franziska. Der Junge ist Leon.

Ihre Stimme zitterte.

— Matthias war sein Vater.

Nora blickte zur Kinderzimmertür.

— Ich muss wissen, wann es passiert ist. Bevor Matthias mich kannte? Oder hat er mich während unserer Ehe betrogen?

Franziska schüttelte sofort den Kopf.

— Lange vor Ihnen. Matthias und ich waren damals beide Anfang dreißig.

Sie hatten sich bei einer Messe kennengelernt. Matthias war für drei Tage in Halle gewesen, Franziska arbeitete dort für eine Veranstaltungsagentur. Es war keine Beziehung entstanden. Nur zwei gemeinsame Abende und eine Nacht.

Danach hatte Matthias sich noch einmal gemeldet. Franziska hatte nicht geantwortet.

— Warum nicht?

— Ich war verletzt, weil ich mehr erwartet hatte. Als ich merkte, dass ich schwanger war, wollte ich ihm zuerst schreiben. Dann redete ich mir ein, dass ich ihn nicht brauchte.

— Sie haben ihm seinen Sohn verschwiegen.

— Ja.

Franziska sagte es ohne Ausrede.

Sie hatte Leon allein großgezogen. Später war sie mehrere Jahre mit einem anderen Mann zusammen gewesen. Er hatte versprochen, die Vaterrolle zu übernehmen, war jedoch kurz vor Leons viertem Geburtstag gegangen.

Im vergangenen Jahr hatte sie Matthias zufällig vor einem Café getroffen.

Leon war vorausgelaufen und gegen ihn gestoßen.

— Matthias sah ihn an, erzählte Franziska. Dann sah er mich an. Ich konnte nicht mehr lügen.

Ein Vaterschaftstest hatte bestätigt, was beide bereits wussten.

Matthias war zunächst wütend gewesen. Dann hatte er Franziska gefragt, ob er Leon sehen dürfe.

— Zwischen uns war nichts, sagte sie. Kein Kuss, keine Berührung. Matthias sprach fast nur über Sie.

— Über mich?

— Er sagte, Sie seien sein Zuhause.

Nora musste wegsehen.

Franziska erzählte, dass Matthias Leon mehrere Male besucht hatte. Er hatte ihm Lesen beigebracht, mit ihm ein Kinderfahrrad ausgesucht und jeden Besuch fotografiert.

Er wollte Nora alles erzählen.

— Warum tat er es nicht?

— Weil er dachte, dass Sie ihn verlassen würden. Er wusste, wie sehr Sie sich ein Kind wünschten.

Nora spürte einen Stich.

Matthias hatte geglaubt, sie wünsche sich ein Kind. Er hatte nicht gewusst, dass sie längst jede Hoffnung aufgegeben hatte.

— Er glaubte, er sei das Problem, sagte Franziska leise. Er wollte sich untersuchen lassen.

Nora presste die Lippen zusammen.

— Ich war das Problem. Und ich habe es ihm nie gesagt.

Zum ersten Mal sah Franziska sie nicht als Ehefrau des Mannes, den sie einst gekannt hatte, sondern als Frau mit einer eigenen Schuld.

In der Tür erschien Leon.

— Mama, wer ist die Frau?

Franziska zögerte.

Nora nahm ihr die Antwort ab.

— Ich war mit deinem Papa Matthias verheiratet.

Leon trat näher.

— Ist er wirklich tot?

— Ja.

— Mama sagt, er ist krank geworden.

— Sein Herz war krank. Niemand wusste es rechtzeitig.

Der Junge nickte ernst.

— Er wollte mir eine Eisenbahn bauen. Mit einem Bahnhof.

Franziska wischte sich über die Augen.

Matthias hatte eine alte Modelleisenbahn aus seiner Kindheit auf dem Dachboden seiner Mutter gefunden. Er wollte sie reparieren und Leon schenken.

Nora wusste sofort, wo die Kiste stand.

Nach der Begegnung fuhr sie nicht direkt nach Leipzig zurück.

Sie hielt an einem Parkplatz und weinte so lange, bis ihr Gesicht schmerzte.

Nicht nur um Matthias.

Auch um all die Gespräche, die sie beide aus Angst nie geführt hatten.

Am Abend rief sie Julia an.

— Ich fahre mit an die Ostsee.

In Kühlungsborn ging Nora jeden Morgen allein am Wasser entlang. Der Wind war kalt, und das Meer sah nicht tröstlich aus.

Aber es war größer als ihre Trauer.

Am letzten Abend sagte sie Julia die Wahrheit.

— Matthias hatte einen Sohn.

Julia schwieg lange.

— Und was wirst du tun?

— Ich weiß es noch nicht.

Als Nora nach Leipzig zurückkam, fuhr sie zuerst zum Haus von Matthias’ Mutter.

Auf dem Dachboden fanden sie die alte Eisenbahn. Die Lokomotive war verstaubt, einige Schienen verbogen.

Matthias’ Mutter setzte sich auf einen Karton, als Nora ihr von Leon erzählte.

— Ich habe einen Enkel?

Zwei Wochen später fuhren beide nach Halle.

Leon kniete mitten im Wohnzimmer, während Nora, Franziska und die Großmutter versuchten, die Strecke zusammenzusetzen.

Als die reparierte Lokomotive zum ersten Mal fuhr, klatschte Leon begeistert.

— Papa hat sie wirklich für mich aufgehoben?

Nora schluckte.

— Ja. Und wir haben fertiggemacht, was er begonnen hat.

Danach kamen die Besuche regelmäßig.

Nora brachte Leon Fotos von Matthias, erzählte von seiner Vorliebe für zu süße Marmelade und davon, dass er keine Zimmerpflanze länger als drei Monate am Leben halten konnte.

Matthias’ Mutter wurde zu einer festen Großmutter.

Franziska brauchte Zeit, um zu glauben, dass niemand ihr den Sohn wegnehmen wollte.

Nora brauchte Zeit, um Leon anzusehen, ohne gleichzeitig Liebe und Schmerz zu empfinden.

Eines Tages fragte er:

— Bist du meine Tante?

Nora lächelte traurig.

— Dafür gibt es kein richtiges Wort.

— Dann bist du Nora.

Das genügte ihm.

Drei Monate nach der ersten Begegnung kehrte Nora in den Verlag zurück.

Die Kollegen verstummten tatsächlich, als sie eintrat.

Nora zog ihre Jacke aus und sagte:

— Ihr dürft Matthias’ Namen sagen. Ich möchte nicht, dass er verschwindet, nur weil ihr Angst habt, mich traurig zu machen.

Von da an wurde es leichter.

Nicht gut.

Aber leichter.

Ein Jahr nach Matthias’ Tod stand Nora mit Franziska, Leon und seiner Großmutter am Grab.

Leon legte eine kleine Spielzeuglokomotive auf den Stein.

— Die große brauche ich zu Hause, erklärte er. Die kleine kann Papa haben.

Auf der Rückfahrt saß er neben Nora und schlief mit dem Kopf an ihrer Schulter ein.

Nora blickte aus dem Fenster.

Sie hatte geglaubt, mit Matthias sei ihre ganze Zukunft gestorben.

Doch sein Geheimnis hatte ihr nicht nur Schmerz gebracht.

Es hatte eine Tür geöffnet.

Hinter dieser Tür wartete kein Ersatz für den verlorenen Mann.

Sondern ein kleiner Junge, der ihr zeigte, dass Liebe manchmal weiterlebt, obwohl sie einen vollkommen anderen Namen bekommt.

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Fajna Tajna
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